.: Hallo :.

Wednesday, den 19.11.2008 - 22:43



.: online :.

»Editorial
»Online NEWS
»Ergänzungen zu Artikeln


.: zeitung :.

.: index :.
» alle Druckausgaben
» Materialien: Ergänzungen zu Artikeln
» Autor/innen-Index
» Foto-Index
» Editorial-Index
» SoOderSo-Webwatcher
» ...

.: service :.

» Impressum
» Vertrieb
» An die Redaktion
» Artikel schreiben
» Infodienst abonnieren
» SUCHEN

 
Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 8 / Frühjahr 2001 - Seite 10/11
"Rückkehr zum Leben": Die Chronik eines Massakers
[ Inhalt Nr. 8.]
"Rückkehr zum Leben": Die Chronik eines Massakers

Dezember 2000
14.12. - Vorboten. Gesundheitsminister Durmus (MHP) weist die Stadtgouverneure an sich auf den Interventionsfall vorzubereiten. Eine Nachrichtensperre wird verfügt: Berichte über den Hungerstreik können ab jetzt als „Verleumdung des Staates" und „Werbung für illegale Organisationen" verfolgt werden.
18.12. - Vorahnung. Die Gefangenen weisen auf die Gefahr einer militärischen Intervention hin. Die Nachrichtenagentur Andalolu meldet ein außerplanmäßiges Treffen zwischen Justizminister Türk, Innenminister Tantan und Premierminister Ecevit.
19.12., 4.30 Uhr - Operationsbeginn: Landesweit werden alle 20 Gefängnisse, in denen Gefangene am Todesfasten teilnehmen, militärisch gestürmt. Bis auf die Gefängnisse Canakkale und Ümraniye, in denen der Widerstand der Gefangenen über 48 Stunden andauert, gelingt es dem Militär innerhalb eines Tages die Gefangenen zu verlegen.
21.12. - Der falsche Befehl: Das vermeintliche Telefongespräch zwischen Gefangenen aus Bayrampasa und Bartin mit der Aufforderung „Verbrenne dich!" erweist sich als Fälschung. Die Aufnahme war zeitgleich mit dem Eintreffen der ersten Todesmeldungen am 19.12. auf allen TV-Kanälen gesendet worden. Zuvor hatte ein Regierungsvertreter das Band CNN-Türk gegeben. Die Zeitung Radikal schreibt: „Bei der angeblich aus Bayrampasa kommenden Stimme wurde versucht, sie derjenigen des DHKP/C-Vertreters Sadi Özpolat ähneln zu lassen. Nach Aussage seine Tante Serife Yilmaz ähnelt die Stimme nicht der von Özpolat. (...) Das mehrmals verwendete Wort ‚Einheit' ist ein Begriff, der von der Polizei verwendet wird. Es ist bekannt, dass links eingestellte Organisationen dieses Wort nicht benutzen. Auch Personen, die den Polizeifunk verfolgen, rechnen den Begriff der Polizei zu. Weiterhin wird das Wort ‚Kollege' verwendet. Linke Gefangene sprechen sich mit ‚Genosse' an. (...) Die Sicherheitskräfte, die das Gefängnis von Bartin betraten, konnten kein Handy sicherstellen. Sie fanden ‚selbst Waffen', aber kein Handy. Es drängt sich die Annahme auf, dass die Regierung mit der Tonbandaufnahme eine frühere Warnung der Gefangenen, dass sie sich im Falle einer Intervention selbst verbrennen würden, ausnutzen wollte und so über Polizei, Militär und Sondereinheiten die Gefangenen hinrichten ließ, indem sie lebendig verbrannt wurden. Der Öffentlichkeit wurde dies als ‚Selbstverbrennung auf Befehl' vorgespiegelt."
21.12. - Richtigstellung: „Der IHD qualifiziert diese Operation als geplanten Massenmord. (....) Der IHD kann die Behauptung, die Gefangenen hätten die Verhandlungen gestoppt, nicht unterschreiben, da sie zum Zeitpunkt des Abbruchs des Dialogs eine Sicherheit gegen die Isolation wollten. Die Regierung (hat) bisher keine ihrer Versprechungen in Bezug auf die Menschenrechte gehalten. Tatsächlich wurde der Todesstreik 1996 auf der Basis von Versprechungen an die Gefangenen beendet (....) diese Versprechungen wurden nicht eingehalten." (Presseerklärung des IHD-Istanbul)
21.12. - Nachwirkung: Das Gefängnis Bayrampasa, das am 19.12. unter Maschinengewehrbeschuss mit Baggern halb niedergerissen wurde, kann weiterhin aufgrund der andauernden Auswirkungen der Nebelbomben nicht betreten werden.
25.12. - Harmonie und Eifer: „Die Regierung würdigt die harmonievoll ausgeführte Operation von Justiz- und Innenministerium sowie Jandarma und Sicherheitsdirektion und spricht allen Beteiligten ihre Glückwünsche aus." erklärt Justizminister Türk gegenüber der Zeitung Cumhuriyet. Generalstabsoberst Ali Aydin wird mit den Worten zitiert: „Ein großer Eifer wurde gezeigt, damit kein Gefangener Schaden erleidet" und es wären „keine Waffen eingesetzt" worden.
25.12. - Vorwissen: Laut der Tageszeitung Turkish Daily News wurde am 12.12. der US-Botschafter über die Vorbereitungen der Militäroperation in Kenntnis gesetzt. Aus Sicherheitsgründen wurden daraufhin die US-Konsulate geschlossen.
27.12. - „Der Palast der Schläge": Bilal Ertürk, der drei Tage in Sincan inhaftiert war berichtet auf einer Pressekonferenz, er sei am Eingang unter Schlägen mit den Worten „Willkommen im Palast" empfangen worden. Yeni Gündem titelt: „Das ist F-Typ: Vergewaltigung mit Knüppeln, angepinkelt werden, Schläge, nackt ausgezogen werden, zum Singen der Nationalhymne gezwungen werden, Stiefel küssen, Isolation in Zellen. Was den Gefangenen im Anschluss an die Operation in den F-Typ-Gefängnissen angetan wird, erinnert an die Zeit des Putsches."

Januar 2001
1.1.- Zählappell in Einzelzelle: TAYAD erklärt, die Gefangenen werden gezwungen unter Prügel zweimal täglich stramm zu stehen. Der Zählappell aus der Zeit des Putsches ist wieder eingeführt. Diesmal in der Einzel- und Dreierzelle.
2.1. - „Terrorpropaganda": Mehmet Bekaroglu nach einem Besuch in Sincan (F-Typ) gegenüber der Radikal: „Hungerstreik und Todesfasten werden fortgesetzt. Während den Vorfällen in den Gefängnissen haben die Gefangenen Wunden, Quetschungen, Knochenbrüche, Verrenkungen und blaue Flecke erlitten. Sie sagen, dass sie auf dem Transport auch sehr schlechter Behandlung ausgesetzt waren. Manche Gefangene haben auch Brandwunden. Da sie keine Medizin über den Mund akzeptieren, verschlimmern sich die Wunden zunehmend. Es wurde eine ‚Rückkehr zum Leben'-Operation durchgeführt. Aber dieses Thema ist noch nicht erledigt." Die Staatsanwaltschaft Istanbul eröffnet gegen die liberale Zeitung noch am gleichen Tag ein Verfahren mit dem Vorwurf: „Propaganda für die Ziele terroristischer Organisationen".
2.1. - Keine Gnade: Riza Poyraz, der bei der Operation im Gefängnis Ümraniye durch Schüsse schwer verletzt wurde, stirbt im Krankenhaus. Seine Mutter hatte sich einen Tag zuvor öffentlich an Ministerpräsident Ecevit und Justizminister Türk gewandt: „Mein Sohn stirbt. Wenn sie ein Gewissen haben, müssen sie mir erlauben, ihn ein letztes Mal zu sehen. Ich möchte seine Hand halten." Die Bitte wird abgelehnt. Riza Poyraz stirbt, ohne das seine Mutter ihn.
3.1. - Keine Antwort: TAYAD und weitere Angehörigen bitten um ein Gespräch mit Staatspräsident Sezer. Der Präsident antwort nicht. Der Generaldirektor der Straf- und Haftanstalten, Ali Suat Ertosun, erklärt: „Es wird keinen Dialog geben. Geht hin und überzeugt eure Kinder. Sie sollen vom Todesfasten absehen. Es wird keine Verhandlungen geben."
20.1. - Bei lebendigem Leib: Gefangene aus Bayrampasa nutzen eine Anhörung vor der Staatsanwaltschaft in Eyüp für Erklärungen über die Ereignisse des 19. Dezembers. Münire Demirel: „Durch die reingeworfenen Bomben fingen die Betten Feuer. Das Gas machte uns schwindelig. Ich wollte das Feuer löschen, konnte aber nicht aufstehen. Es wurde sehr heiß. Die Freunde riefen: ‚Wir verbrennen!' Die Feuerwehr schob einen Schlauch durch die Schiessscharten, eine kurze Zeit floss etwas Wasser, aber das wurde sofort von Soldaten verhindert. Wir flüchteten vor dem Feuer in die unteren Räume. Als wir bemerkten, dass einige Freunde in der brennenden Großzelle geblieben waren, bin ich sofort nach oben gelaufen. An der Eingangstür sah ich meine Freunde Gülüzar, Ebru und Hacer, die sich bemühten, nach draußen zu gelangen. Ich versuchte, sie rauszuziehen, aber dann fing ich selbst Feuer. Wegen dem dichten Rauch konnte man nicht sehen, wer drinnen und wer draußen war. Gülüzar war zu schwer, ich hatte nicht die Kraft, sie zu retten. Die Flammen fingen an, von der Tür nach draußen zu gelangen, ich wurde an Händen und Kopf verletzt. Später mussten wir feststellen, dass Seyhan Dogan, Gülüzar Tuzcu, Gülseren Yazgülü, Özlem Ercan, Nilüfer Alcan und Sefinur Tezgel in den Flammen geblieben waren. Sie wurden bei lebendigem Leib verbrannt."
24.1. - Ermittlungen (I): Die Staatsanwaltschaft Istanbul eröffnet ein Verfahren gegen die Istanbuler Anwaltskammer. Die Kammer hat zuvor einen kritischen Gefängnisbericht veröffentlicht. „Wie soll sich ein System, das sich durch die Anwaltskammer und deren als demokratischen Juristen bekannten Vorsitzenden Yücel Sayman gestört wird, jemals demokratisieren?" fragt der IHD daraufhin auf einer Pressekonferenz.
31.1. - Nachrichtensperre: Das Justizministerium warnt die Medien erneut in ihrer Berichterstattung „Behauptungen aufzustellen, wie ‚Der Hungerstreik breitet sich aus und wird fortgesetzt, die Todesfastenden sind in ihrer Aktion entschlossen' und ‚Sie werden andauernd gefoltert und misshandelt'".

Februar 2001
2.2. - Aufforderung: Mehmet Bekaroglu, Mitglied der Parlamentarischen Menschenrechtskommission, in einem öffentlichen Brief an Ministerpräsident Ecevit: „Nur die Familien sind übrig geblieben, Mütter, Väter, Geschwister. Dutzende rufen mich täglich an. Mit Stimmen, die mit Verstreichen eines jeden Tages verzweifelter klingen, sagen sie ‚Bitte, versuchen Sie es noch einmal, sprechen Sie noch einmal'. Ich habe mit jedem gesprochen, zigmal. Mit Ihnen, mit Ihren Stellvertretern, Ministern, Bürokraten, mit dem Herrn Präsidenten, mit allen habe ich gesprochen. ‚Es ist hoffnungslos' kann ich nicht sagen. Wenn eine Mutter Sie fünf mal täglich anrufen und zu Ihnen sagen würde ‚Unsere Kinder sterben, so tun Sie doch was', wenn sie Ihnen gegenüber schluchzend dastehen würde - Was würden Sie tun? (...) Die jetzt schweigenden Kameras werden morgen über die auftauchenden Leichen herfallen; jeden Abend auf den Fernsehbildschirmen, jeden Morgen auf den Zeitungsseiten werden wir kalte Leichen sehen. (...) Es hängt von Ihnen ab, verehrter Ministerpräsident..."
21.2. - Verbrennung: Eyüphan Basar versucht sich in Edirne (F-Typ) zu verbrennen. Zellengenossen können ihn retten. Basar nahm bereits 1996 am Hungerstreik teil. In Bayrampasa war er Zeuge, wie in seiner Nähe sechs Gefangene verbrannt wurden. Danach war er kurzzeitig in der Nervenklinik von Bakirköy. Bei der Verlegung nach Edirne wurde Eyüphan Basar mehrmals mit einem Polizeiknüppel vergewaltigt.
26.2. - Ermittlungen (II): Die Staatsanwaltschaft verfügt, dass die Autopsieprotokolle der am 19. Dezember getöteten Gefangenen unter die „Geheimhaltung der Vorermittlungen" fallen und verweigert den Rechtsanwälten die Einsicht. Die Untersuchung wird ausschließlich von Polizisten geführt, die an der Militäroperation teilnahmen.

März 2001
16.3. - Später Brief: Das Komitee des Europäischen Rates zur Folterprävention verlangt in einem Brief an die Türkei Informationen über die Lage in den Gefängnissen. Der Brief kritisiert die Militäroperation vom 19. Dezember als „nicht angemessen".
22.3. - Tod und Urlaub: Cengiz Soydas, der am 22. Oktober 2000 ins Todesfasten getreten war, stirbt im Isolationsgefängnis Sincan. Er war 1994 zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Kurz nach Bekanntgabe seines Todes sagt Hüseyin Akgül, Vorsitzende der parlamentarischen Menschenrechtskommission, aus „terminlichen Gründen" sämtliche Gespräche ab, da sie eine Urlaubsreise nach Australien plane.
24.3. - Über den Tod hinaus: Die Polizei beschlagnahmt bei der Überführung von Ankara nach Istanbul auf der Autobahn die Leiche von Cengiz Soydas und zwingt die Angehörigen, die genaue Uhrzeit des späteren Begräbnisses nicht bekannt zugeben. Später werden 225 Personen festgenommen, die an dem Begräbnis teilnehmen wollen.
24.3. - Später Einwand: Der Europarat kritisiert die Türkei. Generalsekretär Schwimmer erklärt, dass ein Zusammenhang zwischen den Hungerstreiks und den Haftbedingungen im F-Typ bestehe.
24.3. - Marktwirtschaft: Per Erlass dürfen die Gefangenen nur noch in Gefängniskantinen einkaufen. Kleidung und Essen von draußen werden verboten. Ein Brot kostet im Gefängnis zur Zeit 500.000 TL (üblicher Preis cirka 150.000 TL). Die Preise für Zucker und Salz sind fünffach überhöht.
28.3. - Staatlicher Selbstmord: Justizminister Türk gibt bekannt: „Das türkische Strafgesetzes sieht für Aufstachelung, Hilfeleistung und Überzeugung zum Selbstmord ein Strafmass von drei bis zehn Jahren vor. Die Staatsanwaltschaften der Republik werden insbesondere nach dem letzten Todesfall gegen diese Leute (...) vorgehen."
30.3. - Einschluss: PKK-Gefangene beginnen Warnhungerstreikkette: „In den Gefängnissen, in denen seit zwei, drei Monaten das 'Zellensystem' eingeführt wurde, gibt es keinen Gemeinschaftsbereich. Im Hof gibt es kein Sonnenlicht. Bei vielen Gefangenen haben Augen- und Knochenprobleme eingesetzt."
30.3. - „Staatszersetzung": Die Staatsanwaltschaft in Istanbul fordert gegen 399 Gefangene die Todesstrafe. Sie wirft ihnen vor, während der Militäroperation für den Tod eines Soldaten und zweier Mitgefangener sowie für eine „Revolte mit dem Ziel der Staatszersetzung" verantwortlich zu sein.


[ document info ]
CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
[HOCH]Artikel empfehlendrucken
Interessiert an mehr Infos von u. über Libertad! - Abonniere den elektronischen So oder So-Infodienst

CopyLeft © SoOderSo & Libertad!