|
So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 10 -
Winter 2001 - Seite 5
|
|
|
|
Sean
Mc Guffin: Dekommissionierung - was hat es damit auf sich, Alfie?
|
|
|
Dekommissionierung
Was hat es damit auf sich, Alfie?
Die Entmilitarisierung einer irischen Armee. Eine Betrachtung von Sean
McGuffin
[ aus: So oder
So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 10 /Winter 2001, Seite 5 ]
Am
Anfang war Wasserstoff, und Wasserstoff brachte die Sterne hervor,
und die Sterne brachten alle gesegneten Dinge hervor, darunter,
in einem Augenblick der Abirrung, die Engländer.
In der guten alten
Zeit, bevor überhaupt die Ironie erfunden worden war und bevor
die irische Geschichte in die schmutzigen Klauen bezahlter Revisionisten
wie Roy Foster geriet, wurde uns gelehrt, dass die Wikinger an unseren
Gestaden landeten, um sich eine Tasse Zucker zu borgen, und dass sie
ein wenig sauer gewesen seien, als ihnen niemand Zucker geben wollte.
Diese Lehre hat sich als unwahr erwiesen. Sei's drum. In den späten
1960er Jahren waren meine Genossen und ich jung, unbedarft und voller
Träume:
Vor tausend
Jahren
Schlossen wir uns der Volksarmee an,
Um für Gerechtigkeit zu kämpfen,
Gegen die Macht
Eines grausamen, unerbittlichen Feindes.
Wir waren Kids nur mit Kalaschnikows,
Und es heißt, die Guten sterben jung.
Doch nun besitzen alte Männer,
Die nie auch nur einen Stein warfen,
Die Chuzpe, zu fragen, auf wessen Seite wir stehen!
Wir hatten zentrale
Forderungen: Zerschlagt Stormont! (Das Lokalparlament des nordirischen
Staatengebildes also). Ende der Teilung. Eine sozialistische Republik
der 32 Grafschaften oder nichts! (Selbst John Nobelpreisträger
Hume sagte: Ein vereintes Irland oder nichts!). Schluss
mit der repressiven Gesetzgebung und mit der Internierung. Stöcke
und Steine, dann Knarren und Bomben. Stadtguerilla hieß der
einzige Weg vorwärts, und kein Krieg einer Stadtguerilla in Europa
sollte länger dauern als der unserer IRA. Nur diejenigen, die
aufgegeben oder den Ausverkauf betrieben haben, behaupten, der bewaffnete
Kampf sei ein Schibboleth.
Widerstand der Erniedrigten und Beleidigten. Straßenbarrikaden,
die bis zu sechs Monaten standen und dann von der katholischen Kirche
und der britischen Armee 'niedergeredet' wurden. Miet- und Steuerstreiks.
Und Internierung, die ich einst als den letzten Rohrkrepierer des
britischen Imperialismus bezeichnet habe. Folter. Und Solidarität.
Verlass auf Genossinnen und Genossen. Politische Schulung.
Oder mit Wordsworth gesprochen: Eine Wonne war es, jene Dämmerung
zu erleben, doch jung sein war einfach himmlisch.
Und was haben
wir dreißig Jahre später, nach 269 toten Volunteers, 3.600
Toten, nach Tausenden Verletzten, nach im Hungerstreik gestorbenen
Gefangenen und mehr als 20.000 Menschen, die den Knast von innen gesehen
haben? Teilung, Stormont und britische Direktherrschaft sowie die
gleichen korrupten und furchtbaren Polizeikräfte, die wir so
viele Jahre lang bekämpft haben. [Der Fairness halber sei angemerkt:
Die 'Wiedereinsetzung' von Stormont bedeutet, dass die Mitglieder
des Regionalparlaments (MLAs), derer es gemessen an der Bevölkerungszahl
zu viele gibt und die für ihre bestenfalls Teilzeit-'Arbeit'
zu nennende Tätigkeit fürstlich honoriert werden und auf
Kosten der Steuerzahler in der Welt umher reisen und sich amüsieren
dürfen, nunmehr die Macht haben, die Arbeiter zu benennen, die
in der Grafschaft Fermanagh Gräben ausheben dürfen, wenn
es dort denn überhaupt noch Gräben gibt.]
Während ich rede, liegt vor mir das 'Grünbuch' der Irisch-Republikanischen
Armee (IRA), das die Grundsätze, Ziele und Disziplinarvorschriften
der Organisation enthält. Es ist dies die 'Bibel' der IRA, auf
die alle Freiwilligen (Volunteers) einen Eid schwören müssen.
Das Grünbuch wurde von der gegenwärtigen Sinn-Fein-Führung
verfasst, als diese, darunter ein Gerry Adams, als Mitglieder der
IRA so um 1975 herum in Long Kesh einsaß.
Ich zitiere einige Passagen aus den General Army Orders (in der revidierten
Fassung von 1987):
General Order
Nr. 5:
Ein Freiwilliger soll
1) Weder einen Eid auf die Regierungsinstitutionen der Teilung in
den sechs oder in den sechsundzwanzig Grafschaften ablegen, noch diese
anerkennen...
3) Weder schwören noch sich dazu verpflichten, in irgendeiner
Weise von dem Waffeneinsatz oder anderen Kampfmethoden zur Beendigung
britischer Herrschaft in Irland Abstand zu nehmen
(Strafe: Ausschluss)
Nun, davon wären sämtliche Sinn-Fein-Mitglieder betroffen!
General Order Nr. 6:
Auf Freiwillige, die des Verrats für schuldig befunden werden,
wartet die Todesstrafe.
General Order Nr. 11:
Jeder Freiwillige, der sich allein oder mit anderen der Armee gehörende
Waffen, Munition oder Sprengstoff aneignet, macht sich des Verrats
schuldig und wird vor ein Kriegsgericht gestellt. Auf Verrat steht
die Todesstrafe.
Wie ist dies mit der Dekommissionierung/Abgabe von Waffen in Einklang
zu bringen?
Dekommissionierung
ist ein interessantes Wort. Und wie sagte doch Humpty Dumpty: Wenn
ich ein Wort benutze, hat es die Bedeutung, die ich ihm zuschreibe
nicht mehr und nicht weniger.
Noch vor ein paar Jahren war das Wort Dekommissionierung in keinem
Diktionär zu finden. Dann hieß es, die Iren würden
ihre Waffen abgeben, wenn der Konflikt beendet sei. Ganz akzeptabel,
das. Von Dekommissionierung war selbst im Karfreitagsabkommen nicht
die Rede. Sie ist ein Zusatz der Briten und der Unionisten, um den
ganzen Prozess ein paar Jahre in die Länge zu ziehen, und so
nicht nur die Unionisten, sondern auch die republikanische Bewegung
zu spalten.
Wir stehen im Dunville Park, Falls Road, Belfast. Wir schreiben das
Jahr 1995. Gerry Adams und eine treue Gefolgschaft. Wisst ihr,
sie (die IRA) hat sich nicht verdrückt, sagt Adams augenzwinkernd.
Wir werden niemals kapitulieren.
Das gefürchtete A-Wort ist im ganzen Land laut und deutlich vernehmbar,
nachdem es einst nur von alten Männern in verqualmten Hinterzimmern
geflüstert worden war: Ausverkauf. Sind die Wild Geese deswegen
geflohen? Hat James Connolly deswegen bluten müssen? Mussten
dafür Bobby Sands, Patsy, Francis und all die anderen Gefangenen
im Hungerstreik sterben?
Ich sollte also vermutlich langsam mal die ursprüngliche Frage
beantworten, die da lautete: Was bedeutet Dekommissionierung
und warum ist es dazu gekommen?
Wie sagte doch einst Danny 'Bangers' Morrison ©: Mit einem
Armagnac in der einen und der Wahlurne in der anderen Hand.
Warum es dazu kam, ist für jeden offensichtlich, der sich mit
Revolution befasst oder die Geschichte studiert hat. Zunächst
einmal muss gesagt werden, dass sich neunzig Prozent korrumpieren
lassen, während sie die restlichen zehn Prozent eliminieren müssen.
Die imperialistische Macht, die sich auf Dauer einrichten möchte
der Kampf der IRA hat nach 25 Jahren zu einem Patt geführt
, kann sich im allgemeinen darauf verlassen, dass Alter und Verrat
über Jugend und Geschick siegen.
Zunächst geht es um die rein militärische Lösung. Die
ist zwar selten zu erreichen, gibt aber den Grunzern und Möchtegern-Offizieren
ein wenig Gelegenheit zur Praxis. Die Bevölkerung einsperren?
Wir können all diese soziologischen Experimente unternehmen,
die von Foltertechniken wie der sensorischen Deprivation, über
Wohnviertelplanung zur Bevölkerungskontrolle, bis hin zur finanziellen
Kontrolle der Banken und der Errichtung von Einkaufspalästen,
und somit höheren Profiten für das Mutterland oder Amerika
reichen. Wir können bezahlte Spitzel einsetzen, hundertprozentige
Überwachung, sowie die Computerisierung des Einzelnen betreiben,
mehr und mehr staatliche Kontrolle und 'temporäre drakonische
Gesetzgebung', die freilich von Dauer sein wird, in Gang setzen. Der
Idiot Blunkett führt in England wieder die Internierung ein,
diesmal für Moslems. Und liefert dem MI5 und dem SIS damit eine
Rechtfertigung für deren Budget. Zudem können die Geheimdienste
so ihre Inkompetenz sowie ihre Rivalitäten untereinander besser
kaschieren alles ist doch nur Teil des 'Großen Spiels'.
Und die Bevölkerung?
Die Bourgeoisie?
Die jungen Yuppies. Sollen sie doch upwardly mobile sein und im wahrsten
Sinne des Wortes Kuchen essen. Private Investitionsinitiativen, das
heisst Ausverkauf des Gesundheits- und des Verkehrswesens sowie der
Kontrolle des Flugverkehrs. Die Reichen werden noch reicher und ziehen
mit ihren 2,4 Kindern in schöne Häuser. Sollen sie doch
ihren Urlaub auf dem europäischen Festland oder in den USA verbringen.
Ihre Steuern werden gesenkt. Ach, welch glückliche Vögel.
Die Kirchen? Die Kirchen sind doch längst gekauft, und auf die
Pfaffen hört ohnehin schon lange keiner mehr. Sollen sie doch
ihre Gelder für 'gemeindeübergreifende Projekte' bekommen.
Die Sandkastentheorie. Armselig, aber effektiv.
Die Politiker? Sie lassen sich am leichtesten kaufen. Einige geben
sich sogar mit einem Wisch der Königin und einer kleinen Medaille
zufrieden. Und wenn nicht, dann gibt es immer noch genug vermeintliche
Nichtregierungsorganisationen, Direktorenpöstchen und reichlich
Kohle aus Brüssel.
Die Kids? Interkonfessionelle Ferien, um das Sektierertum zu beenden?
Das funktioniert nie. Nikes, McDonalds, Mobiltelefone, DVD und WAP.
Amerikanische Mode und Filme. Keine Geschichte, nur Konsum. Pokémon
und Potter. Wäre es nicht super, wenn es jeden Tag so sein
könnte? Selbst Van Morrison lässt sich überreden
und betreibt Promotion für einen kleinen Song. Umsonst und draußen
mit all ihren Stars U2, Corrs, Westlife usw. Hirnloser, stumpfer
Papp, aber so sind die Kids wenigstens weg von der Straße, und
es ist Schluss mit 'Street Fighting Man' und Punk-Anarchie.
Die loyalistischen Paramilitärs? Amnestie für ihre Morde.
Freilassung. Und die großzügige Erlaubnis, ihre Drogenimperien
auszubauen und dafür die arbeitslosen protestantischen Teenager
des Ghettos einzuspannen. Natürlich sind die Drogenbarone zugleich
'gemeindeübergreifend' tätig und vermehren so ihre Drogengelder.
Und der Widerstand?
Die man töten
kann, werden getötet. Dirty tricks, shoot-to-kill, agent provocateurs.
Diejenigen, die man nicht umbringen kann, lässt man für
lange Zeit hinter Gittern verschwinden, hält sie als Geiseln
wollt ihr, dass eure Genossinnen und Genossen raus kommen, müsst
ihr einen Waffenstillstand erklären. Man schikaniert und zensiert
diejenigen, die den Mund aufmachen. Einige werden verführt, ein
Leben als Gangster und Drogendealer zu führen, bei Straffreiheit
versteht sich, vorausgesetzt sie arbeiten mit der Polizei zusammen.
Soll der Widerstand dazu gebracht werden, die Waffen zu 'dekommissionieren',
ist es natürlich besser, wenn diejenigen es tun, die ihre eigene
Basis davon überzeugen müssen. Das führt zu weiteren
Spaltungen, was natürlich für die Briten ein Vorteil ist.
Hat man einmal angefangen, heilige Kühe zu schlachten,
wird es einfacher, sagte neulich ein bemerkenswert ehrlicher
Jim Gibney. Der erfahrene Sinn-Fein-Taktiker, der selbst einst als
IRA-Mitglied einsaß, räumte auch ein, dass die IRA-Kämpfer
an der Basis wie könnte es auch anders sein? die
'Dekommissionierung' nicht akzeptieren. Diese Initiative ging
von der Führung aus, sagt Jim. Es ist nicht sehr demokratisch,
Jim, wenn die Mitgliedermehrheit dem Diktat des Politbüros gehorchen
muss, oder? Erinnerst du dich noch daran, wie du einst im Käfig
5 von Long Kesh all diese politischen Bücher gelesen hast? Schon
mal was von Stalinismus gehört? Aber ein solcher Vorwurf wäre
lèse-majesté, wenn nicht gar Blasphemie pur. Wie wurden
der frühere Barkeeper und der frühere Schlächterbursche
geködert?
Mit vermutlich bemerkenswert billigen Mitteln. McGuinness scheint
wenig an einem exzessiven Konsum zu liegen, er führt ein ruhiges
Leben in der Bogside und widmet sich ganz seiner Familie. Adams verdient
mit seinen von Ghostwritern verfassten Büchern ein bisschen Geld,
wenn auch nicht sonderlich viel. Seine Datscha in Donegal ist eher
eine bescheidene Hütte. Um Geld geht es ihnen nicht. Es ist viel
schlimmer. Sie wollen wirklich von ihren neuen reichen Freunden geliebt
werden. Sie sind ganz versessen darauf, im Weißen Haus oder
in Downing Street Nummer 10 vorgelassen zu werden. Sie lächeln
nur allzu gern in die Kamera. Sie stürzten mit ihren Autogrammheften
los, als der alte Nelson 'Onkel Tom' Mandela in den Weltfriedenszirkus
gezerrt wurde. Sie, oder in ihrem Auftrag auch ihre Günstlinge,
würden auf dem Bauch zu den irisch-amerikanischen Millionären
robben, die solange Kohle locker machen, solange kein scheußliches
Peng-Peng zu hören ist und solange keine Allianzen mit üblen
Antiimperialisten geschlossen werden.
Unterdessen wird den einfachen Mitgliedern für ihre Loyalität
ein kleines Stück Blech angeboten.
Ihr Horden, würdet ihr aufgeben für einen Orden? Chuckie
Armani!
Und natürlich
sind sie im Vorteil. Sie fragen uns, was wir denn tun wollen. Natürlich
will kein Mensch eine weitere Spaltung der IRA. Und zur gleichen Zeit
wollen nur wenige, wenn überhaupt einer, mit der 'Real' IRA oder
der 'Continuity' IRA in Verbindung gebracht werden, da die völlig
von Spitzeln durchsetzt sind und vermutlich von der Polizei des Freistaates
Irland geführt werden, die wiederum hin und wieder ein wenig
Unterstützung von den Briten bekommt. Und da fragen sie hämisch:
Was wollt ihr denn? Hört mal, Genossen, die Antwort
ist die gleiche wie vor dreißig Jahren. Gerechtigkeit,
ihr Bastarde, wie Judge Roy Bean es mal formuliert hat.
Bernadette Devlin McAliskey sagt, der Krieg sei vorbei und die Guten
hätten verloren wir werden sehen.
Wir irischen Revolutionäre vergessen nämlich alles, außer
den Groll. Und außerdem verfügen wir über ein paar
Scharfschützen in Abbruchhäusern auch dann, wenn die Truppen
abgezogen wurden und von Frieden und Waffenstillstand
die Rede ist. Aber vielleicht bin ich auch bloß wie diese armen
japanischen Samurai, die auf einer Insel vergessen wurden und selbst
Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch immer kampfbereit
waren. Ich glaube nicht.
Aber was soll es denn, Ire zu sein, solange man nicht feststellt,
dass die Welt dir das Herz brechen wird. Und vergesst nicht, was Verdinsky
gesagt hat: Das Leben ist ein Flackern, und eine Komödie
ist eine Tragödie plus Zeit, aber Che lebt!
Aus dem Englischen
übertragen von Jürgen Schneider.
Sean McGuffin wurde 1942 in Belfast geboren und in den siebziger Jahren
zeitweise von der britischen Armee interniert. Er bezeichnet sich
selbst als Republikaner, Anarchist, intellektueller Rowdy und Schriftsteller.
Sean McGuffin war Mitglied der Internationalen Untersuchungskommission
des Todes von Ulrike Meinhof und ist Beobachter des laufenden RZ-Prozesses
in Berlin.
In deutscher Sprache erscheinen seine Romane bei der edition Nautilus
(Hamburg).
[ © So oder
So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
|