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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 11-
Frühjahr 2002 - Beilage Seite 3
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Kriegsgetrommel
auf der Münchner "Sicherheitskonferenz"
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Kriegsgetrommel
auf der Münchner Sicherheitskonferenz
Claus Schreer
[aus: Info des
Münchener Bündnis gegen die Nato-Sicherheitskonferenz "Von
Genua nach München und weiter! Gegen Nato-Kriegspolitik und kapitalistische
Globalisierung" - Beilage zur So oder So Nr. 11 ]
Offiziell heißt
sie Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik.
Veranstalter und Tagungsleiter Horst Teltschik behauptete gar, es
handele sich um eine internationale Friedenskonferenz
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| freitag
1. februar 2002, abends: der marienplatz wird geräumt |
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©
jürgen ney
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Tatsächlich
geht es den Repräsentanten der führenden NATO-Mächte
nicht um internationale Sicherheit, sondern um Absprachen über
ihre derzeitigen und zukünftigen Militärinterventionen.
Die Tagung war wie in den Jahren vorher eine Kriegskonferenz!
Der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz brachte
das auf die Formel: Die einzige Verteidigung gegen Terrorismus
ist, den Krieg zum Feind zu bringen ... Die beste Verteidigung ist
ein gelungener Angriff.
Gleichzeitig ist
auch bei der diesjährigen Konferenz wieder deutlich geworden,
dass der Graben zwischen den USA und den EU-Staaten immer tiefer wird
und dass von transatlantischer Partnerschaft kaum noch die Rede sein
kann. Am Tag nach der Konferenz schrieb die SZ, die NATO sei, auch
wenn es viele noch nicht wahr haben wollen, ein Auslaufmodell
der Nachkriegsgeschichte und nähere sich unweigerlich seinem
Verfallsdatum. (SZ, 4.2.2002)
US-Kriegserklärung
an den Rest der Welt
Zwei Tage vor
der Münchner Konferenz hatte US-Präsident Bush in seiner
Rede zur Lage der Nation allen Feinden der USA den permanenten Krieg
erklärt. Zehntausende gefährliche Killer seien
auf der ganzen Welt verteilt, und Ausbildungslager für
Terroristen gäbe es in mindestens einem Dutzend Länder.
Und dann verkündete er, dass der Krieg gegen den Terror
noch lange nicht beendet ist, sondern gerade erst beginnt. Unverhohlen
drohte Bush dem Irak, dem Iran und Nordkorea mit Militärschlägen.
Sie stellen eine Achse des Bösen dar und werden
der Gerechtigkeit (Amerikas) nicht entfliehen.
Aufgabe der US-Verteter auf der Münchner Sicherheitskonferenz
war es schließlich nur noch, die europäischen NATO-Partner
auf den von US-Präsident Bush festgelegten Kurs sprich
den Krieg gegen den Irak einzuschwören.
US-Vize-Verteidigungsminister Wolfowitz: Jede Nation weiß
jetzt, dass wir Staaten nicht akzeptieren können und werden,
die die Agenten des Terrors finanzieren. ... Sie sind gewarnt worden
... und sie werden zur Rechenschaft gezogen.
Senator McCain: Afghanistan war nur der erste Kriegsschauplatz,
der nächste ist der Irak.
Sicherheitsberater Richard Perle: Die US-Regierung ist entschlossen,
Saddam Hussein mit Gewalt aus seinem Amt zu vertreiben auch
gegen den Willen der Europäer. (TAZ, 5.2.2002)
Die USA lassen
sich von niemandem mehr dreinreden, das war die Botschaft von US-Präsident
Bush: Die Geschichte hat Amerika und seine Bündnispartner
aufgerufen zu handeln, und es ist sowohl unsere Verantwortung als
auch unser Privileg, den Kampf um die Freiheit auszutragen. ... Ich
hoffe, dass alle Nationen unserem Ruf folgen. Und dann sagt
er an die Adresse der Europäer gerichtet: Viele Länder
handeln entschlossen... Aber einige Regierungen werden zögerlich..
Und fügte die unmissverständliche Warnung hinzu: Täuschen
Sie sich nicht. Wenn Sie nicht handeln Amerika wird es tun.
Bush hatte in
seiner langen Rede nicht ein einziges Mal die NATO erwähnt, aus
gutem Grund. Die USA sind entschlossen, allein zu handeln, je nach
Bedarf mit wechselnden Koalitionen. Absprachen mit zögerlichen
Bündnispartnern stören nur die US-Kriegspläne.
Tiefe Risse
im NATO-Bündnis
Schon drei Wochen
vor der Münchner NATO-Tagung schrieb die ZEIT: Der Krieg gegen
Terror sei noch nicht gewonnen, doch ein prominentes Opfer wird
schon zu Grabe getragen die NATO. Das mag vielleicht
etwas voreilig sein, denn die USA werden nicht so schnell auf die
NATO verzichten. Die NATO ist immer noch das entscheidende Instrument
amerikanischer Einflussnahme auf die politischen Entwicklungen in
Europa und Amerikas unverzichtbarer Brückenkopf auf dem
eurasischen Kontinent. (ehemaliger US-Sicherheitsberater Brzezinski)
Richtig ist aber,
dass die NATO für den US-Imperialismus derzeit weitgehend irrelevant
ist und aufs Abstellgleis gestellt wird. Das beherrschende Thema der
Konferenz war deshalb das Verhältnis der NATO-Führungsmacht
USA zu ihren europäischen Partnern.
US-Vize-Verteidigungsminister Wolfowitz buchstabierte den europäischen
NATO-Verbündeten noch einmal die amerikanische Sicht über
das Wesen zukünftiger Kriegskoalitionen. Nämlich,
dass die Mission die Koalition bestimmen muss, und nicht anders
herum. Die USA entscheiden selbst, wer dabei sein darf, und
vorläufig finden sich auch genügend Regierungen, die sich
als Bündnispartner der USA eigene Vorteile versprechen.
Die Europäer seien militärisch unterentwickelt, klagte NATO-Generalsekretär
Robertson in München, und der frühere US-Verteidigungsminister
William Cohen meinte: Je größer die Lücke, desto weniger
bestehe die Notwendigkeit, die europäischen Bündnispartner
um Hilfe zu bitten.
Hilfstruppen für die USA zu stellen, die mit dem Anti-Terror-Krieg
ihre globale Vorherrschaft zementieren wollen das liegt aber
gerade nicht im Interesse Deutschlands und der EU. Bündnispartnerschaft
reduziert sich nicht auf Gefolgschaft, erklärte Außenminister
Fischer, d.h. wenn Deutschland mitmacht, dann will es auch an den
Entscheidungen beteiligt werden zumindest durch Mitsprache
über die EU.
Der von den USA
begonnene langandauernde Feldzug gegen den Terror sei
zwar eine Aufgabe, der sich niemand entziehen darf, wie
E. Stoiber und A. Merkel zustimmend betonten, doch als Trittbrettfahrer
bei den Amerikanern mitmachen, das wollen die EU-Staaten schon
lange nicht mehr.
Verteidigungsminister
Scharping forderte deshalb von den USA mehr Multinationalität.
Militärische Operationen müssten auf der Grundlage
internationalen Rechts erfolgen, und von der UNO gedeckt sein.
Geradezu ein Witz nach der Beteiligung Deutschlands am völkerrechtswidrigen
Angriffskrieg gegen Jugoslawien. Für den Anti-Terror-Krieg, konterte
Wolfowitz, brauchen wir kein UN-Mandat.
Das hat auch die Bundesregierung bisher nie in Frage gestellt. Nach
dem 11. September hatten Schröder und Scharping den USA bis an
die Grenze der Peinlichkeit Truppenangebote gemacht und darum gebettelt,
im Anti-Terror-Krieg an vorderster Front dabei sein zu dürfen.
Jetzt treibt der Krieg, den die USA faktisch alleine führen und
über dessen weiteren Verlauf sie sich von niemandem dreinreden
lassen, die Anti-Terror-Koalition wieder auseinander.
Europa entdeckt
eine neue Gefahr
Für die Forderung
der Europäer, die USA müssten sich kooperationsbereiter
zeigen (Robertson) fanden bei den US-Konferenzteilnehmern wenig Verständnis.
Die Eigenmächtigkeit der USA sei die Folge der militärischen
Rückständigkeit der europäischen Partner. Europäische
NATO-Truppen in Afghanistan hätten die USA ehrlich gesagt
nicht brauchen können, sagte US-Senator McCain.
Edmund Stoiber
und Angela Merkel griffen diese Kritik dankbar auf, um eine deutliche
Steigerung der Militär- und Rüstungsausgaben einzuklagen.
Sie nutzten die internationale Tagung als Tribüne für die
innerdeutsche Mobilmachung. Europa und vor allem Deutschland seien
jetzt gefordert, die viel zu große rüstungstechnologische
Lücke zu schließen. (Stoiber). Angela Merkel bekräftigte
den Anspruch der EU, auf der weltpolitischen Bühne eine
herausgehobene Rolle zu spielen. Höchste Dringlichkeit
erhalte deshalb der Aufbau einer schlagkräftigen EU-Eingreiftruppe.
Angesichts der
Massenproteste gegen die Kriegspolitik der NATO-Staaten in München,
erinnerte Stoiber am Schluss seiner Rede an die altbekannte Forderung
der CDU/CSU: den Einsatz der Bundeswehr im Innern. Und zu guter letzt
forderte er die Änderung des Grundgesetzes, um den Einsatz deutscher
Truppen auf fernen Kriegsschauplätzen auch ohne vorherige Zustimmung
des Bundestages zu ermöglichen.
Diejenigen, die
bisher transatlantische Partnerschaft wörtlich übersetzt
haben, stehen (nicht erst seit heute) vor einer geradezu grotesken
Realität: dem hemmungslosen Rüstungswettlauf zwischen verbündeten
Staaten. Die Auflösung des Rätsels: Aus Partnerschaft ist
längst knallharter Konkurrenzkampf geworden. Alle Treueschwüre
für die sog. Atlantische Gemeinschaft können
nicht darüber hinwegtäuschen, dass sowohl die USA als auch
die EU-Staaten ausschließlich ihre eigenen Wirtschafts- und
Vorherrschaftsinteressen verfolgen, und dass der Machtkampf zwischen
den USA und den europäischen Staaten bereits voll im Gang ist.
Es ist nicht ein übermächtiger Feind, der die EU-Staaten
bedroht und sie zur Aufrüstung zwingt, sondern es ist der Abstand
zum Rüstungsarsenal der befreundeten Weltmacht USA.
Unter den herrschenden
Kräften Deutschlands und Europas ist man sich deshalb seit langem
darüber einig, dass Klagen über die Stärke Amerikas
nicht weiter helfen. Die FAZ, Organ des deutschen Kapitals, empfiehlt
deshalb, sich nicht einer NATO-Folklore hinzugeben, über
die der Zug der Zeit hinweg zu gehen droht. Die Europäer
würden als Partner und als Konkurrent nur dann ernst
genommen, wenn sie politische Entschlossenheit mit materieller
Macht verbinden. (FAZ, 5.2.2002)
Die Eigenmächtigkeit
der USA sei für Europa letztlich eine gute Nachricht,
schreibt die SZ. Dies könne die Erkenntnis nur beschleunigen,
dass Europa nur dann eine Zukunft hat, wenn es sich auf sich selbst
besinnt. Je schneller, desto besser. (SZ, 5.2.2002)
Unter imperialistischen Konkurrenten heißt das: Der gnadenlose
Kampf um Märkte und Rohstoffe, der Kampf um die Neuaufteilung
der Welt (der gerade im Gange ist), lässt sich weder einvernehmlich
noch friedlich regeln. Die jeweiligen Rivalen bereiten sich darauf
vor, in dieser Auseinandersetzung als Sieger hervor zu gehen.
[ © Münchener
Bündnis gegen die Nato-Sicherheitskonferenz ]
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