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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 10 - Winter 2001 - Seite 8
Vernebeltes Licht
[ Inhalt Nr. 10.]
Vernebeltes Licht
Zwangsernährung im Hungerstreik: Das Tagebuch einer Gedächtnislosigkeit.

[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 10 /Winter 2001, Seite 8 ]

Frage: „Werden Sie auch Luftlandekräfte einsetzen?“
Antwort: „Jede Art von Einsatz ist möglich. Unser Kampf hat begonnen. Machen Sie sich keine Gedanken, er wird in kürzester Zeit beendet werden... Wir gehen rein, und wenn es notwendig ist, machen wir alles platt.“
Nicht auf einer Pressekonferenz im Pentagon, sondern am Rande einer Straßensperre in Istanbul spielte sich dieser Dialog ab. Auch nicht Afghanistan war das Einsatzziel, sondern ein kleines Stadtviertel an den Ufern des Bosporus. Hasan Özdemir, Polizeichef von Istanbul, erläuterte am Morgen des 5. November mit diesen Worten fragenden Journalisten das blutige Szenario, welches sich wenige Stunden später abspielen sollte: die „Eroberung“ von Kücük Armutlu. Räumpanzer und Bulldozer hatten das Viertel bereits in aller Frühe eingekesselt. Am Mittag dann stürmten 1.000 Polizisten mit Schusswaffen und Gasbomben eine zuvor von Bewohnern des Viertels errichtete Barrikade an einer abschüssigen Straße, hinter der zwei kleine Häuser lagen, in denen sich TAYAD-Angehörige im Hungerstreik befanden.
Die hungerstreikende Sultan Yildiz, die der Einsatzleiter im Polizeifunk kurz zuvor als „Rädelsführerin“ bezeichnet hatte, wurde mit einem gezielten Kopfschuss hingerichtet. Zwei weitere Mitglieder des Angehörigenvereins (TAYAD) starben in den Flammen der brennenden Häuser. Ein Anderer stellte sich den Panzern in den Weg und rief: „Stoppt das Massaker, oder ich werde mich selbst verbrennen!“ Dann zündete er sich an und lief auf die angreifenden Einheiten zu. Er wurde mit mehreren Kugeln niedergestreckt. Zwölf weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt und verhaftet (siehe Foto).

Auch drei Wochen später ist das Viertel weiterhin besetzt. Eines der ehemaligen „Widerstandshäuser“ von TAYAD ist jetzt eine Polizeistation, auf dem nahen Hügel wurde die türkische Fahne gehisst. In Kücük Armutlu, wo 3.500 Menschen leben, sind noch immer ca. 500 Polizisten im ständigen Einsatz; d.h. auf sieben Einwohner kommt ein Polizist. „Hier ist nicht Palästina, hier ist Istanbul“ hatte am Tag der Militäroperation die Schlagzeile der Sabah gelautet, mit der das Massenblatt das rebellische Viertel in Anspielung auf die Intifada zur Zielscheibe erklärte. Angesichts der andauernden Militärpräsenz wohl doch ein Fehlurteil.

„Jeden Tag beginne ich mit einem Erinnerungsvermögen, das so weiß und leer ist wie dieses Papier. Wenn die Stunden verstreichen, ich spreche und zuhöre, erfahre ich wieder und wieder, wer und wo ich bin und warum ich so bin... Und jeden Tag, bei jedem Blick in den Spiegel mache ich von neuem die Bekanntschaft mit mir selbst. Ich habe damit angefangen, mich vor dem Schlafen zu fürchten, denn ICH VERGESSE.“

Diese Sätze stammen aus dem jüngst in der Türkei erschienen Buch „Puslu Aydinlik“ (in etwa: Getrübte Helligkeit oder Vernebeltes Licht). Es erzählt die Geschichte von Ismail H. Sadic und ist Protokoll eines Ringens um sich selbst, von dem Ismail H. Sadic nach erlittener Zwangsernährung am 129. Tag seines Todesfastens berichtet und von dem Willen, sich sein Gedächtnis zu bewahren. In diesem in Buchform gebrachten Tagebuch wird der Leser nicht nur mit den Erlebnissen des Autors konfrontiert, sondern er taucht auch unwillkürlich ein in das „Land der Menschen mit verlorenem Gedächtnis“, er stößt auf die Menschen, die ihr Gedächtnis beharrlich schützen wollen vor denjenigen, die es ihnen wegnehmen wollen.
Die Geschichte von Ismail H. Sadic gleicht den Erlebnissen unzähliger Anderer in diesem nicht enden wollenden Hungerstreikkampf. Ismail Sadic wird nach über 100 Tagen Hungerstreik und in einem Zustand völliger körperlicher Auszehrung aus dem Gefängnis zur Zwangsernährung in die Medizinische Fakultät Edirne verbracht. Die ersten Anzeichen für die Schädigung des zentralen Nervensystems werden bei ihm ignoriert und die notwendige Behandlung nicht durchgeführt. Er erkrankt nach einem Eingriff während der Zwangsernährung an dem „Wernicke-Korsakoff-Syndrom. Damit ist er verurteilt, bis zu seinem Lebensende in Abhängigkeit von Anderen mit einem funktionsgestörten Gehirn zu leben. Ismail Sadic kommt nicht nur zurück ins Gefängnis, er tritt überdies ein ins „Heer derjenigen, die im Todesfasten ihr Gedächtnis verloren haben“.

Warum lebe ich!

Sein „Vernebeltes Licht“ besteht aus Instruktionen, die er jeden Tag an sich selbst richtet, und die nicht die geringste Elastizität aufweisen. „Halte dich an das tägliche Programm. Sobald der Hof aufgeschlossen wird, geh auf und ab. Schlaf nicht, leg dich nicht hin; denn wenn du dich hinlegst, schläfst du - und vergisst. Vergiss auf keinen Fall jeden Tag aufzuschreiben, was du gemacht hast. Die Zählung findet um acht Uhr statt. Wach unbedingt um halb acht auf. Abend wird es um 20 Uhr. Und wieder - schlaf bloß nicht ein.“ Das sind nur einige der Befehle, die Ismail Sadic an sich selbst richtet. Das Tagebuch dokumentiert auch Fragen, die Ismail sich selbst stellt. So schreibt er am 9. Mai diesen Jahres: „Es heißt, ich habe 129 Tage das TF (=Todesfasten) gemacht. Warum habe ich das getan, also FRAG was unsere Forderungen waren.“ Am 10. Mai notiert er folgendes: „Erlauben sie mir das TF nicht, weil ich vergessen könnte, dass ich im TF bin, und essen wollen könnte? Habe ich selbst das TF abgebrochen. Warum lebe ich.“
„Es gab zwei wichtige Gründe dafür, Tagebuch zu führen“, sagt Sadic; „Erstens im Todesfasten immer das Bewusstsein lebendig zu halten. Zweitens, in der Isolation, in der das Leben immer gleich war, außerhalb der Verhältnisse zu sein.“
Das Schreiben eines Tagebuches ist für Ismail Sadic das Mittel der eigenen Kontrolle, der Entwicklung und Reproduktion. Gleichzeitig macht er es zu seinem Gedächtnis.
„Puslu Aydinlik“ ist daher auch das Manifest eines Lebenswillens, dessen Zähigkeit und Zerbrechlichkeit schon alleine darin besteht, sich selbst tagtäglich erneut seiner eigenen Existenz vergewissern zu müssen. Nur die Erinnerung an sich selbst eröffnet die verstandesmäßige Chance, einen nächsten Tag erkennen und erleben zu können. So wird man durch das Lesen zum Teilhaber einer Zeit, eines Vermächtnisses dieser Zeit, deren Ende unabsehbar scheint, deren Tragödien, Zusammenbrüche, aber auch Hoffnungen noch nicht abgeschlossen sind.
Ismail Sadic ist zur Zeit nicht in Haft, sondern „vorübergehend“ entlassen. Das Justizministerium gewährte ihm aufgrund seines Zustandes eine erste Frist von sechs Monaten Haftaussetzung. Er lebt jetzt gemeinsam mit drei Freunden, die ebenfalls unter „Wernicke-Korsakoff“ leiden, in einer Wohnung in dem Istanbuler Stadtteil Kurtulus. Was der eine nicht schafft, erledigt der andere, was der andere nicht kann, macht der nächste. Gülnur Kurucay wurde am 135. Tag seines Hungerstreiks im Gefängnis Gebze zwangsernährt, Hasan Cepe im F-Typ-Gefängnis Sincan. Hasan kann keine Bücher lesen. Denn nach der Hälfte einer Seite hat er den Anfang vergessen. Ömer Ünal wurde mit eigenen Worten „wahrscheinlich am 120. Tag der Aktion“ zwangsernährt. „Alles kommt mir sonderbar vor“, sagt Ömer, „wie im Traum... wie im Schlaf... Seit einem Monat bin ich ein bisschen aufgewacht. Aber auch dessen bin ich mir nicht so ganz sicher.“

Rehabilitation

Die Türkische Menschenrechtsstiftung (TIHV) behandelt seit geraumer Zeit Gefangene, deren Gesundheit durch das Todesfasten oder die staatlichen Gewaltexzesse in den Gefängnissen geschädigt ist. Bis jetzt wurden allein aufgrund des aktuellen Hungerstreiks bei der TIHV 214 Anträge auf Behandlung gestellt. Davon alleine 156 bei der Zweigstelle in Istanbul. Jeden Tag kommen weitere hinzu. Als Folge des Hungerstreiks treten insbesondere der Verlust der Hör- und Sehfähigkeit und des Gehvermögens als Folge der Schädigung des zentralen Nervensystems, sowie Funktionsstörungen bis hin zum vorübergehenden oder dauerhaften Gedächtnisverlust als Folge der Schädigung des Immunsystems auf. Trotz der freiwilligen Arbeit der TIHV-Mitarbeiter/innen verursacht eine Behandlung Unkosten. Im Schnitt benötigt eine Person 1,5-2 Mrd. TL (2.000 - 2.700 DM), bei Verbrennungen betragen die Behandlungskosten pro Person mindestens 15 Mrd. TL (20.000 DM). Bis zum 1. November versorgte die TIHV 280 Überlebende des Todesfastens. Die lebenswichtige Behandlung droht nun mangels Geld eingestellt zu werden. Vor kurzem wandten sich daher ca. 250 Intellektuelle, Künstler und Menschenrechtler (unter ihnen Zülfü Livanelli, Esber Yarmurdereli, Eren Keskin, Erkan Ogur) in einem Appell an die türkische und internationale Öffentlichkeit, und riefen als „Freiwillige der Stiftung“ zu Spenden auf, damit das Behandlungsprogramm weitergeführt werden kann: „Um diejenigen, die am Leben geblieben sind, Leben zu lassen.“

Kontaktadresse (englisch/türkisch)
TIHV-Istanbul
Hocazade Sok. No: 8, Beyoglu
Tel: +90 212 249 30 92
eMail: ihvist@turk.net
Webseite: www.tihv.org.tr

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