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Die
baskische Jugend beschmiert Wände... |
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...baut
Mollis und steckt fremde Busse an... |
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Das
baskische Universum
Die Hydra, das Labyrinth und die Nattern |
Die Hydra
Am 12. März
2001 war eine kleine Agenturmeldung in den Randspalten deutscher Tageszeitungen
zu finden: ETA-Chef gefasst. Drei Wochen zuvor war an gleicher Stelle
zu lesen, dass eine andere Nr.1 ins Netz gegangen war. Noch vor einigen
Jahren konnte man sicher sein, dass solche Ereignisse Anlass zu einem
Kommentar boten, der - mal mit, mal ohne Fragezeichen - das nahe Ende
der ETA voraussagte. Heute neigen die Kommentarschreiber/innen eher
dem Bild der Schlange mit tausend Köpfen zu. Sie beschließen
ihre Texte mit düsteren Prophezeiungen, ein Ende der Gewalt sei
noch lange nicht abzusehen. Blutlachen, Autowracks und Leichentücher.
Unter der programmatischen Kopfzeile Die Blutspur der ETA"
stellte der Stern in neunzehn Fotos seinen Leser/innen den Konflikt
im Baskenland vor. Neben den Attentaten gingen die Medien auch ausführlich
auf die Revolutionssteuer ein, die ETA beim baskischen Außenverteidiger
von Bayern München eintreiben wollte. Darüber hinaus ist
zu erfahren, dass die Mehrheit der Bask/innen den Terror wie auch
dessen Zweck, die Errichtung eines unabhängigen Baskenstaates,
ablehnend gegenüberstehen. Dass 800 Menschen den Attentaten der
Terrororganisation bislang zum Opfer gefallen sind und für die
jüngste Anschlagsserie, die bereits 29 Menschenleben forderte,
eine junge, im Straßenkampf radikalisierte Generation verantwortlich
ist. Tausende Jugendliche, so wissen es die Korrespondent/innen, stehen
bereit, ihr Leben für die baskische Sache zu opfern.
Biskaya, Balkan
Eine Geheimarmee,
die unbeeindruckt von bisher 167 Verhaftungen im laufenden Jahr mit
Bombenanschlägen aus dem Verborgenen für die Befreiung der
Heimat kämpft und im Volk wie ein Fisch im Wasser schwimmt? So
könnte es sein - an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit.
Die Bask/innen aber, die während der Franco-Diktatur unterdrückt
wurden, genießen seit 20 Jahren die Vorzüge eines Autonomiestatuts,
von dem andere Minderheiten nur träumen können. In Westeuropa
werden keine Dörfer von Panzern überrollt. Sie dürfen
ihre Sprache sprechen, es gibt baskische Schulen und ein Parlament,
sogar eine eigene Polizei. Man fragt sich, was wollen sie denn jetzt
noch. Zur weiteren Erklärung wird häufig die Tatsache angeboten,
dass das industrielle Baskenland über ein deutlich höheres
Pro Kopf-Einkommen verfügt als das vertrocknete Andalusien. Und
so könnte sich baskischer Eigensinn entschlüsseln als, man
denke an die Lega Norte, Besitzstandswahrung im Angesicht der Begehrlichkeiten
von Habenichtsen aus dem spanischen Mezzogiorno. Verteilungskämpfe
also, für die mit der Ethnisierung des Sozialen ein bestechenden
Begriff schon geprägt ist, bei dem unweigerlich die Erinnerung
an Bosnien und Barbarei sich anschließt. Nationaler Dünkel
und Kleinstaaterei im Herzens des Europäischen Hauses, 21. Jahrhundert.
Tod des linken
Professors
E.T.A.,
revolutionäre sozialistische Organisation für die nationale
Befreiung, will mit diesem Schreiben dem baskischen Volk ihre Überlegungen
mitteilen..." - mit solchen Worten beginnen auch im neuen Millennium
die Communiqués. Dies wie die Gründe und Ziele, die in
den folgenden Absätzen für den bewaffneten Kampf angegeben
werden, bleiben den Leser/innen in Deutschland verborgen. Und aus
der Galerie der Todesopfer im Stern erklären sich Befreiungskampf
und revolutionärer Sozialismus nicht. Wenn, wie zuletzt geschehen,
zwei baskische Arbeiter oder ein spanischer Busfahrer versehentlich
von Autobomben getötet werden, ist darin nichts zu entdecken
als das vergossene Blut. Entscheidender sind in diesem Zusammenhang
die präzisen Anschläge, die Politiker/innen und Polizist/innen
treffen. Auch sie rufen bei denjenigen Linken und Intellektuellen,
die Sympathie für den gewaltsamen und international kaum populären
kurdischen Kampf hatten, mehr Kopfschütteln als Verständnis
hervor. Wozu diente etwa der Tod von Ernest Lluch? Der sozialdemokratische
Intellektuelle, ein prominenter Befürworter von Friedensgesprächen,
starb im Dezember letzten Jahres, weil er der ETA als Architekt der
Annäherung zwischen spanischer Sozialdemokratie und baskischem
Bürgertum galt - ein Projekt, von dem in Deutschland kaum jemand
etwas weiß, geschweige denn seine Implikationen bewerten mag.
Die Tatsache, dass der linke Professor als Antifaschist unter Franco
in politischer Haft saß, wie es auch in Deutschland zu lesen
war, ist da wesentlich eindrücklicher.
The Making
of ETA
Neben den Nachrufen
auf Ernest Lluch tobte in der sozialdemokratischen El Pais eine Debatte
um die historische Rolle eines Mannes, der auf gleiche Weise gestorben
war. Melitón Manzanas erhielt von der ETA 1968 eine Kugel in
den Kopf und von der spanischen Regierung posthum das Grosse Königliche
Kreuz am Band. Letzteres im 21. Jahrhundert. Noch in Kampfzeiten pflegte
Manzanas Tonbänder aufzuzeichnen, wenn er Rote wie Lluch verhörte.
Um danach, während sein gequältes Opfer auf dem Zellenboden
lag, bei einem Hausbesuch Frau und Kindern die Aufnahmen vorzuspielen.
Vielleicht hatte er das bei seinem früheren Arbeitgeber, der
Gestapo gelernt. Lluch gehörte der PSOE an, deren Mitglieder
von Brigadekommissar Manzanas als subversive Elemente gejagt wurden.
Und diese Partei stimmte 30 Jahre später für ein Gesetz,
das diesem Kettenhund besondere Ehre zuspricht wie auch dem Mann,
den alle nur den Menschenfresser" nannten: Luis Carrero
Blanco, einst Nachfolger Francos, heute auch: Opfer des Terrorismus.
In der ETA-Bombe, die den Dienstwagen von Francos Geschäftsführer
1973 über ein vierstöckiges Haus schleuderte, sah die PSOE
in den dunklen Tagen des Faschismus eine Genugtuung für das Volk.
Heute halten es die Sprecher/innen der gleichen Partei für angebracht,
in den Nachrufen auf einen der Ihren die Wesensverwandtschaft zwischen
ETA, die Andersdenkende zu Feind/innen des baskischen Volkes erkläre,
und der NSDAP zu konstatieren, die ja auch Volksschädlinge"
kannte. Baskenland oder Tod, es lebe die ETA !"- das unbeugsame
Bekenntnis der Militanten, die 1970 der Ermordung des Faschisten Manzanas
angeklagt wurden, zeugte der internationalen Linken von Kraft und
Berechtigung des Freiheitskampfes eines unterdrückten Volkes.
Und die Todesstrafen, die Franco gegen sie verhängen ließ,
riefen Papst, Bundesregierung und US-Präsident auf den Plan.
Aus dem militanten Antifaschismus speiste sich die Legitimität,
die der ETA wie der baskischen Sache überhaupt verliehen wurde.
Das galt auch in der spanischen Linken, wo lange die Sicht vorherrschte,
ETA sei eine mutige Widerstandsorganisation gewesen, die sich ab 1978
in eine Terrorgruppe wandelte. Heute ist auch die historische Berechtigung
geschwunden: ETA ist in Spanien, und mit wenigen Ausnahmen auch in
Europa, nie etwas anderes gewesen als ein Phänomen in der Kategorie
Haider.
Das baskische
Universum
Ein Blick ins
baskische Universum des 21. Jahrhunderts verrät, dass hier die
Uhren nicht so schnell gehen. Ein Veteran des bewaffneten Kampfes
sitzt im Menschenrechtsausschuss des Parlaments. Der Vorsitzende des
Fanclubs von Athletico Bilbao hat den Keller voller Sprengstoff. Der
Mann, von dem die spanische Polizei annimmt, er habe vor vier Jahren
mit einer Kugel in den Nacken eines Lokalpolitikers Großdemonstrationen
gegen die ETA ausgelöst, wird nach seinem Tod vom Gemeinderat
seines Heimatdorfes zum Ehrenbürger erklärt. An dem Tag,
an dem sein Sarg, mit Fahnen und Blumen bedeckt, im Rathaus aufgebahrt
wird, sind Läden und Fabriken geschlossen. Unsere Kinder, unsere
Kämpfer/innen. Die 18.000 Einwohner/innen der baskischen Kleinstadt
Hernani etwa, haben 22 Söhne und Töchter im Kampf verloren.
34 Angehörige und Nachbarn sitzen in den fernen Gefängnissen
des Feindes. Die Autobombe, die am 9. März 2001 auf dem Dorfplatz
einen Polizisten tötete, erscheint aus dieser Sicht folgerichtig.
Man erinnere sich: Im Sommer 1997 gingen in Spanien und im Baskenland
Millionen Menschen auf die Strasse, um den Tod des entführten
Kommunalrates Miguel Angel Blanco zu verhindern. Die Überzeugung,
mit seiner Erschießung habe sich die ETA endgültig ins
Aus manövriert, war allgemein. Mit Erstaunen nahm deshalb die
internationale Öffentlichkeit nur ein Jahr danach die Diskrepanz
zwischen Innen- und Außensicht baskischer Politik zur Kenntnis:
23 der bedeutendsten Parteien, Gewerkschaften und sozialen Organisationen
des Baskenlandes - eine breite Mehrheit - unterzeichneten auf Vorschlag
von Herri Batasuna, deren Verbot als legaler Arm in Spanien offen
diskutiert wurde, den Pakt von Lizarra.
Feinde des
baskischen Volkes
In dem Dorf Lizarra
war schon 1931 jene baskische Selbstständigkeit besiegelt worden,
die bald unter den Stiefeln der Faschisten ihr jähes Ende finden
sollte. Das am 12. September 1998 geschlossene Abkommen von Lizarra
sollte sich ebenfalls als historischer Einschnitt erweisen. Hatte
sich seit dem Ende der Diktatur alle Politik wesentlich zwischen der
mehrheitlichen Front der Demokraten" und der Minderheit
der Gewalttäter" abgespielt, so teilte Lizarra die
baskische Welt nun in die Verfechter/innen von Eigenständigkeit
und Demokratie auf der einen, den Befürworter/innen von Zentralstaat
und Status quo auf der anderen Seite. Völlig zurecht sah ETA
jetzt ihr Programm einer Demokratischen Alternative" bestätigt:
die selbstständige Konstituierung einer baskischen Demokratie
außerhalb und gegen die existierende Staatenwelt, im Hier und
Jetzt. Der Kernsatz dieses Programms war auch die Botschaft von Lizarra:
Allein das baskische Volk hat das Recht, über seine Zukunft
zu bestimmen". Im Klartext: mit dem spanischen Staat ist über
die Modalitäten seiner Anerkennung des baskischen politischen
Rahmens zu verhandeln, nicht aber über die Zukunft des Baskenlandes.
In der Folge zerbrach das bis dahin relativ stabile baskisch-spanische
Parteienspektrum, deren Geschäftsgrundlage die spanische Verfassung,
das baskische Autonomiestatut und der Antiterrorpakt waren. Der Aussatz,
der unter dem Schlagwort Feinde der Demokratie" der militanten
ETA angehaftet hatte, traf nun die neue Mehrheit aller Bask/innen,
während sich die neue Minderheit aller Spanier/innen als Feinde
des baskischen Volkes" gekennzeichnet fand.
Die Stunde
der Freiheit
Mit 21.780 standrechtlichen
Erschießungen waren die Bask/innen 1936 im einigen, großen
und freien Spanien begrüßt worden. Was es bedeutete, Bask/in
zu sein, wurde den kommenden Generationen mittels eines schlichten
Ringes eingeimpft, der täglich dem ersten Schulkind, dem ein
baskisches Wort über die Lippen kam, angesteckt wurde - mit der
Maßgabe, sich von diesem Stigma durch Denunziation und Weitergabe
an ebenso schuldige Mitschüler befreien zu können. Wer beim
Ton der Schulglocke das Mal am Finger trug, war für einen Tag
auserwählt, sich im Namen aller Minderwertigen zu beugen, um
die Rute zu spüren. 40 Jahre währte dies. Noch in den 70er
Jahren traf alle 36 Stunden eine spanische Polizeikugel einen baskischen
Körper. Die künftige Unabhängigkeit galt deshalb als
gerechte Konsequenz aus den Fußballstadien, in denen Franco
die Anhänger/innen der Verräterprovinz" zusammentreiben
ließ. Habt keine Angst. Ich bin der Wind der Freiheit",
schrieb der letzte ETA-Kämpfer, den Franco 1975 aufknüpfen
ließ, in der Gewissheit der nahen Unabhängigkeit aus seiner
Todeszelle. Ein andalusischer Metallarbeiter übrigens. Seine
Hoffnung war vergebens. Es schlug nicht die Stunde der Freiheit, sondern
die der neuen Politiker/innen. Die Vertreter des alten Regimes fanden
in Leuten wie dem wendigen Anwalt Felipe Gonzales die Gesprächspartner,
einen geordnete Übergabe an die Demokratie auszuhandeln. Der
Preis: Monarchie, Kapitalismus und spanische Nation - die Säulen
der Diktatur - sollten unangetastet bleiben. Die Jahre des Kampfes,
all die Opfer - und jetzt keine Gerechtigkeit. Der Deal mit den Faschisten
war für die ETA - wie für die gesamte radikale Linke - die
große historische Niederlage. Sie aufzuheben wurde zum dringlichsten
Ziel. In Lizarra sah die ETA diesen Moment am Horizont aufziehen.
Der Weg des Kampfes, weitere 20 Jahre, hatte sich gelohnt.
Befriedung
oder Befreiung
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| Trauerfeier
in der baskischen Stadt Markina für die durch die Fehlzündung
einer eigenen Bombe getöteten ETA-Militanten Ruiz und Rementeria,
Oktober 2000 |
Der späte
Triumph der ETA war möglich geworden durch die politische Krise
der baskischen Rechten. Die Baskische Nationalpartei PNV hatte damals
die Heiligtümer des Regimes akzeptiert, um zukünftig in
der Art eines tributpflichtigen Provinzfürsten mit dem Madrider
Palast die Balance zwischen Autonomie und Zentralstaat auszuhandeln.
Als die spanische Volkspartei PP jedoch bei den letzten spanischen
Wahlen die absolute Mehrheit errang, sank deren ohnehin geringe Bereitschaft
zu Konzessionen an die baskische Regionalregierung auf den Nullpunkt.
Der Weg der Autonomie war nach zwanzig Jahren in der Sackgasse, mit
der Unterschrift in Lizarra räumte die PNV ihr Scheitern ein.
Die ETA hingegen erklärte, das baskische Volk habe jetzt erneut
die Möglichkeit, über seine Zukunft zu entscheiden. In der
künftigen Strategie des nationalen Aufbaus müssten die zivilen
Organisationen die Führung übernehmen. Die Mitglieder des
Paktes von Lizarra sollten alle Verbindungen mit spanischen und französischen
Institutionen abbrechen und gemeinsam die Grundsteine für eine
baskische Demokratie legen. Der unbefristete Waffenstillstand, der
von nun an gelte, unterliege diesen Bedingungen und werde in dem Masse
unumkehrbar, in dem der Prozess des Aufbaus fortschreite. Was dynamisch
begann mit der Schaffung eines Rates der baskischen Gemeinden, der
ersten gesamtbaskischen Institution der Moderne, geriet schon auf
dessen Gründungsversammlung ins Stocken, um bald ganz zum Erliegen
zu kommen. Die Breite des Bündnisses war seine Stärke und
erwies sich bald als seine Schwäche. Im August 1999 beschuldigte
ETA das baskische Bürgertum schließlich des Versuchs, den
Pakt von einem nationalen Aufbauprozess in Richtung eines Friedensprozesses
zu manipulieren, um sich der spanischen Regierung als Schirmherr einer
Befriedung anzudienen. Dies war die letzte zahlreicher Erklärungen,
mit denen ETA auf den Lizarra-Prozess einzuwirken gesucht hatte. Sie
enthielt schon alle Gründe, die die Organisation schließlich
im Dezember 1999 dazu bewogen, die Politik mit den Mitteln des bewaffneten
Kampfes fortzusetzen. Es gibt keinen vernünftigen Grund anzunehmen,
dass ETA die Waffen ruhen lassen wird, bevor der lange Weg zu einer
gesamtbaskischen Volksabstimmung wieder geöffnet ist.
Baskenland
gegen Spanien
Wenngleich der
Pakt von Lizarra heute nur noch aus einem Büro und einer Homepage
besteht, so hat sich die politische Konfrontationslinie bleibend verschoben.
Bei den Regionalwahlen im Mai 2001 stehen sich das baskische Projekt
und eine spanische Front gegenüber. PSOE und PP haben sich in
einem Antiterrorpakt und einem davon wenig unterschiedenen Wahlbündnis
zusammengetan. Ihr Projekt ist eine Regierungskoalition in der Art
eines Madrider Generalbevollmächtigten mit Mayor Oreja, dem bisherigen
spanischen Innenminister, an der Spitze. Ein Mann, der auf eine Weise
Baske ist, in der Turgut Özal Kurde war, und der über die
Regelung von Minderheitenproblemen denkt wie Ariel Scharon. Baskenland
gegen Spanien, und zwischen Mündungsfeuer und Aufschlag trudelt
die PNV mit ihrem Autonomiestatut umher. Baskisches wie spanisches
Projekt sind in Teilen der baskischen Bevölkerung jeweils hegemonial.
Sie spalten jedes Dorf. In unterschiedlicher Gewichtung sehen sich
die meisten als baskisch, viele aber als spanisch, manche wollen beides
zugleich sein und einige eher europäisch, eingewandert oder nichts
von alledem. Weil das so bleiben wird, stellt sich an jedes politische
Projekt die Frage nach den Verhältnissen zwischen Mehrheiten
und Minderheiten. Es soll hier die Erinnerung daran reichen, dass
auf Betreiben eines Staatsanwaltes, der unter Franco Gewerkschafter/innen
foltern ließ, die spanische Justiz 1997 die 25 Vorstandsmitglieder
der drittgrößten baskischen Partei ins Gefängnis warf
und ihnen die Bürgerrechte aberkannte, weil sie einen Friedensvorschlag
veröffentlicht hatten. Ja. Geschichte, Status quo und Mayor Oreja
geben zu genüge Auskunft über das spanische Modell. Aber
die baskische Zukunftsvision?
Demokratische
Alternative
Dass die ETA nicht
so unrealistisch ist, die knapp drei Millionen Bask/innen mit Waffengewalt
in Unabhängigkeit und Sozialismus zu führen, lässt
sich schon an der eigenartigen Terminologie ablesen, wenn sie Madrid
der Verlängerung des Konflikts" beschuldigt. Ihre
Demokratische Alternative nennt sie einen Vorschlag für dessen
friedliche Lösung". Davon unberührt bleibe ihr
strategisches Projekt" eine sozialistische, baskisch-sprachige
und unabhängige Republik", die allerdings im Rahmen einer
eigenständigen Demokratie zu erkämpfen sei. Aufschlussreich
ist ein Fernsehinterview vom März 1999. Hier kritisierte einer
ihrer Sprecher die Mitglieder wie die Gegner des Paktes von Lizarra,
weil sie das Abkommen als nationalistische Front" begriffen,
obwohl das Ziel eine demokratische Struktur sei, in der alle politischen
Vorschläge vorgebracht, diskutiert und entschieden werden können
- einschließlich derjenigen, die ein Verbleiben beim Zentralstaat
oder eine Föderation der Unabhängigkeit vorziehen. Es mag
zwar erstaunlich wirken, wenn ein vermummter Kämpfer mit Knarre
und Regenjacke politische Parteien zu mehr Demokratie mahnt, aber
die fragliche Organisation ist weder für Scherze noch taktische
Schnörkel bekannt. Der bewaffnete Kampf zielt allein auf eine
Demokratie. Eine Demokratie allerdings, deren Subjekt nur jene und,
das ist sehr wichtig, all jene sein sollen, die im Baskenland leben.
Der nationale Befreiungskampf begründet sich nicht aus der einzigartigen
Häufung des Blutfaktors Rhesus Negativ innerhalb der baskischen
Bevölkerung, sondern versteht sich als historische Korrektur
dessen, was vor 25 Jahren geschah, als die Mehrheit der im Baskenland
lebenden Bask/innen und Spanier/innen gegen die spanische Verfassung
stimmten und sie doch bekamen, mitsamt König und Kasernen. Dieses
spanische Modell verstand der 68er Ernest Lluch im Namen von Demokratie
und Frieden gegen das baskische Selbstbestimmungsrecht zu verteidigen.
Dass er, ein ehemaliger politischer Gefangener, zusammen mit einem
faschistischen Henker wie Manzanas zum Ehrenbürger wird, macht
aus baskischer Sicht den Kern spanischer Verhältnisse noch deutlicher
sichtbar. Der einzige Grund dieser Ehre wiegt schwerer als die Ehrlosigkeit
der schlimmsten Killer der Diktatur: der Faschist und der Antifaschist,
beide - auf ihre eigene Weise, mit verschiedenen Methoden und zu unterschiedlicher
Zeit - Feinde baskischer Selbstbestimmung.
Cultural Studies
Im Baskenland
fehlt es nicht an linken Stimmen, die dem bewaffneten Kampf kritisch
oder ablehnend gegenüberstehen. Man wird kaum aber welche finden,
die seinen Zweck, das Recht auf Selbstbestimmung, zurückweisen
- nein, das ist die Position der spanischen Rechten. In der entsprechenden
Berichterstattung einiger der linken Zeitungen Deutschlands finden
sich solche Auffassungen dagegen häufig. Der Grund liegt weder
in Spanien noch im Baskenland, sondern in einer spezifisch deutschen,
linken Sicht, die die Figur eines Nationalismus an sich zum Hauptfeind
der Linken erkoren hat. In der Folge werden seine Subjekte, Völker,
reihenweise zu halluzinierten Kollektiven und das Selbstbestimmungrecht,
auf das sich antikoloniale Bewegungen berufen, zum Instrument völkischer
Mobilmachung erklärt. Ursachen und Gestalten nationaler Konflikte
müssen sich zu Illustrationen eines Meta-Diskurses fügen,
der vom Balkan bis Biskaya einen ideellen Supernationalismus sich
geschaffen hat. Das Bild einer Welt marodierender Banden, die von
der Globalisierung an die Wand gedrückt sich gegenseitig in Angst
um die heimische Scholle abmetzeln. Dieser mit finsteren Eigenschaften
versehenen Repräsentation des Gesamt-Reaktionären stellen
die linken Citoyens ihre Vision einer Weltgesellschaft mobiler und
kosmopolitischer Individuen gegenüber - das Abbild ihrer selbst
oder zumindest ihres Ideals. Das erklärt, warum in dieser Welt,
in der eigentlich viele Welten Platz haben sollen, kein Platz für
Palästinenser/innen, Kurd/innen und Bask/innen ist. Deren Kämpfe
sind notwendig rückbezogen, speisen sie ihre Visionen von Freiheit
doch aus der Erfahrung des Leidens an nationaler Unterdrückung.
Die geht ihren hiesigen Kritiker/innen völlig ab, wie auch die
Bereitschaft eine Realität von Unterdrückung und Kampf zu
denken, anzuerkennen, die der eigenen fremd ist. So erscheint in der
Perspektive metropolitaner Weltläufigkeit, was den Verfolgten
freie Zukunft ist, nicht nur als old school, sondern wird zum ursächlichen
Problem verkehrt. Was wollen die eigentlich? Glauben sie, es ginge
ihnen besser, wenn sie auch noch einen Staat gründeten? Nein
- ohne ETA keine Bask/innen, ohne Bask/innen keine nationalen Probleme
- Zeit für gender studies und peoples global action. Man fragt
nicht danach, wer weshalb im Flüchtlingslager und wer im Panzer
sitzt, sondern scannt ab, ob kollektive Identitäten dekonstruiert
oder affirmiert werden. Für die Opfer nationaler Unterdrückung
bleibt hier der Rat, anstatt um ihr Recht zu kämpfen den Status
quo zu akzeptieren. Konkret: Viele wollten gar nicht mehr zurück
und könnten sich doch integrieren, wurde es kürzlich den
palästinensischen Flüchtlingen auf einer gutbesuchten linken
Veranstaltung in der Berliner Humboldt-Universität geraten. Der
Schlag ins Gesicht war nicht einmal böse gemeint.
Die Natternbrut
Fragte man stattdessen
die salvadorenische Befreiungsbewegung FMLN, wer ihnen Raketen und
Wahlplakate lieferte, würde sich der Widerspruch eines handfesten
Internationalismus zum Bild der baskischen Hinterwälder/innen
offenbaren. Und nicht nur das. Wirft man noch eine Blick in die Reihen
jener, die als Ethno-Guerilla -so eine der entsprechenden Wortschöpfungen
- verdächtig sind, mutet der Diskurspop noch absurder an. Jene,
die den schwarzgewandeten Sondereinheiten in den Gassen baskischer
Dörfer gegenüberstehen, entsprechen nicht dem Bild nationalistischer
Eiferer. Kapuzenpulli und Kufiyeh, Hip Hop und Punk erinnern mehr
an Hausbesetzer/innen im berliner Bezirk Friedrichshain. Sie sind
jung, radikal, links und - nationalistisch. Sie kiffen und sprechen
baskisch, schmeissen Steine und lernen Rundtänze. Wer jung und
rebellisch ist, geht zu den Festivals von Haika. Jener 4000-köpfigen
Jugendorganisation, die schon Anlass für die Herabsetzung der
Strafmündigkeit auf 14 Jahre bot und deren Führung am 6.
März 2001 während eines Polizeieinsatzes verhaftet wurde,
die den Namen Operation Natternbrut" trug. Die baskische
Jugend regte schon mehrfach zu Reportagen über Banden fanatischer
Halbstarker an, die ihre Lehrer/innen terrorisieren und Banken in
Brand setzen, um nach der Pubertät die Reihen der ETA zu füllen.
Sieht man einmal von der altväterlichen Klage über die Jugend
ab, die keine Moral mehr kennt: in der Sache haben die KorrespondentInnen
recht. Die ETA genießt eine breite Unterstützung und die
baskische Linke hat die kulturelle Hegemonie inne. Es passt nicht
in die Zeit und noch weniger ins Zeitgemäße. Eine linke,
nationale Befreiungsbewegung, mitten im Territorium von NATO und EU,
im 21. Jahrhundert.