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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 11-
Frühjahr 2002 - Seite 2
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Türkei:
Solidarität von Menschen, deren Gesichter wir nie gesehen haben...
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aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]
Zellennachrichten
Türkei:
Solidarität von Menschen, deren Gesichter wir nie gesehen haben...
...deren Stimmen
wir nie gehört haben, die tausende Kilometer entfernt von uns
leben. Von dieser Solidarität aus einem anderen Land zu wissen;
zu wissen, sie sind mit uns, ehrlich gesagt, ist das für uns
Hoffnung und gibt uns Kraft. Ich wollte mich nochmals bei euch bedanken...
Ein Genosse sagte zu eurer Initiative: Grade in einer Zeit,
in der wir ohne Bücher leben müssen, wollte ich mich nochmals
bei denen bedanken, die uns etwas zum Lesen, Lernen und Studieren
geschickt haben.
Diesen Brief erhielten
wir im März von Isil Taydas, die seit neun Jahren im E-Typ Spezialgefängnis
Gebze (Istanbul) gefangen ist. Viele andere Briefe sind mittlerweile
aus der Türkei angekommen: Gefangene bestätigen uns den
Erhalt von orthopädischen Schuhen, Büchern, oder Geld. Die
Briefe erreichen uns aus den verschiedenen F-Typ Knästen der
Türkei.
Libertad!-Frankfurt und türkische Freund/innen hatten im letzten
Jahr verschiedene kleine Aktivitäten initiiert: Ein Konzert im
Rahmen der Mobilisierung gegen das WTO-Treffen in Khatar, Essen und
Getränkeverkauf vor einem Theaterstück von Dario Fo (Die
schmutzigen Hände) auf türkisch, Geldsammeln auf dem
Tresen einer von türkischen und deutschen Menschen besuchten
Bar... all das, um etwas für die Gefangenen im Todesfasten tun
zu können. Bei diesen Aktivitäten konnten wir innerhalb
von drei Monaten ca. 2.500 Euro sammeln. Dieses Geld schickten wir
einer Genossin in Istanbul, die eine Liste der Gefangenen erstellte,
die keine Unterstützung von Angehörigen oder Freund/innen
erhalten, weil die Menschen kein Geld haben, oder es keine Angehörigen
gibt. Sie machte sich auf den Weg und kaufte die Dinge, die den Gefangenen
am meisten fehlen, oder überwies direkt eine Summe. Auf dieser
Liste befinden sich Genoss/innen aus allen am Todesfasten beteiligten
Organisationen. Einen weiteren Teil des Geldes gaben wir der Türkischen
Menschenrechtsstiftung (TIHV) zur Unterstützung ihres Rehabilitationsprojektes
für die gesundheitlich schwer geschädigten Todesfastenden.
Unsere Initiative ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Die
ökonomische Situation in der Türkei macht es Vielen unmöglich
ihre Genoss/innen, ihre Kinder im Knast zu unterstützen. Weiterhin
bleibt die türkische Regierung hart und geht nicht auf die Forderungen
der Gefangenen nach einer Minimallösung von Neuner-Gruppen ein.
Das Todesfasten geht weiter. Weiter sterben Gefangene. Weiter verlieren
Gefangene ihre Gesundheit und ihr Gedächtnis in diesem Kampf.
...Ich
habe nicht verstanden, was Libertad ist. Dabei stand noch eine Auslandsadresse.
Wenn sie sich an dieser Solidaritätsaktion beteiligt haben, möchte
ich ihnen schreiben, um mich zu bedanken. Solche Freunde zu haben,
gibt uns mehr Lebensfreude. Das ist ein Beispiel dafür, dass
uns die Isolationshaft nicht vereinzeln kann. In meiner Zelle ist
ein Genosse aus der 5. Staffel des Todesfastens. Heute befindet er
sich am 250 Tag des Kampfes. Seinen Gesundheitszustand könnt
ihr euch vorstellen. Seine Moral und Lebensfreude ist sehr stark.
Der Genosse heißt Yusuf Kutlu. Er richtet euch viele Grüße
aus. (aus einem Brief von Haci Anil am 28.01.02 Sincan F-Typ
Gefängnis)
Der Genosse Yusuf Kutlu ist am 8. März, dem 279. Tag seines Kampfes
gegen die Isolationsfolter gefallen. Er war der 86. Gefangene, der
in diesem langen Kampf gestorben ist.
Uns zeigen diese
Briefe auch, wie wichtig es ist, mit den Gefangenen in eine direkte
Kommunikation zu treten; die meisten waren doch sehr erstaunt darüber,
dass aus dem für sie fernen Europa Signale durch die Mauern kommen.
Deshalb werden wir diese Initiative fortsetzen und überall weiter
nach Unterstützung Ausschau halten. Wir rufen hiermit dazu auf,
ebenfalls initiativ zu werden.
Aufklärung über die Situation ist weiterhin dringend notwendig.
Hierfür können wir euch unsere Hilfe anbieten.
Sessiz Ölüm
Der kurdische
Regisseur Hüseyin Karabey stellte im letzten Jahr seinen Film
Sessiz Ölüm der türkischen- und später der europäischen
Öffentlichkeit vor. Übersetzt heißt der Titel Stiller
Tod. Er setzt sich mit den Erfahrungen von Gefangenen in europäischen
Isolationsgefängnissen auseinander. Unter Mitwirkung von ehemaligen
Gefangenen aus Deutschland, Irland, dem Baskenland und Italien entstand
ein beeindruckender Dokumentarfilm über einen Teil der europäischen
Geschichte der Repression in den vergangenen 30 Jahren.
Diesen Film könnt ihr nach Absprache demnächst bei uns gegen
120 Euro ausleihen. Mit der Ausleihgebühr unterstützt ihr
die Arbeit des unabhängigen Regisseurs und die Solidaritätsarbeit
mit den politischen Gefangenen in der Türkei. Der Film ist auf
DVD und 88 Minuten lang.
Falls ihr keine Möglichkeiten habt, den Film zu zeigen, könnt
ihr natürlich spenden, damit die Gefangenen weiterhin direkt
unterstützt werden können. Die Spenden unter dem Stichwort
Gefangene werden ausschließlich für das beschriebene
Projekt verwandt.
...Momentan
sind wir zu zweit in der Zelle. Es ist sehr kalt und wir können
keinen Hofgang machen. Der Hof ist voll mit Schnee. Wir haben einen
Schneemann gebaut. Er bleibt draußen. Wenn man tagsüber
den Schneemann mitzählt sind wir zu Dritt, aber nachts sind wir
immer noch zu zweit. Wenn der Mensch hier ein neues Gesicht zu sehen
bekommt, weiß man nicht, was tun. Man ist irritiert. Und da
macht es keinen Unterschied ob es ein Schneemann, oder ein Mensch
ist... (aus einem Brief von Turan Obay, 14. Januar 2002,
Kandira F-Typ Gefängnis)
[ © So oder
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