Nach
dem Wahlsieg Ariel Sharons.
"Frieden verlangt gegenseitigen Respekt und Anerkennung"
Ein Gespräch mit dem israelischen Journalisten und Kommunisten
Hans Lebrecht
Hans
Lebrecht wurde 1915 in Ulm geboren. Ab 1936 engagierte er sich aktiv
im antifaschistischen Widerstand. Um sich einer drohenden Verhaftung
zu entziehen, reiste Hans Lebrecht auf Beschluss der KPD nach Palästina
aus. Dort trat er 1944 der Palästinensischen KP - seit 1948 in
KP Israels umbenannt - bei. Neben seiner journalistischen Tätigkeit
für verschiedene Zeitungen war Hans Lebrecht Funktionär
der KP Israels, u.a. auch im Zentralkomitee.
Mehrere Male musste er den Knast von innen erleben: Das erste Mal
im britisch-kolonialistischen Zentralgefängnis von Akko als verdächtiges
Mitglied der damals verbotenen PKP. Das zweite Mal 1954 in Israel,
als er im Anschluss an eine militante Demonstration gegen die Wiederbewaffnung
Deutschlands festgenommen wurde. 1978 wurde er erneut inhaftiert.
Der Vorwurf diesmal: Spionage für die PLO. In einem Aufsehen
erregenden Prozess musste er, nicht zuletzt dank der weiten internationalen
Solidarität, freigesprochen werden. Hans Lebrecht ist heute Aktivist
in Gusch Schalom (wörtlich übersetzt: Friedensblock) und
Vorsitzender des Verbandes der Antifaschisten und Opfer des Nazismus
in Israel.
Ende Januar
2001 erhielt Hans Lebrecht eine Auszeichnung der Stadt Ulm als Verfolgter
des Naziregimes.
Über den
Wahsieg Scharons hast Du geschrieben, dass Scharon zwar über
60 Prozent der abgegeben Stimmen erhielt, aber noch immer zwischen
60 und 70 Prozent der israelischen Bevölkerung für die Fortsetzung
des Friedensprozesses seien. Wie ist das erklärbar?
40 Prozent der
Wahlberechtigten, darunter eine große Anzahl von Friedensaktivisten
sind dem Aufruf, die Wahlen entweder zu boykottieren oder ungültig
abzustimmen, gefolgt. In weiten Kreisen, insbesondere unter den Friedenskräften,
zu denen der Großteil der arabischen Bürger, die nahezu
20 Prozent der Bevölkerung Israels bilden, sowie demokratisch
gesinnte jüdische Bürger zählen, fiel dieser Aufruf
auf den Boden einer bitteren Enttäuschung über Ehud Barak,
der 1999 gerade von diesem Spektrum zum Premierminister gewählt
worden war. Barak selbst tauschte sein Versprechen für einen
Frieden gegen seine diktatorischen, für die Palästinenser
unakzeptablen Rote-Linien-Bedingungen aus. Im Oktober letzten Jahres
wurden dann 13 arabisch-palästinensische Bürger Israels
von Polizeischergen ermordet, die rechtsextremistische Pogromisten
unterstützen. Dafür wurden berechtigterweise Barak und sein
Polizeiminister Ben-Ami verantwortlich gemacht. Der für dieses
Massaker direkt Verantwortliche, Alik Ron, dessen Rassismus gegen
Arabern bekannt und dessen Ausschluss aus der Polizei schon früher
gefordert worden war, wurde erneut nicht zur Verantwortung gezogen.
Dabei stellte es sich eindeutig heraus, dass er den willkürlichen
Schießbefehl bei diesen Ereignissen erteilt hatte.
Man sah also keinen Unterschied zwischen den Kandidaten, die beide
den Palästinensern keine ernsthaften Friedensangebote, sondern
ihnen ihre verbrieften Rechte streitig machen und zionistische, territoriale
Ansprüche auf palästinensische Gebiete erheben. Beide wollten
die rassistische Benachteiligung der arabisch-palästinensischen
Bürger Israels und viele Wähler, welche wirklich Frieden
und Demokratie wollen, haben sich auch durch die demagogischen Versprechen
des alten Kriegspferdes Scharon irre führen lassen, dass er sich
gewandelt habe und nun nach einem Frieden mit Sicherheit für
die israelische Bevölkerung sucht. Der Wahlausgang hat daher
nichts mit dem mehrheitlichen Wunsch der israelischen Bevölkerung
nach einem wirklichen Frieden zu tun.
Was müssen
die notwendigen Voraussetzungen für einen wirklichen Friedensprozess
zwischen Israel und Palästina aussehen...?
Die gegenseitige
Respektierung der legitimen nationalen Rechte beider Völker auf
Selbstbestimmung und unabhängige Staatlichkeit, entsprechend
der Charta der Vereinten Nationen und der Menschenrechtskonventionen,
sowie die Realisierung der entsprechenden Beschlüsse der UNO
und ihres Sicherheitsrates. Dazu gehört die Anerkennung der Rechte
der palästinensischen Flüchtlinge auf Rückkehr in ihre
Heimat oder auf materielle Kompensation. Man sollte nicht vergessen,
dass die Ursache für das Flüchtlingsproblem in der traditionellen
israelischen, von der zionistischen Bodeneroberungsidee gelenkten
Politik liegt.
Welche politischen
Kräfte in Israel befürworten den vollständigen Rückzug
aus den besetzten Gebieten entsprechend der UN-Resolutionen 242 und
338? Nach unserem Eindruck sind diejenigen, die eine klare Zwei-Staaten-Lösung
mit Ostjerusalem als palästinensischer Hauptstadt befürworten,
sehr heterogene, in sich zersplitterte und gesellschaftlich eher schwache
Kräfte....
...Die sensationellen
Medienberichte über die angebliche palästinensische
Gewalt" der Unruhen in den vergangenen Monate ignorieren die
zahlreichen und andauernden Aktionen der Friedenskräfte fast
vollständig. Daher mag dieser Eindruck rühren. Als in den
fünfziger Jahren die KP Israels das Prinzip der Zweistaaten-Lösung
befürwortete, welche von der UNO Vollversammlung im November
1947 beschlossen worden war, und als ihre Abgeordneten schon am ersten
Tag des sogenannten Sechs-Tage-Krieges 1967, der jetzt eigentlich
mehr als 13.000 Tage währt, in der Knesset warnten, dass ein
Frieden mit dem palästinensischen Nachbarvolk unmöglich
sein werde und es noch unvorhergesehene Blutopfer auf beiden Seiten
geben würde, wenn die israelischen Truppen nicht aus den eroberten
arabischen Gebieten hinter die seit 1949 bestehenden Waffenstillstandslinien
zurückgezogen werden, da waren wir Kommunisten wirklich eine
zwar prinzipiell starke Kraft, aber rein zahlenmäßig eine
sehr kleine Minderheit unter dem jüdischen Bevölkerungsteil
von Israel. Das hat sich aber inzwischen gewaltig geändert.
Der
von Dezember 1987 bis Sommer 1993 währende palästinensische
Volksaufstand hat vielen in Israel die Augen geöffnet. Der 1992
amtierende Regierungschef Jitzhak Rabin, der im 1967er Eroberungskrieg
die Armee als Generalstabschef anführte, der dann als Verteidigungsminister
in der von 1984 bis 1990 amtierenden Likud-Arbeitspartei-Einheitsregierung
die brutalsten Unterdrückungsmethoden gegen die aufständischen
Palästinenser anordnete, musste am Ende einsehen, dass der Aufstand
nicht mit militärischen Gewaltmitteln zu unterdrücken war.
Das war der Hauptgrund für die von ihm und Jassir Arafat unterzeichnete
Prinzipienerklärung, das sogenannte Oslo-Abkommen. Das Abkommen
hatte zwar zur Folge, dass der palästinensische Aufstand vorläufig
auf Eis gelegt wurde, aber der mit dem Abkommen verbundene Friedensprozess
stellte sich bald als Enttäuschung heraus. Mit der Einsicht"
Rabins entstand in weiten Kreisen der israelischen Bevölkerung
die Erkenntnis, dass eine wirkliche und einzig reale Aussicht auf
Frieden nur im vollständigen israelischen Rückzug aus den
seit 1967 besetzt gehaltenen arabischen Gebieten möglich werden
könne, wie es die Sicherheitsratsbeschlüsse 242 und 338
erfordern, sowie in der Anerkennung und Respektierung des Rechtes
der Palästinenser auf ihren eigenen unabhängigen Staat,
Seite an Seite mit Israel. Seit damals also, haben auch andere Friedenskräfte
in Israel die schon seit früher von der KP propagierten Losungen
auf ihre Fahnen geschrieben. Allerdings wurden auch wieder Stimmen
bei einem nicht sehr großen Teil dieser Kräfte laut - vor
allem innerhalb der Führung der Schalom Achschav, der Frieden-Jetzt-Bewegung"-,
die an die traditionellen zionistischen Ansprüche auf Eroberung
des Bodens" anknüpften und einen als Friedenslösung
angebotenen Kompromiss mit israelischen Gebietserweiterungen in sogenannten
Siedlungsblöcken propagierten. Hinzu kam die Forderung nach der
unbegrenzten Souveränität über die 1967 eroberten Teile
von Ostjerusalem als Teil einer wiedervereinigten und unteilbaren
Hauptstadt" Israels. Von der palästinensischen Seite, aber
auch von der großen Masse der israelischen Friedenskräfte
und ihrer verschiedenen Organisationen, wurde dieser Kompromissvorschlag"
abgelehnt.
Du bist sowohl
Mitglied in der in den 70er Jahren gegründeten Chadasch-Front,
die der kommunistischen Partei nahe steht, als auch Aktivist in der
Friedensorganisation Gusch-Schalom. Mit welchen linken, emanzipatorischen
Kräften auf der palästinensischen Seite arbeitet ihr zusammen?
Die Frage ist
nicht so einfach zu beantworten. Zuerst ist zu klären, was unter
linken Kräften" zu verstehen ist. Sowohl die KP Israel
als auch die von ihr beeinflusste Chadasch Front können als linke
Kräfte eingestuft werden, obwohl deren Führungsschichten
heute eher von opportunistischen und reformistischen Merkmalen geprägt
sind. Ich bin aktives Mitglied der KP seit 1944 und einer der Unterzeichner
der Gründungerklärung der demokratischen Front für
Frieden und Gleichheit (Chadasch). Ich bin aber auch Teil des noch
im Aufbau befindlichen Forums israelischer Kommunisten, die mit der
von der KP-Führung eingeschlagenen, vom marxistisch-leninistischen
Weg abweichenden Linie nicht einverstanden sind.
Die palästinensischen Organisationen, zu denen direkte Kontakte
bestehen, sind vor allem die aus der palästinensischen KP hervorgegangene
Volkspartei (PPP), die demokratischen Gewerkschaften, sowie die Vertreter
der linken oder liberalen Flügel innerhalb der PLO und der El-Fatah
Organisationen. Weiterhin gibt es noch Verbindungen zu kleineren örtlichen
Restgruppen von Kommunisten, welche nicht den Weg in die PPP mitgemacht
hatten. Obwohl von den Medien so bezeichnet, ist der Gusch-Schalom
keine sich selbst als links einstufende Organisation. Er ist eine
Bündnisbewegung, in der sich bürgerlich liberale Friedenskräfte,
Kommunisten, Linksalternative, ja sogar antikommunistische und sich
noch als zionistisch betrachtende Elemente zusammengeschlossen haben.
Hinzukommen viele parteiunabhängige Aktivisten.
Hinzufügen möchte ich aber noch, dass leider einige der
linken oder sogar linksrevolutionären Parteien innerhalb und
außerhalb der PLO an nationalistischen und elitären Abweichungen
leiden und daher keine, oder nur lose Beziehungen zu israelischen
Friedensgruppen haben wollen, welche auch, oder hauptsächlich,
jüdische Mitglieder haben. Weiter kann ich auf engere Beziehungen
mit der linksradikalen und arabisch-nationalistisch auftretenden BALAD-Gruppe
um den Knessetabgeordneten Bishara und der sogenannten Dorf-Jugend"
hinweisen, auch wenn sie in Israel als radikalisierte Außenseiter
gelten und auch nur wenig Einfluss innerhalb der arabischen Bevölkerung
haben. Es bestehen sogar auch Verbindungen der KP und des Gusch-Schalom
zu bestimmten politisch für Frieden wirkenden Teilen innerhalb
der keineswegs linken fundamentalistischen Hamas-Bewegung.
Wie wird das
Rückkehrrecht der Flüchtlinge in der israelischen Öffentlichkeit
diskutiert? In den deutschen Medien ist dazu nur die strikt ablehnende
Haltung der politischen Klasse, egal ob es sich dabei um Barak oder
Scharon handelt, bekannt.
Den israelischen
Friedenskräfte steht hier noch eine gewaltige Aufklärungsarbeit
bevor. Dies gilt nicht nur für den jüdischen Bevölkerungsanteil
in Israel, sondern sogar innerhalb ihrer eigenen Reihen. Eigentlich
sollte man meinen, dass ein Recht auf Rückkehr von Menschen,
die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, für jüdischen Bürger
Israels eine Selbstverständlichkeit wäre. Ist doch der Staat
Israel vom politischen Zionismus gezeugt und unter dem Motto ins Leben
gerufen worden, dass die Juden eben genau dieses Recht auf Rückkehr
in ein Land haben, in welchem ihre angeblichen oder wirklichen Vorfahren
vor 2.000 Jahren in einem jüdischen Staat gelebt hätten.
Aber gerade die strikte Weigerung aller bisherigen israelischen Regierungen,
das Problem der im Verlaufe des vergangenen halben Jahrhunderts auf
etwa 3,5 Millionen angewachsenen Anzahl der palästinensischen
Flüchtlinge durch Anerkennung und Respektierung dieses Rechtes
zu lösen, war immer schon eines der Hindernisse auf dem Weg zu
einem israelisch-palästinensischen Frieden. Diese Weigerung war
auch eine der roten Linien" von Ehud Barak, welche den
sowieso zweifelhaften Friedensprozess von Oslo in die Sackgasse führten.
Leider unterstützt eine überwiegende Mehrheit der jüdischen
Bürger Israels diese grundsätzliche Nichtanerkennung des
im internationalen Völkerrecht verbrieften Rechts auf Rückkehr
der Flüchtlinge. Dies gilt auch für sehr viele Menschen,
die alle anderen Bedingungen eines gerechten Friedens, etwa die Räumung
der besetzten Gebiete mitsamt der sich dort eingenisteten Siedler
sowie die Zwei-Staaten-Lösung als Grundlage für einen Frieden
betrachten. Die von den zionistischen Sprachrohren bewusst in Umlauf
gebrachte Warnung vor einer Überflutung Israels durch Palästinenser,
die den Staat als einen jüdischen Staat, die Sicherheit, die
Wohnungen und das Brot seiner jüdischen Bürger gefährden
und schlussendlich das Ende Israels bedeuten würde, ist unsinnige
Panikmacherei.
Es kann angenommen werden, dass nur ein Teil der heute auf der ganzen
Welt verstreuten Flüchtlinge, insbesondere der jüngeren
Generation, das Recht auf Rückkehr in Anspruch nehmen werden.
Praktisch handelt es sich ja hauptsächlich darum, eine Lösung
für die etwa 5 - 600.000 in Flüchtlingslagern im Libanon,
in Syrien und Jordanien, sowie einen Teil der im Westjordanland und
dem Gazastreifen lebenden Flüchtlinge zu finden. Selbst wenn
ein großer Teil sich in Israel niederlassen würde, so würde
das lediglich zu einem Anwachsen der sowieso etwa eine Million Menschen
zählenden arabischen Minderheit führen. Aber alle Spekulationen
wie viele Palästinenser von ihrem Recht auf Rückkehr Gebrauch
machen könnten, sollten beiseite gelegt und bedingungslos das
prinzipielle Recht auf Rückkehr in den Vordergrund gestellt werden.
Zuletzt hast
Du darüber geschrieben, wie der Zugang zu Protokollen in den
Staats- und Armeearchiven aus den Jahren 1948/49 weiterhin verschlossen
bleibt, die Aufschluss über die Vertreibung der arabisch-palästinensischen
Bevölkerung und von israelischen Streitkräften verübte
Massaker während und nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg
geben könnten. Ist das ein Diskussionspunkt in der israelischen
Öffentlichkeit und gibt es eine Auseinandersetzung über
die Frage, warum die Palästinenser ihr Land verlassen haben?
Es
wäre falsch, nur die vor und während des israelischen Unabhängigkeitskrieges
von 1948/49 - unabhängig von dem britischen Kolonialregime -
von jüdischen Milizen und dann von der daraus entstandenen israelischen
Armee verübten Massaker im Rahmen des sogenannten Plan Dalet
(Plan 4) anzuführen. Die bis dahin Palästina beherrschende
britische Kolonialmacht spielte dabei keine geringe Rolle. Das gilt
ebenso für die von ihr eingesetzte reaktionäre Führung
des sogenannten Arabischen Hochkonzils unter der Leitung des Großmuftis
von Jerusalem, Hadsch Amin el-Husseini, der ein Nazikollaborateur
war, sowie die damals ebenfalls von den Briten geschaffene und angeführte
Liga der arabischen Staaten.
Aber als jemand, der diese Periode politisch bewusst miterlebte und
der schon damals mit Abscheu und Empörung die Spuren der Massaker
und die gewaltsame Vertreibung mit eigenen Augen sah und dagegen protestiert
hat, kann ich nicht anders als zu versichern, dass die Hauptschuld
an der Ursache des Flüchtlingsproblems auf den Schultern der
zionistischen Führung des im Werden begriffenen Staates und dann
des Staates Israel selbst liegt. Die britische Kolonialmacht und die
reaktionäre Führung der arabisch-palästinensischen
Bevölkerung haben allerdings der zionistischen Landeroberungspolitik
und der damit verbundenen ethnischen Säuberung des Landes von
einem Großteil seiner arabischen Bewohner in die Hände
gespielt. Ihr damaliger Aufruf zum Verlassen des von Israel eroberten
Gebietes und ihr Versprechen, die nach der erwarteten Niederlage der
israelischen Armee in eine glücklichere Heimat zurückkehrende
Bevölkerung reichlich zu kompensieren, spielte neben den gewaltsamen
Vertreibungen und panikerzeugenden Massakern in dutzenden von arabischen
Städten und Dörfern im Zuge der ethnischen Säuberungen
eine gewisse, wenn auch untergeordnete, Rolle.
Das britische Kolonialregime und jene reaktionäre Führung
der Palästinenser fielen bei den meisten Menschen in unserem
Lande dem Vergessen anheim. Ein Vergessen, das von den Mächtigen
im Staate gefördert wird: Abgelehnt wird nicht nur die Verantwortung
für das Flüchtlingsproblem, es werden also nicht nur geflissentlich
in den Lehrbüchern und im Geschichtsunterricht die für die
zionistischen Machthaber unangenehmen historischen Tatsachen vergessen",
sondern sie werden verfälscht und verheimlicht. So wurde erst
kürzlich der Zugang zu Teilen der im Staatsarchiv befindlichen
Dokumente über diesbezügliche Diskussionen im Kabinett,
sowie Beschlüsse und Aussagen des damaligen Regierungschefs und
Verteidigungsministers Ben-Gurion aus den Kriegsjahren 1948/49, die
die Vertreibung und Massaker an arabischen Einwohnern betreffen, für
vorerst weitere fünf Jahre versiegelt. Hier geht es um die vollkommene
Zerstörung von mehr als 400 von Arabern bewohnten Dörfern
und einigen Stadtvierteln um die vertriebenen Araber daran zu
hindern, in ihre Wohnungen und Behausungen zurückzukehren",
wie es im damaligen Jargon hieß. Dabei gilt auch in Israel die
Regel, dass staatliche Geheimdokumente nach Ablauf von 30 Jahren,
im Falle von sogenannten Sicherheitsanliegen nach 50 Jahren, für
die Öffentlichkeit und insbesondere zum Zwecke der Geschichtsforschung
zugänglich gemacht werden. Man erklärte dies damit, dass
die Öffnung der zensierten Teile bei Verhandlungen mit den Palästinensern
im Wege stehen könnte. Dieses Argument überzeugte den anfänglich
für die Öffnung eingetretenen Justizminister in der alten
Barak-Regierung, Jossi Beilin. Nachdem auch er die fraglichen Stellen
gelesen hatte, plädierte er dafür, dass diese weiter unter
Verschluss und für die Öffentlichkeit unzugänglich
bleiben sollen. Das heißt im Klartext, dass die maßgebenden
Regierungskreise ganz genau wissen, wie sich die Dinge zugetragen
haben, wie die Flüchtlingsfrage, zumindest teilweise durch Massaker
und gewaltsame ethnische Säuberungen, entstanden ist. Es soll
nicht zugelassen werden, dass all dieses auch durch offizielle israelische
Dokumente bewiesen werden kann.
In Deutschland
hat die Solidarität mit Palästina seit dem Golfkrieg Anfang
der 90er Jahre rapide abgenommen. In der linken Debatte dominieren
Positionen, die jede Kritik an der israelischen Besatzungspolitik
unter den Generalverdacht des Antisemitismus stellen. Auch Du bist
davon betroffen. In mehreren Beiträgen hat dich die linke Zeitschrift
konkret" angegriffen und behauptet deine Artikel könnten
genauso auf der Naziwebseite National Journal" stehen.
Was denkst Du zu dieser spezifisch deutschen Anti-Antisemitismus-Kampagne?
Die angebliche
Identität von Judentum, Zionismus, Israel und Antisemitismusbekämpfung
ist eine zielbewusste und irreführende, im politischen Zionismus
verankerte Propagandalüge. Es sollte klargestellt werden, dass
eine Kritik an der friedenssabotierenden Politik aller bisherigen
israelischen Regierungen und deren ausgeübten Praxis einer rassistischen
Benachteiligung gegenüber den arabischen Bürgern des Landes
keinesfalls gleichbedeutend mit einem Antisemitismus ist - auch nicht
in Deutschland mit seiner Nazi-Vergangenheit. Gleiches gilt auch für
eine Kritik an der überheblichen Ideologie und Praxis des politischen
Zionismus. Der künstliche Aufschrei israelischer oder anderer
jüdischer Propagandisten, als sei Kritik an der offiziellen israelischen
Politik eine Schändung des Andenkens an die sechs Millionen von
den Naziverbrechern ermordeten Juden, ist eine schändliche Ausbeutung
zur Rechtfertigung einer schändlichen Politik und sollte strikt
verurteilt werden. Eine gerechtfertigte Kritik an der brutalen und
kolonialistischen Okkupationspolitik Israels oder an der rassistischen
antidemokratischen Politik gegenüber der arabischen Minderheit
in Israel, die letztendlich auch eine Bodenraubpolitik war und ist,
die den arabischen Bürgern Zugang zu einem nicht geringen Teil
der Wirtschaft und vieler Beschäftigungszweige verwehrt, ist
absolut kein Antisemitismus, wie es allgemein von den offiziell beeinflussten
Sprachrohren in Israel und von jüdisch-zionistisch beeinflussten
Medien in der westlichen Welt, auch in Deutschland, gehandhabt wird.
Gerade in Deutschland mit seiner dunklen Nazivergangenheit sollte
man vorsichtig sein. Die berechtigte Kritik an der israelischen Regierungspolitik
ist ja nicht gegen die Juden generell, ob in Israel lebend oder in
anderen Ländern, gerichtet. Das wäre tatsächlich Antisemitismus.
Kritik sollte und darf die zionistische Politik des Bodenraubs und
rassistischer Arroganz verurteilen, aber keineswegs pauschal gegen
das israelische Volk, oder generell gegen Juden gerichtet sein und
diese mit der antidemokratischen Politik der israelischen Machthaber
identifizieren.
Eine scharfe Trennungslinie muss gezogen werden zwischen den rechten
und rechtsradikalen, teilweise sogar faschistisch und fanatisch-fundamentalistisch
ausgerichteten Gruppierungen einerseits und andererseits den Friedenskräften,
den linken und sogar bürgerlich liberalen und demokratischen
Kräften in Israel. Linke Solidarität sollte gegenüber
den unter dem israelischen Besatzerjoch schmachtenden Palästinensern,
sowie gegenüber den linken und anderen konsequenten Friedensgruppierungen
in Israel, zu denen auch im Wesentlichen die arabisch-palästinensischen
Bürger Israels zählen, geleistet werden.
Das möchte ich, als ehemaliger deutscher Widerstandsaktivist
gegen die Hitlerdiktatur, welcher die Lehren aus jener Zeit nicht
vergessen hat, sowie als ein jüdisch-israelischer Patriot, der
einen gerechten Frieden mit dem Palästinenservolk, wie er im
Interesse beider Völker liegt, im Herzen trägt, besonders
betonen.
28. Februar 2001

Das vollständige Interview incl. eines längeren Abschnittes
zu der lesenswerten Biographie von Hans Lebrecht, sowie seine regelmäßigen
Kolumnen sind zu finden unter: www.sooderso.de