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Unvollständige
Chronik von Vorschlägen und Maßnahmen zu innenpolitischen
Verschärfungen im deutschen Herbst 2001
[ Ergänzung
zu: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 10 /Winter 2001,
Seite 9 "Deutscher Herbst '01"
]
11.09.
Die Anschläge gegen das Pentagon und das World Trade
Center bezeichnet Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD)
als "Kriegserklärung gegen die zivilisierte Welt".
Er ruft den nationalen Sicherheitsrat ein. Dieser ordnet die
Verstärkung des Schutzes für Bundeseinrichtungen
und für alle US-amerikanischen und israelischen Einrichtungen
in Deutschland an.
12.09.
Die NATO beschließt erstmals in ihrer Geschichte den
"kollektiven Verteidigungsfall". Damit wird das
In-Kraft-Treten von Notstandsgesetzen in den Mitgliedsstaaten
ermöglicht. Die Kontrollen an den deutschen Grenzen werden
verschärft und die Sicherheitsmaßnahmen für
Flughäfen, Luftfahrtgesellschaften und die Bahn erhöht.
13.09.
Die Bundeswehr wird in höhere Bereitschaft versetzt.
Überwachungsgegner gehen davon aus, dass in den kommenden
Tagen und Wochen Bürgerrechte hintangestellt und Gesetze
und Verordnungen verschärft werden.
14.09.
Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) regt an, zukünftig
zur "Terrorismusbekämpfung im Innern" notfalls
auch Soldaten der Bundeswehr einzubeziehen. Schily fordert
mehr Zugriffsmöglichkeiten der Polizei zu vorhandenen
Datenbeständen und erleichterte Verbotsmöglichkeiten
für "radikal-islamische Vereinigungen". Er
spricht sich dafür aus Fingerabdrücke als Identifikationsmerkmale
vorzuschreiben. Bayerns Innenminister Günther Beckstein
(CSU) will die Bundeswehr beim Schutz von US-Kasernen und
Flughäfen verstärkt nutzen. Beckstein verlangt außerdem
die Einführung einer Regelanfrage für alle Einwanderer
bei den Bundes- und Landesämtern für Verfassungsschutz
(VS). Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel schließt sich
der Forderung des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund
Stoiber (CSU) an, einen nationalen Sicherheitsrat unter Beteiligung
der Union einzurichten. Die Staats- und Regierungschefs der
EU wollen die Arbeiten an einem gemeinsamen Sicherheits- und
Verteidigungspaket und an einem Aufbau einer schnellen Eingrifftruppe
beschleunigen.
16.09.
Schily und Verkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) wollen verstärkte
Gepäck- und Personenkontrollen und verstärken Datenaustausch
zwischen staatlichen Behörden sowie eine zentrale Datenbündelung
durchsetzen. Der Gesetzentwurf zur verbesserten Kontrolle
von Beschäftigten am Flughafen und Rollfeld soll beschleunigt
auf den Weg gebracht werden. Daten, "die Sicherheitsgremien
in Deutschland zur Verfügung stehen" sollen für
die Flugsicherheit genutzt werden. Schily und Schröder
kündigen die Abschaffung des Religionsprivilegs im Vereinsrecht
an. Diese Maßnahme werde von den Innenministern der
Länder und den Kirchen unterstützt. Der Vorsitzende
des Verteidigungsausschusses Helmut Wieczorek (SPD) verlangt
die Einrichtung einer Nationalgarde aus Spezialeinheiten der
Bundeswehr, Experten des Verteidigungsausschusses sowie Mitgliedern
der GSG9.
17.09.
Die rot-grüne Bundesregierung kündigt für den
19.09. unter anderem die Einführung einer Auskunftspflicht
für Banken gegenüber Strafverfolgungsbehörden
sowie die Ausweitung des umstrittenen Terrorismus-Paragraphen
an. Mit dem §129b StGB soll es möglich werden, Personen
von nicht in Deutschland agierenden Gruppen und Organisationen
als "Mitglieder oder Unterstützer einer terroristischen
Vereinigung" zu verurteilen. Schily will den Datenschutz
- der kein Terroristenschutz sein dürfe - auf den Prüfstand
stellen und spricht sich für Rasterfahndung aus. Von
Stoiber kommt der Vorschlag, allen Visum-Antragstellern und
Asylbewerbern Fingerabdrücke zu nehmen und Sicherheitsbehörden
(d.h. den Geheimdiensten und anderen Einrichtungen, z.B. dem
Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik)
zur Verfügung zu stellen.
18.09.
Die Konferenz der Innenminister von Bund und Ländern
fordern Visa nur unter strengen Auflagen zu erteilen, Raster
zur Fahndung zu erstellen, die rechtlichen Grundlagen für
Identifizierungsmaßnahmen und die Datenübermittlung
an Sicherheitsbehörden zu schaffen sowie den Einsatz
der Bundeswehr zum Schutz militärischer Einrichtungen,
einschließlich der der NATO-Verbündeten zu verstärken.
Die nordrhein-westfälische Landesregierung sieht in der
Rasterfahndung ein geeignetes Mittel. Sie verstärkt den
VS personell und finanziell. Die Aufgaben des saarländischen
VS sollen auf Antrag der CDU und mit den Stimmen der SPD erweitert
werden. Merkel geht das Maßnahmenbündel zur Inneren
Sicherheit nicht weit genug. Sie fordert die Neustrukturierung
der Geheimdienste und Einsätze des Bundeswehr im Innern.
Der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach
schlägt die Wiedereinführung der Kronzeugenregelung
vor sowie die Verbesserung der Überwachung von Verdächtigen
und des Mobilfunks.
19.09.
Die Bundesregierung beschließt ein erstes Maßnahmenpaket
("Anti-Terror-Paket I") zur inneren und äußeren
Sicherheit und kündigt weitere Schritte an. Es sieht
neben dem §129b und der Streichung des Religionsprivilegs
die intensive und regelmäßige Überprüfung
des Flughafen- und Airlinepersonals durch Anfragen bei Polizei,
Geheimdiensten, Justizbehörden, Ausländerzentralregister
und Stasi-Unterlagenbehörde vor. Außerdem wird
die Einrichtung einer zentralen Fahndungsbehörde beschlossen,
der Geldinstitute Verdachtsfälle melden müssen und
in der Finanzmarktaufseher, Zollfahndung, Bankenfachleute,
Wirtschaftsprüfer, Fahnder, Geheimdienste und Staatsanwälte
eng zusammenarbeiten. Die Bundesregierung stellt drei Milliarden
DM für die Bundeswehr, zur finanziellen Aufstockung der
Geheimdienste, des Katastrophenschutzes, der Sicherung von
Bundeseinrichtungen im Ausland und zur Bekämpfung der
Geldwäsche zur Verfügung. Schily schlägt vor,
"extremistische oder kriminelle Ausländer [...]
in andere Weltgegenden" abzuschieben, wenn sie wegen
einer Gefährdung von Leib und Leben nicht in ihr Herkunftsland
zurückgeschickt werden können. Er spricht sich für
eine engere Verzahnung von Militär und Polizei aus, will
Fingerabdrücke bei Visa-Anträgen zur Voraussetzung
machen. Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) will
die Reaktionsfähigkeit der Bundeswehr verbessern. Die
Bundesländer beschließen Millionenbeiträge
in die Innere Sicherheit zu stecken: Berlin stellt 13 Millionen
DM zur Verfügung, davon 5,9 Millionen für zusätzliche
Polizisten. Der CDU-Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus
geht das nicht weit genug. SPD-Regierungschef Klaus Wowereit:
"Sollten diese Mittel nicht ausreichen, dann wird das
nicht am Haushalt scheitern". Nordrhein-Westfalen sagt
die Bereitstellung eines Betrags in zweistelliger Millionenhöhe
für Geheimdienste und polizeilichen Staatschutz zu. Niedersachsen
beschloss bereits vor zwei Tagen 2,2 Millionen DM für
zusätzliches Personal. Brandenburg prüft Neueinstellungen
beim VS und LKA. Der Hamburger Innensenator Olaf Scholz (SPD)
ordnet die Rasterfahndung an.
20.09.
Die EU-Innen- und Justizminister einigen sich auf einheitliche
Mittel bei der Ermittlung gegen und der Strafverfolgung von
"Terroristen". Ein einheitlicher europäischer
Haftbefehl soll dazu führen, dass Verdächtige nicht
mehr ausgeliefert werden müssen, sondern einfach überstellt
werden können. Bis Dezember soll "Terrorismus"
zu einem europaweit gültigen Straftatbestand werden.
Sie einigen sich die nationalen Visa-Dateien zu vernetzen
sowie die polizeiliche Zusammenarbeit und die staatsanwaltschaftliche
Zusammenarbeit zwischen den EU-Staaten durch die zu schaffende
Behörde Eurojust zu verstärken. Sie sprechen sich
für eine Anti-Terror-Einheit bei Europol aus, bei der
polizeiliche Stränge zusammenlaufen. Europol, bisher
nicht mit aktiver Polizeiarbeit vertraut, soll die Kooperation
mit den US-Sicherheitsbehörden organisieren. Auf die
Fingerabdrucksdatei Eurodac, bislang nur in Asylverfahren
eingesetzt, und das Schengener Informationssystem, soll Polizei,
Staatsanwaltschaft und Geheimdiensten vollen Zugriff gewährleistet
werden. Eine europäische Rasterfahndung wird erwogen.
Die beschlossene "Task Force" der Polizeichefs soll
ihre Arbeit aufnehmen. Der Berliner Regierungschef Wowereit
fordert, dass der BGS die Überwachung von Botschaften
und anderen Einrichtungen übernimmt.
21.09.
Die Staats- und Regierungschefs der EU einigen sich auf einem
kurzfristig einberufenen Gipfeltreffen auf den gestern zusammengestellten
Katalog ihrer Innen- und Justizminister. Schily sagt seinen
Amtskollegen in den Bundesländern zusätzliche 16
Millionen DM für ihre Bereitschaftspolizei zu. Niedersachsen
kündigt an, sein Gefahrenabwehrgesetz zu ändern
und die Rasterfahndung zu ermöglichen. Der Rechts- und
der Innenexperte der Grünen, Volker Beck und Cem Özdemir,
schlagen eine grundlegende Reform der Geheimdienste vor. Ein
von ihnen vorgelegtes Papier stimmt in vielen Punkten mit
den Vorstellungen von Schily überein.
22.09.
In den Bundesländern wird die Rasterfahndung erheblich
ausgeweitet. Nach Berlin wird sie auch in Brandenburg und
Baden-Württemberg eingeleitet.
24.09.
An den Berliner Universitäten holt das LKA Datenbestände
ab. Auch hessische Hochschulen geben Daten von Studierenden
weiter. Allein in Frankfurt am Main sind von der Rasterfahndung
rund 1500 Studierende betroffen.
25.09.
Auch Sachsen-Anhalt beginnt mit der Rasterfahndung. Die Schleswig-Holsteinische
Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) will sie auf
der Oktober-Sitzung des Landtags einführen. Sollten bis
dahin Rasterfahndungen erforderlich sein, würden diese
ohne rechtliche Grundlage durchgeführt. Justizministerin
Anne Lüthes (Grüne) trage diese Schritte mit.
26.09.
Bundeskanzler und Ministerpräsidenten sind entschlossen
das Bankgeheimnis zu lockern. Sie überlegen das Schengener
Abkommen vorübergehend aufzuheben und Grenzkontrollen
wieder einzuführen. Der Baden-Württembergische Ministerpräsident
Erwin Teufel (CDU) will Anträge von Asylbewerbern wieder
restrikiver behandeln. Die CDU kündigt die Beschlussfassung
eines umfassenden Konzepts zur inneren Sicherheit für
ihren Parteitag Anfang Dezember an. Schily gibt bekannt, dass
er nach israelischem Vorbild bewaffnete Elitepolizisten als
"Sky Marshals" in Flugzeugen einsetzen wolle. Er
werde "dafür eine eigene Einheit organisieren".
27.09.
Der Bundesrat billigt das erste Anti-Terror-Paket. Die Regierungsparteien
SPD und Grüne wollen in enger Abstimmung mit CDU und
FDP ein umfassendes zweites schnüren, das über die
ersten Beschlüsse der letzten Tage weit hinausgeht. Erwogen
wird, von allen einreisenden Ausländern, Flüchtlingen
und Aussiedlern Fingerabdrücke zu nehmen. SPD-Innenpolitiker
Dieter Wiefelspütz denkt an Fingerabdrücke für
Ausweise und Pässe. Schily will ein zentrales EU-weites
Melderegister für Drittstaatler einführen. Die EU-Justizminister
beschließen zentrale Punkte zur Schaffung der Behörde
Eurojust, die ab dem Jahreswechsel arbeiten soll. Dort werden
Strafverfolger aus den 15 EU-Staaten Informationen austauschen
und nationale Staatsanwaltschaften zu Ermittlungen auffordern
können.
28.09.
Die SPD-Bundestagsfraktion will die Abgabenordnung ändern,
damit die Finanzbehörden Informationen über ihre
Bankkunden auswerten können. Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende
Joachim Poß will "Abschied von so genannten Bankgeheimnis
nehmen". Im vorgelegten CDU-Sicherheitspaket wird unter
anderem für die Einführung der Kronzeugenregelung,
den "finalen Rettungsschuss" und die Videoüberwachung
gefährdeter Orte plädiert.
29.09.
Schröder empfiehlt im Zusammenhang mit Einbürgerungen
eine Regelanfrage beim VS. Die Grünen erklären dazu
ihre Unterstützung. Baden-Württembergs Innenminister
Thomas Schäube (CDU) ließ eine Hotline für
Bürger einrichten, die verdächtige Wahrnehmungen
melden wollen. Innerhalb der ersten zwei Tage verzeichnete
der Staatsschutz 141 Hinweise aus der Bevölkerung. In
Rheinland-Pfalz kämen die Hinweise von selbst, behauptet
LKA-Vize-Chef Karl-Heinz Weber.
30.09.
Scharping versetzt Kampfjets in Alarmbereitschaft, um jederzeit
mit Militärjets aufsteigen zu können und entführte
Flugzeuge zur Landung zu zwingen. Merkel fordert eine Änderung
des Grundgesetzes um die Bundeswehr im Innern einzusetzen.
01.10.
Die CDU beschließt einen Leitantrag, der neben den Forderungen
aus ihrem Sicherheitpaket auch eine Aufhebung der strikten
Trennung von Geheimdiensten und Polizei vorsieht. In den drei
Bundesländern Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen,
wo die Rasterfahndung noch nicht anlief, werden die rechtlichen
Voraussetzungen dazu bis Mitte Oktober geschaffen.
02.10.
Die Bundesregierung stimmt den vom Bundesrat am 27.09. beschlossenen
Verschärfungen zu. Die Strafverfolgung "ausländischer
Terroristen" wird dem Generalbundesanwalt unterstellt.
Der Berliner Datenschutzbeauftragte Hansjürgen Garstka
hat gegen die mit einem äußert grobmaschigen Netz
begonnene Rasterfahndung nichts einzuwenden: Niemand brauche
sich um seine Freiheiten zu fürchten außer den
tatsächlich Verdächtigen.
04.10. Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling räumt
ein, dass trotz verschärfter Gesetze und Rasterfahndung
so genannte Schläfer schwer enttarnt werden können.
Dennoch hält er diese Schritte für richtig. Finanzminister
Hans Eichel (SPD) erstellt ein umfassendes Maßnahmenpaket
zur "Bekämpfung der Geldwäsche". Es sieht
vor, sämtliche in Deutschland geführten Bankkonten
bei einer Aufsichtsbehörde zu erfassen.
05.10.
Im geplanten zweiten Anti-Terror-Paket sind eine neue Kronzeugenregelung,
eine Verbunddatei von Geheimdiensten und BKA sowie Einschränkungen
beim Abschiebeschutz vorgesehen.
07.10.
Unmittelbar nach Beginn der US-Bombardements gegen Afghanistan
werden in Deutschland alle Sicherheitsbehörden und die
Polizei in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.
08.10.
Die Bundesregierung hält eine Grundgesetzänderung
zum Einsatz der Bundeswehr im Innern nicht für nötig.
Schily betonte, dass die Streitkräfte schon heute "genuine"
Zuständigkeiten im Innern haben. Er lässt Sicherheitsvorkehrungen
verschärfen und kündigt eine Verstärkung des
BGS um mehrere Hundertschaften an. Wowereit richtet in Berlin
Sicherheitskontrollen ein. Die Bewohner hätten mit Konsequenzen
für ihr Alltagsleben zu rechnen. Mobile Kontrolleure
überprüfen in ganz Berlin Personen "nach dem
Zufallsprinzip". Der PDS-Opposition werden ab sofort
vertrauliche Informationen über aktuelle militärische
Entwicklungen von der Bundesregierung offiziell vorenthalten.
09.10.
Das vom CDU/CSU-Fraktionsvorstand einstimmig verabschiedete
Papier "Sicherheit 21" sieht vor, die Bundeswehr
verstärkt im Innern einzusetzen, sowie verbesserte technische
und personelle Ausstattungen von Geheimdiensten, Polizei und
Strafverfolgungsbehörden. Ausländer, die sich in
Deutschland strafbar gemacht haben, sollen bei Haftstrafen
ab einem Jahr ohne Bewährung ausgewiesen bzw. abgeschoben
werden können. Ausländische Verurteilte sollen Freiheitsstrafen
künftig auch ohne ihre Zustimmung in ihren Herkunftsländern
verbüßen. Auch über ein vereinfachtes Verfahren
zur Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft wird
nachgedacht.
10.10.
Die rot-grüne Koalition einigt sich auf eine Neuauflage
der Kronzeugenregelung. Özdemir sieht die Bedingungen
der Grünen erfüllt: Nur Strafmilderung, nicht Straffreiheit
soll Kronzeugen in Aussicht gestellt werden.
11.10.
Der Bundestag beschließt das Anti-Terror-Gesetz. Justizministerin
Herta Däubler-Gmelin (SPD) kündigt das zweite Paket
noch für Oktober an.
12.10.
Der CSU-Parteitag beschließt einstimmig einen Leitantrag,
die Spielräume von Polizei und Geheimdiensten weiter
auszudehnen als es das Sicherheitspaket der Bundesregierung
vorsieht. Stoiber will die Zahl der Bundeswehrsoldaten und
den Verteidigungsetat aufstocken und den Datenschutz lockern.
Die SPD diskutiert, ob die Zustimmungspflicht des Parlaments
vor Auslandseinsätzen der Bundeswehr durch ein flexibleres
Verfahren ersetzt werden sollte.
14.10.
Die Ministerien erhalten zwei Tage Zeit um den Entwurf des
Sicherheitspakets II zu prüfen. In Nordrhein-Westfalen
werden derzeit 1,4 Millionen Männer auf mögliche
Verbindungen zu "islamischen Extremisten" untersucht.
15.10.
Im 110-seitigen Entwurf zum zweiten Sicherheitspaket ist vorgesehen,
dass das BKA ein Recht auf Ermittlungen im Vorfeld erhält
und damit ohne konkreten Anfangsverdacht aktiv werden kann.
Der BGS darf künftig 50 km, nicht mehr nur 30 km, von
der Staatsgrenze entfernt verdachtsunabhängige Kontrollen
durchführen. Die Einsetzung von "Luftpolizisten"
bzw. "Sky Marshals" wird gesetzlich geregelt. Der
VS darf den IMSI-Catcher einsetzen, der Mobiltelefone lokalisieren
und die Geräte- und Telefonnummer feststellen kann. Der
VS erhält Zugriff auf Dateien von Geldinstituten, Telekomunikationsunternehmen,
Luftverkehrsgesellschaften, Ausländerbehörden sowie
dem Bundesamt für die Anerkennung von Flüchtlingen.
Für Asylbewerber werden fälschungssichere Ausweise
eingeführt und im Ausländerzentralregister werden
künftig auch Lichtbilder und Fingerabdrücke betroffener
gespeichert. Pässe und Personalausweise sollen weitere
biometrische Informationen erhalten, z.B. Fingerabdrücke,
Hand- und Gesichtsgeometrie.
16.10.
Die EU-Finanzminister einigen sich auf schärfere Regelungen.
Makler, Anwälte, Spielkasinos und Wirtschaftsprüfer
sollen zukünftig einer Meldepflicht unterliegen und verdächtige
finanzielle Transaktionen melden.
18.10.
Schily kündigt einen Gesetzesvorstoß an, nach dem
Ausländer - ohne rechtskräftige Verurteilung - ausgewiesen
werden müssen, gegen die ein begründeter Verdacht
auf schwerste Straftaten besteht.
19.10.
Schilys Pläne erhalten Unterstützung im Bundesrat.
Die unionsregierten Länder Hessen, Bayern und Baden-Württemberg
wollen teils noch über seine Vorschläge hinausgehen.
Niedersachsen und Bayern legen der Bundesregierung eine Gesetzesinitiative
vor, die vorsieht, Ausländer, die im Verdacht sind "extremistische
Gruppen" nahezustehen, abschieben zu können.
24.10.
Die Bundesregierung beschließt eine Verordnung, die
die Anbieter von Telefon- und Internetdiensten verpflichtet,
Ermittlungsbehörden bei einer richterlichen Anordnung
zu ermöglichen, den Telekommunikationsverkehr (Telefon,
Mobiltelefon, Fax, E-Mail, SMS) ihrer Kunden zu überwachen
und abzuhören. Der Niedersächsische Landtag beschließt
eine Änderung des Gefahrenabwehrgesetzes, mit dem nun
auch in diesem Bundesland die Rasterfahndung möglich
wird.
25.10.
Bei der Erfassung biometrischer Daten in Pässen oder
Ausweisen zeichnet sich eine Einigung zwischen SPD und Grünen
ab. Nicht der Fingerabdruck, sondern andere biometrische Daten
sollen - möglicherweise verschlüsselt - verwendet
werden. Der Präsident des Bundesnachrichtendiensts (BND),
August Hanning, befürwortet eine enge Kooperation der
Sicherheitsbehörden in Deutschland. Die Erkenntnisse
der Behörden - vom Auslandsnachrichtendienst über
den VS bis zum Zoll - müßten gebündelt werden.
26.10.
Die Ministerpräsidenten der Länder signalisierten
grundsätzliche Zustimmung zum zweiten Sicherheitspaket.
28.10.
Das Anti-Terror-Paket II soll am 07.11. durch den Bundestag
verabschiedet werden. Zwar ist nicht mehr vorgesehen, dass
das BKA Ermittlungen ohne konkreten Anfangsverdacht aufnehmen
darf, es wird aber zuständig für die Verfolgung
von Angehörigen ausländischer "Terrororganisationen"
und von schweren Formen von Datennetzkriminalität. Es
darf künftig auch Auskünfte unmittelbar ohne Umwege
über die Länderpolizeien einholen. Der VS darf Auskünfte
bei Postdienstleistern und Luftverkehrsunternehmen einholen.
Alle drei Geheimdienste werden künftig zuständig
bei Bestrebungen, die gegen den Gedanken der Völkerverständigung
oder gegen das friedliche Zusammenleben der Völker gerichtet
sind oder die Sicherheit des Staates gefährden. Geheimdienste
sollen Einblicke in Kundendaten privater Dienstleistungsbetrieben
erhalten, die ihrerseits die Daten 15 Jahre speichern müssen.
Das Paket sieht des weiteren Änderungen im Ausländerrecht
vor: Aufenthalt und Einreise von Personen, die "terroristischen
Organisationen" zugerechnet werden, bleiben versagt.
Es wird eine gesetzliche Grundlage für eine Sprachaufzeichnung
im Asylverfahren geschaffen. Fingerabdrücke und andere
Identität sicherende Unterlagen werden künftig zehn
Jahre aufbewahrt. Fingerabdrücke können direkt mit
der BKA-Datenbank abgeglichen werden. Die Religionszugehörigkeit
von Ausländern wird gespeichert. Sicherheitsdienste erhalten
Zugriff auf den Datenbestand des Ausländerzentralregisters.
CDU/CSU bemängelt, dass diese Vereinbarung nicht ermöglicht,
straffällig gewordene Ausländer leichter abzuschieben.
FDP-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Gerhardt spricht sogar
von einem "großen Flop".
29.10.
Stoiber bezeichnet das Sicherheitspaket II als unzureichend:
"Wir brauchen Waffengleichheit zwischen Staat und ausländischen
Terroristen." Im zunächst verschobenen und nun vor
der Beschlussfassung stehenden neuen Einwanderungsgesetz will
er Asylgründe weiter begrenzen.
30.10.
Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Erwin Marschewski,
will "Ausländer, die verdächtigt sind, terroristische
Aktivitäten zu unterhalten", auch ohne richterliche
Anordnung in Internierungslager einsperren.
31.10.
Der "Kalif von Köln", Metin Kaplan, soll nach
seiner Haftentlassung in die Türkei abgeschoben werden,
wo er des Hochverrats angeklagt ist, worauf die Todesstrafe
steht. Schily hat den Widerruf der Asylgewährung in Gang
gesetzt: Mit Verabschiedung des zweiten Sicherheitspakets
werde die Ausweisung solcher Personen künftig wesentlich
leichter sein.
01.11.
Die Grünen signalisieren ihre Zustimmung zu den von Schily
vorgelegten Gesetzentwürfen zur Einwanderung und inneren
Sicherheit.
06.11.
Der Datenabgleich nach Raster läuft weiter. Die Sicherheitsbehörden
der Länder sind mit der Aufarbeitung der Daten beschäftigt.
In Nordrhein-Westfalen sind es inzwischen knapp fünf
Millionen Männer zwischen 18 und 41 Jahren, deren Daten
aus Einwohnermeldeämtern und Hochschulen beim LKA geprüft
werden. Die Öffentlichkeit erfährt darüber
nichts näheres.
07.11.
Die Bundesregierung beschließt das Sicherheitspaket
II sowie die Bereitstellung von Bundeswehreinheiten mit insgesamt
3900 Soldaten für die militärische Operation "Enduring
Freedom" an der Seite der USA.
08.11.
Beckstein fordert eine zusätzliche Verschärfung
des Ausländerrechts und beharrt auf seiner Position,
dass der "Verdacht auf Terrorismus" ausreichen muss,
um Ausländer abschieben zu können. Er bedauert die
Ablehnung bei den SPD-Innenministern von Bundeswehreinsätzen
im Innern, weil bei einem längeren Krieg "Demonstrationen
unter Einschluss von linksextremistischen autonomen Organisationen"
zu erwarten seien.
12.11.
Das BKA hat Mitarbeiter-Daten unter anderem von Energieversorgern
erbeten. Staatssekretär im Bundesinnenministerium Claus
Henning Schapper teilt mit, dass das Datenschutzrecht grundlegend
erneuert und modernisiert werden soll.
13.11.
Schily will das BKA als zentrale Ermittlungsbehörde stärken.
Die Beamten sollen künftig nicht nur vorbeugend, sondern
auch repressiv tätig werden. Ein Kompetenzzentrum gegen
Geldwäsche soll beim BKA eingeführt werden. Die
Aufgabentrennung der Geheimdienste wird mehr und mehr verwässert.
Es kursieren Vorschläge den Auslandsnachrichtendienst
BND auch im Inland spionieren zu lassen. Einige Ländergesetze
sehen bereits vor, dass sich der VS auch um organisierte Kriminalität
kümmert.
15.11.
Das Anti-Terror-Paket II soll noch in diesem Jahr alle parlamentarischen
Hürden nehmen, sagt Schily bei der ersten Lesung der
Gesetze im Bundestag. Es müsse ermöglicht werden,
aus Reisebewegungen und Finanztransaktionen Profile und Bewegungsbilder
möglicher Täter zu erstellen. CDU/CSU werfen Schily
vor, er bleibe hinter seinen ursprünglichen Ankündigungen
zurück.
16.11.
Die rot-grüne Koalition stimmt für den Einsatz der
Bundeswehr und spricht Bundeskanzler Schröder das Vertrauen
aus. Durch das Koppeln mit der Vertrauensfrage hat Schröder
Abgeordnete von SPD und Grünen auf Linie gebracht. Die
acht Grünen, die sich "endgültig" auf
ein Nein festgelegt hatten, haben sich darauf verständigt,
dass nur vier von ihnen den Bundeswehreinsatz ablehnen werden.
Quelle:
Frankfurter Rundschau 12.09. - 17.11.2001
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