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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 8 / Frühjahr 2001 - Seite 15
Wer hier und so erblickt wird, hat sein Gesicht verloren
[ Inhalt Nr. 8.]

So oder So webwatcher

Wer hier und so erblickt wird, hat sein Gesicht verloren
Überwachen und Strafen als Reality-Prinzip: Crime.com bringt den Knast ins Internet

 

Seit seiner dritten Staffel ist der Große Bruder längst Fernsehalltag geworden. Abend für Abend reichen sich unbekannte KFZ-Mechaniker und Krankenschwestern im „Container" die Cornflakes-Packungen über den WG-Tisch oder töpfern Tonschweine, um möglichst schnell berühmt zu werden. George Orwell hatte die Rolle des überwachenden Voyeurs noch den mächtigen Agenten eines Terrorregimes vorbehalten. Heute sind es Millionen, die sich allabendlich die Zusammenfassungen und im Internet „Live"-Sequenzen der Insassen anschauen. Zusätzlich legten „Girlscamp" oder das „House of Love" die voyeuristischen Wurzeln der künstlichen Gefängnisse offen. Das Geschäft mit der Schaulust nimmt also zu: Je verborgener das Gezeigte, desto größer die vermeintliche Sensation.
Das weiß auch Joe Arpaio. Seit der angeblich „härteste Sheriff Amerikas" seine Gefangenen - darunter auch zum ersten Mal Frauen - in „chaingangs", also aneinandergekettet, zum Straßenbau antreten lässt, ist der „lawman straight out of the Old West", wie ihn seine persönliche Internetseite preist, ebenso bekannt wie umstritten. Gestreifte Sträflingskleidung, eine rigide Hausordnung und katastrophale Haftbedingungen auch für Untersuchungshäftlinge sind die Markenzeichen seines ganz persönlichen Strafvollzugs. Auch mit seinem jüngsten Projekt setzt der Sheriff neue Maßstäbe. Sein Gefängnis Maricopa County in Phoenix Arizona, ist das erste Gefängnis der Welt, deren Insassen via Internet beobachtet werden können - ein Einschnitt in die Geschichte der Gefängnisse und zugleich ein Einblick in die mögliche Zukunft des Entertainments.

Über crime.com kann jetzt, wer will, in ein wirkliches Gefängnis blicken - ohne Beschränkung und ohne Kosten. „Das ist ein Gefängnis", verkündet die crime-com-Homepage, „keine Simulation". Entsprechend werden dem virtuellen Besucher mögliche „Gewaltakte und unpassendes sexuelles Verhalten" in Aussicht gestellt: Strafvollzug als Reality-TV. Die Details der Versuchsanordnung erinnern an die bekannten Wohngemeinschaften im Netz. Über Web-Cams lassen sich vier Ausschnitte im Gefängnis gezielt aufrufen. Übersichtspläne informieren über den Standort der Kamera und den Grundriss des Knastes. Wie bei den meisten Projekten dieser Art ist die Übertragungsqualität bescheiden. Dennoch ergeben sich Einblicke in die Gefängniswelt: Eine Kamera blickt in den Zugangsraum. Hier werden Formulare ausgefüllt, Identitäten geprüft und Fingerabdrücke genommen. Eine weitere Kamera zeigt eine Zelle. Hinter gläsernen Wänden liegen Männer in Jogginganzügen auf Etagenbetten oder lehnen sich an die Gitterstäbe. Ausführliche Legenden erläutern die Haftbedingungen: Bis zu 45 Gefangene werden hier zwischen einer und 24 Stunden festgehalten. Sie teilen sich sechs Metallpritschen und eine Toilette, die sich im selben Raum befindet. Gestank und Gewalt, so lautet die Botschaft, ist des Sheriffs Form der Abschreckung. Kamera drei zeigt eine Untersuchungszelle: Hier werden die Gefangenen durchsucht oder durch den Metalldetektor geschickt. Wer die vierte Kamera wählt, blickt in den Zellenkorridor. Je nach Tageszeit sieht er Gefängnispersonal und Kalfaktoren bei der Arbeit. Einzelne Gefangene tragen Haftuniformen, andere dürfen offensichtlich ihre Kleidung behalten. Ein Gefangener redet mit einem Wärter, der wiederum weist gerade andere Insassen in ihre Zellen. Vielmehr passiert nicht und die angekündigten Normverletzungen konnten auch bei mehrmaligem Aufrufen der Seite nicht entdeckt werden.
Amerikanische Sheriffs sind gewählte, politische Beamte und seit acht Jahren ist Arpaio Sheriff für die knapp drei Millionen Bewohner seines Bezirks, des größten in Arizona. Sein Experiment mit der Öffentlichkeit des Gefängnisses setzt auf den Zuspruch der „moral majoritiy", der „schweigenden Mehrheit". Von dieser Mehrheit sind jedoch die ausgeschlossen, deren Alltag hier vorgeführt wird.
Arpaio kann sich seiner Beliebtheit sicher sein. Das bewiesen nicht zuletzt auch die massenhaften Seitenaufrufe. Als im Herbst 2000 Arpaios Knast online ging, war denn auch der virtuelle Besucheransturm so immens, dass die bezirkseigenen Server die Übertragung vorübergehend einstellen mussten. Der Sheriff erhöhte aber nicht nur die Rechnerleistung, er senkt zur doppelten Freude der Steuerzahler auch die Knast-Betriebskosten. Indem er in seinem Gefängnis den Kaffee gestrichen hat, spart er jährlich umgerechnet 200.000 Mark ein. Die Insassen bekommen Billig-Lebensmittel. Wer sich nicht an die Gefängnisregeln hält, wird mit Wasser und Brot bestraft. Und wenn die Zellen zu voll sind, werden die Häftlinge eben selbst bei Sommertemperaturen von über 40 Grad und in winterlichen Frostnächten in ungekühlten und ungeheizten Zelten auf dem Gefängnishof untergebracht. Dieses primitive Straflager für 1250 Menschen ist allerdings im Internet nicht zu sehen - aus „technischen Gründen". „Wir konnten draußen keine Kameras anschließen", behauptet Arpaios Sprecher Bill Knight.
Natürlich wurden die Gefangenen nicht gefragt, bevor man die Digitalkameras über ihren Zellen aufbaute. Auch können sie nicht darüber bestimmen, ob sie gefilmt werden oder nicht. Denn wie in jedem anderen Labor hängt die Authentizität der Kontrolle ab von der Unfähigkeit der Objekte, sich zu entziehen. Darauf beruhte schon die panoptische Gefängnisarchitektur, wie sie im 18. Jahrhundert entwickelt und später umgesetzt wurde. Zur Macht der Überwachung gehört die Einseitigkeit. Der Internetsurfer nimmt beim Einloggen in das Gefängnis einen virtuellen und unsichtbaren Mittelpunkt ein, der Gefangene aber kann nicht hinter die Kamera schauen. Er selbst sieht nichts, ist aber identifizierbar - als Insasse eines Polizeigefängnis und zugleich „auffällig" Gewordener der Gesellschaft. Das damit die Persönlichkeitsrechte des Gefangenen eklatant verletzt werden, stört Sheriff Arpaio wenig. Er meint, die globale Zurschaustellung diene der Verminderung der regionalen Kriminalitätsrate: „Das Internet wird das Verbrechen vermindern", verkündet er.
Tatsächlich bedeutet crime.com eine Ausweitung des Sanktionsrahmens. Beruhte doch bislang der bürgerliche Strafvollzug nicht zuletzt auch auf der Trennung von Gefängnis und Öffentlichkeit: Der Verurteile wird für die Dauer seiner Strafe aus seiner Umgebung geholt.
Die „jailcams" aber, lösen den Vollzug der Strafe aus der Verborgenheit und bringen das Gesicht des Gefangenen zurück in die Öffentlichkeit - als Antlitz eines Verbrechers. Wer hier und so erblickt wird, hat sein Gesicht verloren. So führt die technisch erweiterte Überwachung zurück in Zeiten vor der „Geburt des Gefängnisses", als der Pranger noch gängiges Instrument der öffentlichen Strafe war.
Aber bei crime.com geht es nicht nur um den Blick auf die Randgruppe, sondern es entwickelt sich hier eine neue Form von kultureller Aktivität: Im Medium Internet verbindet sich das Überwachen sowohl mit dem Strafen und Disziplinieren, wie auch mit Formen des Reality-Entertainments. Denn wer zuschaut genießt, und nimmt - scheinbar aktiv - Teil an der anwachsenden sozialen Kontrolle.
Dabei geht crime.com einen Schritt weiter als das Reality-TV, dass vom Schauwert der menschlichen Not und des Verbrechens lebt: Im Gefängnis, dem verschlossenen Ort schlechthin, inszenieren die über Internet aktivierten „jailcams" den Erlebniswert des vermeintlichen Kriminellen. Neben einer virtuellen Gefängnistour lässt sich zudem mit Sheriff Arpaio chatten. Und in einem „crime-shop" kann man sich mit Attributen des Gefängnisses ausstatten: Eine von Gefangenen gefertigte Jacke, die für „lebenslangen" Gebrauch geschneidert wurde, Basecaps, bedruckte T-Shirts und andere Fanartikel zelebrieren das Gefängnis als Lifestyle. Aktuell kann zudem per Mausclick darüber abgestimmt werden, ob die in naher Zukunft stattfindende Hinrichtung von Timothy McVeigh, des rechtsradikalen Oklahoma-Attentäters, live im world wide web übertragen werden soll.
So schließt das via Internet überwachte Gefängnis die Lücke zwischen Big Brother, Reality-TV und Strafvollzug: Die beobachteten Akteure dieser Form der Überwachung haben das Stigma des realen Verbrechens. Zugleich zwingt sie - darin gleichen ihnen die Barkeeper und Handwerker im BB-Container - ein komplexes Regelwerk zum Wohlverhalten unter dem Auge ihrer Überwacher und Beobachter. Die Regeln sollten den Container-Insassen nicht das Leben erschweren, sondern seien Teil der „Big Brother Philosophie", verkündet die BB-Homepage. Im Gefängnis des Joe Arpaio wird klar, was den Kern dieser „Philosophie" der einseitigen Transparenz ausmacht: Die Lust an der unbeobachteten Beobachtung, das Überwachen als Entertainment und die voyeuristische Identifikation mit der Macht.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
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