Semra
lebt im Jahr 1987
Es sind nicht
nur die Namen der Opfer des 19. Dezember und der Hungerstreiktoten,
die im Kampf gegen ihre staatlichen Peiniger die Härte und Konsequenz
des Todesfasten" der Gefangenen ausmacht. Es sind vielmehr
die unzähligen, namentlich kaum bekannten Gefangenen, deren Hungerstreikkampf
nicht den Tod, sondern ein Leben mit irreparablen Schädigungen
ihrer Psyche und Physis schon jetzt zur Folge hat. Semra Askeri hat
bislang überlebt". Sie ist nur eine von vielen...
Semra kann
sich an nichts mehr erinnern, was nach 1987 geschehen ist. Sie kann
keinen Zusammenhang herstellen. Weil sie sich nicht mal an den gestrigen
Tag erinnern kann, fängt sie jeden Tag das Leben von neuem an,
als ob sie nie gelebt hätte. Sie glaubt, dass sie gerade erst
ins Gefängnis geworfen worden ist und ständig fragt sie,
warum wurde ich hierher gebracht. Wir erklären es ihr, aber sie
kann es nicht verstehen." Mit diesen Worten versucht Nurhan Askeri
den Zustand ihrer kleinen Schwester Semra zu beschreiben, die im Todesfasten
ihr Gedächnis verlor und durch mangelnde Ernährung an Korshakow
erkrankte.
Der Gedächnisverlust von Semra Askeri begann am 50. Tag ihres
Todesfastens, das sie auch nach dem Massaker vom 19. Dezember fortsetzte.
Am 70. Tag wurde sie ins Krankenhaus gebracht. Durch die Zwangsernährung,
der sie dort ausgesetzt war, verschlechterte sich ihr physischer und
psychischer Zustand weiter. Selbst ihre Familie, die sie fortwährend
im Gefängnis Tekirdag besucht, erkennt Semra nicht immer. Sie,
die zu 15 Jahren verurteilt wurde und seit neun Jahren ihre Hafstrafe
absitzt, glaubt, dass sie gerade erst ins Gefängnis gekommen
ist. Ständig fragt sie ihre Besucher: Warum bin ich hier?"
Semra, die den Willen und die Kraft hatte, wochenlang im Todesfasten
auszuharren, die aufgrund ihrer Gedanken seit Jahren gefangen gehalten
wird, kann sich nicht mehr daran erinnern, warum sie sitzt".
Mit den Worten ihrer Schwester: Semras Gehirn kann nichts mehr
speichern." Sie beginnt jeden neuen Tag, indem sie den gestrigen
vergisst. Auch ihr physischer Zustand verschlechtert sich zunehmend.
Sie kann nur mit Mühe laufen, leidet unter Gefühllosigkeit
in den Armen und ist halbseitig gelähmt.
Ihre Schwester Nurhan hat nichts unversucht gelassen, damit sie behandelt
wird. Durch sehr viel Initiative" hat sie es geschafft,
dass Semra vor ein paar Tagen in die Universitätsklinik von Edirne
gebracht und dort erstmalig ernsthaft untersucht wurde. Nachdem,
was die Ärzte gesagt haben, gibt es bei dieser Art Krankheit
nur unter drei Bedingungen Hoffnung auf Besserung. Als erstes ist
eine sichere, vertrauenerweckende Umgebung notwendig, in der man die
Sonne sehen kann. Es ist von großer Bedeutung, dass sie von
einer Person betreut wird, der sie vertraut. Und dann ist die Ernährung
wichtig, weil ihr Körper vollkommen ausgezehrt ist. Nur wenn
sie ernährt und betreut wird wie ein Baby, gibt es die Chance,
dass sich ihr Gedächtnis erneuert." Doch selbst wenn all
diese Bedingungen erfüllt werden, wird Semra sich nie wieder
vollständig an die Vergangenheit erinnern können. Es gibt
lediglich die Möglichkeit, dass ihr Gehirn wieder aufnahmefähig
wird. Ihre Schwester drückt es so aus: Sie wird immer ein
halber Mensch bleiben." Die Ärzte hätten ihr nicht
viel Hoffnung gemacht: Ihre Hirnzellen erneuern sich nicht.
An diese 14 Jahre wird sie sich nie mehr erinnern können. Damit
ihr Gehirn neue Dinge aufnehmen kann, sind klare Bedingungen notwendig.
So wird sie eine lebende Tote bleiben."
Vom Gefängnismassaker, von Hass und Rache spricht Nurhan nicht.
Es ist ihr auch unangenehm, nur vom Zustand ihrer Schwester zu sprechen:
Gefangene wie Semra gibt es reihenweise. Der Zustand von Hatice
Yazgan ist sogar noch schlechter. Wenn der Staat uns etwas Gutes tut
... solche Menschen, die Behinderungen erlitten haben, müssen
freigelassen werden. Wir haben eine ganz kleine Hoffnung, dass diese
Menschen an ihre Familien übergeben werden." Die Hoffnung
von Nurhan dauert an, aber das Attest des Staatskrankenhauses, das
Semra Gedächtnisverlust" bescheinigt, wird als nicht
ausreichend für die Aussetzung ihrer Strafe angesehen.
Semra Askeri kam mit dem jungen Gehirn einer 24-jährigen ins
Gefängnis. Mit 33 Jahren sind ihre Hirnzellen abgestorben, hat
sie ihr Gedächtnis verloren. Was in Zukunft noch alles passieren
wird, vermag sich niemand vorzustellen.
(erschienen in
der Zeitung Yeni Gündem, 14.3.2001)