Eine
Reise nach Kurdistan zu Newroz 2001.
Wir ließen Abdullah Öcalan hochleben...
Der Verband
der StudentInnen aus Kurdistan (YXK) lud ein zu einer Fahrt nach Kurdistan
ein. Ein Dutzend Studierende aus Deutschland und Frankreich, manche
davon in Kurdistan geboren, nahmen an der einwöchigen Reise teil.
Sie lernten das Land, seine Geschichte und Kultur, die aktuelle Situation
und die Verhältnisse kennen, erlebten unmittelbar, worüber
und wofür die Menschen im Südosten der Türkei streiten,
und feierten schließlich mit einer halben Million Menschen das
kurdische Neujahrsfest Newroz.
Von
Frankfurt/Main aus, ist nach etwa fünf Flugstunden Amed (türkisch:
Diyarbakir), die Hauptstadt Kurdistans in der Türkei, zu erreichen.
Von dort starteten wir unsere kulturellen Ausflüge, dort besuchten
wir Institutionen und führten zahlreiche Gespräche. Kurdistans
schöne, steinige und bergige Landschaft lernten wir auf der Fahrt
zu antiken und mittelalterlichen Plätzen kennen. Zu ihnen gehörte
auch Hasankeyf, die kleine Stadt am Tigris, die im Rahmen des türkischen
Südostanatolienprojektes (GAP) mit 100 weiteren Ortschaften überflutet
werden soll. Bau und Inbetriebnahme der Milliarden-US-$-teuren Staudammprojekte
zur Energie- und Bewässerungswassergewinnung wären nicht
nur eine ökologische Katastrophe, sondern auch ein Instrument
um Syrien und dem Irak das Wasser abzudrehen und zu erpressen. Konflikte
und Kriege sind vorprogrammiert. Dafür fließen auch deutsche
Gelder, und die Ravensburger Firma Sulzer beteiligt sich am Bau des
Ilisu-Staudamms, der Hasankeyf und zahlreiche weitere kulturelle Stätten
Kurdistans zerstören und etwa 80.000 Menschen vertreiben wird.
Kurdistan ist nach 15 Jahren Krieg und nach dem zweijährigem
einseitigen Waffenstillstand durch die kurdische Arbeiterpartei PKK
noch immer ein Land im Ausnahmezustand. Alle 10-20 km gibt es Militärkontrollen
und -Stützpunkte. Der Gouverneur kann Personen aus der Stadt
verbannen, Organisationen können ohne Begründung verboten
und Institutionen geschlossen werden. Rechtsmittel dagegen sind nicht
vorgesehen. Kurden werden vielfach benachteiligt, ihre Traditionen
und Kultur ist massiv eingeschränkt, ihre Sprache im öffentlichen
Leben verboten. Wer das thematisiert und sich politisch organisiert,
um die Unterdrückung zu überwinden, ist von Repression,
Verhaftung, Folter oder Tod bedroht. Daraus resultiert eine ihrer
ersten und wichtigsten Forderung: die nach Anerkennung als Kurden.
Diese ist die Grundlage für alles weitere.
Die unterschiedlichen Organisationen, mit denen wir uns in Amed trafen,
die sozialdemokratische Partei HADEP, die Gewerkschaften des Verbandes
KESK, der Menschenrechtsverein IHD und HADEP-nahe Studierendengruppen
aus verschiedenen Gebieten der Türkei, haben im Großen
und Ganzen die gleichen Probleme. Über der HADEP schwebt, wie
vormals über der HEP- und DEP-Partei, das Damoklesschwert des
Verbotes. Den Gewerkschaften wurden in den letzten sechs Jahren etwa
500 Vorstandsmitglieder vertrieben, 20 weitere ermordet. Das Büro
des IHD wurde über Jahre geschlossen und versiegelt. Wenige Tage
vor Newroz wurden in Amed Studierende festgenommen und verhaftet.
Einen großen Teil ihrer Arbeit stecken die Organisationen in
ihre Selbsterhaltung. Sie müssen immer wieder neu Fuß fassen
und sich für ihre Anerkennung einsetzen. Deshalb ist es kein
Wunder, dass sich auch ihre Forderungen gleichen. Sie verlangen die
Freiheit sich zu organisieren; vor allem anderen stehen die Forderungen
nach Frieden, Demokratie und Menschenrechten.
Für die Gewerkschaften ist deshalb die Klassenfrage zur Zeit
nur zweitrangig. Vor allem im Gespräch mit den Studierenden hörte
man heraus, dass auch Gedanken an Sozialismus vorhanden sind. Manche
Studierende bemängeln den ausschließlich parlamentarischen
Weg, sehen darin aber die einzige Möglichkeit, da ihnen außerparlamentarische
Arbeit verunmöglicht wird. Ein Schwerpunkt der Solidaritäts-
und Öffentlichkeitsarbeit aller Organisationen sind die politischen
Gefangenen und die Verhältnisse in den Gefängnissen. Als
einen Schritt im Demokratisierungsprozess der Türkei sieht die
HADEP den EU-Beitritt. Die Türkei als EU-Mitglied müsse
sich dem demokratischen Konsens unterordnen. Dass die Türkei
keine demokratische Republik ist, macht HADEP vor allem am Wahlsystem
und am Ablauf der Wahlen fest: Die 10-Prozent-Hürde verhinderte
bei den letzten Wahlen den Einzug ins türkische Parlament. Doppelte
bis dreifache Stimmenanzahl, schätzt die Partei, hätte sie,
wenn es keine Wahlfälschungen gebe. Auf dem Weg zur zentralen
Auszählung verschwinden immer wieder Stimmzettel aus den Urnen.
So geschah es, dass HADEP bei der Auszählung für einem Ort
nahe Amed keine einzige Stimme bekam. Der HADEP-Kandidat bedauerte
daraufhin, dass sie ihm noch nicht einmal seine eigene Stimme ließen.
HADEP ist mit Abstand die stärkste politische Kraft in Kurdistan.
Die Bevölkerung identifiziert sich mit der Partei, die in Amed
70 Prozent der Stimmen erhielt und neben 36 weiteren Städten
dort den Bürgermeister stellt. Aufgrund des Zuzugs aus umliegenden,
zum Teil von der türkischen Armee zerstörten Dörfern
hat sich die Bevölkerungszahl in Amed in den letzten Jahren verdreifacht.
Dies bringt wirtschaftliche und finanzielle Probleme mit sich. Es
gibt Haushalte, die nur eingeschränkt oder kein fließendes
Wasser haben. Die Kommunen können nicht das in die Wege leiten,
was sie gerne wollen, da der Staat als Besitzer von Teilen der Infrastruktur
keine Erlaubnis erteilt. Gelder für von der HADEP regierte Kommunen
gibt er nicht. Die Lebenssituation der Bevölkerung ist größtenteils
schlecht. Die Arbeitslosigkeit beträgt bis zu 90 Prozent, Kinder
müssen zum Lebensunterhalt der Familie beitragen und können
deswegen nicht zur Schule. Ohnehin ist für viele Eltern das Schulgeld
und die sonstigen Aufwendungen für Schulkleidung und andere Utensilien
nicht bezahlbar. Wer dennoch in den Genuss des Schulunterrichtes kommt,
sitzt aufgrund der geringen Lehrerzahl zusammen mit 80-100 Anderen
in einem Klassenraum.
Am 21. März beginnt für viele Völker im Nahen Osten
der erste Tag des neues Jahres. Newroz ist für die Kurden nicht
nur ein Fest, sondern eine politische Veranstaltung, Ausdruck von
Widerstand gegen Unterdrückung und ein Zeichen des politischen
und kulturellen Kampfes. Das war mit ein Grund für den türkischen
Staat Newroz in den Jahren zuvor immer wieder zu verbieten. Erst letztes
Jahr wurde Newroz in Amed zum ersten Mal erlaubt. Für 2001 wurde
das Fest in der ganzen Türkei angemeldet, in einigen Städten
und Regionen allerdings erneut verboten und auch das Feiern von Hochzeiten
wurde mancherorts für diesen Tag untersagt. Trotz der Genehmigungen
in anderen Städten kam es im Vorfeld zu zahlreichen Festnahmen.
Auch zwei HADEP-Funktionäre sind verhaftet worden und seitdem
verschwunden. Im Amed wurde Newroz auf einer Wiese 10 km außerhalb
der Stadt genehmigt. Zahlreiche ausländische Gäste, Abgeordnete,
Musiker, Intellektuelle und türkische Schriftsteller hatten sich
angekündigt. HADEP mobilisierte alles was Räder hat, um
allen eine Mitfahrmöglichkeit zu geben. 500 000 Menschen - hätte
das Fest in Amed stattgefunden, wären es über eine Million
gewesen - feierten Newroz. Wie auf einem Festival tanzten sie zu der
Musik der Bands. Sie hörten die Reden, riefen Parolen und ließen
Abdullah Öcalan hochleben.
Betrachtet man die Kämpfe und Verhältnisse in Kurdistan,
fällt einem die Nähe zu Deutschland auf. Der Kampf um Demokratie
und Menschenrechte sind auch für uns ein Mittel, die Umwälzung
der Verhältnisse aber der Zweck. Der Krieg des türkischen
Staates wird mit deutschen Waffen geführt, die Rüstungsexporte
an das türkische Militär schränkte auch die rot-grüne
Bundesregierung nicht ein. Deutsche Firmen sind am Bau der Staudämme
beteiligt, deutsche Gelder fließen in das GAP-Projekt. Mit diesen
Tatsachen im Hinterkopf ergeben sich auch Ansatzpunkte und Aktionsziele
für unsere Politik hier.
Niels ist Student
und Mitglied der Libertad!-Gruppe in Frankfurt/Main.