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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 10-
Winter 2001 - Seite 11
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Zwischenspiel
der bleiernden Zeit
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Zwischenspiel
der bleiernen Zeit
Weniger Aktivismus und Öffentlichkeit im Wendland
[ aus: So oder
So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 10 /Winter 2001, Seite 11 ]
Nach den Aktivitäten
bei zahlreichen Gipfeltreffen, den Grenzcamps und den Ver- und Behinderungen
von Nazi-Aufmärschen stand Mitte November der zweite Castor-Transport
in diesem Jahr nach Gorleben in linksradikalen und autonomen Kalendern.
Gegen Ende des ereignisreichen 2001 kamen weit weniger Menschen als
noch beim letzten Transport im März ins Wendland, um den Castor
zu blockieren und dem Atomstaat ein Nein! entgegenzuschmettern.
Unter
den etwa 8.000 Menschen, die an der Auftaktkundgebung und Demonstration
in Lüneburg teilnahmen, war das gesamte Spektrum vertreten:
Ansässige und Angereiste, Landwirte und Ärzte, Parteien
und Polit-Sekten, junge Punks und alte Autonome. Bewegungen sind
nicht widerspruchsfrei. Die Einzelpersonen und Gruppen, die in die
Vorbereitung des Protests organisatorisch eingebunden sind oder
daran teilnehmen, eint der Wille, den Castor nach Gorleben aufzuhalten,
und damit die Kosten in die Höhe zu treiben und Öffentlichkeit
zu schaffen. Sie zeigen ihr Missfallen zum Atomkonsens und gehen
auf Konfrontation. Wie bei anderen Events gibt es auch hier verschiedene
Motivationen und Herangehensweisen. Einige Menschen vor Ort gehen
seit Jahren auf die Straße, weil sie kein Zwischenlager vor
ihrer Haustür wünschen, manche wollen den Sofortausstieg
aus der Atomenergie, anderen wiederum geht's ums Ganze: die herrschende
Klasse stillzulegen. Die einen wollen zivilen Ungehorsam leisten,
die anderen gehen andere Wege.
Der Polizeiapparat hat aus vergangenen Castortransporten und der schlechten
Presse gelernt und sich professionalisiert. Im Vorfeld des Transports
gab es Überwachungen von Anti-Atom-Aktivist/innen im großen
Stil. Zahlreiche Demonstrationen und Kundgebungen wurden nicht erlaubt
und Camps kurzfristig verboten, damit keine höhere Instanz angerufen
werden konnte. Die Einsatzleitung der Polizei unterhielt vor Ort erneut
einen Stab mit etwa 120 Mitarbeiter/innen, die zuständig für
Öffentlichkeitsarbeit und Schulung ihrer Beamten waren. Sie betrieb
eine eigene Homepage, schaltete täglich Anzeigen in der örtlichen
Presse, hatte bei Protestaktionen mobile Pressesprecher vor Ort und
konnte, wenn sie es für erfolgsversprechend erachtete, ihre schwarz-rot
uniformierten Konfliktmanager bestellen.
Ausnahmezustand
11.000 Polizisten sorgten für den Ausnahmezustand im Wendland,
der den Charakter einer Besatzung hatte. Bundesweit waren außerdem
7.500 BGS-Beamte im Einsatz. Die mit Schulungsmaterialen ausgestatteten
Polizeikräfte waren nicht weniger brutal als in anderen Gegenden,
aber in der (Medien-)Öffentlichkeit verhielten sie sich weitgehend
freundlich, fast zuvorkommend. BGS-Beamte, die sich mit Festgenommenen
freundlich und scherzhaft zu unterhalten versuchten, hatten während
deren Einkesselung noch einen Schlagstockeinsatz angedroht und einen
Festgehaltenen, der sich befreit hatte, aber nicht schnell genug wegkam,
brutal zu Boden geworfen und gefesselt. Bei einem Hundeeinsatz gab
es mehrere Verletzte, unter anderem wurde der Arm eines Widersetzen-Aktivisten
mit 40 Hundebissen regelrecht zerfleischt. Die Polizei rechtfertigte
die Maßnahme und betonte, dass dieses Einsatzmittel
nur ohne Maulkorb seine volle Wirkung entfalten könne. Über
750 Menschen wurden in Gewahrsam genommen. Die Gefangenensammelstelle
war gut organisiert und ausgestattet. Lagerverwaltung ist schon lange
ein Steckenpferd der Deutschen.
Die aus Frankreich kommenden Castor-Behälter nahmen einen großen
Umweg über Hamburg, um angekündigte Aktionen in Göttingen
und Uelzen zu umfahren. Vor Lüneburg gelang es zwei Aktivisten
dennoch, den Transport durch Festketten unter den Schienen zu stoppen,
weswegen für ICE-Fahrgäste ein Ersatzverkehr mit Bussen
zwischen Hamburg und Lüneburg eingerichtet werden musste.
Der Schwerpunkt für Widerstandsaktionen auf der Strecke wurde
dieses Mal auf die letzten 70 km - von Lüneburg nach Gorleben
- ausgeweitet. Auf dem dort befindlichen Schienenabschnitt fand der
BGS drei Betonblöcke und machte sie unbrauchbar. Sie hätten
die Möglichkeit geboten, sich anzuketten und den Castor für
Stunden aufzuhalten. Auf den Schienen kam es während des Transports
nur zu kleineren Aktionen und Blockaden. Die Straßenstrecke
wurde sehr weiträumig gesperrt, die umliegenden Felder in der
Nacht vor dem Transport in Flutlichtbeleuchtung gesetzt. Wer versuchte,
durch Wald und Flur durchzukommen, konnte Polizeiknüppel, Pfefferspray
und anderes zu spüren bekommen. Gleich nachdem die letzte Straßenblockade
geräumt war, fuhr der Castor, kurz unterbrochen von einer Sitzblockade
in Quickborn, über die - mit Ausnahme von Polizeikräften
- menschenleere Strecke zügig nach Gorleben.
Unmittelbar vor und während des Transports ist es aufgrund des
riesigen Polizeiaufgebots keiner der verschiedenen - und insbesondere
den linksradikalen und autonomen - Gruppen mehr gelungen, was in den
Tagen zuvor noch möglich war: Mit vielen Menschen, Treckern und
Werkzeugen auf die Schienen und Straßen zu kommen, auf denen
der Castor schließlich fuhr, um sich zu setzen, zu buddeln,
zu schrauben, zu sägen und zu klopfen.
Der Castor-Transport war dieses Mal ein Rückschlag für die
Anti-AKW-Bewegung. Er konnte nicht aufgehalten werden, es war aufgrund
anderer politischer Ereignisse kaum möglich Öffentlichkeit
zu schaffen, und die Polizei schien alles im Blick und Griff zu haben.
Das olympische Anwachsen von Teilnehmerzahl und Disziplinen, das es
bis zum Transport im März 2001 gab, ist an Grenzen gestoßen.
In Zukunft müssen neue politische und praktische Felder eröffnet
werden. Siegesgewissheit und Übermut, die auf staatlicher Seite
vorhanden sind, führen immer zu Fehlern, aus der die Gegenseite
Profit schlagen kann; vielleicht schon beim nächsten Castor-Transport
quer durch die Bundesrepublik nach Gorleben, der voraussichtlich nach
der Bundestagswahl im Herbst 2002 stattfinden wird.
Walter Krall war
vom 10. bis 14. November 2001 im Wendland
http://www.castornix.de
http://www.polizei.niedersachsen.de/castor
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