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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 11- Frühjahr 2002 - Seite 4
Vor dem Krieg in Kriegszeiten
Eine Reise nach Palästina
[ Inhalt Nr. 11.]
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]

Vor dem Krieg in Kriegszeiten
Eine Reise nach Palästina


Im Rückblick mutet es an wie eine Reise aus einer anderen Zeit. In den palästinensischen Städten und Flüchtlinglagern herrscht heute der offene Kriegszustand. Wie aber war die Situation vor dem Beginn der Invasion israelischer Truppen?

Solidarität zeigen und sich vor Ort ein eigenes Bild machen; das war der Leitgedanke, der auf dem Antiimperialistischen Sommercamp 2001 in Italien den Plan entstehen ließ, eine internationale Delegation nach Palästina zu organisieren. In enger Zusammenarbeit mit linken Palästinensern übernahm die Antiimperialistische Koordination (AIK) aus Wien gemeinsam mit italienischen Gruppen die Initiative. Und so fuhren zur vergangenen Jahreswende ca. 30 politisch sehr unterschiedliche Leute aus Deutschland, Österreich nach Palästina; unter ihnen auch ein Aktivist von Libertad!.
Die Reisegruppe kam mit vielen Fragen: Wer trägt den palästinensischen Widerstand? Wie sieht der palästinensische Alltag aus - jenseits der hier immer nur berichteten militärischen Auseinandersetzungen mit der israelischen Armee? Was macht die palästinensische Linke, von der in den letzten Jahren wenig zu hören war? Wer sind die antizionistischen Kräfte in Israel...?
Trotz teilweise erheblicher Schwierigkeiten gelang es, die wichtigsten Brennpunkte des Konflikts - Hebron, Gaza, Jerusalem, Ramallah und Bethlehem - zu besuchen und sich vor Ort ein Bild zu machen.
Bezeichnend eine kleine Episode in Gaza: „Sie bombardieren uns, reißen unsere Bäume aus, vernichten unsere Äcker und töten unser Vieh“, rief eine alte Frau in Beit Lahia im Norden des Gaza-Streifens, als die Delegation eine von der israelischen Armee zerstörte landwirtschaftliche Zone besichtigte. „Wir sind auch Menschen. Warum tut Europa nichts, um uns zu helfen?“
Ähnlich gehen dreihundert religiöse jüdische Siedler in Hebron vor. Der Gynäkologe Dr. Kaisir Zadheh, dessen Praxis sich in unmittelbarer Nähe eines erst kürzlich und mit Gewalt okkupierten Siedlerhauses befindet, meinte der Delegation gegenüber: „Sie wollen uns vertreiben. Fünf Mal bin ich geschlagen worden. Einmal ist ein Mordanschlag auf mich gescheitert. Mein dreijähriger Sohn ist mit Soldatenstiefeln getreten worden. Meine Praxis in diesem medizinisch unterversorgten Gebiet wurde geschlossen. Aber ich werde nicht gehen. Dazu müssen sie mich töten.“
In Gesprächen mit palästinensischen Organisationen und Betroffenen vor Ort konnten Eindrücke von der Realität der Besatzung und der Lebensunfähigkeit der isolierten Autonomen Gebiete gewonnen werden. Es folgten Diskussionen mit mehreren Vertreter/innen der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) über die Lage der Linken innerhalb der palästinensischen Bewegung. Ebenfalls traf man sich mit jüdischen Friedensaktivist/innen. Yoav Bar von der in Israel selbst tätigen gemischten Organisation Kinder der Erde: „Nachdem in der Schule meiner Kinder bekannt wurde, dass ich die Intifada unterstütze, waren sie vor Übergriffen seitens der Lehrer wie der Schüler nicht mehr sicher. Ich musste sie in die arabische Schule schicken. Dort werden sie akzeptiert.“
Michael Warschawski vom Alternativ Information Center (AIC) erläuterte die Fortführung des Kolonialismus unter Scharon und die aktuell damit verfolgten Ziele, und betonte bei aller Verbundenheit mit der palästinensischen Linken: „Es wäre eine typisch kolonialistische Attitüde, den Palästinensern vorschreiben zu wollen, wie sie ihren Kampf zu führen haben und von welchen Kräften sie sich dabei leiten lassen sollen.“.
Jeff Halper, ein US-amerikanischer Anthropologe, der seit 30 Jahren in Tel Aviv lebt und im Komitee gegen die Zerstörung der Häuser in Jerusalem arbeitet, lieferte ein beeindruckendes Bild der Matrix der Kontrolle, der die palästinensische Bevölkerung mittels 240 militärischen Checkpoints und ausschließlich Siedlern vorbehaltenen Verbindungsstraßen unterworfen ist.
Das Ergebnis dieser Reise ist in der gerade erschienenen Ausgabe der Zeitschrift Intifada aus Wien nachzulesen. Hier finden sich Interviews mit palästinensischen und jüdischen Aktivist/innen, authentische Berichte über die Situation vor Ort, und natürlich auch politische Bewertungen des Gesehenen und Gehörten.

Zukünftige Delegationen?

Noch nicht abzusehen ist, wie lange der offene Kriegszustand in den palästinensischen Autonomiegebieten anhalten wird. Auch ist unklar, was dann eigentlich folgt. Aber nicht zuletzt angesichts der aktuellen Ereignisse ist eines deutlich geworden: so es denn möglich ist, sind weitere Reisen in die besetzten Gebiete notwendiger denn je. Das beweist sich in dem mutigen Einsatz der über hundert Aktivist/innen internationaler Friedens- und Solidaritätsgruppen, die sich seit Beginn der Invasion mit all ihren Mitteln der israelischen Militärmaschinerie entgegenstellen, versuchen Öffentlichkeit zu schaffen und gemeinsam mit israelischen Initiativen direkte Hilfe und Solidarität leisten.

Die aktuelle Intifada Nr.8 kann bestellt werden unter der Adresse:
Antiimperialistische Koordination
PF 23, A-1040 Wien, Österreich
Tel&Fax +43 1 504 00 10
eMail: aik@antiimperialista.org
Internet: www.antiimperialista.org/de

[ © So oder So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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