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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 11-
Frühjahr 2002 - Seite 6/7
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Empire
/ Kriegszeiten
Michael Hardt: Die globalen Institutionen sind nicht demokratisch
reformierbar.
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aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]
Empire / Kriegszeiten
Michael Hardt: Die globalen Institutionen sind nicht demokratisch
reformierbar.
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In
der Moderne gilt die Aussetzung demokratischer Verfahren in Kriegszeiten
als Ausnahmezustand. Im Empire, so Michael Hardt, wird der Kriegszustand
zur permanenten Bedingung, die Ausnahme zur Regel. Ramallah, am
2. April 2002. |
Unser Begriff
des Empire lässt sich am ehesten verstehen, wenn man vom Konzept
der Souveränität ausgeht. Empire heißt eine neue Form
der Souveränität. Empire ist die souveräne Macht in
der Epoche der Globalisierung der kapitalistischen Produktion und
Zirkulation.
Man kann gewiss
davon ausgehen, dass mit den kapitalistischen Globalisierungsprozessen
die Souveränität der Nationalstaaten zerfällt, obwohl
diese immer noch eine bedeutende Rolle spielen. Die grundlegenden
Momente der Produktion und Zirkulation - also in der Terminologie
der politischen Ökonomie Geld, Technologie, Menschen und Güter
- diese Faktoren bewegen sich zunehmend über nationalstaatliche
Grenzen hinweg. Nationalstaaten besitzen immer weniger die Macht,
diese Ströme zu lenken und sich gegenüber der Ökonomie
durchzusetzen. Selbst die führenden Nationalstaaten sollte man
sich nicht als höchste und souveräne Autoritäten vorstellen.
Weder innerhalb noch außerhalb ihrer Grenzen.
Der Niedergang
der Souveränität von Nationalstaaten bedeutet jedoch nicht,
dass Souveränität als solche im Niedergang begriffen wäre.
Die Veränderungen der Gegenwart, also die ökonomische und
soziale Produktion und Reproduktion, sind weiter durch politische
Kontrolle und Intervention beherrscht. Unsere grundlegende Hypothese
ist deshalb, dass Souveränität eine neue Form angenommen
hat, dass Souveränität heute eine Reihe nationaler und supranationaler
Organismen verbindet, die eine einzige Herrschaftslogik eint. Diese
neue globale Form der Souveränität nennen wir Empire.
Das Empire ist weder homogen, noch überall gleich. Es weist Differenzen
und Konflikte auf.
Gleichzeitig kann man erkennen, dass die Kräfte im Empire weder
einheitlich, noch in die gleiche Richtung wirken. Um die Machtverhältnisse
innerhalb einer einzigen globalen Konstitution zu analysieren, greifen
wir auf die These einer Gemischten Konstitution zurück.
Der antike Philosoph
Polybius verwendete den Terminus Gemischte Konstitution,
um das römische Imperium zu beschreiben. In dessen Verfassung
sah er die Grundformen der Herrschaft vereinigt: Monarchie, Aristokratie
und Demokratie.
Als monarchische
Form der Macht erscheinen heute bisweilen das Pentagon oder die WTO,
oder der IMF, manchmal auch Hollywood. Zu einem anderen Zeitpunkt
scheinen aristokratische Kräfte die Macht auszuüben:
Transnationale Konzerne sind in diesem Sinn aristokratisch, oder häufig
auch Nationalstaaten. Und schließlich kann man als demokratische
Mächte jene ansehen, die zumindest dem Anspruch nach das
Volk repräsentieren. Auch diese Funktion übernehmen
häufig Nationalstaaten. Doch die interessantesten demokratischen
Kräfte im Empire sind die Nichtregierungsorganisationen oder
NGO.
Die These der
Gemischten Konstitution erlaubt uns die Analyse dieser
Machtverhältnisse in einem globalen Konstitutionszusammenhang.
Die Anforderung für die Analyse des Empire bleibt aber bestehen,
nämlich zu zeigen, welche Machtdimensionen es gibt, wie sie interagieren,
wie sie einander einschließen und unterordnen, wie sie zusammenwirken
oder in Konflikt zueinander geraten.
Der Terminus Gemischte Verfassung benennt also die Problematik;
die Dynamik der Herrschaft bleibt jedoch zu analysieren.
Wenn ich vom Zerfall
der Souveränität der Nationalstaaten sprach, so muss darauf
hingewiesen werden, dass Nationalstaaten weiterhin über große
Macht verfügen und eine wichtige Rolle spielen.
Die verschiedenen Momente der Macht des Nationalstaats - Wirtschaft,
Finanzen, Gesellschaft, Recht und so weiter - werden neu zusammengesetzt.
Nationalstaatliche Macht besteht fort, sie wird durch das Empire reorganisiert,
sie geht in die imperiale Form der Souveränität ein.
Die Souveränität
des Nationalstaats war der Eckstein des Imperialismus. Unter Empire
verstehen wir allerdings etwas vollkommen anderes als Imperialismus.
Für den europäischen Kolonialismus ebenso wie für die
ökonomische Expansion waren die durch das moderne System der
Nationalstaaten geschaffenen Grenzen grundlegend. Die Territorialgrenzen
der Nation umschlossen ein Zentrum der Macht, das die Ströme
der Produktion und Zirkulation systematisch kanalisierte und blockierte,
abwechselnd förderte und unterband, und so über fremde Territorien
Herrschaft ausübte. Der Imperialismus dehnte die Souveränität
europäischer Nationalstaaten über deren eigene Grenzen hinaus
aus.
Im Gegensatz zum Imperialismus etabliert das Empire kein territoriales
Zentrum der Macht, und es beruht auch nicht auf festgelegten Grenzziehungen
und Schranken. Es ist dezentriert und deterritorialisierend, ein Herrschaftsapparat,
der Schritt für Schritt den globalen Raum in seiner Gesamtheit
aufnimmt, ihn seinem offenen und sich weitenden Horizont einverleibt.
Das Empire organisiert und arrangiert hybride Identitäten, flexible
Hierarchien und eine Vielzahl von Austauschverhältnissen durch
abgestimmte Netzwerke des Kommandos.
Die Herrschaft
des Empire kennt keine Schranken
Um das kurz zusammenzufassen:
Den Begriff Empire charakterisiert maßgeblich das Fehlen von
Grenzziehungen: Die Herrschaft des Empire kennt keine Schranken.
- Erstens setzt
der Begriff Empire ein Regime voraus, das den Raum in seiner Totalität
vollständig umfasst. Keine territorialen Grenzziehungen beschränken
die Herrschaft.
- Zweitens stellt sich im Begriff Empire kein historisches Regime
dar, das aus Eroberungen hervorging, sondern vielmehr eine Ordnung,
die Geschichte vollständig suspendiert. Aus der Perspektive des
Empire ist alles so, wie es immer sein wird und wie es immer schon
sein sollte.
- Drittens bearbeitet die Herrschaft des Empire alle Register der
sozialen Ordnung. Das gesellschaftliche Leben in seiner Gesamtheit
wird zum Gegenstand der Herrschaft. Das Empire stellt so die paradigmatische
Form von Biomacht dar.
- Viertens ist das Empire in der Praxis ein fortwährendes Blutbad
- dem Begriff nach aber der ewige und allumfassende Frieden außerhalb
der Geschichte.
Auf diese neue
Epoche von Krieg und Frieden möchte ich nun genauer eingehen.
Der imperiale
Bürgerkrieg
Die Welt befindet
sich erneut im Krieg. Krieg heißt in der Neuzeit, der bewaffnete
Konflikt zwischen Nationalstaaten, also allgemeiner: zwischen souveränen
politischen Entitäten. Doch da es oberhalb oder außerhalb
des Empire keine souveräne Macht gibt, ist auch kein Krieg in
diesem Sinne möglich. Zugleich gibt es im Empire ungezählte
bewaffnete Konflikte. Das Empire ist per definitionem das Reich des
Friedens, und zeigt sich zugleich permanent im Krieg.
Das ist nur scheinbar paradox: Die zahlreichen bewaffneten Konflikte
überall auf der Welt sind Etappen eines Bürgerkriegs. Denn
Bürgerkrieg heißt der bewaffnete Konflikt zwischen nichtsouveränen
Kombattanten innerhalb eines souveränen Territoriums.
Jede Etappe des Bürgerkriegs, jeder lokale Krieg kann nicht isoliert
betrachtet werden, sondern ist Teil einer umfassenden Konstellation,
ist verknüpft mit anderen Kriegsschauplätzen und Gegenden,
in denen gegenwärtig kein Krieg herrscht. Keine der Konfliktparteien
ist souverän oder kann Souveränität erringen. Die Auseinandersetzung
spielt sich innerhalb der Hierarchien des imperialen Weltsystems ab.
Die Angriffe auf
das Pentagon und das World Trade Center am 11. September 2001 haben
diese Situation nicht grundlegend verändert. Doch sie zwingen
uns, den Kriegszustand im Empire anzuerkennen, zu erkennen, dass kein
Ende in Sicht ist.
Der imperiale
Kriegszustand erodiert die Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden.
Diese Welt im
Krieg erinnert an die Situation Europas im Dreißigjährigen
Krieg. Im Roman Simplicissimus von Johann Jakob von Grimmelshausen
finden wir, nebenbei bemerkt, diese Situation gestaltet.
In gewisser Weise entstand die europäische Moderne als Antwort
auf den allgemeinen Kriegszustand des Dreißigjährigen Kriegs
und der Bürgerkriege in England. Ein zentrales Moment im politischen
Projekt der Aufklärung und des Liberalismus war es, dem Kriegszustand
die Grundlage zu entziehen: Man drängte den Krieg an den Rand
der bürgerlichen Gesellschaft und erklärte ihn zeitlich
zur Ausnahme.
Nur die souveräne
Macht - also der König oder der Staat - konnte Krieg gegen eine
andere souveräne Macht führen. Der Krieg verschwand vom
innenpolitischen Feld, nur der Konflikt zwischen Staaten hieß
fortan Krieg. Entsprechend die Unterscheidung zwischen Polizei und
Armee: Aufgabe der ersteren ist die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen
inneren Friedens, letztere ist für die äußere Kriegsführung
zuständig. Krieg wurde zur Ausnahme, Frieden zur Norm.
Die Trennung von
Krieg und Politik war für das politische Denken und für
die politische Praxis der Moderne zentral. Dies gilt auch für
Vertreter der so genannten realistischen Schule. Man denke etwa an
den vielzitierten Satz Carl von Clausewitz, wonach der Krieg die Fortsetzung
der Politik mit anderen Mitteln sei. Nach Ansicht von Clausewitz ist
der Krieg als Mittel, außenpolitische Interessen zu verfolgen,
den politischen Kämpfen und Konflikten innerhalb der Gesellschaft
fremd. Ähnlich geht die berühmte Definition von Carl Schmitt,
wonach Politik auf der Unterscheidung zwischen Freund und Feind beruhe,
von der Politik souveräner Staaten aus. Der Staatsfeind Schmitts
ist zunächst der souveräne Staat. Liberale wie Antiliberale
eint so die Auffassung, dass Politik, da man den Krieg von den Konflikten
in der national verfassten Gesellschaft getrennt hatte, unter normalen
Bedingungen kein Krieg sei.
Der Zerfall nationalstaatlicher
Souveränität und die Entstehung souveräner Formen auf
supranationaler Ebene bedeutet das Ende dieser modernen Strategie,
den Krieg auf den Konflikt zwischen Staaten einzugrenzen, und so Krieg
und Politik voneinander zu isolieren.
Da die räumliche und zeitliche Beschränkung des Kriegs -
als Konflikt zwischen souveränen Staaten - sich auflöst,
zerfällt auch die klare Unterscheidung zwischen Akten zur Erhaltung
des Friedens und Akten des Kriegs. Krieg verallgemeinert sich in alle
Bereiche des gesellschaftlichen Felds.
Diese Situation zu Beginn des 21. Jahrhunderts, gekennzeichnet durch
die Herausbildung des Empire, legt es nahe, von einer tatsächlichen
Kontinuität zwischen Krieg und Politik auszugehen, oder die Funktionsweise
der Macht selbst als Krieg zu zeigen.
Michel Foucault
kehrt in diesem Sinn Clausewitz' Formulierung polemisch um. Er nennt
Politik die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln. Krieg ist
das Prinzip, das die Gesellschaft organisiert. Ähnlich hatten
auch Theoretiker in der kommunistischen Tradition Krieg und Politik
als Zusammenhang begriffen: Man denke an Mao Zedongs Formulierung,
Politik sei Krieg ohne Blutvergießen, oder an Gramscis Unterscheidung
zwischen Stellungs- und Bewegungskrieg für die politische Strategie.
Foucault aber sieht den Krieg als allgemeine Matrix von Machtbeziehungen
und Herrschaftstechniken.
Politik wäre die Sanktionierung und Erhaltung des Ungleichgewichts
der Kräfte, wie es sich im Krieg manifestiert. [...] Die politische
Macht hätte nach dieser Hypothese die Aufgabe, dieses Kräfteverhältnis
mittels einer Art stillen Krieges beständig von Neuem in die
Institutionen, die ökonomischen Ungleichheiten, in die Sprache
und in die Körper einzuschreiben. (Vorlesung vom 7. Januar
1976)
Foucaults Hypothese begreift die Herausbildung des Empire im späten
20. Jahrhundert. Sein Machtkonzept legt das Ende der modernen Trennung
von Krieg und Politik offen.
Die metaphorische
Rede vom Krieg war schon lange Teil von Alltagsdiskursen, um von Wettbewerb
und Kräftemessen zu sprechen, sei es im Sport oder in der Innenpolitik.
Die metaphorische Rede unterstreicht die Risiken, die Heftigkeit und
die Konflikte, beruht jedoch selbst auf der Differenz zum wirklichen
Krieg.
Die metaphorische Rede vom Krieg wird politisch strategisch eingesetzt;
sie dient der totalen Mobilisierung divergierender sozialer Kräfte.
Im Krieg gegen die Armut, den in den USA Mitte der sechziger
Jahre die Johnson-Regierung ausrief, diente der Kriegsdiskurs beispielsweise
dazu, im nationalen Rahmen soziale Konflikte auszuschalten.
Mit dem Krieg
gegen die Drogen seit den Achtzigern, und mehr noch mit dem
aktuellen Krieg gegen den Terrorismus beginnt die Kriegsrhetorik
sich zu verschieben. Wie schon in der früheren Kriegsmetaphorik
sind die Feinde weder Nationalstaaten, noch politische Gruppen oder
Individuen, sondern Vorstellungen oder eine bestimmte Praxis.
Der Krieg
gegen den Terrorismus zeigt den Übergang von der metaphorischen
und rhetorischen Anrufung des Kriegs zum wirklichen Krieg gegen nicht
definierte, immaterielle Feinde.
Die erste Konsequenz dieser neuen Art Krieg ist das Verwischen jeglicher
räumlichen und zeitlichen Schranke des Kriegs. Er kennt keinen
Sieg, keine Niederlage und keinen Waffenstillstand. Der Krieg gegen
Vorstellungen und Praxen ähnelt von daher Religionskriegen.
Die zweite Konsequenz
ist die Auflösung jeder Vorstellung von Konfliktpartei. Insofern
der Feind abstrakt bleibt, ist die Front der Alliierten expansiv und
potenziell universal.
Das Wiederaufleben des Topos vom Gerechten Krieg im Namen
der Menschenrechte im Zusammenhang des Kriegs gegen den Terror ist
ein überzeugender Hinweis auf diese Seite des Empire. Die Vorstellung
der Gerechtigkeit dient dazu, den imperialen Krieg jenseits der Partikularinteressen
zu universalisieren.
Wir sollten nicht vergessen, dass das politische Denken der Moderne
darauf zielte, den mittelalterlichen Gerechten Krieg der
Kreuzzüge und Religionskriege zu tilgen.
Die Kriegsvorstellung der Moderne verknüpft Krieg nicht nur mit
der Politik des Nationalstaats, sondern trennt den Begriff zugleich
von ethischen oder religiösen Vorstellungen, säkularisiert
ihn also.
In der traditionellen Vorstellung vom Gerechten Krieg
war die Banalisierung des Krieges und seine Überhöhung als
ethisches Mittel mit eingeschlossen. Mit der Erneuerung des Topos
vom Gerechten Krieg im Empire taucht auch die Entsprechung
wieder auf, das Böse als Feind der gesamten Menschheit.
Ein letztes: Ebenso
wenig wie Gerechtigkeit gehört Demokratie zur Ordnung des Kriegs.
Krieg mobilisiert und totalisiert die Gesellschaft. In der Moderne
galt die Aussetzung demokratischer Verfahren in Kriegszeiten als Ausnahmezustand.
Im Empire wird der Kriegszustand zur permanenten Bedingung, die Ausnahme
zur Regel.
Dies gilt es weiter zu untersuchen: wie der Kriegszustand nicht mehr
länger eine Ausnahme darstellt, sondern selbst zur Herrschaftsform
wird. In diesem Horizont existieren weder Frieden noch Demokratie.
Ich möchte
diese kurzen, einleitenden Bemerkungen einer Analyse des imperialen
Kriegs noch einmal zusammenfassen.
- Wenn erstens das Empire heute die einzige souveräne Macht ist,
dann kann es keine Kriege, wie sie die Moderne sah, mehr geben, das
heißt Kriege zwischen souveränen Nationalstaaten. Kriege
sind heute Bürgerkriege.
- Die moderne Vorstellung des Kriegs beruhte zweitens auf der Trennung
des Kriegs von der Politik.
- Drittens bereitet die neue Epoche des Bürgerkriegs der Trennung
des Kriegs von der Politik ein Ende. Politik lässt sich also,
wie es Foucault beschrieb, vom Krieg nicht länger unterscheiden.
- Der allgemeine Kriegszustand macht viertens Demokratie nach modernem
Verständnis unmöglich.
Demokratie
Was bedeutet nun
Demokratie angesichts des permanenten Bürgerkriegs im Empire?
Demokratische Vorstellungen und demokratische Praxis befinden sich
überall in der Krise.
Man kann allerdings nicht einfach das moderne Konzept von Demokratie
übernehmen. Demokratie war in der Moderne gebunden an den Nationalstaat,
an verschiedene repräsentative Institutionen und Verfahren, wie
Wahlen, Parteien, Gewerkschaften etc.
Demokratie beruhte auf nationaler Souveränität. Die demokratischen
nationalstaatlichen Institutionen repräsentierten das Volk,
und von daher nahm die nationale Souveränität tendenziell
die Form der Volkssouveränität an. Nationale
Souveränität ist Souveränität des Volkes.
Doch was oder
wer ist das Volk?
Das Volk ist die
Repräsentation, die aus einer Bevölkerung eine Einheit schafft.
Das Volk ist weder eine unmittelbare Einheit, noch beruht es auf einer
Identität, sondern es ist das Ergebnis eines komplexen Prozesses
im Innern einer historischen Gesellschaftsformation.
Drei Momente sind
hier entscheidend und verknüpfen die Konzepte von Volk und Nation.
- Erstens bedarf das Volk als Souverän einer Identität und
Einheit.
- Zweitens wird aus der heterogenen Bevölkerung das Volk durch
Mechanismen der Repräsentation - Repräsentation sowohl im
politischen wie im ästhetischen Sinn.
- Drittens liegen der Repräsentation Kalkulationen und Grenzziehungen
zugrunde. Nur eine kalkulierte und begrenzte Menge kann als Einheit
repräsentiert werden, nicht die maßlose und grenzenlose.
Im Prozess der Globalisierung, den wir den Übergang zum Empire
nennen, beginnt der nationale Raum seine Begrenzungen und seine Definitionsmacht
zu verlieren.
Die Souveränität verschiebt sich vom Nationalstaat zum Empire,
und mit ihr der Maßstab der politischen Realität.
Aus einer institutionellen
Perspektive betrachtet gerät die imperiale Souveränität
in Konflikt mit Vorstellungen von Volkssouveränität. Man
denke nur an das Funktionieren supranationaler Institutionen wie Weltbank,
Welthandelsorganisation oder Internationaler Währungsfond. Es
ist klar, dass diese supranationalen Institutionen zur Repräsentation
weder willens noch in der Lage sind. Wenn man also in diesen Institutionen
Repräsentation sucht, wird man unweigerlich auf ein demokratisches
Defizit stoßen.
In diesem Sinn
ist der Ausdruck Demokratie heute präsent. An Vorschlägen
zur Demokratisierung der supranationalen Institutionen mangelt es
nicht, etwa von reformorientierten Liberalen wie Robert Keohane oder
Ulrich Beck: Schlagworte wie Transparenz, Verantwortung und Führung
werden ausgegeben. Doch stammen sie aus dem Planungsvokabular kapitalistischen
Managements. Sie zielen auf ökonomische Effizienz und Stabilität,
und nicht auf irgendeine Form demokratischer Kontrolle.
Ich will darauf
hinaus, dass innerhalb des traditionellen Rahmens moderner Demokratievorstellungen
eine demokratische Reform der globalen Institutionen gar nicht denkbar
ist.
Die moderne Vorstellung von Demokratie, die verschiedenen Mechanismen
demokratischer Repräsentation und Willensbildung, waren auf den
nationalen Raum zugeschnitten und können im globalen Maßstab
nicht funktionieren. Die globalen Institutionen sind nicht demokratisch
reformierbar.
Demokratie ist erneut das Problem, vergleichbar dem der frühen
Neuzeit in Europa. Wir stehen vor diesem Problem, weil wir heute in
einem vergleichbaren historischen Übergang leben, vor dem Problem,
eine Theorie und Praxis der Demokratie neu zu erfinden.
(Zusammenfassung
und Übersetzung Thomas Atzert)
Empire.
Die neue Weltordnung. Michael Hardt, Antonio Negri. Übersetzt
von Thomas Atzert und Andreas Wirtensohn. Campus Verlag, Frankfurt,
New York 2002. 480 S., 34,90 Euro.
[ © So oder
So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
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