So
oder So webwatcher
Wer hier und
so erblickt wird, hat sein Gesicht verloren
Überwachen und Strafen als Reality-Prinzip: Crime.com bringt
den Knast ins Internet
Seit seiner dritten
Staffel ist der Große Bruder längst Fernsehalltag geworden.
Abend für Abend reichen sich unbekannte KFZ-Mechaniker und Krankenschwestern
im Container" die Cornflakes-Packungen über den WG-Tisch
oder töpfern Tonschweine, um möglichst schnell berühmt
zu werden. George Orwell hatte die Rolle des überwachenden Voyeurs
noch den mächtigen Agenten eines Terrorregimes vorbehalten. Heute
sind es Millionen, die sich allabendlich die Zusammenfassungen und
im Internet Live"-Sequenzen der Insassen anschauen. Zusätzlich
legten Girlscamp" oder das House of Love" die
voyeuristischen Wurzeln der künstlichen Gefängnisse offen.
Das Geschäft mit der Schaulust nimmt also zu: Je verborgener
das Gezeigte, desto größer die vermeintliche Sensation.
Das weiß auch Joe Arpaio. Seit der angeblich härteste
Sheriff Amerikas" seine Gefangenen - darunter auch zum ersten
Mal Frauen - in chaingangs", also aneinandergekettet, zum
Straßenbau antreten lässt, ist der lawman straight
out of the Old West", wie ihn seine persönliche Internetseite
preist, ebenso bekannt wie umstritten. Gestreifte Sträflingskleidung,
eine rigide Hausordnung und katastrophale Haftbedingungen auch für
Untersuchungshäftlinge sind die Markenzeichen seines ganz persönlichen
Strafvollzugs. Auch mit seinem jüngsten Projekt setzt der Sheriff
neue Maßstäbe. Sein Gefängnis Maricopa County in Phoenix
Arizona, ist das erste Gefängnis der Welt, deren Insassen via
Internet beobachtet werden können - ein Einschnitt in die Geschichte
der Gefängnisse und zugleich ein Einblick in die mögliche
Zukunft des Entertainments.

Über crime.com
kann jetzt, wer will, in ein wirkliches Gefängnis blicken - ohne
Beschränkung und ohne Kosten. Das ist ein Gefängnis",
verkündet die crime-com-Homepage, keine Simulation".
Entsprechend werden dem virtuellen Besucher mögliche Gewaltakte
und unpassendes sexuelles Verhalten" in Aussicht gestellt: Strafvollzug
als Reality-TV. Die Details der Versuchsanordnung erinnern an die
bekannten Wohngemeinschaften im Netz. Über Web-Cams lassen sich
vier Ausschnitte im Gefängnis gezielt aufrufen. Übersichtspläne
informieren über den Standort der Kamera und den Grundriss des
Knastes. Wie bei den meisten Projekten dieser Art ist die Übertragungsqualität
bescheiden. Dennoch ergeben sich Einblicke in die Gefängniswelt:
Eine Kamera blickt in den Zugangsraum. Hier werden Formulare ausgefüllt,
Identitäten geprüft und Fingerabdrücke genommen. Eine
weitere Kamera zeigt eine Zelle. Hinter gläsernen Wänden
liegen Männer in Jogginganzügen auf Etagenbetten oder lehnen
sich an die Gitterstäbe. Ausführliche Legenden erläutern
die Haftbedingungen: Bis zu 45 Gefangene werden hier zwischen einer
und 24 Stunden festgehalten. Sie teilen sich sechs Metallpritschen
und eine Toilette, die sich im selben Raum befindet. Gestank und Gewalt,
so lautet die Botschaft, ist des Sheriffs Form der Abschreckung. Kamera
drei zeigt eine Untersuchungszelle: Hier werden die Gefangenen durchsucht
oder durch den Metalldetektor geschickt. Wer die vierte Kamera wählt,
blickt in den Zellenkorridor. Je nach Tageszeit sieht er Gefängnispersonal
und Kalfaktoren bei der Arbeit. Einzelne Gefangene tragen Haftuniformen,
andere dürfen offensichtlich ihre Kleidung behalten. Ein Gefangener
redet mit einem Wärter, der wiederum weist gerade andere Insassen
in ihre Zellen. Vielmehr passiert nicht und die angekündigten
Normverletzungen konnten auch bei mehrmaligem Aufrufen der Seite nicht
entdeckt werden.
Amerikanische Sheriffs sind gewählte, politische Beamte und seit
acht Jahren ist Arpaio Sheriff für die knapp drei Millionen Bewohner
seines Bezirks, des größten in Arizona. Sein Experiment
mit der Öffentlichkeit des Gefängnisses setzt auf den Zuspruch
der moral majoritiy", der schweigenden Mehrheit".
Von dieser Mehrheit sind jedoch die ausgeschlossen, deren Alltag hier
vorgeführt wird.
Arpaio kann sich seiner Beliebtheit sicher sein. Das bewiesen nicht
zuletzt auch die massenhaften Seitenaufrufe. Als im Herbst 2000 Arpaios
Knast online ging, war denn auch der virtuelle Besucheransturm so
immens, dass die bezirkseigenen Server die Übertragung vorübergehend
einstellen mussten. Der Sheriff erhöhte aber nicht nur die Rechnerleistung,
er senkt zur doppelten Freude der Steuerzahler auch die Knast-Betriebskosten.
Indem er in seinem Gefängnis den Kaffee gestrichen hat, spart
er jährlich umgerechnet 200.000 Mark ein. Die Insassen bekommen
Billig-Lebensmittel. Wer sich nicht an die Gefängnisregeln hält,
wird mit Wasser und Brot bestraft. Und wenn die Zellen zu voll sind,
werden die Häftlinge eben selbst bei Sommertemperaturen von über
40 Grad und in winterlichen Frostnächten in ungekühlten
und ungeheizten Zelten auf dem Gefängnishof untergebracht. Dieses
primitive Straflager für 1250 Menschen ist allerdings im Internet
nicht zu sehen - aus technischen Gründen". Wir
konnten draußen keine Kameras anschließen", behauptet
Arpaios Sprecher Bill Knight.
Natürlich wurden die Gefangenen nicht gefragt, bevor man die
Digitalkameras über ihren Zellen aufbaute. Auch können sie
nicht darüber bestimmen, ob sie gefilmt werden oder nicht. Denn
wie in jedem anderen Labor hängt die Authentizität der Kontrolle
ab von der Unfähigkeit der Objekte, sich zu entziehen. Darauf
beruhte schon die panoptische Gefängnisarchitektur, wie sie im
18. Jahrhundert entwickelt und später umgesetzt wurde. Zur Macht
der Überwachung gehört die Einseitigkeit. Der Internetsurfer
nimmt beim Einloggen in das Gefängnis einen virtuellen und unsichtbaren
Mittelpunkt ein, der Gefangene aber kann nicht hinter die Kamera schauen.
Er selbst sieht nichts, ist aber identifizierbar - als Insasse eines
Polizeigefängnis und zugleich auffällig" Gewordener
der Gesellschaft. Das damit die Persönlichkeitsrechte des Gefangenen
eklatant verletzt werden, stört Sheriff Arpaio wenig. Er meint,
die globale Zurschaustellung diene der Verminderung der regionalen
Kriminalitätsrate: Das Internet wird das Verbrechen vermindern",
verkündet er.
Tatsächlich bedeutet crime.com eine Ausweitung des Sanktionsrahmens.
Beruhte doch bislang der bürgerliche Strafvollzug nicht zuletzt
auch auf der Trennung von Gefängnis und Öffentlichkeit:
Der Verurteile wird für die Dauer seiner Strafe aus seiner Umgebung
geholt.
Die jailcams" aber, lösen den Vollzug der Strafe aus
der Verborgenheit und bringen das Gesicht des Gefangenen zurück
in die Öffentlichkeit - als Antlitz eines Verbrechers. Wer hier
und so erblickt wird, hat sein Gesicht verloren. So führt die
technisch erweiterte Überwachung zurück in Zeiten vor der
Geburt des Gefängnisses", als der Pranger noch gängiges
Instrument der öffentlichen Strafe war.
Aber bei crime.com geht es nicht nur um den Blick auf die Randgruppe,
sondern es entwickelt sich hier eine neue Form von kultureller Aktivität:
Im Medium Internet verbindet sich das Überwachen sowohl mit dem
Strafen und Disziplinieren, wie auch mit Formen des Reality-Entertainments.
Denn wer zuschaut genießt, und nimmt - scheinbar aktiv - Teil
an der anwachsenden sozialen Kontrolle.
Dabei geht crime.com einen Schritt weiter als das Reality-TV, dass
vom Schauwert der menschlichen Not und des Verbrechens lebt: Im Gefängnis,
dem verschlossenen Ort schlechthin, inszenieren die über Internet
aktivierten jailcams" den Erlebniswert des vermeintlichen
Kriminellen. Neben einer virtuellen Gefängnistour lässt
sich zudem mit Sheriff Arpaio chatten. Und in einem crime-shop"
kann man sich mit Attributen des Gefängnisses ausstatten: Eine
von Gefangenen gefertigte Jacke, die für lebenslangen"
Gebrauch geschneidert wurde, Basecaps, bedruckte T-Shirts und andere
Fanartikel zelebrieren das Gefängnis als Lifestyle. Aktuell kann
zudem per Mausclick darüber abgestimmt werden, ob die in naher
Zukunft stattfindende Hinrichtung von Timothy McVeigh, des rechtsradikalen
Oklahoma-Attentäters, live im world wide web übertragen
werden soll.
So schließt das via Internet überwachte Gefängnis
die Lücke zwischen Big Brother, Reality-TV und Strafvollzug:
Die beobachteten Akteure dieser Form der Überwachung haben das
Stigma des realen Verbrechens. Zugleich zwingt sie - darin gleichen
ihnen die Barkeeper und Handwerker im BB-Container - ein komplexes
Regelwerk zum Wohlverhalten unter dem Auge ihrer Überwacher und
Beobachter. Die Regeln sollten den Container-Insassen nicht das Leben
erschweren, sondern seien Teil der Big Brother Philosophie",
verkündet die BB-Homepage. Im Gefängnis des Joe Arpaio wird
klar, was den Kern dieser Philosophie" der einseitigen
Transparenz ausmacht: Die Lust an der unbeobachteten Beobachtung,
das Überwachen als Entertainment und die voyeuristische Identifikation
mit der Macht.