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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 11- Frühjahr 2002 - Seite 1
Editorial: Jenseits des linken Dschihad
[ Inhalt Nr. x.]
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]

Editorial
Jenseits des linken Dschihad

„Die Revolutionäre wollen eine Gesellschaft realisieren, die menschlich und für die Menschen befriedigend wäre; aber sie vergessen, dass eine Gesellschaft dieser Art keine Gesellschaft de facto ist, sondern, so könnte man sagen, eine Gesellschaft de jure. Das heißt eine Gesellschaft, in der die Beziehungen zwischen den Menschen moralisch sind. (...) Gewiss, es wird gewaltige ökonomische Probleme geben; aber im Gegensatz zu Marx und den Marxisten stellen diese Probleme eben nicht das Wesentliche dar. Ihre Lösung ist in manchen Fällen ein Mittel, eine wirkliche Beziehung der Menschen untereinander zu erreichen.“ (Sartre in seinem letzten Gespräch mit Benny Lévy, kurz vor seinem Tod im April 1980)

Die Linke in diesem Land ist mittlerweile vor allem zweierlei: deutsch und korrupt. In ihrem antideutschen Design nicht minder als im degenerierten Antiimperialismus, Marke ML. Mit missionarischem Eifer wird die Solidarität mit Israel beziehungsweise Palästina durchdekliniert, Tote gezählt, plakatiert und als Munition in der politischen Kontroverse wieder verwandt. Um was geht es eigentlich? Um ermordete Israelis, drangsalierte und in den Dreck getretene Palästinenser? Um einen halluzinierten palästinensischen Faschismus, eine halluzinierte antiimperialistische Front der Weltrevolution, oder einfach nur um Rechthaberei am linken Stammtisch?
Der linke Zerfallsprozess reduziert nicht nur die Möglichkeiten internationalistischen Eingreifens, sondern strukturiert im gleichen Moment ein individualisiertes Politikverständnis. Die linken Diskussionsforen zu Israel/Palästina verraten fast alles, aber nichts über Verantwortung und Moral. Manche Beiträge wirken geradezu atavistisch. Statt Aneignung der Situation und darin der eigenen Bedingungen, um politisch handeln zu können, findet sich dort mehrheitlich nur elendes Politiksurrogat: Ring frei zum Schattenboxen. Der Vorwurf lautet nicht, dass linke Praxis schon lange nicht mehr an das Niveau der globalen Konfrontationen heranreicht, aber sehr wohl, dass viele mit dieser Asymmetrie leben können.
Was hält uns ab von selbstbestimmter Parteinahme gegen die Zerstörungen menschlicher Existenz? Was hindert uns daran sich auf die Seite des antikolonialen Widerstandes der palästinensischen Bevölkerung zu stellen, die nicht nur durch das rassistische Besatzungsregime Israels zu Parias erklärt werden, sondern auch durch die Ignoranz einer selbstbezogenen Metropolenlinken? Und was hindert uns daran angesichts eines wiedererstarkten und in unserer eigenen Gesellschaft tief verwurzelten Antisemitismus Position zu beziehen in Solidarität mit der israelischen Zivilbevölkerung, die einen hohen Blutzoll in dieser verfahrenen Auseinandersetzung zahlen muss?
Die grassierende Verwirrung und Unsicherheit innerhalb der linken Gemeinden entspringen der Irrelevanz einer Politik, die auf nichts trifft, nichts bewegen kann, weil sie ideologisiert ist. Ideologische Beziehungen sind Scheinbeziehungen, und moralische Verkommenheit ist realer Ausdruck der Vereinzelung: Der Schrei angesichts weltweiter Rechtlosigkeit und Unterdrückung bleibt im eigenen Hals stecken. Wer spricht da noch von Handlungsfähigkeit?
In Israel und Palästina ereignet sich ähnliches, was der 11. September und seine Folgen im globalen Zusammenhang hervorgebracht hat, transformiert auf die Ebene des so genannten „Nahost-Konflikts“. Scharons Antiterrorismuskrieg folgt in der Zielvorgabe wie in der Diktion dem amerikanischen Vorbild. Und auch hier liegen die Gründe in (kolonialistischer) Ausgrenzung und gesellschaftlichem Zerfall, die das eiserne Korsett der Konterrevolution genauso hervorbringen, wie eine blutige Zuspitzung entlang zunehmend ethnisch-religiöser Linien. Die Selbstmordattacken in Israel auf Internetcafés, Diskotheken usw. vermitteln letztlich nichts anderes - auch wenn sich dieser „Freiheitsterror“ aus der erfahrenen tagtäglichen Erniedrigung speist: Wenn sie mich sowieso töten, dann will ich nicht alleine sterben. Umgekehrt befürworten heute 37 Prozent innerhalb der israelischen Gesellschaft den Terror ethnischer Säuberungen, den sogenannten „Transfer“ der palästinensischen Bevölkerung aus den besetzten Gebieten.
Am 4. April verprügelte die Polizei eine Friedens-Mahnwache vor der US-Botschaft in Tel Aviv. Fünfzehn Menschen wurden verletzt. Unter ihnen der heute 83-jährige Meir Vilner, ehemals Generalsekretär der KP Israel und Mitunterzeichner der israelischen Unabhängigkeitserklärung von 1948. Sicher nur eine Randnotiz angesichts des blutigen Wütens der Zahal-Armee in Ramallah, Nablus oder Bethlehem, und doch auch ein Bild für die Eskalation des Konflikts.
Das „alte“ Israel und das „alte“ Palästina werden geschleift in der erfahrenen Zerstörung. Was wird bleiben? Es geht nicht nur um die 67er Grenzen, Jerusalem und die Flüchtlinge. Es geht auch um den Traum eines freien, wahrhaftig interkulturellen und sozial gerechten Stück Landes, auf dem Palästinenser und Israelis - Muslime, Juden und Christen gleichermaßen - miteinander leben können und wollen. Der „Sieg“ - um es einmal so zu sagen - wird die Mauer sein. Und das ist eine doppelte Niederlage.
Die Redaktion

[ © So oder So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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