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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 11-
Frühjahr 2002 - Seite 5
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Zwischen
Kooperation und Kolonialismus
Michael Warschawski (AIC) zur politischen Ökonomie
von Erez Israel
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aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]
Zwischen Kooperation
und Kolonialismus
Michael Warschawski (AIC) zur politischen Ökonomie von Erez Israel
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Führung.
Die israelische Definition Arafats als Feind wurde
vollkommen von US-Außenminister Colin Powell unterstützt.
Die gegenwärtigen israelischen Militäraktionen (beinhalten)
die systematische Zerstörung der gesamten Infrastruktur der
palästinensischen Autonomiebehörde (PA) wie auch der
lokalen palästinensischen Wirtschaft. All dies geschieht
vor den Augen der internationalen Gemeinschaft, bei Bruch internationaler
Menschenrechte und Konventionen. Mit dem Angriff auf die Machtzentren
der PA ist das letztendliche Ziel verbunden, Prozesse des zivilen
Unfriedens innerhalb Palästinas zu fördern und die Kräfte
des legitimen Widerstands Israel gegenüber zu destabilisieren,
während ein frontaler Angriff auf Palästina durchgeführt
wird. Insofern ist es ein Krieg, der an zwei Fronten geführt
wird, sowohl tödlich als auch Checkpoint Aram, nahe Ramallah,
am 3. April, 12.30 Uhr: Mit 30 Bussen und einem LKW versuchen
2000 Internationalisten, Israelis und Araber, Lebensmittel und
Medikamente in das besetzte Ramallah zu bringen. Kurz vor dem
letzten Checkpoint Kalandia verweigert die israelische Armee die
Durchfahrt. Militärpolizisten greifen daraufhin den Friedenskonvoi
mit Tränengas und Schlagstöcken an, es kommt zu zahlreichen
Verletzten. Die Hilfslieferung wird beschlagnahmt. In Sichtweite
der Delegation brechen kurze Zeit später Soldaten den LKW
auf, schütten die Zucker- und Mehlsäcke auf der Strasse
aus, und machen die Medikamente unbrauchbar. |
Der binationale
Staat ist längerfristig die einzig mögliche Option, kurzfristig
ist es nicht einmal eine Option.
Das ist die Schlussfolgerung des israelischen Historikers und Menschenrechtsaktivisten
Michael Warschawski, Co-Direktor des Alternative Information Centre
(AIC) in Jerusalem. Die italienische Zeitschrift Carta sprach mit
Warschawski am Rande des 2. Weltsozialforums im brasilianischen Porto
Allegre im Februar 2002.
Was ist dein
Eindruck des Forum?
Es ist eine gute
Möglichkeit sich auseinander zusetzen und gemeinsame Strategien
gegen die neoliberale Globalisierung auszuarbeiten. Aber ich war etwas
verwundert, dass der Krieg kein zentrales Thema ist. Wir stehen mitten
in einem neoliberalen Kreuzzug gegen die Völker der Welt, der
als Kampf gegen den Terrorismus tituliert wird. Dieser
Krieg hat in Afghanistan begonnen, aber er wird weitergehen. Ich war
enttäuscht, dass keine der Hauptveranstaltungen diesem Thema
galten. Das beunruhigt mich.
Es gab das
Seminar Eine Welt ohne Kriege ist möglich...
Ja und es war
hervorragend, mit Chomsky, der Analyse der Situation in Kolumbien,
Chiapas, dem Baskenland und Palästina. Aber das ist nicht alles
was wir brauchen. Wir hätten noch viele andere Themen angehen
müssen. Es gibt eine neue internationale Sicherheitsstrategie,
wollen wir sie diskutieren? Was bedeutet die Rolle der NATO im heutigen
Europa? Was sind die Einsätze im Namen der Menschenrechte? Ich
könnte mindestens zwanzig Aspekte der modernen Kriege aufzählen,
die existentiell für die neoliberale Globalisierung sind.
Ich habe die Befürchtung, dass diese Bewegung, oder zumindest
ihre Führer - die es allen anderen Behauptungen zum Trotz gibt
- ein schwieriges Verhältnis zu den Widerstandsbewegungen haben,
die nicht zu hundert Prozent pazifistisch sind. Das gilt für
die Palästinenser, aber auch in vielen anderen Fällen.
Welche Verbindungen
gibt es zwischen dem Kampf der Palästinenser und der Globalisierung?
Es gibt zwei Verbindungen, eine sehr offensichtliche, und eine sehr
lokale. Erstens ist die Offensive gegen die Palästinenser Teil
dieses weltweiten Kreuzzuges. Die Palästinenser hätten sich
den Vorstellungen von Bush und Clinton unterordnen müssen, von
der ökonomischen und sozialen Organisierung bis hin zur Grenzfrage.
Aber die Palästinenser akzeptieren das nicht. Sie wollen keine
Bantustans unter israelischer Kontrolle, sie wollen Freiheit
und Unabhängigkeit. Sie sind bereit Kompromisse einzugehen, aber
auch die Kompromisse haben eine Grenze. Sie kämpfen für
ihre Würde, genau wie in Chiapas.
Es gibt noch einen zweiten konkreten und sehr spezifischen Aspekt.
Der gesamte Osloer Prozess war ein Versuch den Mittleren Osten an
die Neue Weltordnung anzupassen. Das ist beispielsweise in Shimon
Peres' Buch Der neue Mittlere Osten klar belegt. Auf jeder
Seite wird wiederholt, dass wir uns in einer neuen Welt befinden,
in der die zentrale Frage nicht mehr der Krieg zwischen dem Norden
und dem Süden, oder dem Osten und dem Westen ist, die zentrale
Frage ist der Markt. Und die Rolle Israels muss sich verändern,
vom militärischen zum ökonomischen.
Darum, so sagt es Peres, brauchen wir eine Normalisierung der Beziehungen
zu den Arabern, um den gesamten arabischen Markt für unsere Technologie,
unsere Produkte und unser Kapital zu öffnen. Dazu gehören
auch die Industrieanlagen an den Rändern der besetzten Gebiete,
wo die palästinensischen Strukturen vom israelischen und internationalen
Kapital ausgebeutet werden können - Nike etwa hat dort schon
eine Fabrik eröffnet. Und auch die großen Kooperationsprojekte
zwischen Israel, Jordanien und Ägypten, die jetzt gescheitert
sind, sind in diesem Zusammenhang zu verstehen...
Scharon geht
aber in eine andere Richtung...
...Scharon repräsentiert
Kräfte, die ein anderes Programm haben, das teilweise den Vorstellungen
der Labouristen widerspricht, den israelischen Unternehmern und Bänkern,
die gegen seine Kriegspolitik sind. Für sie ist der Mittlere
Osten eine große Wüste, die es mit Computern zu zivilisieren
gilt. Sie schreiben das Scheitern Arafat zu, wollen aber eine geopolitische
Situation, die ihren Interessen entgegenkommt. Scharon ist dagegen
ein Mann der fünfziger Jahre.
So belegt ein unlängst in der Tageszeitung Ha'aretz erschienenes
Interview mit ihm, dass die Philosophie dieses Kriegsverbrechers noch
immer auf der Idee basiert, der Aufbau Israels sei noch nicht abgeschlossen.
Laut Scharon sind wir immer noch im Jahr 1948 - entgegen der Idee
hinter Oslo, die auch die Idee von Peres und von Rabin war, dieses
Kapitel sei abgeschlossen. In Oslo sollte ein neues geschrieben werden,
sicher eine Fortsetzung, aber es ging um eine andere Orientierung.
Für Scharon dagegen sind wir immer noch in der Kolonialisierungsphase
Palästinas, es sind noch Grenzen zu stecken, und es gibt nichts
zu verhandeln. Darum bringt Scharon jeden Waffenstillstand zum Scheitern.
Jede Atempause bedeutet die Wiederaufnahme des Mitchel-Planes, der
das Einfrieren der Kolonien und eine Festlegung der Grenzen fordert.
Wie wirkt sich
diese Politik auf die israelische Gesellschaft aus?
Die Hauptverantwortung
für all das trägt die letzte Regierung, und allen voran
Ehud Barak. Barak dachte, er könne den Palästinensern alles
aufdrücken. Wer sind sie in der Neuen Weltordnung, nein'
sagen zu können? Sie werden Danke' sagen und mir die Hände
küssen. Mit dieser Vorstellung ist er nach Camp David gegangen.
Und dann ist er zurückgekehrt und hat, anstatt zuzugeben, einen
Fehler gemacht zu haben, den Israelis erzählt: Ich habe
ihnen alles angeboten und sie haben nein' gesagt. Jetzt ist
es klar: die Palästinenser wollen mehr Land, um stärker
zu werden und uns zu zerstören.
Das tragischste daran ist, dass ihm geglaubt wurde. Auch diejenigen,
die in den letzten Jahren ein neues kollektives Bewusstsein gesät
hatten, noch nicht radikal, aber kritisch und antimilitaristisch.
Davon ist wenig geblieben. Es gibt auch jetzt Widerstand. Nicht alle
sind Barak gefolgt, und auch Einigen, die ihm geglaubt hatten, wird
klar, wer Scharon ist. Es gab Demonstrationen und Initiativen, aber
sie waren sehr klein. Wir müssen wieder eine Friedensbewegung
aufbauen und die Idee aufgeben, alles haben zu können: Frieden
ohne Rückzug, Kolonien und Sicherheit.
Auf welcher
Basis kann die Friedensbewegung wieder aufgebaut werden?
Ich könnte
ganz einfach antworten: die Beendigung der Besetzung, das Recht auf
Rückkehr und so weiter. Aber da ist etwas Grundsätzlicheres.
Auf politischer Ebene hat sich viel verändert nach Oslo, aber
eine Sache hat sich nicht einen Millimeter bewegt: Die Art, wie wir
über die Palästinenser denken. Die Menschen verfolgen weiter
kolonialistische Denkmuster. Die Linke spricht über die Großzügigkeit
von Barak. Was ist Großzügigkeit? Mitleid? Die Palästinenser
haben Rechte. Die Frage der Rechte muss viel mehr betont werden. In
Israel benütze ich den Begriff Frieden nicht mehr.
Alle sprechen vom Frieden. Der Wahlkampfslogan von Scharon war Frieden
und Sicherheit.
Frieden bedeutet gar nichts, wenn er nicht qualifiziert wird. Frieden
bedeutet Rechte: Frieden und das Ende der Besatzung. Die Frage ist
die Besatzung, und nicht der Frieden. Es gibt eine Formel. Die Palästinenser
sind sehr klar, und sie sind großzügig. Sie wollen Gaza
und Transjordanien mit Ostjerusalem, das Ende der Kolonie und das
Recht auf Rückkehr für die Flüchtlinge. Wenn wir das
akzeptieren, sind sie bereit zu verhandeln. Wenn wir eine Ausnahme
hier und da wollen? Darüber kann verhandelt werden. Aber über
die Prinzipien, über die Rechte gibt es keine Verhandlungen.
Was kann darin
die Rolle der Zivilgesellschaft sein?
Sich mit allen
Kräften gegen die Politik der Unterdrückung, der Kolonialisierung
und des Mordes zu wehren, die auch die israelische Gesellschaft bedroht
und die dabei ist, für immer die kaum noch offenen Türen
einer friedlichen Koexistenz zu schließen. Das tun die Soldaten
und Offiziere, die sich weigern, in die palästinensischen Gebiete
zu gehen und am Krieg teilzunehmen. Das tun die Pazifisten, die an
die Checkpoints gehen und versuchen den Palästinensern zu helfen,
die Besatzung zu brechen. Darüber hinaus ist es notwendig, Brücken
der Solidarität zur palästinensischen Gesellschaft zu schlagen.
Jetzt gibt es keine Solidarität, aber von hier müssen wir
einen Neuanfang machen.
(aus: Carta, 16.
Februar 2002)
Das Alternative
Information Centre (AIC) in Jerusalem gehört seit über 15
Jahren zu einer der wenigen Einrichtungen in Israel, die sich an die
Seite des palästinensischen Widerstandes gegen die anhaltende
Besatzung gestellt haben. Das AIC setzt sich für einen demokratischen,
binationalen säkularen Staat für Israelis und Palästinenser
ein.
[ © So oder
So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
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