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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 7 / Herbst 2000 - Seite 19
Theodore John Kaczynski - der Unabomber
[ Inhalt Nr. 7.]
Theodore John Kaczynski
"Seines Bruders Hüter" oder Die Einsamkeit des Unabombers

Die bewaffneten Männer sind 18 Tage und Nächte in den dichten Wäldern Montanas unterwegs. Bei der Ortschaft Lincoln biegen sie ab, noch dichter in das Unterholz und passieren gebückt einen Wald in Richtung auf den Stemple-Pass, der in 3000 Meter Höhe die Rocky Mountains durchschneidet. Mit ihren wetterfesten Kleidern sehen die Männer aus wie Jäger, sie tragen auch Gewehre und Ferngläser – und machen endlich halt vor einem Tal und beobachten aus sicherer Entfernung den Mann, auf den sie es abgesehen haben. Der Beobachtete trägt zotteliges Haar und ein grauer Vollbart wuchert in seinem abgewetterten Gesicht. Sein Hemd ist blutbeschmiert. Man erkennt, dass er auf der Lichtung des Tals einem Reh das Fell abzieht, bevor er mit dem essbaren Teil in seiner Blockhütte verschwindet. Die Gruppe der Beobachter ist sich sicher: das ist der „Unabomber“, der seit 17 Jahren vergeblich gesuchte Staatsfeind No. 1 der USA.
Der hat in dieser Zeit 16 Bombenanschläge verübt, drei Menschen getötet und 23 verletzt. Der hat die angesehenste Zeitung der Vereinigten Staaten, die „New York Times”, zum Abdruck einer acht Zeitungsseiten langen Kriegserklärung gezwungen. Sein „Manifest“ unter dem Titel: „Die Industriegesellschaft und ihre Zukunft“. Der Text ist eine Anklageschrift gegen die Konzerne, die Institute für Gentechnologie und Biowissenschaften, die Computertechnologen: Sie hätten die Menschen ausgebeutet, versklavt, in ihrer Natur und Mentalität deformiert und seien dabei, die Erde dem Untergang auszuliefern.

Seit 25 Jahren im Wald

Theodore J. Kaczynski lebt seit 25 Jahren im Wald. 50 Millionen Dollar hat die längste und aufwendigste Fahndung gekostet, die es in der Geschichte des FBI je gegeben hat. Seit Wochen schon haben Rangers und Agenten des Federal Bureau of Investigation die Wälder observiert, haben Mikrophone und Sensoren und Infrarotgeräte installiert. Sogar ein Aufklärungssatellit der US-Armee ist auf das Tal fokussiert. Eine Million Dollar ist als Prämie auf seinen Kopf ausgesetzt. An diesem 3. April 1996 zieht ein dünner Rauch aus dem Kamin des Blockhauses, wo Kaczynski lebt, den kein Raster zu erfassen mochte, weil er nicht einmal mehr mit einer Kreditkarte der Zivilisation verbunden war. Doch manchmal kehrte er aus der Einsamkeit der großen Montana-Wälder in die Gesellschaft zurück, um seine außerordentlich sophisticated präparierten Brief- oder Paketbomben zu dislozieren, die Wissenschaftler des Gentech-Business und der Biowissenschaft trafen, die, - damals noch unbekannt - heute als die Cracks der Spitzenwissenschaften der 3. Technischen Revolution in aller Munde sind. Er wollte sie durch seine Bomben nicht nur töten, er wollte sie vor allem stigmatisieren. Die FBI-Truppe schickt Butch Gehring an seine Hütte, einen Holzhändler aus der Umgebung, der klopft an – und als Kaczynski öffnet, fallen die Nahkampfprofis schon über ihn her. Wortlos lässt er sich abführen. Kein Kommentar. Die Staatsanwälte überführen ihn in eine der technisch am besten überwachten Zellen: 24 Stunden umgeben von Kameras und Mikrophonen. Alles geht automatisch vor sich. Einzelhaft. Absolute Isolation. Genug Beweise scheinen vorzuliegen, um den Mann demnächst auf den elektrischen Stuhl zu bringen, der einst als mathematisches Wunderkind galt, der später als mathematisches Genie gefeiert wurde, dem Kollegen an den renommiertesten Universitäten des Landes prophezeiten, er würde eines Tages den Nobelpreis erhalten, für den er dann tatsächlich auch vorgeschlagen wurde. Aber, wie in Tony Richardsons Film „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“, hatte sich Theodore J. Kaczynski kurz vor dem triumphalen Aufstieg auf die anerkanntesten Höhen der akademischen Gesellschaft für eine große Verweigerung entschieden und radikal „nein“ gesagt. In der Schule hatte man bei Theodore einen IQ von 170 gemessen, den Wert eines absoluten Genies. Mit 16 Jahren beendet Ted die High school und erhält sofort ein Stipendium der Harvard-University, der berühmtesten akademischen Lehranstalt der USA. Mit seiner Doktorarbeit über „Grenzfunktionen der Mathematik“ gewinnt Kaczynski den Preis für die beste mathematische Dissertation des Jahres 1967. Mit gerade 25 Jahren wird er Professor an der Berkeley Universität. Eines Tages jedoch schließt Kaczynski die Türe zur Gesellschaft ab. Er kauft für 2.000 Dollar ein kleines Grundstück in Montana und baut selber eine dürftige dreimal vier Meter kleine Holzhütte. Er pflanzt Gemüse, schießt Wild und grillt die Beute unter freiem Himmel. Im schneereichen Winter heizt er die Hütte mit Holz und schreibt im Licht einer Kerosin-Lampe. Kein Strom, kein Telefon, kein fließendes Wasser, keine Post, nicht einmal eine Kreditkarte. Die sozialpsychologisch ausgetüftelten Fahndungsraster des FBI finden so einen nicht.

Die Hütte des Unabombers in den Wäldern Montanas

Er liest viel, auch deutsche Bücher, französische ebenso, die Werke des Rechtsphilosophen Jaques Elul. Er liest auch sehr viel Henry David Thoreau, den Adalbert Stifter Amerikas, liest dessen naturlyrische Berichte über die Concord und Merrymack-Rivers. Thoreau, der vor mehr als 90 Jahren lebte und keine Steuern an den Staat zahlte und deshalb ins Gefängnis geriet, wo sein Freund ihn aufsuchte, der Schriftsteller Ralph Waldo Emerson, der ihn leicht vorwurfsvoll fragte: „Was machst Du denn hier, Henry?“ Und dem Thoreau antwortet: „Das, Waldo, ist die falsche Frage, richtig heißt sie: Warum bist Du nicht hier?“ Thoreau hatte einen Preis gewonnen für die Herstellung der besten Bleistifte der USA – und alles gratulierte ihm und meinte, jetzt sei er groß raus und geschäftlich auf dem Durchbruch, worauf Thoreau erwiderte: „Ich weiß jetzt nur eines, ich werde niemals wieder einen Bleistift herstellen“. Thoreau, ein früher großer Verweigerer, hatte andere Qualitäten als die des "Besten" besetzt: sieben Stunden lang konnte er sich mit größter Geduld einer Schneeeule nähern, bis sie ihn schließlich zu sich ließ.

Kaczynski ist auch von dieser Art: Alles an der menschlichen Existenz erscheint ihm als einzige hochsträfliche Seinsvergessenheit, alle Zivilisation ist ihm das Unwahre. Und die Vertreibung aus dem Paradies erscheint ihm als der erste "Fortschritt" in der Geschichte der Menschheit, für deren weiteren Fortschritt er nicht zur Verfügung steht. „Soviel Vorgeschmack auf die Hölle / so wenig Nachgeschmack vom Paradies“. Aber so kann man nicht leben, nicht unter Menschen leben, nicht in der Gesellschaft sein. Kaczynski verkriecht sich als Eremit, er hinterlässt seinen Eltern nur „Ich liebe die Natur. Den tiefen Wald“. Kaczynski muss ein sehr einsamer Mensch vorher schon gewesen sein, jetzt will er nicht anders mehr existieren. Seine Tarnung ist perfekt. Das FBI realisiert nach 17 Jahren: „Wir finden ihn nicht, obwohl wir ihn eigentlich finden müssten, denn er ist nicht irgendwer, er ist hochintelligent." Seine Achillesferse, seine wunde Stelle, die ihm schließlich zum Verhängnis wird, ist seine Inkonsequenz: er will einsam sein und ist einsam vor allen Menschen, und doch liebt er und will deshalb ein „Manifest“ veröffentlicht wissen, richtet sich also doch an alle Menschen, was nur der tut, der doch noch an den Menschen glaubt, seinen Verstand, seine Liebe, seine Aufmerksamkeit und seine Veränderbarkeit. Das „Manifest“ schickt er dem FBI, für die große Presse – und das FBI, am Ende des Lateins, und ursprünglich zu keinem Entgegenkommen bereit, entschließt sich nun, den Text der „New York Times“ zu übergeben.

Vom Bruder verraten

2.000 Meilen östlich der Wälder Montanas lebt der Sozialarbeiter David Kaczynski, im US-Bundesstaat New York; der liest die Zeitung, erkennt den Duktus der Sprache, und verrät den Bruder. Die Kaczynskis waren als gläubige Katholiken 1912 aus Polen eingewandert, gaben die Religion in Amerika bald auf, wohnten im polnischen Arbeiterviertel von Chicago und waren Mitglied mehrere radikaler demokratischer Clubs. Die Eltern des hier geborenen Theodore sparten jeden Pfennig und taten wirklich alles, um dem Sohn eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

Sein Bruder David, der seines anderen Bruders Hüter sein wollte, betrachtet sich heute als todunglücklicher Mensch, der das Gute hervorhebt, das er doch in seinem Bruder sieht, den „ursprünglichen Ökologismus, den Humankommunismus“. Die Richter und Staatsanwälte sahen nichts: sie dekretierten Kaczynski zu dem, was sie sonst sehr ungern attestieren, zur verhandlungsunfähigen Unzurechnungsfähigkeit. Nicht ohne die Anwälte Kaczynskis wissen zu lassen, dass ihr Mandat sich auch so zu verhalten habe, weil ihm das am Ende gut bekommen werde, nur so sei die Todesstrafe zu vermeiden. In Wirklichkeit lag dem Staat daran, eine Gerichtsverhandlung zu vermeiden, die auf peinliche Weise die Schwächen und Blößen des FBI dargelegt hätte. Zu Prozessbeginn löst Kaczynski sich aus der festen Hand seiner Anwälte und erklärt dem Gericht, er sei „alles andere als verrückt“, habe kein Vertrauen mehr zu seinen Anwälten und wolle sich mit neuen Rechtsvertretern durchaus selber verteidigen. Die gerichtliche Auffassung, Kaczynski sei „verrückt“ gründete übrigens seinerzeit auf der Feststellung, er habe ernsthaft behauptet, dass die von ihm attackierten Wissenschaftler in naher Zukunft das Klonen von Menschen durchführen wollten - was dem Gericht in jener Zeit als der Gipfel des Unsinns erschienen sein muß.

Theodore Kaczynski, in seiner ganzen Einsamkeit, verfügte über eine wissenschaftliche Ahnung und sensitive Erkenntnis, die ihm eine Weiterarbeit im Dienste der instrumentellen Vernunft verbat, weil er die Menschheit bedroht sah. Alleingestellt und in seiner Not tat er schreckliche Dinge, die zu unterlassen für ihn noch schrecklicher gewesen wären. Wie ein letztes Wesen kroch er in den Wald und eröffnete aus diesem solipsistischen Zustand seinen außerordentlichen Krieg und tat dies ganz alleine. So treu war dieses Kind!

Hans Branscheidt

P.s.: Theodore John Kaczynski, befindet sich heute in einem Hochsicherheitsgefängnis in Kalifornien und erwartet dort den Fortgang seines Verfahrens.

Hinweis: Das “Manifest” des Unabombers, “Die Industriegesellschaft und ihre Zukunft”, ist in englischer Sprache im Internet zu finden unter: http://hotwired.lycos.com/special/unabomb/list.html


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
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