Linke
Vergangenheiten sind reumütige Gegenwart: Es fehlt einfach die
RAF
Die Genickbrecher,
Verräter und Abschwörer der 70er Jahre sitzen in der Regierung
- und sie werden eingeholt von einer Geschichte, die schon lange nicht
mehr ihre ist, die die letzten Jahre - wenn überhaupt - nur dazu
taugte, einige romantische Wähler/innen hinter dem Ofen hervorzulocken.
Schröder
- als Statthalter des SPD-Parteivorstandes zum Juso-Vorsitzenden gekürt,
nachdem der kurz zuvor gewählte Juso-Linke Benneter geköpft
und seines Postens enthoben wurde, weil er es gewagt hatte, großkapitalfeindliche
Sätze zu äußern. Diese politische Korruption - bei
den Juso gab es kaum einen zweiten, der diesen Job wollte - ebnete
Schröder die politische Karriere in der SPD.
Fischer - der rechtzeitig Mitte der 70er Jahre auf den Zug der linken"
Entso-lidarisierung mit der RAF sprang - er sah eine Rote Tscheka"
am Horizont während der Überwachungsstaat auf dem Vormarsch
war - und der erst über diese Schiene des Antiterrorismus"
seinen Aufstieg begann. Von da - um in seinem Bild zu bleiben - bis
zu einem der Chefs der Weißen Garde" zu nennenden
NATO, die Städte bombardieren und Länder besetzen läßt,
ist der Weg nur konsequent.
Trittin - der es - wie andere die Friedensbewegung in einen weiteren
Kriegsgrund umdefinierten - schaffte, die Anti-Atom-Bewegung zum Unterfutter
der staatlichen Neuorganisierung der europäischen Energiewirtschaft
zu machen, kann jetzt 30.000 Polizisten und Grenzschützer zum
Prügeleinsatz auf Demonstrant/innen für die freie Fahrt
der Castor-Züge dirigieren.
Schily - der, wie Andreas Baader schon 1974 richtig begriff als letzter
Verteidiger des Rechtsstaates" zu allererst die bürgerliche
Demokratie als Anwalt vertrat und nicht Gudrun Ensslin - und der heute
treu als Polizei- und Abschiebeminister wacht, dass dieser Rechtsstaat
auch weiterhin für die gesetzeskonforme Klassengesellschaft funktioniert.
All das Karrieren,
auf die man stolz sein kann. Denn anders als die Legende vom
Straßenkämpfer zum Minister" ist es nun mal so, dass
in Deutschland nur der was werden kann, der sich uneingeschränkt
als wehrhafter Demokrat" für die Ziele und Belange
des deutschen Imperialismus einsetzt.
Die ausgerechnet von einer Tochter von Ulrike Meinhof ausgelöste
gegenwärtige Debatte um angeblich staatsfeindliche Vergangenheiten
und undeutsche Gegenwarten, meint nur vordergründig und konkret
Fischer, Trittin und die rotgrüne Koalition. Instrumentalisiert
für den Zweck der hausinternen Keilerei zwischen bürgerlichen
Politikern, ist es der immer noch wirkende Schock einer sozi-alrevolutionären
Emanzipation, die mit ihren Ausläufern bis in die 80er Jahre
für Aufruhr sorgte. Aus bürgerlicher Sicht ist richtig,
was den ehemaligen CDU-Generalsekretär Geissler bis heute in
seiner Verteidigung von Fischer umtreibt: '68 war schlimmer
als die Nazis". Denn es war nicht nur mehr, sondern was ganz
anderes, als die auf reformerische Erneu-eung des deutschen Staatswesens
reduzierte 68er-Bewegung" und der entsprechenden Bewertung
als Beitrag für die Erfolgsgeschichte der deutschen Großmacht.
Die tatsächliche Bewegung: fundamental radikal, kreativ militant
und emanzipatorisch gewaltätig, dabei realistisch utopisch agitierend
und agierend, taugt nicht für das Poesiealbum und ist das Gegenteil
von staatstragend. So wie es damals kleingekriegt und ausgemerzt werden
mußte, so muß heute die kollektiv wirkende Erinnerung
bereinigt werden. Es ist halt so: Eine Revolte ist wie ein Bazillus,
der den Körper immer wieder infizieren kann. Solange es die RAF
gab, kam man einfach nicht an diese Erinnerung heran. Und das nicht,
weil die RAF die eins zu eins Verkörperung dieser Bewegung war.
Aber als Staatsfeind Nr. 1 konzentrierte sie einen Punkt in sich,
den der Gewalt von unten, und hielt deshalb die Erinnerung mit einer
möglichen Gegenwart verknüpft. Erst nach dem Ende der RAF
war der Weg frei für die Verharm-losung zur staatstragenden Bürgerinitiative.
Der Vorgeschmack auf kommende Intervalle einer kollektiven Gehirnwäsche.
Die Redaktion