|
So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 10 -
Winter 2001 - Seite 4
|
|
|
|
Im
Netzwerk ist jeder verdächtig
|
|
|
Im
Netzwerk ist jeder verdächtig
Baskenland: Wie die spanische Polizei die Postmoderne versteht
[ aus: So oder
So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 10 /Winter 2001, Seite 4 ]
Das Böse
ist in der Welt nach dem Kalten Krieg schwer zu identifizieren. Der
unsichtbare Feind Terrorismus ist eine black box, in die jede Regierung
ihre jeweiligen Fantasmen und Dämonen projizieren kann. Für
nicht wenige Kommentatoren gehören dazu all jene, die in irgendeiner
Weise das kapitalistische System und dessen Globalisierungsmodell
in Frage stellen.
Die baskische Tageszeitung gara am 13. September 2001.
Als nach dem 11.9. allerorten nach Ruheräumen und Terrornestern
gefahndet wurde, wies die französische Regierung darauf hin,
dass islamistische Terroristen, die mit Osama Bin Laden in Verbindung
stünden, in Spanien ein unauffälliges Dasein fristeten,
bevor sie sich anschickten, den heiligen Krieg aus algerischen Dörfern
nach Frankreich zu tragen. Eigentlich müsste sich also Madrid
zur Pariser Metro verhalten wie Hamburg zum New Yorker World Trade
Center. Aus zwei Gründen ist das nicht so.
Lionel Jospin musste nach einem Fußballspiel im September diesen
Jahres persönlich mit ansehen, wie mehrere tausend französische
Bürger/innen unter lautstarken Sympathiebekundungen für
Osama Bin Laden eine Spur der Verwüstung durch die Hauptstadt
der Grande Nation zogen. Als Brutstätten und Ruheräume gelten
der französischen Öffentlichkeit deshalb bevorzugt die traurigen
Schlafstädte des Pariser Umlands, wo Polizisten regelmäßig
Jugendliche arabischer Herkunft drangsalieren und, wenn sie im Verdacht
stehen, ein Mofa gestohlen zu haben, ebenso regelmäßig
erschießen. Schließlich kam Mohammed Kalker, der als mutmaßlicher
Drahtzieher der Bombenkampagne auf französischen Bahnhöfen
1995 erschossen wurde, nicht aus Saudi-Arabien, sondern aus einem
Nest bei Lyon.
Die spanische Öffentlichkeit unterdessen beschäftigte sich
vielmehr damit, dass der Torre Picasso, mit immerhin 157 Metern das
höchste Gebäude Madrids, um ein Haar ebenfalls in die Luft
gesprengt worden wäre, wie aus Unterlagen der Polizei hervorgeht.
Über diese Unterlagen weiß man noch weniger als über
jene der US-amerikanischen Polizei über das World Trade Center.
Während aus letzteren zweifelsfrei die Urheberschaft von Al Qaida
hervorginge, so bestünde bei dem Madrider Turm kein Zweifel an
der Täterschaft Euskadi eta Askatasunas.
Zweifelsfrei gehört die Geschichte vom Torre Picasso zu den eher
kurzlebigeren Anekdoten, die nach dem 11.9. durch die Welt geisterten.
Da kein Zweifel daran besteht, dass der Turm noch steht, und über
geheime Unterlagen wenig mehr als ihre Existenz zu berichten ist,
verschwand die Geschichte einfach wieder. Sie hatte immerhin unterstrichen,
dass in Spanien der Terrorist nicht Moslem, sondern Baske ist.
Zur Konstruktion von Dämonen und Fantasmen eignen sich besser
als sichtbare Akte der Zerstörung unsichtbare Hintergründe.
So kommen die Metaphern, die nun jedes Terrorismusexperten-Gespräch
durchziehen, auch in Spanien zur Anwendung: die baskische Untergrundarmee
ETA sei keine undurchdringliche Geheimorganisation, vielmehr handele
es sich dabei - genau wie bei Al Qaida - um ein weitverzweigtes, unübersichtliches
Netzwerk: mit Hintermännern und Schläfern, die es aufzuspüren,
Scheinfirmen und Geldflüssen, die es auszutrocknen, Brutstätten
und Terrornestern, die es auszuräuchern gelte.
Die Matrix
Garzón
Naheliegend ist
es also, genau wie in den USA, zunächst einige Konten zu sperren
und Organisationen zu verbieten, die mit dem Terrorismus in
Verbindung stehen, wie man sagt. Am 30. Oktober schlug die Polizei
zu: 22 Konten wurden gesperrt und elf Mitglieder des terroristischen
Netzwerks ETA gefasst. Bei den Festgenommenen handelt es sich
um Mitarbeiter/innen der Gefangenenhilfsorganisation Gestoras pro
Amnistia - oder, nach Interpretation der spanischen Polizei, um Terroristen,
die sich zu Rechtsanwälten ausgebildet hatten, um den Deckmantel
eines Wohltätigkeitsvereins zur Spendenwerbung zu nutzen und
gleichzeitig unter dem Vorwand der sozialen Betreuung die Kommunikation
mit inhaftierten Terroristen aufrechtzuerhalten. Und weil in Terrornetzwerken
verschlüsselte Botschaften per Email gang und gebe sind, nahm
man gleich sämtliche Computer der Organisation mit.
Baltasár Garzón, der Experte unter den Terrorismusexperten
Spaniens, hatte schon 1998 erkannt, welche Vorteile eine zeitgemäße
Interpretation politischer Prozesse und gesellschaftlicher Beziehungen
haben kann. Nachdem der Oberste Ankläger Spaniens 1997 mit dem
Versuch, die linke baskische Partei Herri Batasuna verbieten zu lassen,
gescheitert war, eröffnete er das im Baskenland schon legendäre
Ermittlungsverfahren 18/98, Gegenstand: das terroristische Netzwerk.
Im Duktus eines Manifests schrieb Garzón in der Anklageschrift,
dass die ETA, entgegen der weit verbreiteten reduktionistischen
Auffassung, am besten mit einem lebenden Organismus vergleichbar ist,
der sich beständig in neue Lebensräume ausdehnt und es versteht,
sich an fremde Bedingungen anzupassen. Die vulgären Anleihen
aus der Epidemik sollten - abgesehen von dem Hinweis, wie mit Viren
zu verfahren ist - bildhaft deutlich machen, dass die ETA nicht allein
aus einem klandestinen Militärapparat, sondern vielmehr aus einem
Netzwerk bestünde, das die baskische Gesellschaft durchziehe
und dessen Knotenpunkte unterschiedlicher Gestalt sind. Weil das neue
Bild eine gute Erklärung dafür bot, weshalb die ETA von
jahrelangen Verhaftungswellen scheinbar unbeeindruckt bleiben konnte,
griff auch die Journaille die Begrifflichkeiten auf und apostrophierte
die baskische Organisation fortan als Hydra, Schlange
mit tausend Köpfen.
Kulturalisierte
Verfolgung
Da Viren, Wurzelgeflechte
und Schlangengruben - wie gesagt - komplexe Strukturen sind, wandelte
Baltasár Garzón die Netz-Knotenpunkte in eine aktualisierbare
Liste um, in der allerlei baskische Vereine, Verlage, Sprachschulen,
Jugendzentren, Zeitungen und Kreditgesellschaften festgehalten sind.
Diese Liste wird nun seit 1998 systematisch abgearbeitet: zuerst wurden
die Tageszeitung Egin und der Verlag Orain S.L. verboten, dann der
Dachverband der baskischen Sprachschulen AEK kriminalisiert, der internationalistische
Verein XAKI und eine Initiative für zivilen Ungehorsam aufgelöst.
Im März diesen Jahres war die Jugendorganisation Haika dran,
im Oktober die Gefangenensolidaritätsbewegung Gestoras pro Amnistia.
Auf den Pressekonferenzen, bei denen Baltasár Garzón
seine von der Öffentlichkeit garzónada getauften
Schläge gegen das Terror-Netzwerk zu bilanzieren pflegt, nennt
er stets auch den nächsten Kandidaten. Jetzt kommt der linke
Verlag Txalaparta dran, der - wie es der Ankläger ausdrückt
- der frente cultural zugehörig sei. Bald also werden
die ins baskisch übertragenen Tagebücher des Ché
Guevara und die Analysen von Noam Chomsky in den Gewölben des
Obersten Gerichtshofes als Beweismittel verrotten, während sich
Lektorinnen und Vertriebsdirektoren einer unsicheren Zukunft sicher
sein können.
Bislang sind auf diesem Weg innerhalb von drei Jahren 135 Beschuldigte
mit gleichlautender Anklage zusammengekommen: Mitgliedschaft
im terroristischen Netzwerk ETA. Man kann sicher sein, dass
das Mammutverfahren, mit dem Baltasár Garzón sein Lebenswerk
beschließen will, nicht beginnen wird, bevor nicht auch der
dicke Fisch im Netz ist: Batasuna, das Wahlbündnis der baskischen
Unabhängigkeitsbewegung, oder in den Worten des Ermittlers: die
frente institucional.
Ob es überhaupt jemals so weit kommen wird oder kommen soll,
ist ungewiss. Der Vorteil postmoderner Netzwerk-Strukturen ist zugleich
ihr Nachteil. Alle stehen mit allen in Verbindung und sind somit für
alles verantwortlich - und für nichts. Damit liegt Baltasár
Garzón, ginge es um die Analyse politischer Prozesse und gesellschaftlicher
Beziehungen, vermutlich gar nicht weit daneben - sieht man von den
widerlichen Biologismen ab, die immer auch die Ausrottungsfantasie
in sich tragen. Nur ist der Mann nicht Soziologe, sondern Ankläger.
Und es wird, wenn es nicht mehr um die Analogie zwischen lebendigen
Organismen und Organisationen, sondern um profane Paragrafen geht,
deutlich schwieriger, die Zusammenhänge zwischen Autobomben und
Sprachschulen deutlich zu machen. Das macht aber nichts, so lange
die Analogien es erlauben, mehr oder minder breitflächig ins
Untersuchungsgefängnis zu werfen, wer verdächtig ist. Und
verdächtig ist im Netzwerk prinzipiell jeder. In Frankreich ist
es, wer jung ist, arabische Eltern hat und zudem noch im Banlieu lebt;
in Deutschland ist es, wer einen arabisch klingenden Namen trägt
und Maschinenbau studiert; in Spanien ist es eben, wie gehabt, wer
baskisch statt spanisch spricht.
Die billige Geschichte
vom Torre Picasso erwies sich unterdessen als unmittelbar nützlich.
Spanien bot Frankreich die Auslieferung aller arabischen Terroristen
an, die sich in Spanien aufhalten mögen, wenn im Gegenzug Frankreich
alle baskischen Terroristen ausliefere, die sich in Frankreich aufhielten.
Ein anständiges Angebot, befand die Regierung von Lionel Jospin.
Schließlich haben davon alle Vorteile, die nicht arabisch, baskisch,
etc. pp. sind.
[ © So oder
So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
|