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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 8 / Frühjahr 2001 - Seite 10/11
Semra lebt im Jahr 1987
[ Inhalt Nr. 8.]
Semra lebt im Jahr 1987

Es sind nicht nur die Namen der Opfer des 19. Dezember und der Hungerstreiktoten, die im Kampf gegen ihre staatlichen Peiniger die Härte und Konsequenz des „Todesfasten" der Gefangenen ausmacht. Es sind vielmehr die unzähligen, namentlich kaum bekannten Gefangenen, deren Hungerstreikkampf nicht den Tod, sondern ein Leben mit irreparablen Schädigungen ihrer Psyche und Physis schon jetzt zur Folge hat. Semra Askeri hat bislang „überlebt". Sie ist nur eine von vielen...

„Semra kann sich an nichts mehr erinnern, was nach 1987 geschehen ist. Sie kann keinen Zusammenhang herstellen. Weil sie sich nicht mal an den gestrigen Tag erinnern kann, fängt sie jeden Tag das Leben von neuem an, als ob sie nie gelebt hätte. Sie glaubt, dass sie gerade erst ins Gefängnis geworfen worden ist und ständig fragt sie, warum wurde ich hierher gebracht. Wir erklären es ihr, aber sie kann es nicht verstehen." Mit diesen Worten versucht Nurhan Askeri den Zustand ihrer kleinen Schwester Semra zu beschreiben, die im Todesfasten ihr Gedächnis verlor und durch mangelnde Ernährung an Korshakow erkrankte.
Der Gedächnisverlust von Semra Askeri begann am 50. Tag ihres Todesfastens, das sie auch nach dem Massaker vom 19. Dezember fortsetzte. Am 70. Tag wurde sie ins Krankenhaus gebracht. Durch die Zwangsernährung, der sie dort ausgesetzt war, verschlechterte sich ihr physischer und psychischer Zustand weiter. Selbst ihre Familie, die sie fortwährend im Gefängnis Tekirdag besucht, erkennt Semra nicht immer. Sie, die zu 15 Jahren verurteilt wurde und seit neun Jahren ihre Hafstrafe absitzt, glaubt, dass sie gerade erst ins Gefängnis gekommen ist. Ständig fragt sie ihre Besucher: „Warum bin ich hier?" Semra, die den Willen und die Kraft hatte, wochenlang im Todesfasten auszuharren, die aufgrund ihrer Gedanken seit Jahren gefangen gehalten wird, kann sich nicht mehr daran erinnern, warum sie „sitzt". Mit den Worten ihrer Schwester: „Semras Gehirn kann nichts mehr speichern." Sie beginnt jeden neuen Tag, indem sie den gestrigen vergisst. Auch ihr physischer Zustand verschlechtert sich zunehmend. Sie kann nur mit Mühe laufen, leidet unter Gefühllosigkeit in den Armen und ist halbseitig gelähmt.
Ihre Schwester Nurhan hat nichts unversucht gelassen, damit sie behandelt wird. Durch „sehr viel Initiative" hat sie es geschafft, dass Semra vor ein paar Tagen in die Universitätsklinik von Edirne gebracht und dort erstmalig ernsthaft untersucht wurde. „Nachdem, was die Ärzte gesagt haben, gibt es bei dieser Art Krankheit nur unter drei Bedingungen Hoffnung auf Besserung. Als erstes ist eine sichere, vertrauenerweckende Umgebung notwendig, in der man die Sonne sehen kann. Es ist von großer Bedeutung, dass sie von einer Person betreut wird, der sie vertraut. Und dann ist die Ernährung wichtig, weil ihr Körper vollkommen ausgezehrt ist. Nur wenn sie ernährt und betreut wird wie ein Baby, gibt es die Chance, dass sich ihr Gedächtnis erneuert." Doch selbst wenn all diese Bedingungen erfüllt werden, wird Semra sich nie wieder vollständig an die Vergangenheit erinnern können. Es gibt lediglich die Möglichkeit, dass ihr Gehirn wieder aufnahmefähig wird. Ihre Schwester drückt es so aus: „Sie wird immer ein halber Mensch bleiben." Die Ärzte hätten ihr nicht viel Hoffnung gemacht: „Ihre Hirnzellen erneuern sich nicht. An diese 14 Jahre wird sie sich nie mehr erinnern können. Damit ihr Gehirn neue Dinge aufnehmen kann, sind klare Bedingungen notwendig. So wird sie eine lebende Tote bleiben."
Vom Gefängnismassaker, von Hass und Rache spricht Nurhan nicht. Es ist ihr auch unangenehm, nur vom Zustand ihrer Schwester zu sprechen: „Gefangene wie Semra gibt es reihenweise. Der Zustand von Hatice Yazgan ist sogar noch schlechter. Wenn der Staat uns etwas Gutes tut ... solche Menschen, die Behinderungen erlitten haben, müssen freigelassen werden. Wir haben eine ganz kleine Hoffnung, dass diese Menschen an ihre Familien übergeben werden." Die Hoffnung von Nurhan dauert an, aber das Attest des Staatskrankenhauses, das Semra „Gedächtnisverlust" bescheinigt, wird als nicht ausreichend für die Aussetzung ihrer Strafe angesehen.
Semra Askeri kam mit dem jungen Gehirn einer 24-jährigen ins Gefängnis. Mit 33 Jahren sind ihre Hirnzellen abgestorben, hat sie ihr Gedächtnis verloren. Was in Zukunft noch alles passieren wird, vermag sich niemand vorzustellen.

(erschienen in der Zeitung Yeni Gündem, 14.3.2001)


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
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