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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 8 / Frühjahr
2001 - Seite 1
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Editorial:
Kaltblütig
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Editorial:
Kaltblütig
Das Menschenrechtsverbrechen
und blutige Massaker nur selektiv bei westlichen Demokraten Empörung
hervorrufen, gehört zum Wesen des Rechts-Staates. So tagte vor 15 Jahren
die Sozialistische Internationale in der peruanischen Hauptstadt Lima. Am
19. Juni 1986, ein Tag vor dem Tagungsende, ließ der damalige Ministerpräsident
Garcia, ebenfalls ein Sozialdemokrat, kaltblütig drei seiner Hochsicherheitsgefängnisse
durch das Militär erstürmen. Eine „Meuterei" sollte niedergeschlagen
werden. Dreihundert Gefangene fielen dem blutigen Gemetzel zum Opfer. Der
damalige SI-Vorsitzende Brandt fand während seiner Schlussrede kein Wort
der Empörung. Er bekräftigte, dass die „Wiederherstellung von Sicherheit
und Ordnung", auch in den Gefängnissen, ein Prinzip des Rechtsfriedens
sei. Diejenigen, die dagegen verstoßen hatten, waren politische Gefangene.
Sie hatten sich aufgelehnt, weil ihnen ihre letzte Menschlichkeit, die Möglichkeit
des sozialen Miteinanders im Gefängnis, durch die Einführung moderner
Hochsicherheitstrakte genommen werden sollte.
"Wir sind sehr entschieden, wir werden nicht in die Einzelzellen gehen",
schrieb Nilüfer Alcan aus dem türkischen Gefängnis Bayrampasa
an die So oder So. Ihr Brief vom September letzten Jahres endete mit den Worten:
"Heute ist es wieder Zeit in Aktion zu treten und es wird ein langer,
schwerer Kampf werden." Kurz darauf, am 20. Oktober, begann in der Türkei
ein sich bis heute hinziehender Hungerstreik politischer Gefangener. Nilüfer
Alcan wurde nicht in die Isolation verschleppt. Am Morgen des 19. Dezembers
stürmte eine entfesselte Soldateska, u.a. mit Granaten und Flammen werfern,
ihre Sammelzelle. Nilüfer Alcan wurden bei lebendigem Leibe verbrannt.
Allein im Gefängnis Bayrampasa wurden mit ihr zusammen 12 weitere Gefangene
bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet. 30 Gefangene starben bei der landesweiten
Militäroperation. "Wir haben lediglich die Terroristennester ausgehoben",
konstatierte der türkische Ministerpräsident Ecevit, ein Sozialdemokrat,
kaltblütig nach dem Gemetzel. Wie damals in Lima fanden deutsche Sozialdemokraten
kein Wort der Empörung. Auch die deutschen Medien zeigten sich nicht
sonderlich interessiert. Berichtet wurde bis auf wenige Ausnahmen, was Ecevit
sagte.
All das verwundert nicht wirklich, weiß doch die radikale Linke aus
eigener Geschichte, und die Jahrzehnte andauernde Haft von noch immer sechs
RAF-Gefangenen im eigenen Land ist Beleg genug dafür, dass es für
politische Gefangene keine Gnade gibt. Mit Ignoranz reagierten aber auch weite
Teile der deutschen Linken. Fast überall und mit wenigen Ausnahmen blieb
die türkische und kurdische community in ihrer Solidarität mit dem
Hungerstreik auf sich selbst zurückgeworfen. Der Verlust von Moral, auch
einer linken, beweist sich aber immer auch dann, wenn der Überlebenskampf
anderer die eigene Wahrnehmung nicht mehr berührt. Und Korrumpierbarkeit
beginnt unwiderruflich dort, wo nur selektive Empörung die eigene Politik
bestimmt. Mögen die Argumentationsmus ter hier linke sein, in seinem
Ergebnis ist das Nicht-Verhalten auch nur kaltblütig zu nennen.
Die Redaktion
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