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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 8 / Frühjahr 2001 - Seite 18
Linke Vergangenheiten sind reumütige Gegenwart: Es fehlt einfach die RAF
[ Inhalt Nr. 8.]
Linke Vergangenheiten sind reumütige Gegenwart: Es fehlt einfach die RAF

Die Genickbrecher, Verräter und Abschwörer der 70er Jahre sitzen in der Regierung - und sie werden eingeholt von einer Geschichte, die schon lange nicht mehr ihre ist, die die letzten Jahre - wenn überhaupt - nur dazu taugte, einige romantische Wähler/innen hinter dem Ofen hervorzulocken.

Schröder - als Statthalter des SPD-Parteivorstandes zum Juso-Vorsitzenden gekürt, nachdem der kurz zuvor gewählte Juso-Linke Benneter geköpft und seines Postens enthoben wurde, weil er es gewagt hatte, großkapitalfeindliche Sätze zu äußern. Diese politische Korruption - bei den Juso gab es kaum einen zweiten, der diesen Job wollte - ebnete Schröder die politische Karriere in der SPD.
Fischer - der rechtzeitig Mitte der 70er Jahre auf den Zug der „linken" Entso-lidarisierung mit der RAF sprang - er sah eine „Rote Tscheka" am Horizont während der Überwachungsstaat auf dem Vormarsch war - und der erst über diese Schiene des „Antiterrorismus" seinen Aufstieg begann. Von da - um in seinem Bild zu bleiben - bis zu einem der Chefs der „Weißen Garde" zu nennenden NATO, die Städte bombardieren und Länder besetzen läßt, ist der Weg nur konsequent.
Trittin - der es - wie andere die Friedensbewegung in einen weiteren Kriegsgrund umdefinierten - schaffte, die Anti-Atom-Bewegung zum Unterfutter der staatlichen Neuorganisierung der europäischen Energiewirtschaft zu machen, kann jetzt 30.000 Polizisten und Grenzschützer zum Prügeleinsatz auf Demonstrant/innen für die freie Fahrt der Castor-Züge dirigieren.
Schily - der, wie Andreas Baader schon 1974 richtig begriff als „letzter Verteidiger des Rechtsstaates" zu allererst die bürgerliche Demokratie als Anwalt vertrat und nicht Gudrun Ensslin - und der heute treu als Polizei- und Abschiebeminister wacht, dass dieser Rechtsstaat auch weiterhin für die gesetzeskonforme Klassengesellschaft funktioniert.

All das Karrieren, auf die man stolz sein kann. Denn anders als die Legende „vom Straßenkämpfer zum Minister" ist es nun mal so, dass in Deutschland nur der was werden kann, der sich uneingeschränkt als „wehrhafter Demokrat" für die Ziele und Belange des deutschen Imperialismus einsetzt.
Die ausgerechnet von einer Tochter von Ulrike Meinhof ausgelöste gegenwärtige Debatte um angeblich staatsfeindliche Vergangenheiten und undeutsche Gegenwarten, meint nur vordergründig und konkret Fischer, Trittin und die rotgrüne Koalition. Instrumentalisiert für den Zweck der hausinternen Keilerei zwischen bürgerlichen Politikern, ist es der immer noch wirkende Schock einer sozi-alrevolutionären Emanzipation, die mit ihren Ausläufern bis in die 80er Jahre für Aufruhr sorgte. Aus bürgerlicher Sicht ist richtig, was den ehemaligen CDU-Generalsekretär Geissler bis heute in seiner Verteidigung von Fischer umtreibt: „'68 war schlimmer als die Nazis". Denn es war nicht nur mehr, sondern was ganz anderes, als die auf reformerische Erneu-eung des deutschen Staatswesens reduzierte „68er-Bewegung" und der entsprechenden Bewertung als Beitrag für die Erfolgsgeschichte der deutschen Großmacht.
Die tatsächliche Bewegung: fundamental radikal, kreativ militant und emanzipatorisch gewaltätig, dabei realistisch utopisch agitierend und agierend, taugt nicht für das Poesiealbum und ist das Gegenteil von staatstragend. So wie es damals kleingekriegt und ausgemerzt werden mußte, so muß heute die kollektiv wirkende Erinnerung bereinigt werden. Es ist halt so: Eine Revolte ist wie ein Bazillus, der den Körper immer wieder infizieren kann. Solange es die RAF gab, kam man einfach nicht an diese Erinnerung heran. Und das nicht, weil die RAF die eins zu eins Verkörperung dieser Bewegung war. Aber als Staatsfeind Nr. 1 konzentrierte sie einen Punkt in sich, den der Gewalt von unten, und hielt deshalb die Erinnerung mit einer möglichen Gegenwart verknüpft. Erst nach dem Ende der RAF war der Weg frei für die Verharm-losung zur staatstragenden Bürgerinitiative. Der Vorgeschmack auf kommende Intervalle einer kollektiven Gehirnwäsche.

Die Redaktion


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
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