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Theodore
John Kaczynski
"Seines Bruders Hüter" oder Die Einsamkeit des Unabombers
Die
bewaffneten Männer sind 18 Tage und Nächte in den dichten
Wäldern Montanas unterwegs. Bei der Ortschaft Lincoln biegen sie
ab, noch dichter in das Unterholz und passieren gebückt einen Wald
in Richtung auf den Stemple-Pass, der in 3000 Meter Höhe die Rocky
Mountains durchschneidet. Mit ihren wetterfesten Kleidern sehen die
Männer aus wie Jäger, sie tragen auch Gewehre und Ferngläser
und machen endlich halt vor einem Tal und beobachten aus sicherer
Entfernung den Mann, auf den sie es abgesehen haben. Der Beobachtete
trägt zotteliges Haar und ein grauer Vollbart wuchert in seinem
abgewetterten Gesicht. Sein Hemd ist blutbeschmiert. Man erkennt, dass
er auf der Lichtung des Tals einem Reh das Fell abzieht, bevor er mit
dem essbaren Teil in seiner Blockhütte verschwindet. Die Gruppe
der Beobachter ist sich sicher: das ist der Unabomber, der
seit 17 Jahren vergeblich gesuchte Staatsfeind No. 1 der USA.
Der hat in dieser Zeit 16 Bombenanschläge verübt, drei Menschen
getötet und 23 verletzt. Der hat die angesehenste Zeitung der Vereinigten
Staaten, die New York Times, zum Abdruck einer acht Zeitungsseiten
langen Kriegserklärung gezwungen. Sein Manifest unter
dem Titel: Die Industriegesellschaft und ihre Zukunft. Der
Text ist eine Anklageschrift gegen die Konzerne, die Institute für
Gentechnologie und Biowissenschaften, die Computertechnologen: Sie hätten
die Menschen ausgebeutet, versklavt, in ihrer Natur und Mentalität
deformiert und seien dabei, die Erde dem Untergang auszuliefern.
Seit
25 Jahren im Wald
Theodore
J. Kaczynski lebt seit 25 Jahren im Wald. 50 Millionen Dollar hat die
längste und aufwendigste Fahndung gekostet, die es in der Geschichte
des FBI je gegeben hat. Seit Wochen schon haben Rangers und Agenten
des Federal Bureau of Investigation die Wälder observiert, haben
Mikrophone und Sensoren und Infrarotgeräte installiert. Sogar ein
Aufklärungssatellit der US-Armee ist auf das Tal fokussiert. Eine
Million Dollar ist als Prämie auf seinen Kopf ausgesetzt. An diesem
3. April 1996 zieht ein dünner Rauch aus dem Kamin des Blockhauses,
wo Kaczynski lebt, den kein Raster zu erfassen mochte, weil er nicht
einmal mehr mit einer Kreditkarte der Zivilisation verbunden war. Doch
manchmal kehrte er aus der Einsamkeit der großen Montana-Wälder
in die Gesellschaft zurück, um seine außerordentlich sophisticated
präparierten Brief- oder Paketbomben zu dislozieren, die Wissenschaftler
des Gentech-Business und der Biowissenschaft trafen, die, - damals noch
unbekannt - heute als die Cracks der Spitzenwissenschaften der 3. Technischen
Revolution in aller Munde sind. Er wollte sie durch seine Bomben nicht
nur töten, er wollte sie vor allem stigmatisieren. Die FBI-Truppe
schickt Butch Gehring an seine Hütte, einen Holzhändler aus
der Umgebung, der klopft an und als Kaczynski öffnet, fallen
die Nahkampfprofis schon über ihn her. Wortlos lässt er sich
abführen. Kein Kommentar. Die Staatsanwälte überführen
ihn in eine der technisch am besten überwachten Zellen: 24 Stunden
umgeben von Kameras und Mikrophonen. Alles geht automatisch vor sich.
Einzelhaft. Absolute Isolation. Genug Beweise scheinen vorzuliegen,
um den Mann demnächst auf den elektrischen Stuhl zu bringen, der
einst als mathematisches Wunderkind galt, der später als mathematisches
Genie gefeiert wurde, dem Kollegen an den renommiertesten Universitäten
des Landes prophezeiten, er würde eines Tages den Nobelpreis erhalten,
für den er dann tatsächlich auch vorgeschlagen wurde. Aber,
wie in Tony Richardsons Film Die Einsamkeit des Langstreckenläufers,
hatte sich Theodore J. Kaczynski kurz vor dem triumphalen Aufstieg auf
die anerkanntesten Höhen der akademischen Gesellschaft für
eine große Verweigerung entschieden und radikal nein
gesagt. In der Schule hatte man bei Theodore einen IQ von 170 gemessen,
den Wert eines absoluten Genies. Mit 16 Jahren beendet Ted die High
school und erhält sofort ein Stipendium der Harvard-University,
der berühmtesten akademischen Lehranstalt der USA. Mit seiner Doktorarbeit
über Grenzfunktionen der Mathematik gewinnt Kaczynski
den Preis für die beste mathematische Dissertation des Jahres 1967.
Mit gerade 25 Jahren wird er Professor an der Berkeley Universität.
Eines Tages jedoch schließt Kaczynski die Türe zur Gesellschaft
ab. Er kauft für 2.000 Dollar ein kleines Grundstück in Montana
und baut selber eine dürftige dreimal vier Meter kleine Holzhütte.
Er pflanzt Gemüse, schießt Wild und grillt die Beute unter
freiem Himmel. Im schneereichen Winter heizt er die Hütte mit Holz
und schreibt im Licht einer Kerosin-Lampe. Kein Strom, kein Telefon,
kein fließendes Wasser, keine Post, nicht einmal eine Kreditkarte.
Die sozialpsychologisch ausgetüftelten Fahndungsraster des FBI
finden so einen nicht.
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Die
Hütte des Unabombers in den Wäldern Montanas
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Er
liest viel, auch deutsche Bücher, französische ebenso, die
Werke des Rechtsphilosophen Jaques Elul. Er liest auch sehr viel Henry
David Thoreau, den Adalbert Stifter Amerikas, liest dessen naturlyrische
Berichte über die Concord und Merrymack-Rivers. Thoreau, der vor
mehr als 90 Jahren lebte und keine Steuern an den Staat zahlte und deshalb
ins Gefängnis geriet, wo sein Freund ihn aufsuchte, der Schriftsteller
Ralph Waldo Emerson, der ihn leicht vorwurfsvoll fragte: Was machst
Du denn hier, Henry? Und dem Thoreau antwortet: Das, Waldo,
ist die falsche Frage, richtig heißt sie: Warum bist Du nicht
hier? Thoreau hatte einen Preis gewonnen für die Herstellung
der besten Bleistifte der USA und alles gratulierte ihm und meinte,
jetzt sei er groß raus und geschäftlich auf dem Durchbruch,
worauf Thoreau erwiderte: Ich weiß jetzt nur eines, ich
werde niemals wieder einen Bleistift herstellen. Thoreau, ein
früher großer Verweigerer, hatte andere Qualitäten als
die des "Besten" besetzt: sieben Stunden lang konnte er sich
mit größter Geduld einer Schneeeule nähern, bis sie
ihn schließlich zu sich ließ.
Kaczynski
ist auch von dieser Art: Alles an der menschlichen Existenz erscheint
ihm als einzige hochsträfliche Seinsvergessenheit, alle Zivilisation
ist ihm das Unwahre. Und die Vertreibung aus dem Paradies erscheint
ihm als der erste "Fortschritt" in der Geschichte der Menschheit,
für deren weiteren Fortschritt er nicht zur Verfügung steht.
Soviel Vorgeschmack auf die Hölle / so wenig Nachgeschmack
vom Paradies. Aber so kann man nicht leben, nicht unter Menschen
leben, nicht in der Gesellschaft sein. Kaczynski verkriecht sich als
Eremit, er hinterlässt seinen Eltern nur Ich liebe die Natur.
Den tiefen Wald. Kaczynski muss ein sehr einsamer Mensch vorher
schon gewesen sein, jetzt will er nicht anders mehr existieren. Seine
Tarnung ist perfekt. Das FBI realisiert nach 17 Jahren: Wir finden
ihn nicht, obwohl wir ihn eigentlich finden müssten, denn er ist
nicht irgendwer, er ist hochintelligent." Seine Achillesferse,
seine wunde Stelle, die ihm schließlich zum Verhängnis wird,
ist seine Inkonsequenz: er will einsam sein und ist einsam vor allen
Menschen, und doch liebt er und will deshalb ein Manifest
veröffentlicht wissen, richtet sich also doch an alle Menschen,
was nur der tut, der doch noch an den Menschen glaubt, seinen Verstand,
seine Liebe, seine Aufmerksamkeit und seine Veränderbarkeit. Das
Manifest schickt er dem FBI, für die große Presse
und das FBI, am Ende des Lateins, und ursprünglich zu keinem
Entgegenkommen bereit, entschließt sich nun, den Text der New
York Times zu übergeben.
Vom
Bruder verraten
2.000
Meilen östlich der Wälder Montanas lebt der Sozialarbeiter
David Kaczynski, im US-Bundesstaat New York; der liest die Zeitung,
erkennt den Duktus der Sprache, und verrät den Bruder. Die Kaczynskis
waren als gläubige Katholiken 1912 aus Polen eingewandert, gaben
die Religion in Amerika bald auf, wohnten im polnischen Arbeiterviertel
von Chicago und waren Mitglied mehrere radikaler demokratischer Clubs.
Die Eltern des hier geborenen Theodore sparten jeden Pfennig und taten
wirklich alles, um dem Sohn eine gute Ausbildung zu ermöglichen.
Sein
Bruder David, der seines anderen Bruders Hüter sein wollte, betrachtet
sich heute als todunglücklicher Mensch, der das Gute hervorhebt,
das er doch in seinem Bruder sieht, den ursprünglichen Ökologismus,
den Humankommunismus. Die Richter und Staatsanwälte sahen
nichts: sie dekretierten Kaczynski zu dem, was sie sonst sehr ungern
attestieren, zur verhandlungsunfähigen Unzurechnungsfähigkeit.
Nicht ohne die Anwälte Kaczynskis wissen zu lassen, dass ihr Mandat
sich auch so zu verhalten habe, weil ihm das am Ende gut bekommen werde,
nur so sei die Todesstrafe zu vermeiden. In Wirklichkeit lag dem Staat
daran, eine Gerichtsverhandlung zu vermeiden, die auf peinliche Weise
die Schwächen und Blößen des FBI dargelegt hätte.
Zu Prozessbeginn löst Kaczynski sich aus der festen Hand seiner
Anwälte und erklärt dem Gericht, er sei alles andere
als verrückt, habe kein Vertrauen mehr zu seinen Anwälten
und wolle sich mit neuen Rechtsvertretern durchaus selber verteidigen.
Die gerichtliche Auffassung, Kaczynski sei verrückt
gründete übrigens seinerzeit auf der Feststellung, er habe
ernsthaft behauptet, dass die von ihm attackierten Wissenschaftler in
naher Zukunft das Klonen von Menschen durchführen wollten - was
dem Gericht in jener Zeit als der Gipfel des Unsinns erschienen sein
muß.
Theodore
Kaczynski, in seiner ganzen Einsamkeit, verfügte über eine
wissenschaftliche Ahnung und sensitive Erkenntnis, die ihm eine Weiterarbeit
im Dienste der instrumentellen Vernunft verbat, weil er die Menschheit
bedroht sah. Alleingestellt und in seiner Not tat er schreckliche Dinge,
die zu unterlassen für ihn noch schrecklicher gewesen wären.
Wie ein letztes Wesen kroch er in den Wald und eröffnete aus diesem
solipsistischen Zustand seinen außerordentlichen Krieg und tat
dies ganz alleine. So treu war dieses Kind!
Hans
Branscheidt
P.s.:
Theodore John Kaczynski, befindet sich heute in einem Hochsicherheitsgefängnis
in Kalifornien und erwartet dort den Fortgang seines Verfahrens.
Hinweis:
Das Manifest des Unabombers, Die Industriegesellschaft
und ihre Zukunft, ist in englischer Sprache im Internet zu finden
unter: http://hotwired.lycos.com/special/unabomb/list.html
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