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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 7 / Herbst 2000 - Seite 20
Blind hinter Gittern
[ Inhalt Nr. 7.]
Türkei/Deutschland: Blind hinter Gittern

Ankara,
Ulucanlar-Gefängnis

Esber Yagmudereli ist seit seinem elften Lebensjahr blind. Der 55jährige Rechtsanwalt und Menschenrechtler war bereits 1978 in einem auch für türkische Verhältnisse skandalösen Prozess als Gründungsmitglied der Organisation THKP-C (Acilciler) für mehrere Banküberfälle mit Todesfolge zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Wie er blind mit einer Pistole gezielt Menschen hatte erschießen können, blieb das Geheimnis der damaligen Richter; die Mitgliedschaft in der „eiligen“ Abspaltung von der alten THKP-C Mahir Cayans („Acilciler“ = „die Eiligen“) hat Esber Yagmudereli nie bestritten. Von 1978 an war er in 14 Gefängnissen inhaftiert, davon sieben Jahre in Einzelhaft. Er begann Theaterstücke und Gedichte zu schreiben. Erst 1991 wurde die Haft ausgesetzt, solange er keine "politischen Straftaten" mehr begeht. Daran gehalten hat sich Esber Yagmudereli nicht. Wiederholt verfasste er Aufrufe gegen den türkischen Krieg in Kurdistan, setzte sich für Menschenrechte und bessere Haftbedingungen in den Gefängnissen ein. So gehörte er auf ausdrücklichen Wunsch der hungerstreikenden Gefangenen 1996 zur prominenten Gruppe der Vermittler, die der Regierung nach 11 im Todesfasten gestorbenen Gefangenen einige Zugeständnisse abringen konnten. Kurz darauf wurde er aufgrund einer sechs Jahre alten Zeitungskolumne, in der er Ankaras blutigen Chauvinismus gegenüber der kurdischen Bevölkerung kritisiert hatte, wegen „Separatismus“ und „Aufstachelung zum Rassenhass“ zu zehn Monaten Haft verurteilt. Der Richter verfügte zudem, dass aufgrund der erneuten Verurteilung die Aussetzung der alten Strafe hinfällig sei. Esber Yagmudereli, der dem Urteilsspruch fern blieb und auch die mögliche Flucht ins Exil ablehnte, wurde daraufhin vor laufenden Kameras aus einer Diskussionssendung im Fernsehen verhaftet und muss nun weitere 17 Jahre Haft absitzen.
Für E. Yagmudereli läuft aktuell in der Türkei eine Freilassungskampagne verschiedenster Menschenrechtsorganisationen, der sich auch amnesty international und der internationale Schriftstellerverband PEN angeschlossen haben.

Hamburg,
U-Haftanstalt Holstenglacis

Nuri Eryüksel war schon vor seiner Gefangenschaft auf einem Auge erblindet. Bereits 1980 wurde der heute 46jährige im großen Massenprozess der türkischen Militärjunta gegen die Organisation Devrimci Sol (Revolutionäre Linke) zu 15 Jahren Haft verurteilt. Während der Gefangenschaft wurde sein gesundes Auge durch einen Faustschlag eines Soldaten derart verletzt, dass er seine Sehfähigkeit fast vollständig einbüsste.
Nuri Eryüksel wurden ebenfalls 1991 entlassen. Weil seine Verfolgung aber auch danach kein Ende nahm und jede erneute kurzfristige Verhaftung wiederholte Folter nach sich zog, flüchtete er 1993 und beantragte in Deutschland Asyl.
Die Tortur aber sollte kein Ende haben. Im Mai 1999 erließ die deutsche Justiz Haftbefehl gegen ihn. Ein zuvor gewonnener Kronzeuge bezichtigte Nuri Eryüksel, leitender Verantwortlicher der 1998 für verboten erklärten Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) zu sein.
Nach dem von der Bundesanwaltschaft bei Interpol erwirktem internationalen Haftbefehl wurde Nuri Eryüksel im Herbst 1999 in der Schweiz festgenommen und kurze Zeit später ausgeliefert. Seitdem sitzt er in verschärfter Einzelhaft: 23 Stunden allein in der Zelle und eine Stunde Einzelhofgang. Seit Anfang Oktober wird ihm nun vor dem Staatsschutzsenat des OLG Hamburg der Prozess gemacht. Anklagepunkt ist neben der „Leitungstätigkeit“ in einer verbotenen Organisation die Aussage eines Kronzeugen, dass Eryüksel angebliche „Bestrafungsaktionen“ gegen politische Dissidenten der Organisation verfügt haben soll. Aus dem Munde des Angeklagten hörte der Kronzeuge dies nicht, sondern eine dritte Person habe im anvertraut, dass Eryüksel derartiges verlangt haben soll.
Nuri Eryüksel spricht kein Deutsch und ist aufgrund seiner Blindheit in der Einzelhaft doppelt isoliert. Wegen der Haft und fehlender ärztlicher Behandlung ist seine Sehfähigkeit auf sechs Prozent zurückgegangen. Er kann weder fernsehen noch lesen. Eine Person, die ihm Zeitungen und Briefe vorliest, wurde ihm bisher nicht bewilligt. Linke türkische Zeitschriften wie „Kurtulus“ und „Vatan“ werden nicht ausgehändigt; sogar die Tageszeitung „Hüriyet“ wird ihm verweigert.
Das in Hamburg ansässige IKM (Izolasyon Karsi Mücadele Komitesi – Komitee gegen die Isolationshaft) hat zu einer Beobachtung des Prozesses gegen Nuri Eryüksel aufgerufen und setzt sich für seine Freiheit ein.

Aussicht auf Freiheit?

Esber Yagmudereli lehnt bis heute individuelle Amnestieangebote der türkischen Justiz ab. Wenn die Unrechtsgesetze der Türkei weiterhin in Kraft bleiben, so erklärte der Rechtsanwalt unlängst aus seiner Zelle heraus, sei für ihn die persönliche Freiheit ebenfalls „wertlos“, da eine medienträchtige Entlassung seiner Person nur dazu dienen würde, die wahren Verhältnisse zu verschleiern. Yagmuderelis Haftstrafe endet formell 2017.

Nuri Eryüksel kann zur Zeit weder auf ein derartig fadenscheiniges justizielles Angebot, noch auf die Unterstützung des PEN hoffen. Er schrieb zwar auch Gedichte und arbeitete in der Vergangenheit in einem Istanbuler Kulturprojekt, doch sein „Standortnachteil“ heißt Deutschland; in der Türkei gefangen hätte er mit Sicherheit die eine oder andere internationale Unterstützung auch aus „demokratischen Kreisen“ bereits erhalten. Hier blieb sie bislang aus.
Richter Mentz von der Hamburger Staatsschutzkammer verurteilte mit Ilhan Yelkuvan und Mesut Demirel zuvor bereits zwei weitere Aktivisten der DHKP-C zu hohen Haftstrafen. Nuri Eryüksel droht nun auf der Basis von Kronzeugenaussagen eine langjährige Haftstrafe wegen „Mitglied- und Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung“ sowie „Anstiftung zum Mord“. Noch kann er hell und dunkel unterscheiden sowie grobe Schatten und Umrisse wahrnehmen. Eine intensive Behandlung könnte eventuell den fortschreitenden Verlust der Sehfähigkeit aufhalten. Sollte das Urteil in Hamburg tatsächlich im Sinne der Anklage ausfallen, wird Nuri Eryüksel das Gefängnis nicht vor 2010 verlassen können – nunmehr vollständig erblindet.

Prozesstermine von Nuri Eryüksel:
21.11., 22.11., 29.11., 30.11., 6.12., 7.12., 12.12., 13.12. (jeweils 9.30h), 18.12. (14.30h), 19.12. (9.30h).
3. Strafsenat des Hanseatischen OLG, Sievekingplatz 2, 22355 Hamburg
Adresse von Nuri Eryüksel:
Nuri Eryüksel
UHA Hamburg
Holstenglacis 3-5
20355 Hamburg

aktuelle Infos unter: IKM (Komitee gegen die Isolationshaft) - http://www.noisolation.de
Email: freedomfornuri@hotmail.com
Tel & Fax: 040 – 280 53 625


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
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