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Politische
Gefangene in Argentinien im Hungerstreik
Geiseln einer korrupten Demokratie
Während
die Mörder der Militärdiktatur Straffreiheit geniessen, sitzen
Widerstandskämpfer, die den Kompromiss der Demokratie mit den Generälen
attackiert hatten, seit 11 Jahren illegal in Haft. Trotz zwei ausgedehnter
Hungerstreiks und breiter internationaler Solidarität weigert sich
das Parlament, eine Entscheidung für ihre Freilassung zu fällen.
Hungerstreik-Situation
Seit
dem 5. September 2000 hungern in den Gefängnissen Villa Devoto
und Ezeiza 14 Mitglieder der linken Organisation Movimiento Todos
por la Patria (MTP). Nach über 50 Tagen ohne Nahrung sind
die Gefangenen bereits sehr geschwächt und werden zum Teil der
Zwangsernährung unterworfen. Erst am 13. Juli diesen Jahres hatten
sie einen 46-tägigen Hungerstreik beendet, nachdem Abgesandte des
argentinischen Parlaments ihnen versichert hatten, ihre Freilassung
durch eine Gesetzesänderung zu erwirken. Präsident de la Ruá
hat seitdem mehrere Entwürfe unterzeichnet, die aber alle von den
Fraktionen mehrerer Parteien blockiert wurden. Die Gefangenen konnten
sich am 1. November erstmals nach 11 Jahren treffen, um über die
Bitten , u.a. von den Madres de Plaza de Mayo, den Streik abzubrechen,
zu beraten. Sie entschieden, solange weiter zu machen bis ihre Forderungen
erfüllt sind.
Der
Hintergrund:
Am
23. Januar 1989 besetzte eine Gruppe MTP-Aktivist/innen den Armeestützpunkt
La Tablada, nachdem sie Hinweise auf Planungen des Militärs erhalten
hatten, ausgehend von der Kaserne bei Buenos Aires die Macht an sich
zu reissen. Vier Putschversuche hatte das Land seit der Demokratisierung
1983 schon erlebt. Es gelang den schlecht bewaffneten Aktivist/innen
zwar, die Kontrolle über die Kaserne zu erlangen, aber als sie
die friedliche Übergabe anboten, schoss die Armee das Gelände
in Brand, tötete 28 Besetzer/innen und verhaftete 22. Neun Aktivist/innen,
deren Festnahmen im Fernsehen übertragen worden war, verschwanden
auf dem Weg zur Polizeistation - drei der Leichen wurden im August diesen
Jahres aus einem anonymen Grab geborgen. Die Überlebenden wurden
in einem Schauprozess zu langen Haftstrafen verureilt.
11
Jahre und 9 Monaten währt die Haft der 14 Gefangenen schon. Unter
ihnen sind Roberto Felicetti, der bereits während der Diktatur
von 1976 bis 1983 inhaftiert war und der 71-jährige Franziskanerpater
Fray Antonio Puigjané, der seine 20-jährige Haft in Hausarrest
verbüsst. Enrique Gorriarán Merlo, der Sprecher der Gefangenen,
ist eine historische Figur: zunächst einer der Führer der
argentinischen Guerilla ERP, kämpfte er später in den Reihen
der Sandinisten und tötete 1980 in Paraguay den nicaraguenischen
Diktator Anastasio Somoza.
Angeführt vom portugiesischen Nobelpreisträger José
Saramago hat ein Solidaritätskomitee, das mit Aufrufen Druck auf
die argentinische Regierung ausübt, hunderte Organisationen und
Persönlichkeiten gewonnen, sich für die Freilassung der Gefangenen
zu verwenden: neben Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international
und Fedefam haben sich auch Persönlichkeiten wie Noam Chomsky,
Ernesto Cardenal, Rigoberta Menchú, Manuel Vasquez Montalban,
Adolfo Perez Esquivel, Mario Benedetti, Miguel Bonasso, Frei Betto und
Mercedes Sosa an den argentinischen Präsidenten gewandt. Aus Deutschland
unterstützten die Initiative u.a. Günther Grass und Oscar
Lafontaine.
Gesetz
zur Verteidigung der Demokratie
Der
amtierende Präsident Fernando de la Rúa hatte in seinem
Wahlkampf 1999 die Freilassung der Gefangenen versprochen. 1990 wollte
der Präsident, damals als Senator, das Gesetz zur Verteidigung
der Demokratie nicht unter seinem Namen einbringen, mit dem die
La Tablada-Besetzer/innen in einem Spezialprozess verurteilt wurden.
Die Gefangenen begründen ihre Freiheitsforderung mit den Beschlüssen
der Interamerikanische Menschenrechtskommission der OAS, die das Gerichtsverfahren
aufgrund der fehlenden Berufungsmöglichkeit für ungültig
erklärte. Würde das Gesetz anulliert, wozu Argentinien völkerrechtlich
verpflichtet ist, kämen die meisten Gefangenen frei, weil sie mit
ihrer langen Haftzeit, die doppelt angerechnet würde, die maximale
Dauer der Untersuchungshaft überschritten hätten - ein komplizierter
Winkelzug, um eine Amnestie oder Begnadigung zu umgehen, die weder die
Gefangenen noch die Regierung wollen. Ana Maria Sivori und Enrique Gorriarán,
denen neben der Besetzung von La Tablada noch eine Reihe weiterer Aktionen
angelastet werden, wären von der Regelung ausgenommen.
Ihren ersten Hungerstreik hatten die 14 Gefangenen am 13. Juli nach
46 Tagen abgebrochen, als eine Delegation aus Abgeordneten der Regierungskoalition
ihnen versichert hatte, bei der ersten Sitzung der Abgeordnetenkammer
nach der Sommerpause für eine Änderung des Gesetzes
zur Verteidigung der Demokratie zu stimmen. Wenn das Gesetz
nicht verabschiedet wird, werden wir den Hungerstreik mit schärferen
Forderungen aufnehmen. Und dieses Mal werden wir ihn nicht für
ein Versprechen abbrechen, hatte Enrique Gorriarán die
Abgeordneten damals gewarnt. Aber auf der fraglichen Sitzung kam der
Gesetzesvorschlag nicht zur Abstimmung: ein Teil der Abgeordneten erklärte
plötzlich, sie würden dagegen stimmen, und 40 Abgeordnete
der Regierungskoalition blieben der Sitzung geschlossen fern. Daraufhin
ruderte die Regierung zurück und verwies das Gesetzesprojekt wieder
in die Ausschüsse. Nach einem Monat des Parteienstreits nahmen
die Gefangenen ihren Hungerstreikkampf wieder auf.
Schatten
der Diktatur
Die
Rivalität der Parteien der vergangenen Präsidenten Raul Alfonsin
(1983-90) und Carlos Menem (1990-1999) ist das Haupthindernis für
die Gesetzesänderung. Mehr als um kleinlichen Parteienstreit geht
es hier um die politische Aufarbeitung des in den 80er Jahren notorischen
Putschismus, die jetzt im Windschatten der breiten Kampagne für
die Gefangenen in die Öffentlichkeit gerät. Zehn Jahre lang
waren die La Tablada-Gefangenen politisch isoliert, weil ihre damalige
Aktion der fragilen Demokratisierung Argentiniens einen massiven Schlag
versetzt hatte - so sah es zumindest der allergrösste Teil der
politischen Öffentlichkeit. Die Attacke des MTP in La Tablada war
ein letzter Aufstand gegen die Straffreiheit für diejenigen, die
hunderte Menschen aus Hubschraubern geworfen und ihre Kinder entführt
hatten: im Januar 1989, mitten im Wahlkampf und in den letzten Tagen
der Regierungszeit Raul Alfonsins, zielte die Aktion objektiv gegen
die kommende Regierung von Carlos Menem, der intensive Beziehungen zu
den faschistischen Paramilitärs unterhielt. Nach seiner Wahl wurden
die Generäle und Folterer 1990 amnestiert um den gesellschaftlichen
Frieden zu wahren. Am Ort ihrer Verbrechen sind die Mörder
seitdem sicher, aber im Ausland drohen ihnen bis heute internationale
Haftbefehle wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Carlos
Menem beschuldigt Alfonsin heute, die Aktion in La Tablada 1989 angeordnet
zu haben, um die nationale Aussöhnung zu verhindern.
Alfonsin hingegen, er war Präsident während des Massakers
von La Tablada, befürwortet die Freiheit der Gefangenen, aber seine
Partei will ihm aus Angst vor den politischen Kosten eines solchen Schrittes
nicht folgen.
Es
handelt sich um ein Situation, die zum Wohl der argentinischen Gesellschaft
beendet werden muss, hat José Saramago dem argentinischen
Präsidenten mit Blick auf die fortdauernde Haft der MTP-Mitglieder
in einem Offenen Brief geschrieben. Das ist ohne Zweifel richtig
und zweifellos ist es nur die halbe Wahrheit: bei einer der Solidaritätsdemonstrationen
im Mai d. J. erkannten vormalige Gefangene der Militärdiktatur
einen ihrer Folterknechte in einem Strassencafé. Die Polizei
rettete den Mörder vor der Rache seiner Folteropfer aus der Toilette
so wie die Demokratie alle Mörder der Diktatur vor der Gerechtigkeit
gerettet und ihren Opfern mit der Amnestie ins Gesicht geschlagen hat.
Die Mörder in den Knast, die Gefangenen auf die Strasse
riefen die Demonstrant/innen die ganze Wahrheit.
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