Avantgarde
oder Elite? Vom Gebrauchswert antinationaler Kritik
Eine Entgegnung auf den offenen Bellizismus deutscher Linksradikaler.
Von Thomas Seibert
[ aus: So oder
So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 10 /Winter 2001, Seite 10 ]
Die weite
Akzeptanz antinationaler Positionen gehört zu den wenigen,
jedoch wichtigen politischen Fortschritten, die die Linke in Deutschland
in den letzten Jahren machen konnte. Mit der Debatte um die neue
Intifada und dem Aufkommen eines spezifisch antinationalen Bellizismus
ist jetzt aber eine radikale Kritik dieser Strömung notwendig
geworden, wenn der ihr zu dankende Gewinn nicht verspielt werden
soll.
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| Die
Qual der Wahl - letzte Ausfahrt für Paranoiker. Verschwörungstheorien
und Endzeitszenarien haben Hochkonjunktur auch in der Linken.
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In der Entstehung
der antinationalen Strömung bricht sich die Erfahrung, die
die Linke in Deutschland mit der nationalistisch-rassistischen Formierung
des neuen deutschen Staates machen musste. Weniger ausdrücklich
reflektiert der Antinationalismus noch drei weitere Momente des
Epochenbruchs von 1989: das der Gründung der Berliner
Republik vorausgehende Scheitern der nationalstaatlich organisierten
sozialistischen Experimente des 20. Jahrhunderts, das in der eigenen
Marginalisierung erfahrene Scheitern auch der Post-68er Neuen Linken
und das Scheitern der nationalen Befreiungskämpfe der Peripherie,
mit denen sich die Neue Linke in oft unkritischer Solidarität
verbunden hatte.
Die antinationale Kritik trifft das entscheidende Dilemma der historischen
Linken, den Widerspruch einerseits zwischen ihrem internationalistischen
Projekt, und andererseits der an den bürgerlichen Nationalstaat
gebundenen Form, in der sie dieses Projekt zu realisieren suchte.
In der Folge ihrer Orientierung auf den nationalen Staat band sich
die Linke gleich doppelt. Einmal an den Staat selbst als das für
sie entscheidende Feld des Politischen, zum anderen an die Nation
als die vom Staat erst hergestellte Form der Vergesellschaftung.
Damit wurde der strategische Bezug der Linken auf den Klassenkampf
zum Bezug auf eine nationalisierte Klasse und einen auf die Staatsmacht
gerichteten Klassenkampf. Mehr noch: Mit der Bindung an Staat und
Nation trug die Linke selbst entscheidend zur Nationalisierung sowohl
der Arbeiter/innenklasse wie der Arbeiter/innenbewegung bei. So
zerbrach schon die II. Internationale, die den Ersten Weltkrieg
noch 1913 mit einem internationalen proletarischen Generalstreik
verhindern wollte, an der freiwilligen Unterwerfung der nationalen
Arbeiterparteien unter die Kriegspolitik ihrer - feudal oder bürgerlich
regierten - Nationalstaaten.
Wenige Jahre später scheiterte das erste sozialistische Experiment
der Geschichte genau in dem Augenblick, als die Sowjetmacht und
die III. Internationale dem Aufbau des Sozialismus in einem
Land unterstellt wurden. Aus dieser Falle haben die Linke
der Metropolen und die nationalen Befreiungsbewegungen der Peripherie
sich nicht befreien können: Indem sie auf staatssozialistischem
oder sozialdemokratischem Weg die Integration der Arbeiter/innenklassen
in den jeweiligen nationalen Staat betrieben, organisierten sie
Zug um Zug die Niederlage der sozialen wie der antikolonialen Revolutionen.
Diese Niederlage mussten sie 1989 mit ihrem vorläufigen Verschwinden
aus der Geschichte quittieren, ihr Sturz riss auch die Neue Linke
mit sich.
Dass ein Neubeginn an die Überwindung ihrer Nationalisierung
gebunden ist, war und ist die historische Einsicht der antinationalen
Strömung, die eine reorganisierte Linke um den Preis abermaligen
Scheiterns nicht ignorieren darf.
Deutsche
Frage
Obwohl die antinationale
Position eine generelle Kritik der historischen Linken einschließt,
stellt sie zugleich ein spezifisch deutsches Phänomen dar.
Der Antinationalismus war auch die zeitgenössische Selbstkritik
der Linken in Deutschland, und er war die fortgeschrittenste Kritik
der Linken an Deutschland. Er reflektierte, dass die von der Mehrheit
seiner Bürger/innen willig vollstreckte Barbarei des Dritten
Reichs und deren Fortwirken im postfaschistischen Staat das Verhältnis
der Linken zu Deutschland und den Deutschen in widersprüchlicher
Weise bestimmen: dort, wo die Linke wenigstens zeitweilig gesellschaftliche
Relevanz gewann, und dort, wo ihr dies gerade nicht möglich
war und ist.
Die Akzeptanz linker Positionen in weiteren Kreisen der deutschen
Öffentlichkeit war stets an eine Zustimmung der Linken zum
nationalen Konsens gebunden. Links'nationalistisch waren nicht
nur die Sozialdemokratie und jene ML-Parteien, die das nationale
Proletariat noch in den 70er Jahren unter der Losung Für
ein unabhängiges, vereinigtes, sozialistisches Deutschland
zu organisieren suchten. Die Wiedervereinigung der deutschen Nation
war auch antiautoritären Linken wie Rudi Dutschke eine Herzensangelegenheit.
Links'-nationalistische Positionen bestimmten vielfach die
Solidarität mit nationalen Befreiungsbewegungen, und insbesondere
die wenigstens zum Teil von antiisraelischen Ressentiments durchwirkte
Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungsnationalismus.
Dieselben Ressentiments begleiteten unterschwellig die Kapitalismuskritik
und die Kritik an den USA. Dem Nationalismus der Linken korrespondierte
ein noch tiefer verankerter und zum Teil rassistisch unterlegter
Nationalismus in der Arbeiter/innen, aber auch der Umwelt- und der
Friedensbewegung.
Umgekehrt galt und gilt: Je entschiedener Linke mit Nationalismus,
Rassismus und Antisemitismus, und deshalb mit der Kontinuität
deutscher Geschichte zu brechen suchten, desto hoffnungsloser fanden
sie sich als versprengte Minderheit dissidenter Individuen. Als
die überwiegende Mehrzahl ihrer Landsleute diese dissidente
Minderheit instinktsicher als antideutsch identifizierte,
nahmen dies nicht wenige willig an und verkehrten ihre Ausgrenzung
zum Ausweis ihrer wenigstens intellektuellen Überlegenheit
über den gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang.
So verständlich diese Konsequenz vor allem lebensgeschichtlich
sein mag: mit ihr begann der Niedergang der antinationalen Strömung.
Spielten die Antinationalen in den 90er Jahren noch die Rolle einer
theoretischen und praktischen Avantgarde, zogen sie sich nun auf
die Position einer geistesaristokratischen Elite zurück. Deren
Rückversicherung bei Adorno kann seit der Debatte um die neue
Intifada, den 11. 9. und den Anti-Terror-Krieg nicht
mehr verdecken, dass die elitäre Antipolitik konsequent in
die schlechteste aller Politiken mündete, den Bellizismus.
Verdrängung
der Geschichte
In der Parteinahme
für die israelischen Panzerstoßtrupps wie für die
amerikanischen und britischen Flächenbombardements fallen die
Antinationalen hinter die wichtigste Lehre zurück, die gerade
sie der Linken erteilt haben: dass es Konflikte gibt, in denen Linke
ungebrochen mit keiner der beteiligten Parteien, sondern allein
mit deren Opfern solidarisch sein können. In den jugoslawischen
Kriegen hieß das, der NATO-Intervention ebenso wie den serbischen,
kroatischen, bosnischen und albanischen Nationalismen entgegenzutreten,
die bedingungslose Öffnung der Grenzen für alle Flüchtlinge
zu fordern und praktische Solidarität mit den Deserteuren aller
Kriegsparteien zu üben. Im Nahostkonflikt bestünde die
entsprechende Position darin, der rassistisch dominierten Scharon-Regierung
ebenso wie antisemitischen palästinensischen Organisationen
jede Solidarität zu verweigern, und sich den israelischen und
palästinensischen Gruppen an die Seite zu stellen, die between
the lines, zwischen den Linien, operieren. Dabei wären die
unterschiedslos und gerade deshalb in eliminatorischem Antisemitismus
ausgewählten Opfer palästinensischer Selbstmordkommandos
ebenso bedingungslos zu verteidigen wie die mittlerweile über
700 Aktivist/innen der Intifada, die von israelischen Militärkommandos
gezielt erschossen wurden.
Im gerade erst eröffneten langanhaltenden Krieg gegen
den Terrorismus wären die Durchsetzung eines globalen
Gewaltmonopols der USA und ihrer Verbündeten und Deutschlands
eifriges Streben nach seinem Platz an der Sonne zu denunzieren,
ohne den Taliban oder Al Qaida auch nur eine Träne nachzutrauern.
Zugleich wäre der äußeren, vor allem aber der inneren
Aufrüstung kompromisslos entgegenzutreten, die nicht zufällig
als rassistischer Angriff auf die Lebensbedingungen nichtdeutscher
Menschen in Deutschland angelegt ist. Eine entsprechende politische
Aktion könnte die Zurückweisung der Schily-Gesetze, und
hier besonders des § 129b, offensiv mit der Forderung nach
Aufhebung des Verbots der kurdischen PKK verbinden, mit dem einer
ethnisch diskriminierten sozialen Gruppe in Deutschland die politische
Betätigung untersagt wird.
Objektiv im Kielwasser der Schröder-Regierung haben sich nicht
wenige Antinationale statt dessen bedingungslos an die
Seite der Anti-Terror-Alliierten gestellt. Sie tun dies
in der durch eine Wahrnehmung der tatsächlichen Verhältnisse
völlig ungetrübten unhistorischen Übertragung, nach
der die Al Qaida zugeschriebenen Anschläge, das Regime der
Taliban, die palästinensische Intifada und tendenziell sämtliche
nationalen Befreiungsbewegungen den Antisemitismus des Dritten Reiches
bruchlos fortsetzen sollen.
Im paranoiden Weltbild der bahamas und mancher jungle world- und
konkret-Autor/innen kämpfen immer dieselben Alliierten gegen
immer dieselben antisemitischen Barbaren und versuchen dabei, immer
dieselben Opfer - die des Holocaust - zu retten. Auch Deutschland
spielt dabei immer dieselbe Rolle und lässt den Deutschen deshalb
nur eine Wahl: willige Vollstrecker des Verbrechens zu sein, oder
sich der Minderheit derer anzuschließen, die sich auf die
Seite der Alliierten stellen.
Wieder verkehren die Antinationalen das Recht ihrer Kritik in eine
elitistische Selbstüberhöhung. Hatten sie zunächst
aufzeigen können, dass sich auch Linke an der Verdrängung
des Holocaust beteiligten und darin ein Grund für die Wirkungsmacht
antisemitischer Motive in der Linken lag, so wird diese Kritik in
ihrer unhistorischen Überdrehung zum Anlass, sich selbst imaginär
vor der tatsächlichen Geschichte zu verschließen.
Diese Geschichte trägt noch immer furchtbare Züge: die,
die ihr der fortdauernde Antisemitismus und das irre gewordene Ressentiment
verleihen, aber auch die, die ihr amerikanische Bomben und israelische
Gummigeschosse und - allem voraus - die Alltäglichkeit des
globalen Kapitalismus verleihen.
Die wiederum finden einige Antinationale jetzt gar nicht mehr so
schlimm, weil sie sich nach Lage der Dinge lieber für die begrenzten
Vorteile ihrer Metropolenexistenz, als für eine kritische Solidarität
mit denen entscheiden, die für die Sicherung auch ihrer Privilegien
Tag für Tag geopfert werden - und das sind erst zuletzt und
weit abgeschlagen die Taliban.
Phase Zwei
Die Linke steht
überall auf minoritärem Posten. Gerade im Niedergang der
antinationalen Kritik aber wird ersichtlich, dass eine Überwindung
dieser Position und mit ihr eine befreiende Veränderung der
weltgesellschaftlichen Verhältnisse nicht zuletzt von dem Gebrauch
abhängen, den Linke von ihrem Minderheitenstatus machen.
Wohin die elitistische Selbstüberhöhung führt, hat
der antinationale Bellizismus gerade drastisch belegt: in die ideologische
Legitimation der Herrschaft, die als einzige in der Lage ist, den
von den subalternen Massen enttäuschten Intellektuellen
die Anerkennung zuzuweisen, die sie beanspruchen.
Eine andere Möglichkeit haben vor über 150 Jahren Marx
und Engels umrissen, als sie sich im Manifest der Kommunistischen
Partei über den Gebrauchswert ihrer Intelligenz innerhalb der
sozialen Bewegung ihrer Zeit klar zu werden suchten. Die Kommunisten,
so schrieben sie damals, sind keine besondere Partei neben
den anderen Arbeiterparteien. Sie unterscheiden sich von den
anderen Strömungen der Linken und der sozialen Bewegung nur
dadurch, dass sie einerseits in den verschiedenen nationalen
Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität
unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben
und zur Geltung bringen, andererseits dadurch, dass sie in den verschiedenen
Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie
durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten.
Hier ist genau zu lesen: in den verschiedenen nationalen Kämpfen
der Proletarier, schreiben Marx und Engels, nicht: in Entsolidarisierung
von diesen Kämpfen.
Nötig ist
jetzt eine zweite Phase der antinationalen Kritik, die deren Gehalt
in einen erneuerten Internationalismus und einen - was sonst eigentlich,
gerade heute? - erneuerten Antiimperialismus einschreibt. Dies wird
das Verhältnis der Linken zu nationalen Befreiungsbewegungen
zweifellos verändern. Einerseits wird Solidarität nicht
mehr unterdrückten Völkern als solchen gelten
können, weil Völker in den staatlich strukturierten
und sozial umkämpften Prozessen ihrer ideologischen Konstruktion
aller erst geschaffen werden. Aus demselben Grund werden Forderungen
nach nationaler Selbstbestimmung nicht unbesehen unterstützt
werden können.
Andererseits kann Palästinenser/innen, Kurd/innen, Bask/innen
oder Sahrauis, die als solche besonderen Herrschaftsverhältnissen
unterworfen sind, die bitter benötigte Solidarität nicht
aufgrund der theoretischen Einsicht in den ideologischen Charakter
von Vergesellschaftungsformen und Identitätspolitiken versagt
werden.
Im Falle Osttimors beispielsweise war der eigene Nationalstaat die
politische Form, die den Menschen dort die Befreiung von rassistischer,
kolonialistischer und religiöser Unterdrückung ermöglichte.
Dass dessen Staatsbürger/innen ihre Befreiung von anderen,
etwa an Klassenposition oder Gender gebundenen Herrschaftsverhältnissen
jetzt gegen diesen Staat durchsetzen müssen, macht dessen Gründung
nicht rückwirkend zum Fehler.
Die Grenzen
der Solidarität können immer nur in konkreten Analysen
der spezifischen sozialen Situation bestimmt werden. Metropolenlinke,
die im Unterschied zu den Bewohner/innen etwa der palästinensischen
Flüchtlingslager im Libanon über die Rechte verfügen
können, die ihnen ihre Staatsbürgerschaft trotz allem
einräumt, sollten ihr Urteil wenigstens im Dialog mit denen
fällen, über die sie urteilen.
[ © So
oder So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]