.: Hallo :.

Thursday, den 20.11.2008 - 00:35



.: online :.

»Editorial
»Online NEWS
»Ergänzungen zu Artikeln


.: zeitung :.

.: index :.
» alle Druckausgaben
» Materialien: Ergänzungen zu Artikeln
» Autor/innen-Index
» Foto-Index
» Editorial-Index
» SoOderSo-Webwatcher
» ...

.: service :.

» Impressum
» Vertrieb
» An die Redaktion
» Artikel schreiben
» Infodienst abonnieren
» SUCHEN

 
Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 8 / Frühjahr 2001 - Seite 3/4
Das baskische Universum
Die Hydra, das Labyrinth und die Nattern
[ Inhalt Nr. 8.]

 

 

 

 

 

 

Die baskische Jugend beschmiert Wände... ...baut Mollis und steckt fremde Busse an... Das baskische Universum
Die Hydra, das Labyrinth und die Nattern

Die Hydra

Am 12. März 2001 war eine kleine Agenturmeldung in den Randspalten deutscher Tageszeitungen zu finden: ETA-Chef gefasst. Drei Wochen zuvor war an gleicher Stelle zu lesen, dass eine andere Nr.1 ins Netz gegangen war. Noch vor einigen Jahren konnte man sicher sein, dass solche Ereignisse Anlass zu einem Kommentar boten, der - mal mit, mal ohne Fragezeichen - das nahe Ende der ETA voraussagte. Heute neigen die Kommentarschreiber/innen eher dem Bild der Schlange mit tausend Köpfen zu. Sie beschließen ihre Texte mit düsteren Prophezeiungen, ein Ende der Gewalt sei noch lange nicht abzusehen. Blutlachen, Autowracks und Leichentücher. Unter der programmatischen Kopfzeile „Die Blutspur der ETA" stellte der Stern in neunzehn Fotos seinen Leser/innen den Konflikt im Baskenland vor. Neben den Attentaten gingen die Medien auch ausführlich auf die Revolutionssteuer ein, die ETA beim baskischen Außenverteidiger von Bayern München eintreiben wollte. Darüber hinaus ist zu erfahren, dass die Mehrheit der Bask/innen den Terror wie auch dessen Zweck, die Errichtung eines unabhängigen Baskenstaates, ablehnend gegenüberstehen. Dass 800 Menschen den Attentaten der Terrororganisation bislang zum Opfer gefallen sind und für die jüngste Anschlagsserie, die bereits 29 Menschenleben forderte, eine junge, im Straßenkampf radikalisierte Generation verantwortlich ist. Tausende Jugendliche, so wissen es die Korrespondent/innen, stehen bereit, ihr Leben für die baskische Sache zu opfern.

Biskaya, Balkan

Eine Geheimarmee, die unbeeindruckt von bisher 167 Verhaftungen im laufenden Jahr mit Bombenanschlägen aus dem Verborgenen für die Befreiung der Heimat kämpft und im Volk wie ein Fisch im Wasser schwimmt? So könnte es sein - an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Die Bask/innen aber, die während der Franco-Diktatur unterdrückt wurden, genießen seit 20 Jahren die Vorzüge eines Autonomiestatuts, von dem andere Minderheiten nur träumen können. In Westeuropa werden keine Dörfer von Panzern überrollt. Sie dürfen ihre Sprache sprechen, es gibt baskische Schulen und ein Parlament, sogar eine eigene Polizei. Man fragt sich, was wollen sie denn jetzt noch. Zur weiteren Erklärung wird häufig die Tatsache angeboten, dass das industrielle Baskenland über ein deutlich höheres Pro Kopf-Einkommen verfügt als das vertrocknete Andalusien. Und so könnte sich baskischer Eigensinn entschlüsseln als, man denke an die Lega Norte, Besitzstandswahrung im Angesicht der Begehrlichkeiten von Habenichtsen aus dem spanischen Mezzogiorno. Verteilungskämpfe also, für die mit der Ethnisierung des Sozialen ein bestechenden Begriff schon geprägt ist, bei dem unweigerlich die Erinnerung an Bosnien und Barbarei sich anschließt. Nationaler Dünkel und Kleinstaaterei im Herzens des Europäischen Hauses, 21. Jahrhundert.

Tod des linken Professors

„E.T.A., revolutionäre sozialistische Organisation für die nationale Befreiung, will mit diesem Schreiben dem baskischen Volk ihre Überlegungen mitteilen..." - mit solchen Worten beginnen auch im neuen Millennium die Communiqués. Dies wie die Gründe und Ziele, die in den folgenden Absätzen für den bewaffneten Kampf angegeben werden, bleiben den Leser/innen in Deutschland verborgen. Und aus der Galerie der Todesopfer im Stern erklären sich Befreiungskampf und revolutionärer Sozialismus nicht. Wenn, wie zuletzt geschehen, zwei baskische Arbeiter oder ein spanischer Busfahrer versehentlich von Autobomben getötet werden, ist darin nichts zu entdecken als das vergossene Blut. Entscheidender sind in diesem Zusammenhang die präzisen Anschläge, die Politiker/innen und Polizist/innen treffen. Auch sie rufen bei denjenigen Linken und Intellektuellen, die Sympathie für den gewaltsamen und international kaum populären kurdischen Kampf hatten, mehr Kopfschütteln als Verständnis hervor. Wozu diente etwa der Tod von Ernest Lluch? Der sozialdemokratische Intellektuelle, ein prominenter Befürworter von Friedensgesprächen, starb im Dezember letzten Jahres, weil er der ETA als Architekt der Annäherung zwischen spanischer Sozialdemokratie und baskischem Bürgertum galt - ein Projekt, von dem in Deutschland kaum jemand etwas weiß, geschweige denn seine Implikationen bewerten mag. Die Tatsache, dass der linke Professor als Antifaschist unter Franco in politischer Haft saß, wie es auch in Deutschland zu lesen war, ist da wesentlich eindrücklicher.

The Making of ETA

Neben den Nachrufen auf Ernest Lluch tobte in der sozialdemokratischen El Pais eine Debatte um die historische Rolle eines Mannes, der auf gleiche Weise gestorben war. Melitón Manzanas erhielt von der ETA 1968 eine Kugel in den Kopf und von der spanischen Regierung posthum das Grosse Königliche Kreuz am Band. Letzteres im 21. Jahrhundert. Noch in Kampfzeiten pflegte Manzanas Tonbänder aufzuzeichnen, wenn er Rote wie Lluch verhörte. Um danach, während sein gequältes Opfer auf dem Zellenboden lag, bei einem Hausbesuch Frau und Kindern die Aufnahmen vorzuspielen. Vielleicht hatte er das bei seinem früheren Arbeitgeber, der Gestapo gelernt. Lluch gehörte der PSOE an, deren Mitglieder von Brigadekommissar Manzanas als subversive Elemente gejagt wurden. Und diese Partei stimmte 30 Jahre später für ein Gesetz, das diesem Kettenhund besondere Ehre zuspricht wie auch dem Mann, den alle nur den „Menschenfresser" nannten: Luis Carrero Blanco, einst Nachfolger Francos, heute auch: Opfer des Terrorismus. In der ETA-Bombe, die den Dienstwagen von Francos Geschäftsführer 1973 über ein vierstöckiges Haus schleuderte, sah die PSOE in den dunklen Tagen des Faschismus eine Genugtuung für das Volk. Heute halten es die Sprecher/innen der gleichen Partei für angebracht, in den Nachrufen auf einen der Ihren die Wesensverwandtschaft zwischen ETA, die Andersdenkende zu Feind/innen des baskischen Volkes erkläre, und der NSDAP zu konstatieren, die ja auch „Volksschädlinge" kannte. „Baskenland oder Tod, es lebe die ETA !"- das unbeugsame Bekenntnis der Militanten, die 1970 der Ermordung des Faschisten Manzanas angeklagt wurden, zeugte der internationalen Linken von Kraft und Berechtigung des Freiheitskampfes eines unterdrückten Volkes. Und die Todesstrafen, die Franco gegen sie verhängen ließ, riefen Papst, Bundesregierung und US-Präsident auf den Plan. Aus dem militanten Antifaschismus speiste sich die Legitimität, die der ETA wie der baskischen Sache überhaupt verliehen wurde. Das galt auch in der spanischen Linken, wo lange die Sicht vorherrschte, ETA sei eine mutige Widerstandsorganisation gewesen, die sich ab 1978 in eine Terrorgruppe wandelte. Heute ist auch die historische Berechtigung geschwunden: ETA ist in Spanien, und mit wenigen Ausnahmen auch in Europa, nie etwas anderes gewesen als ein Phänomen in der Kategorie Haider.

Das baskische Universum

Ein Blick ins baskische Universum des 21. Jahrhunderts verrät, dass hier die Uhren nicht so schnell gehen. Ein Veteran des bewaffneten Kampfes sitzt im Menschenrechtsausschuss des Parlaments. Der Vorsitzende des Fanclubs von Athletico Bilbao hat den Keller voller Sprengstoff. Der Mann, von dem die spanische Polizei annimmt, er habe vor vier Jahren mit einer Kugel in den Nacken eines Lokalpolitikers Großdemonstrationen gegen die ETA ausgelöst, wird nach seinem Tod vom Gemeinderat seines Heimatdorfes zum Ehrenbürger erklärt. An dem Tag, an dem sein Sarg, mit Fahnen und Blumen bedeckt, im Rathaus aufgebahrt wird, sind Läden und Fabriken geschlossen. Unsere Kinder, unsere Kämpfer/innen. Die 18.000 Einwohner/innen der baskischen Kleinstadt Hernani etwa, haben 22 Söhne und Töchter im Kampf verloren. 34 Angehörige und Nachbarn sitzen in den fernen Gefängnissen des Feindes. Die Autobombe, die am 9. März 2001 auf dem Dorfplatz einen Polizisten tötete, erscheint aus dieser Sicht folgerichtig. Man erinnere sich: Im Sommer 1997 gingen in Spanien und im Baskenland Millionen Menschen auf die Strasse, um den Tod des entführten Kommunalrates Miguel Angel Blanco zu verhindern. Die Überzeugung, mit seiner Erschießung habe sich die ETA endgültig ins Aus manövriert, war allgemein. Mit Erstaunen nahm deshalb die internationale Öffentlichkeit nur ein Jahr danach die Diskrepanz zwischen Innen- und Außensicht baskischer Politik zur Kenntnis: 23 der bedeutendsten Parteien, Gewerkschaften und sozialen Organisationen des Baskenlandes - eine breite Mehrheit - unterzeichneten auf Vorschlag von Herri Batasuna, deren Verbot als legaler Arm in Spanien offen diskutiert wurde, den Pakt von Lizarra.

Feinde des baskischen Volkes

In dem Dorf Lizarra war schon 1931 jene baskische Selbstständigkeit besiegelt worden, die bald unter den Stiefeln der Faschisten ihr jähes Ende finden sollte. Das am 12. September 1998 geschlossene Abkommen von Lizarra sollte sich ebenfalls als historischer Einschnitt erweisen. Hatte sich seit dem Ende der Diktatur alle Politik wesentlich zwischen der mehrheitlichen „Front der Demokraten" und der Minderheit der „Gewalttäter" abgespielt, so teilte Lizarra die baskische Welt nun in die Verfechter/innen von Eigenständigkeit und Demokratie auf der einen, den Befürworter/innen von Zentralstaat und Status quo auf der anderen Seite. Völlig zurecht sah ETA jetzt ihr Programm einer „Demokratischen Alternative" bestätigt: die selbstständige Konstituierung einer baskischen Demokratie außerhalb und gegen die existierende Staatenwelt, im Hier und Jetzt. Der Kernsatz dieses Programms war auch die Botschaft von Lizarra: „Allein das baskische Volk hat das Recht, über seine Zukunft zu bestimmen". Im Klartext: mit dem spanischen Staat ist über die Modalitäten seiner Anerkennung des baskischen politischen Rahmens zu verhandeln, nicht aber über die Zukunft des Baskenlandes. In der Folge zerbrach das bis dahin relativ stabile baskisch-spanische Parteienspektrum, deren Geschäftsgrundlage die spanische Verfassung, das baskische Autonomiestatut und der Antiterrorpakt waren. Der Aussatz, der unter dem Schlagwort „Feinde der Demokratie" der militanten ETA angehaftet hatte, traf nun die neue Mehrheit aller Bask/innen, während sich die neue Minderheit aller Spanier/innen als „Feinde des baskischen Volkes" gekennzeichnet fand.

Die Stunde der Freiheit

Mit 21.780 standrechtlichen Erschießungen waren die Bask/innen 1936 im einigen, großen und freien Spanien begrüßt worden. Was es bedeutete, Bask/in zu sein, wurde den kommenden Generationen mittels eines schlichten Ringes eingeimpft, der täglich dem ersten Schulkind, dem ein baskisches Wort über die Lippen kam, angesteckt wurde - mit der Maßgabe, sich von diesem Stigma durch Denunziation und Weitergabe an ebenso schuldige Mitschüler befreien zu können. Wer beim Ton der Schulglocke das Mal am Finger trug, war für einen Tag auserwählt, sich im Namen aller Minderwertigen zu beugen, um die Rute zu spüren. 40 Jahre währte dies. Noch in den 70er Jahren traf alle 36 Stunden eine spanische Polizeikugel einen baskischen Körper. Die künftige Unabhängigkeit galt deshalb als gerechte Konsequenz aus den Fußballstadien, in denen Franco die Anhänger/innen der „Verräterprovinz" zusammentreiben ließ. „Habt keine Angst. Ich bin der Wind der Freiheit", schrieb der letzte ETA-Kämpfer, den Franco 1975 aufknüpfen ließ, in der Gewissheit der nahen Unabhängigkeit aus seiner Todeszelle. Ein andalusischer Metallarbeiter übrigens. Seine Hoffnung war vergebens. Es schlug nicht die Stunde der Freiheit, sondern die der neuen Politiker/innen. Die Vertreter des alten Regimes fanden in Leuten wie dem wendigen Anwalt Felipe Gonzales die Gesprächspartner, einen geordnete Übergabe an die Demokratie auszuhandeln. Der Preis: Monarchie, Kapitalismus und spanische Nation - die Säulen der Diktatur - sollten unangetastet bleiben. Die Jahre des Kampfes, all die Opfer - und jetzt keine Gerechtigkeit. Der Deal mit den Faschisten war für die ETA - wie für die gesamte radikale Linke - die große historische Niederlage. Sie aufzuheben wurde zum dringlichsten Ziel. In Lizarra sah die ETA diesen Moment am Horizont aufziehen. Der Weg des Kampfes, weitere 20 Jahre, hatte sich gelohnt.

Befriedung oder Befreiung

Trauerfeier in der baskischen Stadt Markina für die durch die Fehlzündung einer eigenen Bombe getöteten ETA-Militanten Ruiz und Rementeria, Oktober 2000

Der späte Triumph der ETA war möglich geworden durch die politische Krise der baskischen Rechten. Die Baskische Nationalpartei PNV hatte damals die Heiligtümer des Regimes akzeptiert, um zukünftig in der Art eines tributpflichtigen Provinzfürsten mit dem Madrider Palast die Balance zwischen Autonomie und Zentralstaat auszuhandeln. Als die spanische Volkspartei PP jedoch bei den letzten spanischen Wahlen die absolute Mehrheit errang, sank deren ohnehin geringe Bereitschaft zu Konzessionen an die baskische Regionalregierung auf den Nullpunkt. Der Weg der Autonomie war nach zwanzig Jahren in der Sackgasse, mit der Unterschrift in Lizarra räumte die PNV ihr Scheitern ein. Die ETA hingegen erklärte, das baskische Volk habe jetzt erneut die Möglichkeit, über seine Zukunft zu entscheiden. In der künftigen Strategie des nationalen Aufbaus müssten die zivilen Organisationen die Führung übernehmen. Die Mitglieder des Paktes von Lizarra sollten alle Verbindungen mit spanischen und französischen Institutionen abbrechen und gemeinsam die Grundsteine für eine baskische Demokratie legen. Der unbefristete Waffenstillstand, der von nun an gelte, unterliege diesen Bedingungen und werde in dem Masse unumkehrbar, in dem der Prozess des Aufbaus fortschreite. Was dynamisch begann mit der Schaffung eines Rates der baskischen Gemeinden, der ersten gesamtbaskischen Institution der Moderne, geriet schon auf dessen Gründungsversammlung ins Stocken, um bald ganz zum Erliegen zu kommen. Die Breite des Bündnisses war seine Stärke und erwies sich bald als seine Schwäche. Im August 1999 beschuldigte ETA das baskische Bürgertum schließlich des Versuchs, den Pakt von einem nationalen Aufbauprozess in Richtung eines Friedensprozesses zu manipulieren, um sich der spanischen Regierung als Schirmherr einer Befriedung anzudienen. Dies war die letzte zahlreicher Erklärungen, mit denen ETA auf den Lizarra-Prozess einzuwirken gesucht hatte. Sie enthielt schon alle Gründe, die die Organisation schließlich im Dezember 1999 dazu bewogen, die Politik mit den Mitteln des bewaffneten Kampfes fortzusetzen. Es gibt keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass ETA die Waffen ruhen lassen wird, bevor der lange Weg zu einer gesamtbaskischen Volksabstimmung wieder geöffnet ist.

Baskenland gegen Spanien

Wenngleich der Pakt von Lizarra heute nur noch aus einem Büro und einer Homepage besteht, so hat sich die politische Konfrontationslinie bleibend verschoben. Bei den Regionalwahlen im Mai 2001 stehen sich das baskische Projekt und eine spanische Front gegenüber. PSOE und PP haben sich in einem Antiterrorpakt und einem davon wenig unterschiedenen Wahlbündnis zusammengetan. Ihr Projekt ist eine Regierungskoalition in der Art eines Madrider Generalbevollmächtigten mit Mayor Oreja, dem bisherigen spanischen Innenminister, an der Spitze. Ein Mann, der auf eine Weise Baske ist, in der Turgut Özal Kurde war, und der über die Regelung von Minderheitenproblemen denkt wie Ariel Scharon. Baskenland gegen Spanien, und zwischen Mündungsfeuer und Aufschlag trudelt die PNV mit ihrem Autonomiestatut umher. Baskisches wie spanisches Projekt sind in Teilen der baskischen Bevölkerung jeweils hegemonial. Sie spalten jedes Dorf. In unterschiedlicher Gewichtung sehen sich die meisten als baskisch, viele aber als spanisch, manche wollen beides zugleich sein und einige eher europäisch, eingewandert oder nichts von alledem. Weil das so bleiben wird, stellt sich an jedes politische Projekt die Frage nach den Verhältnissen zwischen Mehrheiten und Minderheiten. Es soll hier die Erinnerung daran reichen, dass auf Betreiben eines Staatsanwaltes, der unter Franco Gewerkschafter/innen foltern ließ, die spanische Justiz 1997 die 25 Vorstandsmitglieder der drittgrößten baskischen Partei ins Gefängnis warf und ihnen die Bürgerrechte aberkannte, weil sie einen Friedensvorschlag veröffentlicht hatten. Ja. Geschichte, Status quo und Mayor Oreja geben zu genüge Auskunft über das spanische Modell. Aber die baskische Zukunftsvision?

Demokratische Alternative

Dass die ETA nicht so unrealistisch ist, die knapp drei Millionen Bask/innen mit Waffengewalt in Unabhängigkeit und Sozialismus zu führen, lässt sich schon an der eigenartigen Terminologie ablesen, wenn sie Madrid der „Verlängerung des Konflikts" beschuldigt. Ihre Demokratische Alternative nennt sie einen Vorschlag für dessen „friedliche Lösung". Davon unberührt bleibe ihr „strategisches Projekt" eine „sozialistische, baskisch-sprachige und unabhängige Republik", die allerdings im Rahmen einer eigenständigen Demokratie zu erkämpfen sei. Aufschlussreich ist ein Fernsehinterview vom März 1999. Hier kritisierte einer ihrer Sprecher die Mitglieder wie die Gegner des Paktes von Lizarra, weil sie das Abkommen als „nationalistische Front" begriffen, obwohl das Ziel eine demokratische Struktur sei, in der alle politischen Vorschläge vorgebracht, diskutiert und entschieden werden können - einschließlich derjenigen, die ein Verbleiben beim Zentralstaat oder eine Föderation der Unabhängigkeit vorziehen. Es mag zwar erstaunlich wirken, wenn ein vermummter Kämpfer mit Knarre und Regenjacke politische Parteien zu mehr Demokratie mahnt, aber die fragliche Organisation ist weder für Scherze noch taktische Schnörkel bekannt. Der bewaffnete Kampf zielt allein auf eine Demokratie. Eine Demokratie allerdings, deren Subjekt nur jene und, das ist sehr wichtig, all jene sein sollen, die im Baskenland leben. Der nationale Befreiungskampf begründet sich nicht aus der einzigartigen Häufung des Blutfaktors Rhesus Negativ innerhalb der baskischen Bevölkerung, sondern versteht sich als historische Korrektur dessen, was vor 25 Jahren geschah, als die Mehrheit der im Baskenland lebenden Bask/innen und Spanier/innen gegen die spanische Verfassung stimmten und sie doch bekamen, mitsamt König und Kasernen. Dieses spanische Modell verstand der 68er Ernest Lluch im Namen von Demokratie und Frieden gegen das baskische Selbstbestimmungsrecht zu verteidigen. Dass er, ein ehemaliger politischer Gefangener, zusammen mit einem faschistischen Henker wie Manzanas zum Ehrenbürger wird, macht aus baskischer Sicht den Kern spanischer Verhältnisse noch deutlicher sichtbar. Der einzige Grund dieser Ehre wiegt schwerer als die Ehrlosigkeit der schlimmsten Killer der Diktatur: der Faschist und der Antifaschist, beide - auf ihre eigene Weise, mit verschiedenen Methoden und zu unterschiedlicher Zeit - Feinde baskischer Selbstbestimmung.

Cultural Studies

Im Baskenland fehlt es nicht an linken Stimmen, die dem bewaffneten Kampf kritisch oder ablehnend gegenüberstehen. Man wird kaum aber welche finden, die seinen Zweck, das Recht auf Selbstbestimmung, zurückweisen - nein, das ist die Position der spanischen Rechten. In der entsprechenden Berichterstattung einiger der linken Zeitungen Deutschlands finden sich solche Auffassungen dagegen häufig. Der Grund liegt weder in Spanien noch im Baskenland, sondern in einer spezifisch deutschen, linken Sicht, die die Figur eines Nationalismus an sich zum Hauptfeind der Linken erkoren hat. In der Folge werden seine Subjekte, Völker, reihenweise zu halluzinierten Kollektiven und das Selbstbestimmungrecht, auf das sich antikoloniale Bewegungen berufen, zum Instrument völkischer Mobilmachung erklärt. Ursachen und Gestalten nationaler Konflikte müssen sich zu Illustrationen eines Meta-Diskurses fügen, der vom Balkan bis Biskaya einen ideellen Supernationalismus sich geschaffen hat. Das Bild einer Welt marodierender Banden, die von der Globalisierung an die Wand gedrückt sich gegenseitig in Angst um die heimische Scholle abmetzeln. Dieser mit finsteren Eigenschaften versehenen Repräsentation des Gesamt-Reaktionären stellen die linken Citoyens ihre Vision einer Weltgesellschaft mobiler und kosmopolitischer Individuen gegenüber - das Abbild ihrer selbst oder zumindest ihres Ideals. Das erklärt, warum in dieser Welt, in der eigentlich viele Welten Platz haben sollen, kein Platz für Palästinenser/innen, Kurd/innen und Bask/innen ist. Deren Kämpfe sind notwendig rückbezogen, speisen sie ihre Visionen von Freiheit doch aus der Erfahrung des Leidens an nationaler Unterdrückung. Die geht ihren hiesigen Kritiker/innen völlig ab, wie auch die Bereitschaft eine Realität von Unterdrückung und Kampf zu denken, anzuerkennen, die der eigenen fremd ist. So erscheint in der Perspektive metropolitaner Weltläufigkeit, was den Verfolgten freie Zukunft ist, nicht nur als old school, sondern wird zum ursächlichen Problem verkehrt. Was wollen die eigentlich? Glauben sie, es ginge ihnen besser, wenn sie auch noch einen Staat gründeten? Nein - ohne ETA keine Bask/innen, ohne Bask/innen keine nationalen Probleme - Zeit für gender studies und peoples global action. Man fragt nicht danach, wer weshalb im Flüchtlingslager und wer im Panzer sitzt, sondern scannt ab, ob kollektive Identitäten dekonstruiert oder affirmiert werden. Für die Opfer nationaler Unterdrückung bleibt hier der Rat, anstatt um ihr Recht zu kämpfen den Status quo zu akzeptieren. Konkret: Viele wollten gar nicht mehr zurück und könnten sich doch integrieren, wurde es kürzlich den palästinensischen Flüchtlingen auf einer gutbesuchten linken Veranstaltung in der Berliner Humboldt-Universität geraten. Der Schlag ins Gesicht war nicht einmal böse gemeint.

Die Natternbrut

Fragte man stattdessen die salvadorenische Befreiungsbewegung FMLN, wer ihnen Raketen und Wahlplakate lieferte, würde sich der Widerspruch eines handfesten Internationalismus zum Bild der baskischen Hinterwälder/innen offenbaren. Und nicht nur das. Wirft man noch eine Blick in die Reihen jener, die als Ethno-Guerilla -so eine der entsprechenden Wortschöpfungen - verdächtig sind, mutet der Diskurspop noch absurder an. Jene, die den schwarzgewandeten Sondereinheiten in den Gassen baskischer Dörfer gegenüberstehen, entsprechen nicht dem Bild nationalistischer Eiferer. Kapuzenpulli und Kufiyeh, Hip Hop und Punk erinnern mehr an Hausbesetzer/innen im berliner Bezirk Friedrichshain. Sie sind jung, radikal, links und - nationalistisch. Sie kiffen und sprechen baskisch, schmeissen Steine und lernen Rundtänze. Wer jung und rebellisch ist, geht zu den Festivals von Haika. Jener 4000-köpfigen Jugendorganisation, die schon Anlass für die Herabsetzung der Strafmündigkeit auf 14 Jahre bot und deren Führung am 6. März 2001 während eines Polizeieinsatzes verhaftet wurde, die den Namen „Operation Natternbrut" trug. Die baskische Jugend regte schon mehrfach zu Reportagen über Banden fanatischer Halbstarker an, die ihre Lehrer/innen terrorisieren und Banken in Brand setzen, um nach der Pubertät die Reihen der ETA zu füllen. Sieht man einmal von der altväterlichen Klage über die Jugend ab, die keine Moral mehr kennt: in der Sache haben die KorrespondentInnen recht. Die ETA genießt eine breite Unterstützung und die baskische Linke hat die kulturelle Hegemonie inne. Es passt nicht in die Zeit und noch weniger ins Zeitgemäße. Eine linke, nationale Befreiungsbewegung, mitten im Territorium von NATO und EU, im 21. Jahrhundert.


[ document info ]
CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
[HOCH]Artikel empfehlendrucken
Interessiert an mehr Infos von u. über Libertad! - Abonniere den elektronischen So oder So-Infodienst

CopyLeft © SoOderSo & Libertad!