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Offene
Briefe von Lilo Wolf an die deutsche und türkische Regierung
"In dem Wissen, dass meine Tochter nicht alleine
war..."
15.
August 2000
Sehr
geehrter Herr Präsident der Republik Türkei, Necdet Sezer
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, Bülent Ecevit
Sehr geehrter Herr Aussenminister Ismail Cem
Sehr geehrter Herr Innenminister, Saadettin Tantan
Sehr geehrter Herr Justizminister, Hikmet Sami Turk
um
mich kurz vorzustellen: ich heisse Lilo Wolf und bin die Mutter von
Andrea Wolf. Seitdem ich Anfang November 1998 vom Tod meiner Tochter
in der Türkei erfahren habe, lässt es mir keine Ruhe mehr
und ich bin zu tiefst beunruhigt darüber, bis jetzt keine genauen
Informationen über die Umstände ihres Todes bekommen zu haben.
In einem ersten Brief wandte ich mich an den Herrn Bundeskanzler und
die zuständigen Minister in Deutschland mit der Bitte um Unterstützung
bei der Aufklärung, wofür ich auch meine Anwältin in
München mandatierte. Diesen Brief lege ich Ihnen bei.
Desweiteren beauftragte ich in der Türkei die Rechtsanwältin
Eren Keskin, die Umstände, warum meine Tochter sterben musste,
herauszufinden. Die intensiven Untersuchungen ergaben den Verdacht,
dass es sich um Verstösse gegen die Menschenrechtskonventionen
handeln könnte.
Mit der festen Hoffnung, dass Sie der Situation der Menschenrechte in
Ihrem Land eine grundlegende Bedeutung beimessen, schicke ich Ihnen
heute als Mutter diesen offenen Brief. Ich bitte Sie, die Bemühungen
meiner Anwältinnen in vollem Umfang zu unterstützen, damit
die Umstände, unter denen meine Tochter zusammen mit anderen am
23. Oktober 1998 ums Leben kam, untersucht und aufgeklärt werden
können.
In
Erwartung einer baldigen Antwort verbleibe ich mit traurigen Grüssen
Lilo
Wolf
25. April 2000
Sehr
geehrter Herr Bundeskanzler
Sehr geehrte Herren Außenminister und Innenminister
Sehr geehrte Frau Justizministerin
Sehr geehrter Herr Menschenrechtsbeauftrager der Bundesregierung
Sehr geehrte Frau Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses
kurz
möchte ich mich vorstellen und erklären warum ich Ihnen heute
schreibe:
Mein Name ist Lilo Wolf, seit Jahren lebe ich als Sozialarbeiterin in
Lateinamerika und ich bin die Mutter von Andrea Wolf. Mit meiner Tochter
hatte ich eine starke Beziehung, wir haben uns oft getroffen und geschrieben.
Unser Austausch wurde erst mit der schrecklichen Nachricht von ihrer
Ermordung in der Türkei abrupt unterbrochen.
Ich habe das Recht zu erfahren, was mit meiner Tochter passiert ist.
Und ich fordere insbesondere Sie auf, alles zu unternehmen, um die Umstände
vom Tod meiner Tochter aufzuklären.
Zur
Vorgeschichte:
Anfang
November 1998 bin ich von Freund/innen aus Deutschland vom Tod meiner
Tochter informiert worden. Wie Sie sich vorstellen können, die
schlimmste Nachricht, die man einer Mutter überbringen kann. Sie
sagten mir, dass Andrea zusammen mit einer Gruppe von kurdischen Frauen
und Männer am 24. Oktober 1998 vom türkischen Militär
ermordet wurde. Wie die Information zu diesem Zeitpunkt weiter lautete,
war Andrea unbewaffnet und sie wurde als Kriegsgefangene hingerichtet.
Das ist ein gravierender Verstoß gegen jedes Kriegsrecht und die
Genfer Konventionen. Wie ich weiß, wurden deutsche Behörden
darüber informiert.
Diesen Tod meiner Tochter kann ich nicht unaufgeklärt hinnehmen
und deshalb bevollmächtigte ich die Rechtsanwältin Angelika
Lex, für mich in dieser Angelegenheit Untersuchungen einzuleiten.
Meiner Anwältin zur Seite steht die Internationale Untersuchungskommission
(IUK),die sich auch grundsätzlich um die Aufklärung von Kriegsverbrechen
des türkischen Militärs bemüht.
Die Liebe zu meiner Tochter wird auch in dieser schwierigen Situation
nicht aufhören. Obwohl sie jetzt tot ist, werde ich für sie
etwas tun. Andrea hat sich schon früh politisch engagiert und war
in Bereichen aktiv, wo benachteiligte Gruppen in der Gesellschaft für
ihre Rechte kämpften. Das führte öfter dazu, dass sie
von staatlichen Behörden beschuldigt und verfolgt wurde. Wie sich
immer wieder zeigte, konnten die Beschuldigungen nicht aufrechterhalten
werden. So wie auch kürzlich das § 129a - Verfahren gegen
Andrea eingestellt werden musste, in welchem ihr eine Beteiligung an
Weiterstadt vorgeworfen wurde. Es hat sich herausgestellt, dass sie
unschuldig ist (§170.2 StPO)! Ich frage mich auch dieses Mal, warum
hat es überhaupt diesen unbegründeten Haftbefehl gegeben,
da Andrea zu jenem Zeitpunkt bei mir zu Besuch war! Heute erscheint
mir das als ein weiterer unberechtigter Schritt, um Andrea zu kriminalisieren.
Andrea hat sich ihre Ideen für eine gerechte Gesellschaft nie nehmen
lassen und war sehr interessiert, andere politische Bewegungen kennenzulernen.
So ging sie als Internationalistin nach Kurdistan. Wie sie mir in ihren
Briefen schrieb, galt ihr besonderes Interesse den Frauen, mit denen
sie für einen Zeitraum leben und gemeinsame Erfahrungen machen
wollte. Sie hat viel Tagebuch geschrieben und wollte ihre Aufzeichnungen
über die Erfahrungen in Kurdistan als Buch veröffentlichen.
Andrea hatte immer die Idee nach Deutschland zurückzukommen
auch in ihrem letzten Brief an mich hat sie ihren Besuch bei mir angekündigt,
worüber ich mich zutiefst gefreut habe. Anstelle von ihr kam dann
die traurige Nachricht von ihrem Tod.
Zum
heutigen Stand der Dinge:
Inzwischen
gibt es neue Erkenntnisse durch eine persönliche Zeugenaussage,
die im 3. Rundbrief vom März 2000 der IUK veröffentlicht wurde.
Ich lege Ihnen eine Ausgabe bei. Auch wurde die Staatsanwaltschaft Frankfurt,
die wegen Andreas Tod ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt
eingeleitet hat, davon in Kenntnis gesetzt.
Ich schreibe heute deshalb an Sie in der Hoffnung, dass die neuen Erkenntnisse
ein triftiger Grund sind, um eine Aufklärung der kriminellen Handlungen
und Verstöße gegen die internationalen Menschenrechtsabkommen
durch das türkische Militär zu veranlassen. Sie können
nicht straffrei bleiben, insbesondere nicht in einer Zeit, in der die
demokratischen Grundsätze beispielhaft berücksichtigt werden
sollten. Leider musste ich lesen, dass sich die Bundesregierung und
das Auswärtige Amt bei den Bundestaganfragen im November 1998 und
März 1999 dazu auf eine Position des Nichtwissens zurückzogen,
die ich in ähnlicher Weise von türkischen Behörden lesen
musste.
Meine besondere Aufmerksamkeit werden auch die Verhandlungen haben,
die zur Zeit über den EU-Beitritt der Türkei geführt
werden. Es heißt, dass die Einhaltung der Menschenrechte eine
ernsthafte und wahrhaftige Bedingung sind. Das sollte bedeuten, dass
Menschenrechte für alle gelten müssen. Zu meinem Entsetzen
lese ich aber, dass Deutschland den modernsten Panzer an die Türkei
verkauft hat und eine weitere große Lieferung in Aussicht stellt.
Wofür? Soll das Morden mit deutschen Waffen nie aufhören!!!???
Sehr
geehrter Herr Bundeskanzler
Sehr geehrte Herren Außenminister und Innenminister
Sehr geehrte Frau Justizministerin
Sehr geehrter Herr Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung
Sehr geehrte Frau Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses
In
Liebe und Trauer um meine Tochter, mit dem Wissen, dass sie nicht alleine
war, mit dem Bedürfnis nach Frieden und Gerechtigkeit in dieser
Welt fordere ich Sie auf, alles in ihrem Bereich Möglichste
zu veranlassen, damit die Massaker und Kriegsverbrechen der türkischen
Armee nicht folgenlos bleiben - und insbesondere nicht die Geschehnisse
vom 23. Oktober 1998, bei denen auch meine Tochter starb. Ich frage
mich, wurde sie mit deutschen Waffen ermordet!
In
der Hoffnung auf eine baldige Antwort
Verbleibe ich mit traurigen Grüssen
Lilo
Wolf
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