.: Hallo :.

Thursday, den 04.12.2008 - 00:01



.: online :.

»Editorial
»Online NEWS
»Ergänzungen zu Artikeln


.: zeitung :.

.: index :.
» alle Druckausgaben
» Materialien: Ergänzungen zu Artikeln
» Autor/innen-Index
» Foto-Index
» Editorial-Index
» SoOderSo-Webwatcher
» ...

.: service :.

» Impressum
» Vertrieb
» An die Redaktion
» Artikel schreiben
» Infodienst abonnieren
» SUCHEN

 
Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 11- Frühjahr 2002 - Seite 2
Türkei: Solidarität von Menschen, deren Gesichter wir nie gesehen haben...
[ Inhalt Nr. 11.]
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]

Zellennachrichten

Türkei: Solidarität von Menschen, deren Gesichter wir nie gesehen haben...

...deren Stimmen wir nie gehört haben, die tausende Kilometer entfernt von uns leben. Von dieser Solidarität aus einem anderen Land zu wissen; zu wissen, sie sind mit uns, ehrlich gesagt, ist das für uns Hoffnung und gibt uns Kraft. Ich wollte mich nochmals bei euch bedanken... Ein Genosse sagte zu eurer Initiative: „Grade in einer Zeit, in der wir ohne Bücher leben müssen, wollte ich mich nochmals bei denen bedanken, die uns etwas zum Lesen, Lernen und Studieren geschickt haben.“

Diesen Brief erhielten wir im März von Isil Taydas, die seit neun Jahren im E-Typ Spezialgefängnis Gebze (Istanbul) gefangen ist. Viele andere Briefe sind mittlerweile aus der Türkei angekommen: Gefangene bestätigen uns den Erhalt von orthopädischen Schuhen, Büchern, oder Geld. Die Briefe erreichen uns aus den verschiedenen F-Typ Knästen der Türkei.
Libertad!-Frankfurt und türkische Freund/innen hatten im letzten Jahr verschiedene kleine Aktivitäten initiiert: Ein Konzert im Rahmen der Mobilisierung gegen das WTO-Treffen in Khatar, Essen und Getränkeverkauf vor einem Theaterstück von Dario Fo („Die schmutzigen Hände“) auf türkisch, Geldsammeln auf dem Tresen einer von türkischen und deutschen Menschen besuchten Bar... all das, um etwas für die Gefangenen im Todesfasten tun zu können. Bei diesen Aktivitäten konnten wir innerhalb von drei Monaten ca. 2.500 Euro sammeln. Dieses Geld schickten wir einer Genossin in Istanbul, die eine Liste der Gefangenen erstellte, die keine Unterstützung von Angehörigen oder Freund/innen erhalten, weil die Menschen kein Geld haben, oder es keine Angehörigen gibt. Sie machte sich auf den Weg und kaufte die Dinge, die den Gefangenen am meisten fehlen, oder überwies direkt eine Summe. Auf dieser Liste befinden sich Genoss/innen aus allen am Todesfasten beteiligten Organisationen. Einen weiteren Teil des Geldes gaben wir der Türkischen Menschenrechtsstiftung (TIHV) zur Unterstützung ihres Rehabilitationsprojektes für die gesundheitlich schwer geschädigten Todesfastenden.
Unsere Initiative ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Die ökonomische Situation in der Türkei macht es Vielen unmöglich ihre Genoss/innen, ihre Kinder im Knast zu unterstützen. Weiterhin bleibt die türkische Regierung hart und geht nicht auf die Forderungen der Gefangenen nach einer Minimallösung von Neuner-Gruppen ein. Das Todesfasten geht weiter. Weiter sterben Gefangene. Weiter verlieren Gefangene ihre Gesundheit und ihr Gedächtnis in diesem Kampf.

„...Ich habe nicht verstanden, was Libertad ist. Dabei stand noch eine Auslandsadresse. Wenn sie sich an dieser Solidaritätsaktion beteiligt haben, möchte ich ihnen schreiben, um mich zu bedanken. Solche Freunde zu haben, gibt uns mehr Lebensfreude. Das ist ein Beispiel dafür, dass uns die Isolationshaft nicht vereinzeln kann. In meiner Zelle ist ein Genosse aus der 5. Staffel des Todesfastens. Heute befindet er sich am 250 Tag des Kampfes. Seinen Gesundheitszustand könnt ihr euch vorstellen. Seine Moral und Lebensfreude ist sehr stark. Der Genosse heißt Yusuf Kutlu. Er richtet euch viele Grüße aus.“ (aus einem Brief von Haci Anil am 28.01.02 Sincan F-Typ Gefängnis)
Der Genosse Yusuf Kutlu ist am 8. März, dem 279. Tag seines Kampfes gegen die Isolationsfolter gefallen. Er war der 86. Gefangene, der in diesem langen Kampf gestorben ist.

Uns zeigen diese Briefe auch, wie wichtig es ist, mit den Gefangenen in eine direkte Kommunikation zu treten; die meisten waren doch sehr erstaunt darüber, dass aus dem für sie fernen Europa Signale durch die Mauern kommen. Deshalb werden wir diese Initiative fortsetzen und überall weiter nach Unterstützung Ausschau halten. Wir rufen hiermit dazu auf, ebenfalls initiativ zu werden.
Aufklärung über die Situation ist weiterhin dringend notwendig. Hierfür können wir euch unsere Hilfe anbieten.

Sessiz Ölüm

Der kurdische Regisseur Hüseyin Karabey stellte im letzten Jahr seinen Film Sessiz Ölüm der türkischen- und später der europäischen Öffentlichkeit vor. Übersetzt heißt der Titel „Stiller Tod“. Er setzt sich mit den Erfahrungen von Gefangenen in europäischen Isolationsgefängnissen auseinander. Unter Mitwirkung von ehemaligen Gefangenen aus Deutschland, Irland, dem Baskenland und Italien entstand ein beeindruckender Dokumentarfilm über einen Teil der europäischen Geschichte der Repression in den vergangenen 30 Jahren.
Diesen Film könnt ihr nach Absprache demnächst bei uns gegen 120 Euro ausleihen. Mit der Ausleihgebühr unterstützt ihr die Arbeit des unabhängigen Regisseurs und die Solidaritätsarbeit mit den politischen Gefangenen in der Türkei. Der Film ist auf DVD und 88 Minuten lang.
Falls ihr keine Möglichkeiten habt, den Film zu zeigen, könnt ihr natürlich spenden, damit die Gefangenen weiterhin direkt unterstützt werden können. Die Spenden unter dem Stichwort „Gefangene“ werden ausschließlich für das beschriebene Projekt verwandt.

...Momentan sind wir zu zweit in der Zelle. Es ist sehr kalt und wir können keinen Hofgang machen. Der Hof ist voll mit Schnee. Wir haben einen Schneemann gebaut. Er bleibt draußen. Wenn man tagsüber den Schneemann mitzählt sind wir zu Dritt, aber nachts sind wir immer noch zu zweit. Wenn der Mensch hier ein neues Gesicht zu sehen bekommt, weiß man nicht, was tun. Man ist irritiert. Und da macht es keinen Unterschied ob es ein Schneemann, oder ein Mensch ist...“ (aus einem Brief von Turan Obay, 14. Januar 2002, Kandira F-Typ Gefängnis)

[ © So oder So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]


[ document info ]
CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
[HOCH]Artikel empfehlendrucken
Interessiert an mehr Infos von u. über Libertad! - Abonniere den elektronischen So oder So-Infodienst

CopyLeft © SoOderSo & Libertad!