|
So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 10-
Winter 2001 - Seite 12
|
|
|
|
Wehrkunde
im 21. Jahrhundert
|
|
|
Wehrkunde
im 21. Jahrhundert
In München tagen im Februar 2002 die Koalitionäre des neuen
Krieges. Das Anti-Nato-Komitee will vielfältigen Widerstand
dagegensetzen.
[ aus: So oder
So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 10 /Winter 2001, Seite 12 ]
 |
| Vorgesehenes,
aber nicht gedrucktes Foto für diesen Artikel. Stattdessen
kam das zurückgezogene CDU-Plakat rein |
Was das World
Economic Forum in Davos für die internationalen Wirtschaftsbosse,
ist die Münchner Sicherheitstagung für die Nato-Militärpolitiker
und die - Eigendarstellung - strategic community Europas,
Nordamerikas und Asiens. Die Ähnlichkeiten beider Treffen beschränken
sich nicht alleine auf den Zeitraum oder den internationalen Charakter,
sondern schließen auch die privatwirtschaftliche Organisation
ein. Nicht Regierungen veranstalten diese Treffen, sondern private
Wirtschaftsunternehmen oder deren Stiftungen. Die Münchner Konferenz
wird seit einigen Jahren von der BMW-eigenen Herbert Quandt Stiftung
beziehungsweise ihrem Vorstand Horst Teltschik (früher Berater
von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl) veranstaltet.
Früher bekannt
unter dem Namen Wehrkundetagung, wurde die Konferenz zum ersten Mal
1963 organisiert, damals vom früheren Widerstandskämpfer
und Wehrmachtsoffizier Ewald von Kleist. Kleist, der über seine
Geschichte, einerseits Offizier und konservativer Adel, andererseits
Mitverschwörer von Stauffenberg, die ideale Integrationsfigur
für die westlichen Militärs war, verschaffte dem jährlichen
Treffen durch seine Verbindungen in die Politik bald internationales
Renommée. Heute ist die Münchner Konferenz für
Sicherheitspolitik, wie sie seit dem Ende des Kalten Krieges
etwas entschärft heißt, der wichtigste Event für die
Militärstrategen der westlichen Welt. Ein Ort, an dem die Perspektiven
der Militärpolitik, aber auch die Widersprüche der verschiedenen
Bündnisse diskutiert werden.
Im gediegenen Rahmen des Nobelhotels Bayrischer Hof in München
diskutieren etwa 200 Militärstrategen, und Politiker/innen der
Nato-Staaten streng abgeschirmt die aktuellen Fragen der Sicherheitspolitik.
Auch das ist eine Parallele zu Davos. Beide Treffen sind nicht Vorzeigegipfel,
auf denen im Vorfeld beschlossene und ausgearbeitete Pläne der
Weltöffentlichkeit präsentiert werden, wie bei den EU-Gipfeln
in Göteborg oder Genua, sondern tatsächliche Orte der Auseinandersetzung
und Diskussion. Zu den aufgeworfenen Themen zählen dieses Mal
neben dem aktuellen Feldzug gegen den Terrorismus auch
Fragen der Integration Russlands und die Entwicklung des amerikanischen
Raketenschutzschildes. Das Treffen der großen transatlantischen
Familie (Javier Solana über die Wehrkundetagung) wird dieses
Mal wohl noch harmonischer ausfallen als üblich, überdecken
doch die Bekundungen uneingeschränkter Solidarität mit den
USA die Misstöne über eine eigenständige europäische
Sicherheitspolitik.
Im Schatten
Afghanistans
Die aktuellen
Militäreinsätze geben der Sicherheitstagung neues Gewicht.
Noch nie war die Nato in so viele Einsätze verstrickt wie heute,
noch nie war aber auch ihre Rolle darin so von Widersprüchen
geprägt. Während der Einsatz in Mazedonien jetzt erstmals
unter deutschem Kommando läuft und gänzlich aus dem Blickfeld
der Öffentlichkeit verschwindet, an den selbstmandatierten Jugoslawienkrieg
denkt sowieso schon niemand mehr, entwickelt sich die Rolle der Nato
im aktuellen Anti-Terror Krieg in Richtung Bedeutungslosigkeit.
Der propagandistisch groß ausgeschlachtete Ausruf des Bündnisfalles,
das erste Mal in der Geschichte der Nato, war realistisch nur eine
Versicherung politischer Rückendeckung, ohne jedwede Möglichkeit
sich an Entscheidungen zu beteiligen. Auch dieser Niedergang wird
wohl in München zu diskutieren sein.
Der Widerstand gegen das hochkarätige Treffen war die letzten
Jahre sehr marginal und kaum wahrzunehmen. Bei der Sicherheitskonferenz
2001 sammelten sich gerade einmal hundert Menschen vor dem Tagungsort,
um gegen die Nato-Strategen zu protestieren. Im Gegensatz zu den jährlichen
Treffen des World Economic Forum in Davos, die schon seit einigen
Jahren Ziel einer wachsenden Widerstandsbewegung sind, schienen die
Münchner Strategen tatsächlich einen Ort gefunden zu haben,
an dem sie ungestört ihre Diskussionen führen konnten. Das
soll dieses Mal anders werden.
Die Tatsache, dass die Nato nicht mehr Verteidigungsbündnis in
einer bipolaren Welt ist, sondern zunehmend Werkzeug des globalen
Kapitalismus, rückt sie in das Blickfeld der wachsenden Bewegung
gegen diese Globalisierung. So hat sich die Nato schon 1999 in ihrem
neuen strategischen Konzept von ihrer eigentlichen Aufgabe
als Verteidigungsbündnis gelöst und sich selbst völlig
neue Aufgabenfelder zuerkannt, etwa den militärischen Schutz
der politischen und wirtschaftlichen Interessen der Mitgliedsländer,
oder den Einsatz im Rahmen diverser Bedrohungsszenarien, zu denen
auch Flüchtlingsbewegungen oder die heute so oft genannten Schurkenstaaten
gehören.
Davos geht,
München bleibt
Unter dem Titel
WEF und Nato, zwei Seiten einer Medaille sollte dieses
Mal versucht werden, die Mobilisierungen gegen beide Veranstaltung
unter einen inhaltlichen Hut zu bekommen, zumal die Gegenveranstaltungen
für das selbe Datum geplant waren. Das WEF hat inzwischen aber
sein Treffen nach New York verlegt, einer breiten Mobilisierung nach
München scheint also auch hier nichts mehr im Wege zu stehen.
Die geplanten Aktionen zum Gipfel in München werden inzwischen
von der bürgerlichen Presse zum Anlass genommen, eine Art Weltuntergangsstimmung
im Sinne Genuas zu erzeugen. Die Münchner Bevölkerung wird
auf bürgerkriegsähnliche Zustände vorbereitet, die
Ankunft tausender Chaoten angekündigt. Tatsächlich geplant
sind Kundgebungen, eine Demonstration zum Tagungsort sowie eine große
Veranstaltung an der Uni. Näheres - und vor allem die aktuellen
Nachrichten zu den Planungen - sind im Netz zu finden unter:
<http://www.buko24.de/nato.htm>.
[ © So oder
So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
|