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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 10 - Winter 2001 - Seite 6/7
Der amerikanische Dschihad
[ Inhalt Nr. x.]
Der amerikanische Dschihad
Der fundamentalistische Kapitalismus erklärt den Ungläubigen der Welt den Krieg

[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 10 /Winter 2001, Seite 6/7 ]

„Wir waren traurig, als das Pentagon getroffen wurde, aber wir wollen noch ein Flugzeug, das die Araber erfreut.“
(aus dem aktuellen Hit des libanesischen Sängers Chaabane Abdel-Rahim)

„In der Woche nach den grausamen Anschlägen tötete die israelische Armee etwa zwanzig Palästinenser. Niemand hat es auch nur zur Kenntnis genommen, sagte einer unserer Minister sichtlich zufrieden. Dann kam der jüdische Neujahrstag. Ich wanderte in meiner Wohnung umher, zwischen dem Bett meines kleinen Sohnes und dem Fernseher mit seinen nervenzerfetzenden Nachrichten. ‚Papa, sie sagen, dass der nächste amerikanische Krieg gut für uns ist. Stimmt das?' Für uns - wer ist das? Die Menschen, die in Kabul, New York, Tel Aviv leben? Oder in Ramallah? Und wer sind ‚sie', die das sagen? Die Toten in New York? In Bagdad? In Gaza? In Jerusalem?“
(Jitzhak Laor, Jerusalem)

Der 11. September katapultierte rund um den Globus eine Vielzahl von Stellungnahmen und Interpretationen. Viele davon – zumeist im Westen – sind bereits schon wieder Makulatur. Schnell geschrieben, unter dem ersten Eindruck des Schocks, wurden sie von den sich beschleunigenden Ereignissen überholt. Dem moralischen Entsetzen und der grenzenlosen Verurteilung im Westen, entspricht eine unüberhörbare Schadenfreude auf der anderen Seite im Süden angesichts der eigenen Erfahrungen mit der Zerstörungskraft der amerikanischen Supermacht. Dabei macht die moralische Leichenzählerei, die die tagtäglichen Hungertoten gegen die Opfer von New York und Washington aufrechnet, so wenig Sinn, wie der Versuch hinter den Anschlägen doch noch die heiße Spur zu CIA oder Mossad zu finden. Während Letzteres ins Reich der Verschwörungstheorien gehört, ist Ersteres im Grunde genauso geschmacklos wie die nachträgliche Rechtfertigung des Dauerbombardements gegen Afghanistan mit der Unterdrückung der Frauen und dem Elend der Menschen dort.

Die Attacken waren ein tiefer Schnitt ins Herz der westlichen Metropolen. In ihr offenbarte sich ein Gegner, der weder der politischen Rationalität der früheren Methode der metropolitanen Stadtguerilla folgt, noch in der Wahl seiner Mittel wie in der Auswahl seiner Ziele besonders zimperlich ist. Und die in unserer Gesellschaft übliche Kosten-Nutzen-Rechnung geht hier nicht mehr auf. Die Täter wussten von vornherein, dass sie sterben werden. Das war Voraussetzung, um die Anschläge so zu machen, wie sie gemacht wurden. Politisch ist die Sache eindeutig: Diejenigen, die für die Aktionen verantwortlich sind, wollten den Krieg, ihren „Heiligen Krieg“. Deswegen wurden die Symbole wirtschaftlicher und militärischer Macht der USA angegriffen und mit ihnen der Mythos ihrer Unverletzbarkeit im eigenen Land. Dem imperialen System, dessen totalitäre Macht unangreifbar schien, antworteten die Todespiloten mit der finalen Aktion, die sich jedem Tauschwert entzieht. Das war Fanal und erhoffte Initialzündung zugleich. Adressiert an die Massen, nicht nur, aber vor allem in der arabischen und islamischen Welt. Und noch etwas ist eindeutig: Wer das Pentagon angreift und die Twin Towers flach legt, weiß, dass auch die Gegenreaktion nur Krieg sein kann. Alles andere wäre naiv.

Das Durchstoßen der Zwillingstürme mit entführten Passagierflugzeugen, die Feuerbälle der Explosion, die Menschen, die voll Verzweiflung aus dem Fenster springen, das Zusammenklappen der Hochhäuser, diese Bilder drangen mit ungeheurer Gewalt in das kollektive Bewusstsein der US-amerikanischen Gesellschaft. Viele übersetzten das, was sie sahen, mit Hollywood. Jedenfalls im Westen. Weil jeder Vergleich fehlt und der, der sich anbietet, direkt aus der virtuellen Erfahrungswelt der Traumfabrik kommt. Das Massaker als Katastrophe von Außen – aus den Tiefen jenseits der Grenzen des American Way of Life. Das metropolitane, auf sich selbst zentrierte Bewusstsein kann den 11. September nicht wirklich entschlüsseln: „Monumentaler Kampf des Guten gegen das Böse“, „Kreuzzug“, „Unendliche Gerechtigkeit“... Das erschreckendste an diesen Phrasen ist letztlich nur ihre komplette Ahnungslosigkeit und Irrealität. Einen Tag später sind landesweit in den USA die Waffengeschäfte leer gekauft. Eine Woche später zählt der „Rat für islamisch-amerikanische Beziehungen“ über 350 Übergriffe gegen (vermeintliche) Muslime. Darunter mindestens drei Tote. Knapp vier Wochen später beginnt der militärische Angriff auf Afghanistan. „Im kleinbürgerlichen Universum“, sagt Roland Barthes, „sind alle Fakten der Konfrontierung solche der Rückstrahlung, jedes Andere wird auf dasselbe zurückgeführt.“

Deutschland im Herbst II: Konsens ist angesagt. Schröder: „Anschlag auf unsere Werte und auf unsere Freiheit“. Struck: „Wir sind alle Amerikaner“. Und wem das nicht genug ist, sucht sein Heil bei deutschen Antinationalen, die die amerikanischen Militärschläge marxologisch als Eintritt „aus der ‚Vorgeschichte' in die ‚Geschichte'“ ideologisieren. Was sich allerdings unter dem ersten Eindruck der Attentate noch als Weltgemeinschaft der „Neuen Mitte“ artikulierte, beginnt unter dem Druck konkurrenter Verhältnisse und partikularer Interessen wieder auseinander zu streben. Aber so einfach wird es diesmal nicht zu haben sein. Weder weltpolitisch: „Jedes Land in jeder Region muss sich jetzt entscheiden: Entweder Sie stehen auf unserer Seite oder auf der der Terroristen“ (Bush im US-Kongress), noch im deutschen Innern: „Die Grünen müssen jetzt Regierungsfähigkeit beweisen - unter härtesten Bedingungen“ (Wolfgang Clement).

Die Talibanisierung der Welt

Die Bombardierung Afghanistans war erst der Anfang. Davon redet die US-Regierung ganz offen: „Eine lange globale Kampagne“, die über die Taliban und Al Qaida hinaus gehen wird. Eine militärische Kampagne, ein fließender („liquid“) Krieg, dessen Angriffsziele früher auch mal die „Slums der Weltpolitik“ genannt wurden, die nach dem 11.9 allerdings nur noch als „Schwarze Löcher der Ordnungslosigkeit“ (Fischer) gelten. Eine Klassifizierung, deren Begrifflichkeit letztlich einen genuin faschistoiden Grundgedanken offenbart: Der Slum war noch ein Synonym für Armut, und damit zugleich auch Beweis realer von Menschenhand verursachter Ausbeutungsverhältnisse; „Schwarze Löcher“ hingegen kennen weder die menschliche Existenz noch irgendwelche gesellschaftlichen Verhältnisse. Per Definition sind sie das vollkommene Nichts, welches alles außerhalb Befindliche ebenfalls in Nichts zu verwandeln droht. „Afghanistan... dieser schwarze Fleck der Ordnungslosigkeit braucht eine Vollreinigung“ (FAZ) – wo der Mensch zum Nichts wird, nimmt der Krieg den Charakter fundamentaler Auslöschung an.

In rund 68 Staaten vermutet das State Department die „Metastasen“ von Al Qaida – viele davon „Versagerstaaten“ wie der Kongo und Sierra Leone. Ganz vorne auf der Agenda für weitere Militärschläge steht die Region um das Horn von Afrika: Somalia, der Sudan, sowie der Jemen – alles Staaten „exportierender Instabilität“ (Rumsfeld), die laut der Bush-Administration einen neuen Kolonialismus brauchen. Und die Ausweitung des amerikanischen Kreuzzuges auf den Irak scheint nur noch eine politisch-taktische Zeitfrage zu sein.

Kurz vor Beginn der Angriffe wurde auf dem Flugzeugträger Kitty Hawk in einer feierlichen Zeremonie jene amerikanische Flagge gehisst, die zuvor im Trümmerfeld der Twin Towers wehte. Und die ersten Tomahawk Cruise Missiles Richtung Afghanistan trugen die Namen toter Feuerwehrmänner aus New York. Ideologisch betrachtet ist dieser Krieg für die USA ein anderer als der gegen den Irak, in Somalia oder gegen Jugoslawien. Seine Legitimation leitet sich nicht aus für die eigene Bevölkerung relativ abstrakten Zielen her, sondern als Abwehr der unmittelbaren Bedrohung des Kapitalismus, seiner Kultur und weißen Erscheinungsform, sprich: der metropolitanen Lebensweise. In den ersten Meinungsumfragen schnellte die Kriegsbereitschaft auf über 80 Prozent. Auch um den Preis eigener Verluste werden die Taliban zu Staub gebombt und Osama bin Laden auf die eine oder andere Art massakriert.
Kanzler Schröder hat es auf den Punkt gebracht: „Wir verteidigen unsere Art zu leben, und das ist unser gutes Recht.“ Da ist die Richtung, die ab jetzt Realität sein soll: Direktes militärisches Engagement Deutschlands beim Aufbau einer internationalen Ordnung, die mit den eigenen Großmacht-Interessen kompatibel ist. Fischer: „Deutschland darf nicht abseits stehen...Wir sind zu groß und zu wichtig.“ Brachte der Krieg gegen Jugoslawien den Durchbruch Deutschlands zur politischen Führungsmacht in Europa, so wird dieser den Anspruch weltweit auf die Tagesordnung setzen. Der zweite Krieg im dritten Jahr Rot-Grün: Nach elf Jahren Wiedervereinigung ist der Endsieg über die eigene Vergangenheit greifbar nahe.

Von Berlin bis Kabul

Am 16. November reihte sich Deutschland mit vorläufig 3.900 Bundeswehrsoldaten ein in die Antiterror-Front. Einsatzraum: Arabische Halbinsel, Mittel- und Zentralasien und Nordostafrika: Marinekreuzer als imperiale Kaperflotte vor die Küste Somalias, Lazarettverbände ins türkische Incirlik. Die Option auf den Bodeneinsatz in Zentralasien bleibt bestehen. Zwischen den ressourcenreichen Staaten Zentralasiens und Europa sind zwar 4.000 Kilometer, wenn die europäische Ost-Expansion im Verbund mit der Nato-Erweiterung aber vollzogen ist, liegt zwischen Berlin und Kabul als einzige Hegemonialmacht nur noch die Russische Föderation. Die geostrategische Bedeutung der Region Zentralasiens wird künftig die politische, ökonomische und sicherheitspolitische Bedeutung übertreffen. Noch hat keine imperiale Macht die Region als ein Gebiet von vitalem Interesse definiert: die historische Chance des EU-Expansionismus, das „great game“, den alten hegemonialen Kampf des 19. Jahrhunderts zwischen Russland und Großbritannien um die Kontrolle der gesamten Region wieder aufzunehmen - und diesmal endgültig für sich zu entscheiden. Es geht um Märkte, Arbeitsplätze, Energie, Pipelines, politischen Einfluss und militärische Operationalität: „Der EU ist daran gelegen, die Energieimporte durch die Erschließung der Erdöl- und Erdgasreserven in der zentralasiatischen und kaspischen Region zu diversifizieren.“ (Papier des Planungsstabes des Außenministeriums)
Schröders Vertrauensfrage an die Grünen war dabei nur konsequent. Ein bisschen Frieden, ein bisschen Weinen und dann business as usual, diese Zeiten sind im Bündnisfall vorbei – definitiv und unwiderruflich.

Krieg mit allen Mitteln

Eine der großen Bruchstellen innerhalb der imperialistischen Sicherheitsarchitektur war und ist der „Nahe“ und „Mittlere Osten“. Nirgendwo sonst sind die sozialen und politischen Widersprüche dermaßen explosiv aufgeladen wie hier, und ein Militäreinsatz dieser Größenordnung beinhaltet nicht kalkulierbare Risiken, die weit über Afghanistan hinausreichen. Davon gehen auch die militärischen Stäbe des Pentagon und der NATO aus. Folgerichtig wird der Einsatz militärischer Gewalt durch den harten Einsatz finanzieller und politisch-diplomatischer Mittel flankiert, um langfristig zu einer Absicherung imperialer Interessen zu kommen. Was in den ersten Wochen nach dem 11. September, neben der für die militärischen Operationen notwendigen Vorlaufzeit, als amerikanische Besonnenheit kolportiert wurde, hat allein darin seinen Ursprung.

Daher stellt sich die Frage, was die Parole: „Gegen Krieg! Für eine politische Lösung!“ meinen soll, wie sie von Friedensgruppen proklamiert wird. Zumal in den westlichen Regierungsetagen permanent und ausdrücklich auch von Dialog, Befriedung regionaler Konflikte usw. die Rede ist. Ganz bewusst setzt die US-Regierung nicht allein auf die verheerende Wirkung ihrer „fliegenden Artillerie“. Es geht nicht nur um Vergeltung, und schon gar nicht um blindes Losschlagen. Schon während des Kalten Krieges folgte die westliche Sicherheitspolitik einer Gesamtstrategie, in der die militärische Komponente zwar dominant war, aber nie für sich alleine stand.
„Enduring Freedom“ - insoweit im Westen nichts Neues. Und auch der Kampf gegen den „internationalen Terrorismus“ hat schließlich nicht erst am 11. September 2001 begonnen. Seit 1945 richtete er sich vor allem und zuerst einmal gegen die revolutionäre Linke und die antikolonialen Kämpfe im Süden. Aber auch Bin Ladens Netzwerk ist spätestens seit den Anschlägen 1998 auf die amerikanischen Botschaften in Tansania und Kenia im Visier der US-Counterstrategie.

Die islamistische Internationale

Während des Kalten Kriegs betrieb der CIA auch die partielle Finanzierung und Ausrüstung islamistischer Gruppen, wie eben jener von Osama Bin Laden, als Konterguerilla gegen das rote Kabul und den sowjetischen Krieg in Afghanistan. Der Zusammenbruch der globalen Kräftekonstellation nach 1989 ließ solche Gruppen dysfunktional zur US-Strategie werden. Den gesellschaftlichen Zerfall und die zunehmende Bedeutungslosigkeit emanzipatorischer Bewegungen in der gesamten islamischen und arabischen Welt ausnutzend, wuchsen die heiligen Krieger zu einem gewichtigen Faktor in der Region heran. Ihre antiwestliche Rhetorik und Aktionsbereitschaft führt ihnen Anhänger vor allem aus den verarmten Unterschichten zu. In Pakistan wird Bin Laden mittlerweile wie ein Popstar verehrt. Sein Konterfei ziert T-Shirts wie einst das von Che Guevara. Und seit dem Fall der Twin Towers ist dort „Osama“ der am häufigsten gebrauchte Vorname für neugeborene Jungen. Der politische Islam, eigentlich ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Gruppen und Organisationen, unter denen es im Konkreten jede Menge Widersprüche und sogar regelrechte Feindschaften gibt, ist keineswegs ein Wiedergänger längst vergangener Zeiten. Historisch betrachtet ist er eine relativ junge Bewegung, die Ende der 20er Jahre in Ägypten entstand. Zielten die Muslimbruderschaften anfangs auf eine moralische Erneuerung der islamischen Gesellschaften, so transformierten sie sich ab den 70er Jahren - mit wachsender Popularität - in eine eigenständige politische Bewegung, deren Praxis sich gegen die Emanzipation der Frauen genauso richtet wie gegen die organisierte Linke. Die mythenumwobene Stärke der Gotteskrieger aber manifestierte sich vor allem im Abzug der Russen aus Kabul. Nach dem Sieg der islamischen Revolution im Iran, der ersten weder sozialistischen noch kapitalistischen Revolution des 20. Jahrhunderts, wurde Afghanistan zum 'Spanischen Bürgerkrieg' einer sich entwickelnden islamistischen Internationalen – mit dem entscheidenden Unterschied, dass hier die scheinbar Schwächeren gewannen. Der Sieg der grünen Internationale gegen „die Gottlosen und roten Teufel“ war eine der konstitutiven Erfahrungen des militanten Fundamentalismus. Daher: nicht ihre vermutet apokalyptische Finanz- und Feuerkraft ist das qualitativ neue an Al Qaida und Osama bin Laden, sondern dass es hier erstmals einer islamistischen Gruppe gelang, sich selbst vollständig aus den Fesseln von Nation und Staatlichkeit zu lösen. Hier liegt das entscheidende politische Moment, das den Sprung zur Internationalisierung des Dschihad erst ermöglichte, und seinen grundlegenden Antagonismus für den Westen so gefährlich macht.

Das Abendland ist Gott

Was kommt nach dem Krieg gegen Afghanistan? Wer kann diese Frage beantworten? Schröder? Fischer? Sabine Christiansen? Das Problem ist, dass sich im Imperialismus der bekannte Satz von Clausewitz umgekehrt hat, und die herrschende Politik nur noch die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist. Rückblickend markiert das Jahr 1991, das mit dem 2. Golfkrieg begann und dann im Zeichen der sich entwickelnden jugoslawischen Krise stand, den Beginn eines zunehmenden militärischen Krisenmanagements zur Stabilisierung der erodierenden Grundlagen des jetzt weltweit durchgesetzten Kapitalismus. Seit diesem Zeitpunkt wurde definitiv keine militärische Aktion der imperialistischen Staaten in ihrem Sinn erfolgreich abgeschlossen. Ziele die erreicht werden sollten, wie in Somalia, wurden fallengelassen, weil sie so nicht erreicht werden konnten. Militärische Interventionen in Krisenherde metastasierten zu weiteren Krisenherden, wie es die Zerfallskette Bosnien, Kosovo und Mazedonien beweist.
Die weltweite Entwicklung ist geprägt von einer tiefgehenden Krise. Und die ist nicht nur ökonomischer Art. Der Zusammenbruch des Staatssozialismus war augenfällig. Dass das aber im gleichen Maße seit bald 30 Jahren für ihr eigenes System gilt, können die Fundamentalisten der freien Märkte nicht begreifen. Sie haben ihre eigene Lesart der Welt. Glauben! Nicht unbedingt an Gott, aber daran, dass sich Harmonie einstellen wird, wenn das Böse ausgerottet ist. Als würde die Bekämpfung und Abwehr selbst produzierter Zerstörungen nicht unaufhaltsam gegenläufige Entwicklungen hervorrufen. Der gesellschaftliche Zerfall ist heute in der Peripherie soweit fortgeschritten, dass Krieg zu einer neuen Form des Überlebens geworden ist, als scheinbare Lösung der eigenen prekären Lage und kollektive Antwort auf die grassierende Lebensunsicherheit. Afghanistan ist dafür ein Beispiel, aber beileibe nicht das einzige. Eine Tatsache, die auf niedrigerer Stufe heute genauso für die Vorstädte der großen Metropolen gilt. Die imperialistische Intervention verschärft nur diese Widersprüche – ohne Lösung, ja nicht mal ohne Aussicht auf Befriedung der Situation. Man braucht nicht viel Fantasie, um zu sehen, dass die Zukunft Afghanistans in einem indirekt von den USA und den europäischen Kernstaaten dominierten Protektorat liegen wird.

Der neue Kolonialismus

Der 11. September und seine Folgen wird die objektiven Bedingungen für emanzipatorische Politik neu bestimmen. Das ist momentan noch am augenfälligsten an den innenpolitischen Diskussionen und Entscheidungen hier wie auch in den übrigen EU-Staaten ablesbar. Die Zukunft gehört der digitalen Zitadellenkultur, einer weißen Hochsicherheitsgesellschaft, in der ohne Ausnahme alle biometrisch erfasst werden.
Analog dazu die internationale Situation. Die auf allen Ebenen gestartete Offensive kann nur als Klärung der Verhältnisse verstanden werden. Der ehemalige Außenminister der USA Henry Kissinger: „Im Krieg gegen den Terrorismus geht es nicht nur darum, Terroristen dingfest zu machen. Vor allem bietet sich die Gelegenheit, die Weltbühne neu zu besetzen.“ Amerika beantwortet damit die Frage, wer auch zukünftig das Sagen haben wird in der One World. „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“ – es ist dieser Fundamentalismus, der die Lebenslinien ganzer Regionen neu bestimmen wird.
Bereits vor den Angriffen in New York und Washington wurde in reaktionären Think Tanks darüber nachgedacht, wie die USA die unruhige Welt in Zeiten der Globalisierung disziplinieren kann. Essenz: Schon längst findet, weit unter der allgemeinen Wahrnehmungsschwelle gelegen, ein Krieg statt, der das amerikanische Empire bedroht, und dessen regionale Unruheherde, wie die in der Globalisierung zerfallenden afrikanischen Staaten oder oppositionelle Nationen, nicht toleriert werden können. Amerika will einen neuen Kolonialismus. Das Wall Street Journal übersetzt: Die USA und seine Verbündeten werden antiwestliche Staaten nicht nur besetzen, sondern verwalten müssen. „Dazu gehören eventuell nicht nur Afghanistan, sondern der Irak, Sudan, Libyen, Iran und Syrien“.

Bush meint was er sagt: „Unser Krieg wird erst zu Ende sein, wenn jede weltweit operierende terroristische Gruppe aufgespürt, gestoppt und vernichtet sein wird.“ Folgerichtig werden in jener berühmt-berüchtigten Liste des US-Außenministeriums revolutionäre Organisationen aus allen Kontinenten, von ETA über PFLP bis zur PKK und FARC, aufgeführt. Wer die Weltbühne neu besetzen will, muss die zerbrechende Weltordnung und ihre Negation im eisernen Korsett der Konterrevolution zusammenpressen. Das Niveau dieser Konfrontation ist evident. In jedem Land, auf jedem Kontinent, in jeder gesellschaftlichen Auseinandersetzung: Krieg als Weltinnenpolitik.
Das Monopol einer einzigen gottgleichen imperialistischen Macht, die totalitäre Konzentration aller Funktionen im technokratischen Apparat und ein Krieg mit allen Mitteln kennzeichnet die Situation. Sie reproduziert die Widersprüche – weltumfassend, und dabei die letzten, von Herrschaft, Ausbeutung und Plünderung noch nicht vollständig zerrütteten Räume zerstörend. Es ist diese Hybris und Totalität des amerikanischen Dschihad, gegenüber dem sein islamistisches Pendant, trotz entschlossener manpower und mancher technischer Raffinesse, in seiner Unterlegenheit fast schon wieder sympathisch zu werden droht. Als Grund allerdings, die „grünen Khmer“ der Al Qaida dafür zu mögen, reicht das nicht aus. Der Kapitalismus produziert zwar seine eigenen Totengräber; aber deren Gesichter sind möglicherweise sehr verschieden von denen der Verdammten dieser Erde, die in Elend und Armut leben.

[ © So oder So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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