Deprivation
und Kolonisierung
Über den Zusammenhang von Rehabilitierung und revolutionärer
Aktion
Von Ulrike Meinhof
Am 8.Mai 1976
wurde Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Zelle im 7. Stock des Hochsicherheitsgefängnisses
von Stuttgart-Stammheim aufgefunden. Bis heute erklären offizielle
Stellen den Tod von Ulrike Meinhof als Selbstmord", resultierend
aus gruppeninternen Konflikten" zwischen den damaligen
Gefangenen Andreas Baader, Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Ulrike
Meinhof. Die Stammheimer Gefangenen widersprachen in einer Prozesserklärung
wenige Tage später der Möglichkeit eines Selbstmordes.
Auch eine Internationale Untersuchungskommission, der u.a. der französische
Theologe Georges Casalis und der irische Schriftsteller John McGuffin
angehörten, der gegenwärtig den RZ-Prozess in Berlin beobachtet,
konnte laut ihrem Abschlußbericht mehr Indizien und Anhaltspunkte
für einen Mord, als für die staatliche Version der Selbsttötung
finden.
Aus Anlaß
des 25. Jahrestages ihres Todes, veröffentlichen wir folgenden
Text, den Ulrike Meinhof in ihrer Haft schrieb.
Der Text war für die Diskussion unter den Gefangenen und den
Aktivist/innen der Solidaritätsgruppen draußen bestimmt.
Das hier erstmalig im breiteren Rahmen publizierte Dokument versucht
die Methode der Isolationshaft, der die Gefangenen aus der RAF damals
unterworfen waren, als Ausdruck eines metropolitanen Prozess der Kolonisierung
zu entschlüsseln. Die Isolationshaft wird als ein gewaltsamer
Entzug von Gesellschaftlichem" bezeichnet, deren zerstörerische
Wirkung erst im Akt der Gegenwehr vollständig begreifbar sei.
Für Ulrike Meinhof liegt die einzige Chance der Heilung"
des betroffenen Subjekts, hier: des politischen Gefangenen, in der
Rückeroberung seiner Menschlichkeit" durch Eroberung
dessen, was ihm in der Isolation systematisch entzogen werden soll:
Gesellschaftlichkeit - und eine damit einhergehende Fähigkeit
zur kollektiven und von den krankmachenden Verhältnissen befreienden
Aktion.
1. Zu Metropolenfolter
Weil Anti-Guerilla-Folter
darauf abzielt, das Kollektiv zu vernichten, in den Kämpfern
die Substanz des Kollektivs, d.h. ihr politisches Bewußtsein
- ihre Aggressivität, d.h. ihre Fähigkeit zu kämpfen,
das Diskriminierungsvermögen, damit sie Freund und Feind nicht
mehr unterscheiden können, - zielt jede Verschärfung bei
einem auf alle - trifft alle - wie jedes bißchen Luft bei einem
bißchen Luft für alle ist. Der Tötung durch Deprivation
den Widerstand eines kollektiven Bewußtseins entgegensetzen,
heißt - deshalb ist es ein Kampf auf Leben und Tod - daß
sie uns unserer Identität nicht berauben können, ohne zu
töten, weil die Drohung mit dem Tod für uns keine Bedrohung
ist, können sie uns unser Bewußtsein nicht entreißen.
2. Deprivation
und Kolonisierung
Jetzt, wo mal
bestimmt worden ist, was sensorische Deprivation überhaupt ist
- nämlich der Entzug von Gesellschaftlichem, von dem Stoff, welcher
erst (in welcher historischen Form auch immer) die gens Mensch'
entstehen und entwickeln läßt - ohne daß etwas Neues
an seine Stelle tritt - wird klar, daß bei sensorischer Deprivation
von derselben Sache die Rede ist, was mit den Völkern der Dritten
Welt bei ihrer Kolonisierung gelaufen ist.
Marx über Indien: England hat das ganze Gefüge
der indischen Gesellschaft niedergerissen, ohne daß bisher auch
nur die Spur eines Neuaufbaus sichtbar geworden wäre. Dieser
Verlust seiner alten Welt, ohne daß eine Neue gewonnen worden
wäre, gibt dem heutigen Elend des Hindu eine besondere Note von
Melancholie und zieht einen Trennungsstrich zwischen dem von England
beherrschten Hindustan und den ehrwürdigen Überlieferungen
seiner ganzen geschichtlichen Vergangenheit." (Bei: Baran
- Politische Ökonomie des wirtschaftlichen Wachstums. Luchterhand,
S. 246)
Wenn Kolonisierung
eine Eroberung war, bei der die vorhandenen gesellschaftlichen (ökonomischen,
politischen, kulturellen) und Kommunikationsstrukturen vernichtet,
d.h. den Eingeborenen entzogen wurden, sie stattdessen einem Herrschaftssystem
unterworfen worden sind, -Kolonialregime/Imperialismus, an dem sie
nicht teilnehmen,
in dem sie nur als Ding, als Sache vorkommen, -
dann ist das kolonisierte Individuum ein depriviertes Individuum,
und der Deprivationsprozeß in der Isolation dasselbe, was Milliarden
bei ihrer Kolonisierung erlitten, durchgemacht haben - woran unendlich
viele ja auch zugrunde gegangen sind.
Fanon beschreibt dasselbe - dieselben Prozesse, die in der SD1 als
Folter programmiert sind: Weil der Kolonialismus eine systematische
Negation des anderen ist, eine blindwütige Entschlossenheit,
dem anderen jedes menschliches Attribut abzustreiten, treibt er das
beherrschte Volk dazu, sich ständig die Frage zu stellen Wer
bin ich eigentlich?' Die Abwehrmechanismen, die aus dieser gewaltsamen
Konfrontation des Kolonisierten mit dem Kolonialsystem entstehen,
organisieren sich zu einer Struktur, in der sich die kolonisierte
Persönlichkeit offenbart. Um diese Empfindlichkeit' zu
verstehen, braucht man nur die Anzahl und die Tiefe der Wunden zu
untersuchen, die einem Kolonisierten während eines einzigen unter
dem Kolonialsystem verbrachten Tages zugefügt werden... In Algerien
gibt es nicht nur eine Fremdherrschaft, sondern die buchstäbliche
Entschlossenheit, ein Gebiet einfach in Besitz zu nehmen. die Algerier,
die Frauen im haik', die Palmenhaine und die Kamele bilden das
Panorama, die natürliche Kulisse für die Anwesenheit des
Menschen, nämlich des Franzosen - die feindliche, widerspenstige,
zutiefst rebellische Natur wird in den Kolonien durch den Busch, die
Moskitos, die Eingeborenen, und die Fieberkrankheiten repräsentiert.
Die Kolonisierung ist gelungen, wenn diese ganze unbezähmbare
Natur schließlich doch niedergerungen ist. Eisenbahnlinien durch
den Urwald, Trockenlegung der Sümpfe, politische und wirtschaftliche
Nicht-Existenz der Eingeborenen - das ist in Wirklichkeit ein und
dasselbe. Wenn in der Kolonisierungsperiode, in der es noch keinen
bewaffneten Widerstand gibt, die Summe der schädlichen Reizungen
eine bestimmte Schwelle überschreitet, brechen die Abwehrmechanismen
der Kolonisierten zusammen, sie finden sich dann in beträchtlicher
Anzahl in den psychiatrischen Kliniken wieder."
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| Fahndungsplakat
nach der Befreiung von Andreas Baader (1970) und handschriftliche
Notiz Ulrike Meinhofs wenige Wochen vor ihrem Tod (März
1976) |
Man versteht dann,
warum es kein Zufall und nicht einfach Fanons starke Sprache ist,
daß bei ihm dieselben Worte, Ausdrücke, Bilder auftauchen,
die der camera-silens-Gefolterte im Kopf hat - weil von derselben
Sache die Rede ist. (Es) wird aber auch klar, warum erst Fanon und
warum erst wir es überhaupt bringen können, die Schmerzen
der Kolonisierung, der Deprivation zu artikulieren, und es uns nicht
mehr gefallen lassen, daß das, was zu sagen ist, als Klage'
denunziert wird, wir selbst daran erstickt werden. Weil es keine Instanz
innerhalb des Systems gibt, an die sich der Kolonisierte, der mit
der Deprivation Gefolterte wenden könnte - insofern Kolonisierung
und Deprivation das Zusammenwirken, die Komplizenschaft von allem,
was systemimmanent ist, voraussetzt - kann die Artikulation des Problems
erst anfangen, wo die Lösung des Problems angefangen hat: Bewaffneter
Widerstand - revolutionäre Gewalt.
Der gewaltsame Entzug von Gesellschaftlichem, ohne daß etwas
neues an seine Stelle tritt, - Entmenschung - läßt nur
eine Möglichkeit der Heilung zu: Die gewaltsame Eroberung, Rückeroberung
seiner Menschlichkeit durch Eroberung dessen, was entzogen wird/wurde:
Gesellschaft - durch Vernichtung des Systems das entzieht' (Imperialismus)
- Eroberung der Macht.
Bei Fanon die
Worte, die das zum Ausdruck bringen, was der camera-silens-Gefolterte
empfindet:
Es handelt sich ganz konkret darum, die Menschen nicht auf
Wege zu zerren, auf denen sie verstümmelt werden. Dem Gehirn
keinen Rhythmus aufzwingen, der es rasch auslöscht und zerrüttet.
Es darf nicht geschehen, daß der Mensch ... hin- und hergezerrt,
sich selbst, seiner Intimität entrissen, zermürbt und getötet
wird."
Auf der individuellen Ebene wirkt die Gewalt entgiftend.
Sie befreit den Kolonisierten von seinem Minderwertigkeitskomplex,
von seinen kontemplativen, verzweifelten Haltungen. Sie rehabilitiert
ihn in seinen eigenen Augen."
Er erkennt sehr oft, daß er nicht nur auf die feindlichen
Kräfte Jagd machen muß, sondern auch auf die Kristallisationskerne
der Verzweiflung im eigenen Körper."
In der kolonialen Welt konzentriert sich das affektive Vermögen
des Kolonisierten auf der Oberfläche der Haut; sie ist empfindlich
wie eine offene Wunde gegen ätzende Stoffe. Und die psychische
Disposition schrumpft ein, verkrampft sich und entlädt sich in
muskulären Reaktionen, die manchen Wissenschaftlicher (kann
man auch sagen Rechtsanwalt) auf die Idee gebracht haben, der Kolonisierte
sei ein Hysteriker" (der Rassismus gewisser Rechtsanwälte).
Der Kolonisierte ist ein Verfolgter, der ständig davon
träumt, Verfolger zu werden."
Für den Kolonisierten ist Objektivität immer etwas,
was sich gegen ihn richtet".
Wenn sich die Gesten der Höflichkeit und des Entgegenkommens
vermehren, hat der Kolonisierte konkret den Eindruck, ein Veränderung
zu erleben."
Der Kolonisierte läuft Gefahr, sich jeden Augenblick
durch irgendeine Konzession entwaffnen zu lassen."
Das kolonisierte Ding wird Mensch gerade in dem Prozeß,
durch den es sich befreit."
Wenn die Bundesanwaltschaft jetzt bei Bücherbestellungen nur
noch Bücher die Anstalten zulassen will, d.h. auch den Hahn noch
zudrehen - dann eben unter anderem deswegen, - was in Buddenbergs
Grashoff-Beschluß2 schon voll zum Ausdruck kam - um uns von
Allem, was bewaffneter Widerstand ist, vollends abzuschneiden. Weil
wenn und solange es keinen bewaffneten Widerstand gibt, die Abwehrmechanismen
der Deprivierten, die Summe der schädlichen Reizungen eine bestimmte
Schwelle überschreitet, zusammenbrechen als Kalkül dabei.
Insofern ist es ärgerlich, daß die Komitees unsere Forderungen
nach freier politischer Information in den Gefängnissen scheints
vergessen haben und hunderte Intellektuelle einschließlich Sartre,
Gorz, Beauvoir eine Resolution unterschrieben haben3, in der ausgerechnet
das fehlt. d.h. einfach, die camera silens ist das Produkt von Produktivkräften,
die selbst schon entartet, pervertiert sind - nicht zum Zweck von
Produktivität, sondern zum Zweck von Herrschaft, Beherrschung,
Hierarchisierung, sozialer Unterdrückung so sind, wie sie konstruiert
sind.
Von Produktivkräften, deren Konstruktionsprinzip nicht Produktivität,
sondern Herrschaft ist, und zwar durch Intensivierung der Entgeistigung
der Arbeit, Ausschaltung des Arbeiters von der Arbeit, soweit er selbst
auch Verstand hat - deren Konstruktionsprinzip gegen das Volk gerichtet
ist, kann logischerweise als Steigerung nur noch Gehirnvernichtung,
Anti-Guerilla, Folter rauskommen - wie aus der gewaltsamen Unterdrückung
des Volkes bewaffnete Guerilla kommt - Gegengewalt.
Die Deprivationsgitter vor unseren Fenstern sind nichts anderes. Wir
hatten Fliegendraht, besser Drahtgaze vor den Fenstern, vercovert
als: gegen pendeln und rauswerfen von Kassibern. Man konnte die mühelos
abmachen, dann wurde es erneuert (ca. 25 DM plus Hausstrafen). Nachdem
wir das wieder mal demontiert hatten, sitzt jetzt ein festes Drahtgitter
davor. Mit einmal 1cm großen Drahtmaschen, 1mm-Draht, ungefähr,
an allen Schnittpunkten verschweißt. Wenn man ne Weile drauf
sieht, verschwimmt einem das bzw. das Netz fängt an zu tanzen,
das Pendelverbot ist inhaltslos, weil wir Umschluß haben. Was
durchstecken, rauswerfen, kann man auch. Licht nimmt es nicht weg.
Es ist seiner ganzen Struktur/Konstruktion nach auf den einen Zweck
reduziert:
einem die Augen zu verdrehen bzw. einen fester in die Zelle zu drücken,
- Deprivation, Vernichtung -, Anti-Guerilla. Und kommt natürlich
aus der heutigen Wahrnehmungspsychologie, Arbeitsphysiologie, Rüstungstechnologie.
Lenin: Revolutionäre
Armee - das ist auch ein sehr großes Wort. Sie zu schaffen,
ist ein schwieriger, komplizierter und langwieriger Prozeß.
Wenn wir aber sehen, daß dieser Prozeß schon begannen
hat und überall abschnittsweise, stückweise vor sich geht,
wenn wir wissen, daß ohne eine solche Armee ein wirklicher Sieg
der Revolution unmöglich ist, dann müssen wir eine entschiedene
und direkte Losung aufstellen, sie propagieren und zum Prüfstein
der aktuellen politischen Aufgaben machen. Es wäre falsch zu
glauben, daß die revolutionären Klassen immer über
genügend Kraft verfügen, um einen Umsturz zu bewerkstelligen,
wenn dieser auf Grund der gesellschaftlich-ökonomischen Entwicklung
vollauf herangereift ist. Nein, die menschliche Gesellschaft ist nicht
so vernünftig eingerichtet und nicht so bequem für die fortgeschrittenen
Elemente. Der Umsturz kann herangereift sein, allein die Kräfte
der revolutionären Schöpfer dieses Umsturzes können
sich als ungenügend erweisen, ihn zu bewerkstelligen... - dann
fault die Gesellschaft, und diese Fäulnis kann Jahrzehnte hindurch
andauern..."
Daß der Umsturz gesellschaftlich/ökonomisch vollauf herangereift
ist, beweist unter anderem die Analyse der Counter-insurgency-Waffen,
der Metropolenfolter.
Muß man, muß das einfach sehen: Innerhalb der Kombination
von Mitteln, durch die sensorische Deprivation aufgezwungen, erzeugt
wird, bestimmte Maßnahmen eine andere proportionale Bedeutung
haben, bekommen, - als außerhalb der Folter.
Der Deprivierte,
der nicht arbeitet, nicht liest, entpolitisiert sich. Der Deprivierte,
der den Kampf gegen die Deprivation, d.h. partiell geistige Umnachtung,
nicht führt, geht in Arsch. Der Deprivierte, der das nicht checkt,
daß er gefoltert wird - nur leidet, aushält - den Sisyphos
nicht macht, rollt den Berg runter, den Bullen vor die Füße.
Die Frage Lesestoffentzug' ist auf alle Fälle ne zentrale
Kiste in den Vernichtungsprogrammen - wenn man sie nicht verhindert.
Man kommt aber - weiter - auch drauf, daß mit diesem Begriff
von Deprivation/Kolonisierung (Entzug, Vernichtung von Gesellschaftlichem,
ohne daß etwas Neues an seine Stelle tritt - denn die Inhalte,
die der Umerziehungspsychiater bei der Gehirnwäsche einschießt,
sind die alten zerstückelten, verfälschten Inhalte eines
verfälschten Lebens', die Lügen, die Plattheiten, die Brutalität,
das kulturelle Talmi. Das nicht mehr aushalten zu können, denjenigen
mal zur Guerilla, zur RAF gebracht hat) - auch das einen Namen kriegt,
was überhaupt in den Metropolen läuft - die Folter nur die
komprimierte, in kurzen Prozeß angewandte, von allen Störfaktoren
gereinigte Form von dem ist, was gesamtgesellschaftlich läuft:
Vernichtung - von gesellschaftlichem Reichtum durch Rüstung,
Werbung, aufgeblähten Staatsapparat, Kapitalexport, Verschleißproduktion
bei gleichzeitiger Faschisierung.
Verhinderung von
gesellschaftlich Möglichem, Anpassung der Menschen, unerträglich
gewordene Verhältnisse, statt Revolutionierung der Produktionsverhältnisse
- was die Technokraten zum Beispiel einfache zweite Analphabetisierung'
nennen, der Dreck von Schelsky4.
Fanon: Aber
was ist der Faschismus auf der Ebene des Individuums und des Völkerrechts
anderes als der Kolonialismus innerhalb eines traditionell kolonialistischen
Landes."
Wenn die Überlegung
richtig ist (sie unreif und nur mal so ausgesprochen) - würde
das heißen: Das die Befreiungskämpfe der Dritten Welt nicht
nur deswegen die Avantgarde der Weltrevolution sind, weil der Nord-Süd-Konflikt
der universale Widerspruch ist und ihre Kämpfe die entfaltesten
sind, sondern auch, weil sie die Schmerzen, die Verletzungen, den
Zerreißprozeß, die Verzweiflungen schon kennen, aus denen
die Guerilla kommt - die Härte, die die Palästinenser haben,
die Algerier hatten, die der antiimperialistische Krieg verlangt und
die aus dem seichten Milieu der Arbeiteraristokratie nicht kommt.
Man könnte dann sagen: Die letzte antagonistische Zuspitzung
des Widerspruchs Lohnarbeit - Kapital - heute: Metropolen - 3. Welt
- wäre dann der Widerspruch zwischen dem Imperialismus und den
kolonisierten Massen der Welt - Sozialismus oder Untergang, Revolution
oder Barbarei.
Deprivation - Kolonisierung wäre dann auch der politische Begriff
dafür, daß die Leute auch hier inzwischen massenhaft in
die psychiatrischen Anstalten abwandern, und Tranquilizer fressen
- weil ihre Abwehrmechanismen im Prozeß der Faschisierung, Kolonisierung
zusammenbrechen, solange es keinen bewaffneten Widerstand gibt. Die
Erklärung dafür wieso das SPK5 so erfolgreich die Leute
agitiert und begeistert hat, weil ja die Erkenntnisse alle gestimmt
haben - den Kapitalismus vernichten, - um leben zu können - und
zerfiel, zerfallen mußte, als nach der befreienden Erkenntnis
die befreiende Praxis ausblieb, immer noch aufgehoben wurde, als alle
Einsicht schon da war, es bei der Frage blieb, von der man nicht satt
wird.
Dann die Krankheit
- Deprivation - Kolonisierung - wie auch immer die Krankheitsbilder
im einzelnen aussehen, der Organismus den Konflikt durch schlechte,
aber ökonomische Mittel überwindet (Fanon) - hat eine materielle
Ursache - Entzug von ... - und es gibt keine, kann gar nicht, Heilung,
Rehabilitierung geben anders als in der revolutionären Aktion,
im Prozeß des antiimperialistischen Krieges, der Befreiung,
Eroberung der Macht.
Sicher ist, daß
die Metropolenfolter die Metropolenguerilla mit den Guerillabewegungen
der 3. Welt zusammenschweißt - zum selben Feind: Imperialismus,
derselben Organisationsform: Guerilla, schafft sie dieselben psychischen
Voraussetzungen in den Kämpfern. Nicht nur der revolutionäre
Fortschritt bricht sich Bahn in der Erzeugung einer geschlossenen
mächtigen Konterrevolution, in der Erzeugung eines Gegners, durch
dessen Bekämpfung erst die Umsturzpartei zu einer wirklich revolutionären
Partei heranreift" (Marx - Klassenkampf in Frankreich - Motto)
- sondern die Konterrevolution selbst schweißt die Umsturzpartei,
die Guerillabewegungen zusammen - mit Counterinsurgencyfolter.
Die Verbreitung
der Folter, die Analyse der Foltermethoden selbst bringt einen noch
einmal näher - stößt einen dahin, weil auch orientiert
- auf den Standpunkt des proletarischen Internationalismus.
Bringt einen dahin, wovon sie einen abbringen soll - in den kollektiven
Zusammenhang der Befreiungskämpfe -, zwingt einen zu der Artikulation,
die als einzige den sensorisch Deprivierten, den Kolonisierten rehabilitieren
kann, als einzige artikulieren kann, was sensorische Deprivation überhaupt
ist: Gewalt.
Ist eben die Frage, wenn man mal anfängt, im nationalen Rahmen
sich klassenanalytisch was zu überlegen, ob das in dieser Beschränkung
überhaupt noch einen Sinn hat - so wie Lenin das gemacht hat.
Einteilung der Klassen ....nach ihrem Verhältnis zu den
Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation
der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und Größe
den Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen."
Sondern eben so - Lenin: nicht vom Standpunkt meines'
Landes darf ich urteilen (denn so urteilt ein kläglicher Dummkopf,
ein nationalistischer, der nicht versteht, daß er ein Spielzeug
in den Händen der imperialistischen Bourgeoisie ist), sondern
vom Standpunkt meiner Teilnahme an der Vorbereitung, der Propagierung,
der Beschleunigung der proletarischen Weltrevolution." (Die
proletarische Revolution und der Renegat Kautsky - Dietz, S. 76);
noch schärfer - auch Lenin: Es genügt nicht, die
Menschen nach ihrem Verhältnis zu politischen Losungen zu gruppieren,
darüber hinaus ist es erforderlich, sie nach Einstellung zum
bewaffneten Aufstand (...) zu gruppieren, wer gegen ihn ist, wer sich
nicht auf ihn vorbereitet, den muß man rücksichtslos aus
der Zahl der Anhänger der Revolution streichen und zu ihren Gegnern,
zu den Verrätern oder Feiglingen rechnen, denn es naht der Tag,
an dem der Gang der Ereignisse, die Situation des Kampf uns zwingen
wird, Feinde und Freunde nach diesem Merkmal voneinander zu scheiden."
(Die Lehren des Moskauer Aufstandes bei Hallweg - Lehrm. des Klassenkrieges
S. 76)
3. Technologie
und Deprivation
Sicher ist sensorische
Deprivation der tiefste, irreversibelste, destruktivste Eingriff am
Menschen durch Folter, weil sie eben nicht nur allgemein seinen Körper,
sondern direkt sein Gehirn angreift - darauf zielt, den Menschen in
dem, was ihn zum Menschen macht, bzw. die Bedingung seiner Befreiung
ist: Abwehrmechanismen zu haben - Freund von Feind unterscheiden zu
können (Diskriminierungsvermögen) - kämpfen zu können
- zu vernichten,
denn: die Metropolenfolter übertrifft die 3.-Welt-Folter in dem
Maß, wie die Metropolentechnologie die 3.-Welt-Technologie übertrifft.
In der 3. Welt
- sagt Fanon - wird keine Feinarbeit geleistet" - hier
wird sie geleistet.
Sensorische Deprivation
als Waffe gegen die Guerilla ist ohne Industrialisierung, die herrschende
extreme Arbeitsteilung - Fließband, Akkord, MTM-Psychologisierung
der Arbeitskraft6, die Verwissenschaftlichung des Produktionsprozesses
nicht zu denken. Die Zerlegung/Zerstückelung des Menschen durch
sensorische Deprivation setzt die Zerlegung/Zerstückelung der
Arbeitsprozesse voraus, die Zerlegung-Zerstückelung des Menschen
in seiner Anwendung als Arbeitskraft. Oder eben einfach Engels:
...Der Sieg der Gewalt beruht auf der Produktion von Waffen
und diese wieder auf der Produktion überhaupt, also - auf der
ökonomischen Macht', auf der Wirtschaftslage', auf
den der Gewalt zur Verfügung stehenden materiellen Mitteln...
wie die Fortschritte der Technik, sobald die militärisch verwendbar
und verwendet wurden, sofort Änderungen, ja Umwälzungen
der Kampfweise fast gewaltsam erzwangen (oft noch dazu gegen den Willen
der Heeresleitung) das haben wir ... gesehen." (Anti-Düring")
Die camera-silens-Forschung
ist natürlich nicht - da stellt sich der KSV6 auf den Kopf -
auf dem das ganze System steht - eine Voraussetzung, sondern sie ist
die Folge, ein Produkt der herrschenden Arbeitsteilung. Sie setzt
die Zerstückelung des Menschen im Produktionsprozeß als
empirische Tatsache voraus und ist genau nicht ein Mittel, diese erst
noch zu bewirken, zu vertiefen. Sie ist ein Gehirnvernichtungsmittel,
was sie ausspuckt ist Anti-Guerilla-Folter und sonst überhaupt
nichts.
Weiter. Gorz stellt in einem Aufsatz über technische Intelligenz
und kapitalistische Arbeitsteilung (suhrkamp ed. Nr. 598 - Technologie
und Kapital, Hrsg. von R. Vahrenkamp) dar, (Sohn-Retel im selben Band
auch), daß die extreme Arbeitsteilung schon lange nicht mehr
den Zweck hat, ein Maximum in der Produktion von Gütern zu erreichen
- sondern die Technologie ist vom Kapitalismus zu dem Zweck
geformt worden, ein Maximum von Kontrolle über und Ausbeutung
von Arbeit zu ermöglichen...."
Diese Aufsplitterung diente dem Ziel, die bedeutende
Kontrolle zu unterbinden, die der qualifizierte Arbeiter über
seine Arbeitszeit und Arbeitsgeschwindigkeit hat, - eine Kontrolle,
die es ihm ermöglichte, einen guten Teil seiner Arbeitskraft
dem Kapitalisten vorzuenthalten. Die Minimierung von Fähigkeiten
ist immer eine durchgehende Politik des kapitalistischen Mangements
gewesen, da sie die Maximierung der Abhängigkeit und Verfügbarkeit
der Arbeitskräfte erlaubt und somit die soziale Arbeitsteilung
in der technischen widerspiegelt". Und: Hierarchische Reglementierung
scheint eine Notwendigkeit zu sein, die sich aus der Reproduktionstechnik
ergibt. Aber in Wirklichkeit ist sie in der Produktionstechnik eingefügt,
insofern diese selbst ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Arbeitsteilung
ist."
Geschrieben in
der Haft ca. 1973/74.
Alle Anmerkungen im Text sind aus dem Original übernommen. Bei
der Abschrift wurde lediglich der besseren Lesbarkeit wegen die durchgehende
Kleinschreibung korrigiert.
Anmerkungen:
1 Abkürzung für sensorische Deprivation".
2 Buddenberg: Ermittlungsrichter für Staatsschutzverfahren am
Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Im Frühjahr 1972 verübte
die RAF einen Sprengstoffanschlag auf das Fahrzeug des Richters, bei
dem dessen Ehefrau verletzt wurde. Ulrike Meinhof bezieht sich hier
auf einen Beschluß über die Post- und Buchzensur, den Buddenberg
gegen Manfred Grasshoff, damaliger Gefangener aus der RAF, verfügte.
3 Jean Paul Sartre, André Gorz und Simone de Beauvoir unterschrieben
mit anderen französischen Intellektuellen 1973 eine vielbeachtete
Resolution gegen die fortwährende Anwendung der Isolationshaft
in der BRD.
4 Rudolf Schelsky, konservativer Soziologe
5 SPK, Abkürzung für das Sozialistische Patientenkollektiv".
Das SPK wurde 1971 in Heidelberg gegründet.
6 MTM-Psychologisierung, Begriff aus der Rationalisierung von Arbeitsabläufen.
7 KSV, Kommunistischer Studentenverband der KPD/AO.