Ein
staatskrimineller Serienmord
Die Gefängnispolitik des türkischen Staates. Von Gazi Caglar
Am 19. Dezember 2000, fast genau ein Jahr nach der in Helsinki eröffneten
Perspektive der Aufnahme in die EU, hat der türkische Staat auf
den Knopf gedrückt", wie es Ministerpräsident Ecevit
formulierte, um mit einem brutalen Einsatz der Spezialeinheiten der
Polizei und der Armee die sogenannte Gefängnisrevolte"
zu beenden. Mit Waffengewalt und unter massivem Einsatz von Panzern
und Bulldozern stürmten die Soldaten und Polizisten 20 Gefängnisse
mit dem Vorwand, das Leben der Hungerstreikenden retten zu wollen,
die bereits zu diesem Zeitpunkt seit längerer Zeit im Hungerstreik
gegen neue Isolationsgefängnisse waren. Der zynische Vorwand
wurde zum hochoffiziellen Titel der Aktion: Operation Rückkehr
zum Leben." Das Ergebnis war ein staatskriminelles Massaker:
Mindestens 29 Häftlinge und 2 Soldaten wurden getötet, Unzählige
schwer verletzt, in Krankenhäuser verlegt und an die Betten gekettet.
Viele der Überlebenden wurden in die Gefängnisse vom Typ
F verlegt, also in neue Hochsicherheitstrakte, in denen die Isolationszellen
an einen F-förmigen Durchgang anschließen.
Wir möchten
es nicht gewusst haben!"
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| "Kizilay'da
Intifada" (Intifada in Kizilay) nannte der Photograpf Volkan
Yildirim sein mit dem diesjährigen Spezialpreis der Türk.
Fotoagenturvereinigung (FMD) ausgezeichnetes Bild. Im Hauptgeschäftszentrum
von Ankara, dem Stadtteil Kizilay, war am 12. Dezember eine Demonstration
gegen die F-Typ-Gefängnisse von Anhängern der faschistischen
MHP und der Polizei angegriffen worden. Die Demonstranten wehrten
sich. Die Straßenschlacht endete mit der Erstürmung
von Büros linksprogressiver Gruppen durch die Polizei |
Wir warnen
die zuständigen Behörden und Verantwortlichen. Wir möchten
nicht das Ergebnis unserer Mahnungen bereits jetzt gewusst haben.
Wir möchten die Todesnachrichten von den Häftlingen nicht
in Zeitungen lesen und im Fernsehen sehen müssen, über die
wir dieses Gutachten erstellt haben. Wir möchten als Ärzte
und Menschen uns nicht fragen müssen, Welcher von uns Untersuchte
war es, der gestorben ist'!" Mit diesen Worten drücken die
Beauftragten der Ankaraer Ärztekammer ihre berechtigte Sorge
um das Leben der politischen Gefangenen aus, die sich immer noch im
Todesfasten und Hungerstreik befinden. In ihrem hier zitierten medizinischen
Gutachten, das sie nach dreimaligem Besuch des Sincan-Gefängnisses
vom Typ F und acht Besuchen im Ankaraer Musterkrankenhaus angefertigt
haben, berichten sie Erschreckendes über den Gesundheitszustand
der von ihnen untersuchten Gefangenen: Fast bei allen allgemeine
körperliche Schwäche, starke Diarrhöe, bei vielen der
Durchfallerkrankten Magen-Darm-Entzündungen und -Blutungen, Steifheit
und Schwerfälligkeit der Arme und Beine, der Hände und Füße,
akute Kopfschmerzen, starke Schwindelgefühle, extreme Schlaf-
und Sehstörungen, Gleichgewichtsverlust, Gewichtsverluste zwischen
15 und 33 Prozent, extreme Hauttrockenheit, Verlust im Fettgewebe
unter der Haut..." usw.
Im Sincan-Gefängnis setzten noch am 26.1.01 83 Gefangene am 60.
bzw. 88. Tag ihren Todesfasten fort, 127 waren im Hungerstreik. Auch
in den anderen Gefängnissen werden die Hungerstreiks und das
Todesfasten vermehrt fortgesetzt.
Nach ihren ersten Untersuchungen, die sie nach der Verlegung der Gefangenen
ins Krankenhaus und das Sincan-Gefängnis gleich im Anschluss
an die Polizeioperation vornahmen, halten die Ärzte in ihrem
Gutachten fest: Alle 28 Häftlinge und Untersuchungshäftlinge,
die ins Krankenhaus verlegt waren, waren ans Krankenbett gekettet...
bei den meisten zahlreiche blutunterlaufene Körperstellen und
blaue Flecke, Hieb- und Stichwunden, Atem- und Sprachstörungen
infolge von Gaseinwirkung,... Ödeme und sklerale Blutungen...
Knochenbrüche, Arm- und Beinbrüche, amputierte Finger...
Verbrennungen bei vier Personen... Schrotwunden bei zwei Personen..."
Auch haben die Gefangenen berichtet, bei ihrer Einlieferung
in das neue Sincan-Gefängnis vom Typ F schlecht behandelt und
geschlagen worden zu sein, so dass neue Wundstellen entstanden. Zwei
Häftlinge berichten von ihrer Vergewaltigung mit Knüppeln..."
Ein anderes Problem sei, dass nicht gewärmt" wird,
Wasser kaum vorhanden" ist und die Gefangenen keinen
Hofgang" haben. Ebenso seien die bei der brutalen Operation kaputt
gerissenen Gefängniskleider nicht ersetzt worden. Auch haben
die Fachmediziner schwere Traumata" diagnostiziert. Alle
diese menschenverachtenden Foltermethoden und systematischen Menschenrechtsverletzungen
sind auch aus anderen Gefängnissen teilweise in verschärfter
Form berichtet worden.
Ausführlich zitiert wurde hier nicht nur deshalb aus dem Gutachten
einer Ärztekommission, weil hier die lebensgefährlichen
Folgen der zuletzt erfolgten Polizeioperation gegen die Gefangenen
sowie die zum Teil tödlichen Folgen langen Hungerstreikens deutlich
werden, sondern auch deshalb, weil alle hier aufgezählten Folgeerscheinungen
seit dem Militärputsch von 1980 zur Normalität"
der Türkei gehören, also bekannt sind. Insofern sind sie
auch vom herrschenden Regime und deren Funktionsträgern erwünscht
und systematisch herbeigeführt. Wem dieses Urteil einseitig und
hart klingen mag, der betrachte den Verlauf der Entwicklungen, die
in der brutalen Massakrierung bereits festgesetzter Menschen, also
von Gefangenen, gipfelten. Das möchte ich nun kurz tun, um dann
anschließend an einer zusammenfassenden Geschichte der Todesfasten
und Hungerstreiks den teilweise systematisch auf die physische und
psychische Vernichtung der Gefangenen zielenden Charakter der türkischen
Gefängnispolitik zu erläutern, der von dem Kriegsrechtskoordinator
der damaligen Putschregierung, dem Generalleutnant Bölügiray,
in den folgenden Worten offen zugegeben wird, der nun in der sicheren
Rente das geflossene Blut und die Vernichtung nationalen Reichtums
bei den letzten Gefängnisoperationen" bedauert.
Mit Marschmusik
in die EU
Seit dem 20. Oktober
2000 hatten sich etwa 2000 politische Gefangene in einem unbefristeten
Hungerstreik befunden. Wiederum befanden sich ca. 240 Gefangene in
einem sogenannten Todesfasten, um die Verlegung in sogenannte F-Typ-Isolationsgefängnisse
zu verhindern. Die Forderungen der Hungerstreikenden waren unter anderem
die Schließung dieser Gefängnisse, die Aufhebung der die
Rechte der Verteidigung beschneidenden Erlasse vom Januar 2000, die
Auflösung der Staatssicherheitsgerichte, die Bestrafung der Folterer
und die ärztliche Behandlung der erkrankten Gefangenen.
Die 11 Gefängnisse vom Typ F, von denen jedes einzelne die Türkei
weit über die geplanten 6 Millionen Dollar gekostet haben wird,
wurden von der türkischen Regierung in Auftrag gegeben, um die
Schlaf- und Aufenthaltssäle, in denen bis zu 60 und mehr Gefangene
in einem Kollektiv lebten, aufzulösen. Die Gefangenen sollten
nunmehr in Isolationszellen für eine bzw. drei Personen leben",
da erst so ein Hochsicherheitsgefängnis" geschaffen
werden könne, so die eine Begründung des Justizministeriums.
Die andere und immer wieder vorgebrachte lautet: Durch das Zellensystem
könne man die Organisationsmitglieder und -kader von Hilfspersonen,
die Leitenden von den Sympathisanten, trennen." Tatsächlich
überspielt der Staat mit dieser Scheinlegitimation die von seiner
eigenen Gefängnispolitik geschaffenen eigentlichen Probleme des
türkischen Gefängnissystems, die nach allen bisher geäußerten
unabhängigen Expertenmeinungen vielfältig sind: Das türkische
Gefängnissystem hat neben bautechnischen Problemen erschwerend
noch das Problem der doppelten Zuständigkeit für die Gefängnissicherheit
(Außensicherung: Militär, Binnensicherung: Wachpersonal
des Justizministeriums), das der gesetzlichen Ungeschütztheit
der Rechte der Gefangenen, das der chronischen Haushaltsdefizite,
das der fast zur selbstverständlichen Kultur erstarrten Neigung
der Judikative zur Verurteilung, das der willkürlichen Anwendung
von Disziplinarstrafen, das der Lebenssicherheit, das der Verhinderung
jeglicher gewerkschaftlicher Organisationsformen des Personals, das
der Transparenz und der Kontrolle durch Organisationen der Zivilgesellschaft
usw.
Diese Probleme wurden und werden staatlicherseits systematisch vertuscht
und die Lösung aller Schwierigkeiten in der Errichtung von Hochsicherheitsgefängnissen
gesehen, deren Vorbilder Stammheim in Deutschland sowie Sicherheitstrakte
in den USA bilden, wie türkische Verantwortliche offen zugeben.
Die Folgen von Stammheim und des amerikanischen Gefängnissystems,
dessen Einwohnerzahlen" von 200.000 Ende der 70er Jahre
auf fast 2 Millionen im Jahre 2000 genau in jener Zeit gestiegen waren,
in der die US-Gefängnispolitik die Gefangenen mehr und mehr als
zivile Tote" zu betrachten begann, verschweigend, verbohrte
sich die türkische Gefängnispolitik in die Idee total isolierter
Gefangener, auf die nur noch der Staat einschließlich der Möglichkeit
der totalen Überwachung Zugriff haben sollte.
In der Tat ähneln die Gefängnisse vom Typ F einer Form von
Foucaults Panopticon, dessen Konnotationen er so glänzend darstellte
und dessen Prinzip das einer Disziplinargesellschaft" und
jegliche Autonomie verunmöglichender Durchsichtigmachung und
Überwachung ist: Um in ein Gefängnis vom Typ F hineinzukommen
müssen die Fingerabdrucke vom Computer erkannt werden, auch wird
eine computergesteuerte Durchsuchung des Körpers vorgenommen.
In welchen Gängen das Wachpersonal am welchen Tag Dienst haben
wird, bestimmt ein Computer nach dem Zufallsprinzip zu Dienstbeginn.
Die Überwachungsstationen an den Korridorkreuzungen sind so angelegt,
dass alle Korridore unter Kontrolle sind. Die meisten finanziellen
Mittel wurden wohl für die Kamerasysteme ausgegeben: An allen
denkbaren Stellen gibt es Überwachungskameras. Die Aufnahmen
möchte man perspektivisch nicht nur in den einzelnen Gefängnissen,
sondern möglichst auch von einer Zentrale im Justizministerium
aus ständig sehen können. In den Höfen der Gefängnisse
vom Typ F darf und kann auch kein Baum gepflanzt werden, da der Boden
aus einem gegen jeglichen Fluchtversuch gefeiten Beton gegossen wird...
Kurz also: Moderne Panopticons wie Marion und Lexington in den USA,
Stammheim in Deutschland, die berüchtigten H-Blocks in England
und Trani in Italien.
Dass sich der türkische Staat damit nicht nur mitten im Westen
befindet, sondern mit der Einführung eines solchen Gefängnissystems
unabhängig von gern vorgebrachten Motiven der EU-tauglichen Umgestaltung
des Gefängnissystems in der Vorphase der Vorbereitung eines Nationalen
Programms" zur EU-Integration besondere und scharfe Proteste
der Gefangenen einhandeln würde, musste ihm klar sein und war
ihm auch klar.
Denn bereits deren Vorläufer vom Typ E, zum Beispiel in Eskisehir,
hatten zu Protesten mit tödlichem Ausgang geführt. Dass
es den türkischen Behörden damit nicht um die Lösung
der wirklichen Gefängnisprobleme ging, verdeutlicht auch die
Tatsache, dass alle F-Typ-Gefängnisse ca. 4500 Gefangene aufnehmen
können, während es bei deren Einführung ca. 70.000
Häftlinge in der Türkei gab. Jedenfalls reagierten die politischen
Gefangenen auch diesmal mit einem Todesfasten und Hungerstreiks gegen
ein Vorhaben, bei dem die psychosomatischen und psychologischen Folgen
der Isolationshaft hinlänglich bekannt sind.
Bevor die Gefangenen die Hungerstreiks teilweise in Todesfasten umwandelten,
wurden ihre Proteste von den Verantwortlichen und in der Öffentlichkeit
kaum beachtet. Ihre Forderungen prallten an eine dichte Wand aus Gleichgültigkeit
und Verantwortungslosigkeit. Erst als es klar wurde, dass bald die
ersten Toten zu erwarten waren und in der Öffentlichkeit der
politisch-moralische Druck wuchs, versprach der Justizminister am
9. Dezember 2000, die Inbetriebnahme von Gefängnissen des Typs
F solange auszusetzen, bis eine Konsensgruppe, die von Mitgliedern
der parlamentarischen Menschenrechtskommission und Vertretern bestimmter
Berufsgruppen gebildet werden sollte, mit den politischen Gefangenen
einen Kompromiss aushandeln und die rechtlichen und verwaltungstechnischen
Erfordernisse dieser Übereinkunft umgesetzt werden würden.
Dieses Versprechen hatte hohen symbolischen Wert, weil ein öffentlicher
Konsens in einer Frage gesucht werden sollte, in die der türkische
Staat jegliche Einmischung durch gesellschaftliche Kräfte bisher
verwehrt hatte. Die daraufhin zustande gekommene halboffizielle Verhandlungskommission
ist in der türkischen Geschichte schließlich einmalig gewesen,
da sie in einer sehr sensiblen Frage der Ausdruck der tendenziellen
Umkehr des türkischen Staates von seiner traditionellen Falkenpolitik
hin zu einer Politik des gesellschaftlichen Konsens zu sein schien.
Die begonnenen Gespräche wurden jedoch auf Wunsch des Justizministers
bereits am 15. Dezember abrupt beendet, die Kommission trotz ihres
erklärten Willens, nachdrücklicher Forderung breiter gesellschaftlicher
Kräfte und schließlich auch der hungerstreikenden Gefangenen
nicht mehr ins Gefängnis gelassen. Der Justizminister erlaubte
kein letztes Gespräch.
Erst nach der blutigen Operation in 20 Gefängnissen wurde klar,
warum der Justizminister weitere Gespräche verhinderte: Der Innenminister
gab bekannt, dass sie sich auf die Gefängniserstürmung seit
10 Monaten vorbereitet hätten. Der Ministerpräsident Ecevit
sprach von mehreren Wochen der Vorbereitung des Todes von 31 Menschen
und der Verletzung von Unzähligen. Daraus geht klar hervor, dass
die Konsensgruppe eine Makulatur war, sozusagen ein taktisches Manöver,
um zu demonstrieren, dass der Staat zu Gesprächen bereit sei.
Da es abzusehen war, dass die Hungerstreikenden nicht sofort den Vorschlägen
zustimmen würden, würden sie zum Schluss allein als die
Verantwortlichen der brutalen Operation gegen sich selbst hingestellt
werden können.
So geschah es schließlich: Der Staat erklärte mit Unterstützung
der regierungsfreundlichen Presse die Gefangenen zu den aktuell gefährlichsten
inneren Feinden, die von im Ausland befindlichen Zentralen ferngesteuert
werden würden, und blies zur Festnahme der bereits im Gefängnis
befindlichen Menschen und zur Eroberung der eigenen Gefängnisse.
Die Folge der teilweise mehrere Tage anhalten Kämpfe war nicht
nur die Tötung und Verletzung von Menschen, sondern auch die
Zerschlagung der Hoffnung auf eine Demokratisierung des Staates und
der Gesellschaft.
Die blutige Lebensvernichtungsoperation unter dem offiziellen Titel
Rückkehr zum Leben" wurde unter Abschirmung jeglicher
Öffentlichkeit und Presse durchgeführt und von dröhnender
Marschmusik begleitet - eine neue Taktik der psychischen Zermürbung
von Menschen, die die türkischen Behörden aus den USA gelernt
hatten: Damals, als die USA in Panama Weltpolizei spielten und ihre
Soldaten den Präsidenten von Panama bis in seine Villa jagten,
aus der er nicht so leicht herauszubekommen war, stellten sie einen
Wagen mit einer riesigen Lautsprecheranlage vor seine Villa und belästigten
ihn rundum. Ähnlich berichten auch die bereits verlegten Gefangenen
aus den neuen Gefängnissen vom Typ F, dass sie gefoltert
sowie durch das ständige Abspielen von Pop- und Arabeskmusik
gestört" werden, wie sogar die regierungstreue Hürriyet
meldete.
Kein allgemeines und bedingungsloses Amnestiegesetz konnte seit 1980
zustande gebracht werden, obwohl breite Kreise sich immer wieder dafür
eingesetzt hatten - aber eben ein weiteres Massaker. Dazu konnte sich
die Regierung zu einem Gesetz zur Freilassung unter Bedingung
und zur Strafaussetzung" durchringen, durch das bisher ca. 30.000
Gefangene entlassen werden konnten. Auch dieses Gesetz - das höchstwahrscheinlich
als Rahsan-Amnestie" in die Geschichte eingehen wird, weil
es vor allem von der Frau des Ministerpräsidenten Ecevit betrieben
wurde, die Rahsan heißt und nicht Regierungsmitglied ist - war
der Anlass für eine unerlaubte Polizeidemonstration, deren Parolen
die politische Stimmung im Lande derart verschärften, dass sie
mit Sicherheit eine gewisse Rolle bei der Entscheidung zur Erstürmung
der Gefängnisse gespielt haben dürften.
Die neuen Janitscharen
Gerade hatte die
Konsensgruppe mit Gesprächen mit den hungerstreikenden Gefangenen
begonnen, da hatte die Polizei am 10. Dezember auf vier plakatierende
Jugendliche das Feuer eröffnet, die sich mit den Hungerstreiks
solidarisierten, und dabei den 21-jährigen Özkan Tekin getötet.
Kurz darauf wurde ein Transportbus der Schnellen Eingreiftruppen von
Unbekannten beschossen. 14 Polizisten wurden verletzt, von denen zwei
schließlich starben. Diese nächtliche Aktion, zu der sich
die maoistische TKP (ML) bekannt haben soll, nahmen ca. 3000 Mitglieder
der Schnellen Eingreiftruppen zum Anlass, um am nächsten Morgen
in einem illegalen Demonstrationszug durch Istanbul zum Gouverneurssitz
zu ziehen. Die Polizisten konnten nach gleichlautenden Berichten weder
vom Polizeichef noch vom Gouverneur oder vom Innenminister beruhigt
und beschwichtigt werden. Gleichzeitig kam es auch in anderen Städten
(Izmir, Adana, Bursa, Antep, Mersin) zu ähnlichen Polizeidemonstrationen
mit mehreren tausend Beteiligten, was die Organisiertheit und Interessengemeinschaft
der Spezialeinheiten verdeutlichen mag, obwohl es in der Türkei
keine Polizeigewerkschaft gibt. Viele sprachen an das Osmanische Reich
erinnernd von einem neuen Janitscharenaufstand. In der Tat waren diese
Demonstrationen die größten Unmutsäußerungen
der Polizei in der türkischen Geschichte. Was wollten sie aber?
Das sagen am besten ihre Parolen aus, die sie mit in die Luft gestreckten
Pistolen brüllten: Organisationen passt auf, wir werden
schießen! Ministerpräsident zurücktreten! Regierung,
steck' dir die Amnestie in den Arsch! Rahsans Amnestie hat die Polizisten
erschossen! Alles fürs Vaterland! Keine Verhandlungen mit den
Verrätern!"
Diese und weitere nationalistische Parolen, die den Organisierungsgrad
der türkischen Faschisten in der Polizei beweisen dürften,
zeigten an, dass die Polizisten nicht bloß auf die Straße
gegangen waren, um für ihre Lebenssicherheit und ihre ökonomische
Absicherung zu demonstrieren. Vielmehr wollten sie ein Signal setzen,
ein Signal gegen Demokratisierung, gegen Verhandlungen mit politischen
Gefangenen.
Ihre Demonstrationen waren eine offene Drohung an die Adresse der
demokratischen und progressiven gesellschaftlichen Kräfte sowie
eine Warnung an die Adresse der Regierung davor, das Konzept des polizeilich-militärischen
Sicherheitsstaates im Namen einer EU-Integration aufzulockern; eines
Sicherheitsstaates, dessen restriktive Gesetzgebung nach wie vor so
etwas wie ein Gesinnungsstrafrecht" zementiert, das lächerliche
Ausmaße annimm: Die Staatsanwaltschaft setzt aktuell tatsächlich
die Befragungen derjenigen 77.653 Personen fort, die verbotene Aufsätze
von Akin Birdal, Esber Yagmurdereli, Necmettin Erbakan usw. unter
dem Titel Freiheit für den Gedanken: Für alle!"
gemeinsam herausgegeben hatten.
Die herrschende politische Elite reagierte schließlich auf die
blutige Operation in den Gefängnissen den Erwartungen der Spezialeinheiten
entsprechend und nach dem gleichen Motto, das ein Ex-General in einer
Kolumne in Hürriyet als Schlusswort formulierte, so dass auf
einzelne Zitate ihrer Exponaten getrost verzichtet werden kann: Unsere
Parole: Das Vaterland soll leben, die Nation soll heilsein, der Staat
soll ewigsein, der Gott soll den Türken und seine Soldaten schützen!"
Doch sollte an dieser Stelle vielleicht noch Erwähnung finden,
dass der Ministerpräsident Ecevit von einer hoffnungsvollen
Zukunft des Landes nach der Lösung des Gefängnisproblems"
just in dem Moment sprach, in dem auf Todesmeldungen aus den Gefängnissen
gewartet wurde.
Ein Arm im
Maul eines Hundes
Die Gefängnispolitik
des türkischen Staates kann nur begriffen werden im staatskriminellen
Modus eines Serienmordes. Seit dem Militärputsch vom 12. September
1980 führte die mörderische Gefängnispolitik immer
wieder zu Hungerstreiks und Todesfasten als teils Protest- und teils
Verzweiflungstaten. Deren Zahl zu bestimmen, ist schwer: 18 Tage Hungerstreik
in Metris 1981, 28 Tage 1982 in verschiedenen Gefängnissen, 26
Tage in Metris und Sagmalcilar, 75 tagelanges Todesfasten 1984, 43
Tage Todesfasten in Diyarbakir und 42 Tage Hungerstreik in Mamak waren
die längsten und die tödlichsten. 12 Menschen starben dabei.
Drei Jahre nach der Scheindemokratisierung war die Lage in den Gefängnissen
1987 genauso schlimm wie unmittelbar nach dem Militärputsch,
so dass die Gefangenen darauf mit einem 41 Tage dauernden Hungerstreik
reagierten: Auf der Straße wurde Didar Sensoy, die Angehörige
eines politischen Gefangenen, unter den Augen anderer protestierender
Familienangehörigen und der Presse von der Polizei ermordet.
Vielfach ist es heute in Vergessenheit geraten, dass der türkische
Menschenrechtsverein nicht eine Gründung von professionellen"
Menschenrechtsaktivisten ist, sondern eben von den Familienangehörigen
in einem hartnäckigen Kampf und unter Inkaufnahme immerwährender
Repressalien ins Leben gerufen wurde. 1989 fand ein Hungerstreik von
52 Tagen in Eskisehir und Aydin statt, wobei die Gefangenen am 35.
Tag von Eskisehir nach Aydin zwangsdeportiert und dabei zwei Gefangene
getötet wurden. 1995 fanden zusätzlich zu anderen Provinzen
Hungerstreiks in Yozgat, Konya und Diyarbakir statt, jeweils 48, 36
und 50 Tage lang. 1996 starben 12 Gefangene in einem 69 Tage andauernden
Todesfasten in 52 Gefängnissen. 1998 fand in Erzurum ein 55 tagelanger
Hungerstreik statt...
Die hier aufgezählten Hungerstreiks und Todesfasten sind nur
eine vom ganzen Grauen stark absehende Auswahl. Gegenüber den
Hungerstreiks haben die Regierenden immer nur eine Haltung gehabt,
die Kenan Evren, der Chef der Putschgeneräle, 1984 ausdrückte:
Wenn sie im Hungerstreik sind, dann sagt mir doch mal: Wer von
ihnen ist gestorben? Ein Mensch lebt 15-20 Tage, wenn er im Hungerstreik
ist. Danach stirbt er. Die hier machen einen Monat, zwei Monate lang
Hungerstreik. Wenn sie nicht sterben, dann heißt das, sie essen...
Vielleicht fasten sie..." Als dieser ironische Zynismus Beachtung
in der Presse genießen durfte, waren gerade 12 Menschen im Hungerstreik
gestorben.
Die späteren Justizminister setzten diese Haltung einfach fort:
Wer sein Leben verliert, der trägt dafür selbst die
Verantwortung... Wir haben die Information erhalten, dass einige Mutige
unter ihnen ausgewählt wurden, die den Tod in Kauf genommen haben"
(Oltan Sungurlu, 1989). Vor den Hungerstreiks wurden die Lebensmittel
aus den Gefängniskantinen in den Schlafsälen deponiert.
Diese Leute leben in Schmaus und Braus" (Sevket Kazan, 1996).
Entsprechend dem Diktum des Putschisten Evren, der die Hinrichtungen
rechtfertigend rhetorisch gefragt hatte Sollen wir die auch
noch ernähren statt hinzurichten?", werden die Menschen,
deren Leben rechtlich dem Staat anvertraut ist, eben von diesem Staat
regelrecht und systematisch getötet: 1995 wurden bei einer Massenbestrafung
in Buca nach einer Flucht zwei Gefangene getötet. 1996 in Ümraniye
vier Gefangene auf dieselbe Weise. Wiederum 1996 wurden in Diyarbakir
33 Gefangene der Art verprügelt und traktiert, dass zehn von
ihnen anschließend starben. 1999 wurde das Gefängnis Ulucanlar
in Ankara unter dem Vorwand, den Widerstand zu brechen",
gestürmt: 11 Tote. Hunderte wurden bei diesen Ereignissen schwerverletzt,
lebenslang psychisch und physisch verkrüppelt. Im Gefängnis
Burdur wurde am 11. Juli 2000 eine Auflehnung" der Gefangenen
mit Bulldozern niedergeworfen und der Arm des 23-jährigen Veli
Salcik dabei abgerissen. Dass der abgebrochene Arm später in
der Stadt im Maul eines Hundes gefunden wurde, 'kommentierten' die
Verantwortlichen mit dem Wort tragikomisch"...
Nicht tragikomisch, aber doch tragisch ist die Schwierigkeit, in einem
Land mit hohen Einkerkerungszahlen (einer von 1300 ist im Gefängnis)
das Interesse entscheidender Öffentlichkeiten auf die Misere
der Gefängnisse zu lenken. Während die Ohnmächtig-Eingekerkerten
getötet werden, kann sich die Macht gar zynisches Gelächter
erlauben, denn sie ist sich dessen sicher, bereits die Gesellschaft
derart amputiert und uniformiert zu haben, dass die Gefängnisse
bloß nur einen verdunkelten Spiegel der Gesellschaft darstellen.
Das war erklärte Absicht des Nationalen Sicherheitsrates nach
dem Militärputsch, des heute noch mächtigsten Herrschaftsorgans:
Uniformierung der Gesellschaft - wie es die von ihm dem Land aufgezwungene
Verfassung ausdrückt: zum Schutze der Existenz des Staates
und seiner Souveränität, der Einheit und Unteilbarkeit des
Landes und der Ruhe und Sicherheit." Dazu wurde eine unendliche
Kitschgeschichte als nationale Biographie produziert, die in allen
Variationen tagtäglich von der Presse, den Schulen, der Armee
und anderen staatlichen und nicht-staatlichen Institutionen wiedergekaut
wird, mit dem Ziel, auch wirklich jeden Kopf zu uniformieren.
In der Nacht
gegen die Nacht
Das Thema Gefängnisse
in der Türkei" wäre nicht annähernd vollständig
behandelt, wenn ein anderer, sicher unangenehmer Aspekt keine Erwähnung
finden würde: Ich meine die Beziehungen der Gefangenen untereinander
sowie den Umgang der selbst erklärten ML-Parteien und -Sekten
mit den politischen Gefangenen und ihren Protestaktionen.
Zum einen kann der Sinn von sogenannten Bestrafungsaktionen"
bloß nur ein sprichwörtlicher Widersinn sein, bei denen
manche Gruppen - unter totaler und unzulässiger Reduktion des
politischen Kampfes auf einen nicht enden wollenden bewaffneten Kampf
- einige Polizisten töten oder verletzen, um damit scheinbar
das Todesfasten der politischen Gefangenen zu unterstützen. In
ihrer unmittelbaren politischen Wirkung haben ähnliche Aktionen
sich gerade gegen die Hungerstreikenden gerichtet, insofern ihre berechtigten
Forderungen mit einem sinnlosen Terror" in Verbindung gebracht
wurden. Zudem haben solche Aktionen direkt in die Hände der reaktionären
Kräfte in der Türkei gespielt, die sie benutzten, um die
Opposition und Solidaritätsbekundungen mit den Hungerstreiks
mundtot zu machen.
Zum anderen muss man wenigstens stichwortartig aufzählen, auch
wenn man eine genauere Beschäftigung einer späteren Reflektion
vorbehalten bleiben muss, dass es scharfe Hierarchien sowie Unterdrückungs-
und Herrschaftsverhältnisse auch unter den Gefangenen gegeben
hat und gibt. Einzelne politischen Organisationen im Gefängnis
unterwerfen völlig den Willen ihrer Mitglieder, anstatt sie als
autonome politische Subjekte zu akzeptieren. Diese Unterwerfung nimmt
zuweilen erschreckende Ausmaße an, so dass der Gefängnisaufenthalt
in manchen Gruppen als Ergebnis einer merkwürdigen Drehung zum
einzigen Beweis der politischen Zuverlässigkeit verkommen ist.
So haben dann die riesigen Schlafsäle neben dem Vorzug eines
kollektiven und solidarischen Lebens auch den Nachteil der Einschränkung
der Freiheiten des Individuums. Menschenrechtsverletzungen werden
von Gefangenen auch anderen angetan, die beispielsweise als Verräter"
erstochen wurden.
Ein klares Bewusstsein sozialer Emanzipation wird vielfach ersetzt
durch Treue, Mut usw. und die Toten werden im Dienste der politischen
Propaganda der Gruppen zu Heroen verklärt. Es wird bisweilen
ein Totenkult mit den Gefallenen" betrieben, der fast lebensfeindlich
ist. Menschen werden aus den Kommunen im Gefängnis ausgeschlossen,
weil sie Kritik üben. Gefangene leiden darunter, ihre sexuelle
Identität nicht offenbaren zu dürfen, da in manchen Entscheidungsgremien
der Gefängniskommunen Beschlüsse gefasst worden sind, wonach
Homosexuelle in den selben Schlaf- und Aufenthaltssälen nichts
zu suchen hätten. Gefangene werden einem unmöglichen moralischen
Druck ausgesetzt, weil sie während der Besuchszeit ihre Frau
geküsst haben und sie dies in aller Öffentlichkeit nach
Ansicht des politischen Leiters nicht hätten dürfen. Oder
aber Fernsehen, Radio und das Schreiben wurden untersagt, weil dies
bürgerliche Gewohnheiten" seien...
Die Brutalität der Gefängnispolitik des türkischen
Regimes kann kein Vorwand dafür sein, all diese selbstverschuldeten
und traurigen Züge der Gefängnisse nicht zu diskutieren.
Gerade die um Emanzipation Bemühten müssen in einen Prozess
der Reflexion eintreten, in einen Prozess, an dessen Anfang die Parole
Trotz der Massaker!" ersetzt werden sollte durch Stoppt
die Massaker!", in dem auch die aktivistische Linke wird erkennen
müssen, dass sie in der Nacht gegen die Nacht kämpft.
Jeder Protest
kann Leben retten
All diese Aspekte
aber stellen keinerlei Grund dar, nicht zu handeln oder sich gar der
lebenswichtigen Solidarität mit den Gefangenen zu verweigern.
In den letzten Jahren erschienen unzählige urgent actions"
vieler Menschenrechtsgruppen, die dazu aufforderten bei der türkischen
Regierung aufgrund ihrer menschenverachtenden Gefängnispolitik
zu protestieren.
Auch wenn das Wort unzählig" deprimieren und die Sinnlosigkeit
eines Appells an die türkische Regierung andeuten könnte:
Der Autor weiß aus eigener Erfahrung und Berichten politischer
Gefangener, dass jede kleine Solidaritätsbekundung helfen kann.
So ist es beispielweise begrüßenswert, dass sich in den
letzten Wochen 270 Künstler, Schriftsteller, Darsteller, Dichter,
Karikaturisten usw. in der Türkei zusammenfanden, um mit einem
gemeinsamen Besuch des Staatspräsidenten Ahmet Sezer gegen die
staatliche Gewalteskalationsstrategie zu protestieren.
Gazi Caglar ist
Lehrbeauftragter am Institut für Politische Wissenschaften an
der Universität Hannover.

Aktuelle Berichte und Informationen über den Hungerstreik sind
im Internet zu finden unter: www.libertad.de