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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 10 -
Winter 2001 - Seite 3
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Jetzt
erst recht !
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Jetzt
erst recht!
Fünf Anmerkungen
zu
Emanzipation und Gewalt in einer anderen Zeit
[ aus: So oder
So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 10 /Winter 2001, Seite 3 ]

schweigen
wir eine minute, für fünftausend tote? wären wir also
allesamt schweigsam reglos jahr für jahr an dreiundachtzig arbeitstagen,
von früh bis spät, gedenkend der jahresweit, jährlich,
in jedem jahr zwanzig millionen verhungerten. durch kein fenster sind
sie geflogen. es war ganz still. machtlos. dezentral.
(14.9.2001, Christian Geissler im deutschlandfunk)
I.
Nichts wird mehr so sein, wie es war. Diese auf die mörderischen
Ereignisse des 11. September 2001 bezogene Aussage war auch Ausdruck
von Betroffenheit, von Erschütterung und Angst. Deshalb traf
sie der US-Präsident, gekrönte und ungekrönte Häupter
in aller Welt, aber auch die Verkäuferin wie der Schuhputzer.
Aber noch viel mehr war sie eine drohende Feststellung, die nichts
Gutes verheißen konnte.
Seitdem wird Afghanistan zu Staub gebombt und ein heiliger Krieg geführt,
der - weil er über die wirkungsvolleren Machtmittel verfügt
- den islamischen Dschihad allemal in den Schatten stellt. Das ist
nicht aufzurechnen, Schock und Schmach lassen sich nicht ausbügeln.
Sie bleiben. Die Rettung des Abendlandes, nein, der gesamten zivilisierten
Welt steht auf dem Spiel. Sanftmut ist da nicht gefragt. Das
denken wir auch so.
Die Weltverhältnisse wurden durch die materielle und visuelle
Zerstörungskraft der Angriffe des 11. September erneut gleichermaßen
globalisiert wie geteilt: Erstmals waren alle auf der Welt in der
einen oder anderen Form Zeuge, Opfer und Vermittlung einer Aktion
zugleich. Im Westen fühlten sich alle angegriffen,
weil in New York nicht nur ein Symbol ökonomischer Herrschaft,
sondern auch die Lebensweise im metropolitanen Kapitalismus angegriffen
wurde - die nun mal, wie die ethnische, kulturelle und soziale Herkunft
der Opfer in den Zwillingstürmen, selbst globalisiert ist; der
Süden begriff die Bildern des brennenden Pentagons und des zusammenstürzenden
World Trade Centers in erster Linie als Angriff auf die Anderen,
auf diejenigen, die bislang immer nur selbst angegriffen haben.
Der selbstmörderische Angriff auf Zentren US-kapitalistischer
Macht und Herrlichkeit in New York und Washington hat eine paradoxe
Realität geschaffen: Nichts hat sich verändert und doch
alles. Verändert hat sich nichts, weil die Gründe, warum
in den vergangenen Jahrzehnten Bewegungen den Kampf aufnahmen - von
der Oktoberrevolution, über die antikolonialen Kämpfe, die
neue Linke in den Metropolen bis hin zu der internationalen Verweigerung
gegen den globalisierten Kapitalismus - in ihrem Wesen unverändert
gleich geblieben sind; sich sogar noch potenziert haben. Verändert
ist zugleich alles: welche Perspektive gibt es im Süden und im
Norden, wohin soll denn die Auflehnung gegen die kapitalistischen
Ausbeutungsverhältnisse führen, wenn der Aufruhr, die Empörung,
auch das Abschütteln der Demütigung nicht einer neuen
globalen Gesellschaftlichkeit Bahn bricht, sondern nur einer
anderen Variante der bereits erfahrenen Barbarei?
II.
Wir haben es im letzten Jahrzehnt mehr als einmal zu hören bekommen:
Einschnitt, Umbruch und Zäsur als Kennzeichnung einer jeweils
gesehenen, meist unterschiedlich interpretierten, Veränderung
der politischen und sozialen Koordinaten. Jetzt gibt es eine Ära
vor dem Einsturz der WTC-Türme, und eine danach. Zum Vergleich,
der uns Linke interessieren könnte, es gibt keine solche Markierung
für den Aufstand in Chiapas oder den G7-Gipfel in Genua. Verglichen
wird hier nicht das Leiden, sondern nur die Wirkung als Moment des
Umschlages in eine andere Zeit.
Was hebt denn den 11. September gegenüber dem Erstickungstod
der emanzipatorischen Bewegungen in aller Welt, dem Zusammenbruch
des sozialistischen Lagers und dem folgenden mörderischen Nationalismus
heraus? Was lässt diesen Angriff aus der Schrecklichkeit der
alltäglichen Begleiterscheinungen des wieder eindeutig umfassend
globalen Kapitalismus herausragen? Sicher, dass man nur selbst- und
menschenverachtend genug sein muss, um die eigene Demütigung
und Schmach in einen kurzfristigen Triumph umwandeln zu können;
dass man es sein muss, um auf dieser Ebene mit den - hier nur stellvertretend
stehenden - USA konkurrieren zu können; auch, dass der Welt und
den USA gezeigt wurde, dass diese Supermacht nur temporär aus
den vorgehenden Konfrontationen als Sieger hervorgegangen ist.
Auf eine spezifische Art bedeutet der 11. September die Wiederbelebung
der Abschreckungslogik, wie sie zwischen der Sowjetunion und den USA
praktiziert wurde: die gegenseitige Geiselnahme der jeweiligen Bevölkerung,
mit der Drohung mittels von Langstreckenraketen jede Stadt im jeweils
gegnerischen Machtbereich atomisieren zu können. Die Hijacker
von New York und Washington und die B1-Bomber-Piloten über Afghanistan
rekonstruieren die Abschreckungsdoktrin, in dem sie sie aufheben.
Angesichts des Fehlens einer realen Balance des Schreckens
konnte es bei der Drohung nicht bleiben. Nicht für Al Qaida,
erst recht nicht für die Vereinigten Staaten. Die, und mit ihnen
zumindest alle imperialistischen Staaten, müssen diese Option
ausradieren; ein Exempel statuieren. Denn das gefährliche
ist nicht nur die Option, sondern dass sie zumindest gegenwärtig
staatenlos ist, also tatsächlich außerhalb der Zivilisation
steht - eben nicht der Staatengemeinschaft angehört.
III.
Was nun uns, letztlich weltweit die Linke betrifft: ihr wurde auf
erschreckende Art und Weise das Ende aller Ambivalenzen in der Frage
zwangsläufig gewaltförmiger gesellschaftlicher Umbrüche
und Revolutionen vor Auge geführt. Der 11. September stellt die
Gewaltfrage neu. Und das so eindrücklich, unzweideutig
wie nie zuvor.
Der Terror der Schwachen, wie es die italienische Gruppe
il manifesto vor 25 Jahren zur Ausweitung der palästinensischen
Guerillataktik auf die internationalen Fluglinien formulierte, ist
umgeschlagen in die endgültig reaktionäre Ineinssetzung
von Unterdrückern und Unterdrückten, von denen unten
mit denen oben. Es ist die im wahrsten Sinne des Wortes
antiemanzipatorische Konstruktion eines klassenübergreifenden
Subjektes. Es ist also das genaue Gegenteil eines Befreiungsprozesses,
dessen Ziel es ist, um es mal so zu sagen, ein historisches Subjekt
zu verwirklichen, das mit der eigenen Sache, den jeweiligen
sozialen, politischen und kulturellen Zwecken, die Sache der
gesamten Menschheit anstrebt. Zumindest ist das die Definition
kommunistischer Politik.
IV.
Bei allen Fehlern, zum Teil grauenvollen Vorgängen innerhalb
der revolutionären Linken, war die Definition der Anwendung von
Gewalt letztlich immer: den Raum für Entwicklungen der Unterdrückten
zu öffnen, für die Befreiung aus kapitalistischer Bevormundung,
für die Autonomie dieses geschichtlichen Subjektes zu kämpfen.
Eingeschrieben selbst in die militärische Strategie und Taktik,
zum Beispiel des Guerillakampfes: Die Herrschenden zu spalten,
das Volk zu einen. Und, um mal die Organisation sinngemäß
zu zitieren, die die Bewaffnung der Linken in Deutschland zur Politik
machte, nämlich die RAF: Der Inhalt der revolutionären Aktion
ist es, gegenüber der Totalität der kapitalistischen Gesellschaftsformation
genau diese Verhältnisse auf die menschliche Dimension zu bringen,
wodurch jene auch begriffen werden: Geschichte sollte damit für
alle machbar werden. Und begriffen meint hier nicht, die
Gründe zu verstehen - was ja beim 11. September kein Problem
ist -, sondern den Sinn zu setzen. Gegen die Unvernunft und die Sinnlosigkeit
z.B. kapitalistischer Warenproduktion.
V.
Wir erleben eine Situation, in der revolutionäre Gewalt ertränkt
wird in einem Meer von gewaltförmigen internationalen, sozialen
und ideologischen Konflikten. Ständig, bei Großereignissen
wie dem G7-Gipfel in Genua oder irgendeiner mit Waffen durchgeführten
Aktion, lauert die Gefahr nicht gegen das herrschende Chaos zu wirken,
sondern nur Teil desselben zu sein. Es ist auch eine Sache der Wahrnehmung,
der Aufbereitung durch die mediale Bewusstseinsindustrie in den Händen
derer, die bekämpft werden. Aber meist ist es nur eine Ausrede
dafür, dass der zugrunde liegende Sinn der sozialen Revolte und
ihrer Aktion(sform) nur in der Verlautbarung seinen Ausdruck findet;
in dem Szenario aus Gewalt und Gegengewalt, Terror und Gegenterror,
dagegen unterschiedslos erscheint. Obwohl es sonst zwischen den Kamikazepiloten
vom 11. September und den Militanten der Linken kaum eine Parallele
gibt - außer, dass die Ersteren historisch auch ein Produkt
des Scheiterns der metropolitanen Linken sind -, zwingt hier dieser
Angriff auch einer linken Militanz und Gewalt eine Zäsur auf.
Der 11. September
und seine Folgen wird die objektiven Bedingungen für emanzipatorische
Politik neu definieren. Auch wenn die globalen Unrechtsverhältnisse
vorher wie nachher in ihrem Wesen nach unverändert geblieben
sind. Das zu betonen, ist zwar richtig, hilft aber nicht weiter. Die
Argumente, warum diese Welt keine gerechte ist, sind in den Feuilletons
bürgerlicher Zeitungen in der letzten Zeit zumeist in bessere
Wort gefasst worden, als dies Flugblätter der Linken vermochten.
Es geht um etwas anderes. Denn, ob die subjektive Seite,
also unsere, neubestimmt und gesetzt wird, wird davon abhängen,
inwieweit der emanzipatorische Gehalt revolutionärer Gewalt neubestimmt
- und damit der Sinn als zentraler Punkt einer Propaganda der
Tat neu gesetzt wird. Ergreifbar und nachvollziehbar als ein
aufbauender Prozess gegen eine Welt der Destruktion; gelebte schöpferische
Vernunft als Gegenpol zur kapitalistischen Unvernunft.
Die
Redaktion
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