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Brief
von Nilüfer Alcan
Ein Tag in Bayrampasa
Nilüfer
Alcan wurde 1994 als Mitglied der Organisation Devrimci Sol zu einer
15-jährigen Haftstrafe verurteilt. Zuvor arbeitete sie im Menschenrechtsverein
Tüm Özgür Der, dessen Vorsitzende sie auch war. In dieser
Funktion besuchte sie Anfang der 90er Jahre mehrmals Deutschland und
berichtete auf Veranstaltungen und in Interviews über den Kampf
der politischen Gefangenen und ihrer Angehörigen. So nahm sie 1992
am Kongress gegen den Münchner Weltwirtschaftsgipfel teil, zu dem
sie von Gruppen, die später auch die Initiative Libertad! gründeten,
eingeladen worden war.
Im Rahmen der F-Typ-Kampagne bat So oder So Nilüfer Alcan, einen
Eindruck aus dem Gefängnisleben in der Türkei zu schreiben.
Wir sind der Meinung, dass es notwendig ist ansatzweise zu vermitteln,
was die Gefangenen in ihrem Widerstand gegen die Isolationshaft so entschieden
macht: der Kampf um den Erhalt ihrer kollektiven Selbstorganisierung
in den Großzellen der bisherigen türkischen Sondergefängnisse.
Allerdings darf der Eindruck von Nilüfer Alcans Schilderungen auch
nicht täuschen. Bayrampasa genießt eine Sonderstellung innerhalb
der türkischen Gefängniswelten. In keinem anderen Knast konnten
politische Gefangenen ähnliche Haftbedingungen durchsetzen. In
Bayrampasa sind ca. 1.000 Gefangene nahezu aller linken Organisationen
inhaftiert. Allein ihre Menge ist schon eine Garantie dafür, dass
nicht alle Bereiche des Gefängnisses von den Wärtern kontrolliert
werden können. Dazu wurden in langen Jahren Errungenschaften wie
etwa offene Flure innerhalb der Gefängnisflügel, aber auch
die Möglichkeit des Zusammenkommens von Frauen und Männern
durch unzählige Streiks und andere Protestformen durchgefochten.
In den vielen Gefängnissen in der Provinz, in denen jeweils nur
eine kleine Zahl von politischen Gefangenen sitzt, aber auch im berüchtigten
Ulucanlar-Gefängnis von Ankara oder in der Hölle Nr.
5, wie das Hochsicherheitsgefängnis in Diyarbakir genannt
wird, gelten weitaus schärfere Haftbedingungen und sind die Gefangenen
nahezu ununterbrochen der Verfügungsgewalt ihrer staatlichen Peiniger
unterworfen.
In
unserer Gemeinschaftszelle sind 28 Leute. Eigentlich hat die Zelle eine
größere Kapazität, aber da seit 1996 keine weitere politische
Gefangene aufgenommen wurde, blieb unsere Zahl konstant.
Wir führen ein organisiertes Leben, in dem jede eine Aufgabe hat.
Beispielsweise unserer Bibliothekarin verdanken wir, dass verloren gegangene
Bücher aufgefunden und gemeinschaftlich verwendet werden können.
Die Bücher werden nicht nur in unserer Zelle genutzt, sondern kursieren
auch unter den männlichen Gefangenen. Entsprechend viel Arbeit
verlangt es, da den Überblick zu behalten. Manchmal liegt ein Buch
versteckt in der Ecke eines unübersichtlichen Regals, oder die
Genossen müssen aufgefordert werden, es zurückzugeben. Solche
Fälle tauchen dann bei den gemeinsamen Zusammenkünften als
Anekdoten auf. In jedem Fall geben sich die Bibliothekarinnen sehr große
Mühe, die Dinge unter Kontrolle zu halten.
Ein wirkliche schwere Aufgabe haben die verantwortlichen Genossinnen
für Gesundheit. Sie kümmern sich um etwaige Verlegungsanträge
ins Krankenhaus und sorgen sich um allgemeine gesundheitliche Belange.
Große Probleme haben sie beispielsweise mit den Diabetikern unter
uns, die sich partout nicht an ihre Diät halten wollen. Fast genauso
hart ist das Los der Zigarettenverteiler. Ihre Aufgaben ist es, sowohl
die Nachfrage zufrieden zu stellen, als auch die Reserve zu kontrollieren.
Natürlich gibt es wiederholt Fälle, wo unerlaubt Zigaretten
genommen werden und daher müssen sie das Tabakdepot immer wieder
vor diesen Attacken schützen. Aktionen also, die mit die schillerndsten
Erlebnisse des Gefängnislebens ausmachen. Aber begreifen können
das sicher nur diejenigen, die es erlebt haben...
Für die Lebensmittel, für Bekleidung und weitere Bedürfnisse
des täglichen Gebrauchs, wie etwa Schreibmaterialien, sind unsere
Kommunarden zuständig. Meistens werden Genossinnen
dafür gewählt, die dazu vom Kochen etwas verstehen und aus
Nichts etwas zaubern können. Auch ihre Aufgaben sind alles andere
als einfach. Wir haben an diesem Punkt großes Glück. Unsere
Kommunardin liebt sowohl das Essen wie auch das Kochen.
Sie ist sehr begabt. Natürlich kocht sie nicht jeden Tag. Jeweils
3-4 Genossinnen wechseln sich im Küchendienst ab. Auch der Putzdienst
wird täglich erledigt. Unsere Verantwortliche für all das
legt jeweils fest, was gemacht werden muss, berät und koordiniert
sich mit den Köchinnen, denen sie auch aushilft. Aber meistens
hält sie es doch nicht durch, geht selber in die Küche und
versucht aus dem Vorhandenen ein neues Essen zu kreieren...
Kurz gesagt, es gibt verschiedene Verantwortliche für fast alle
Bereiche des Alltags. Etwa für das Archiv, oder für die Nutzung
der Schreibmaschinen, von denen wir zwei bis drei haben, die ständig
im Gebrauch sind. Sie zu verwalten ist auch keine einfache Angelegenheit.
Auch der Sport wird betreut. Generell beginnt unser Tag mit einer halben
Stunde Sport. Mit wechselnden Übungen aus verschiedene Sportarten
versuchen wir uns zu motivieren. Dazu kommen kulturelle Aktivitäten.
In den Kommissionen für Theater, Musik und Volkstanz arbeiten wir
auch mit den Männern zusammen. Gleiches gilt für das Schreiben
von Gedichten und Erzählungen.
Jede hat also einen Bereich, um den sie sich kümmert. Ich beispielsweise
interessiere mich seit meinen Jahren an der Universität für
Volkstanz. Letztes Jahr hatte ich auch einen Auftritt unter uns. Es
war der Jahrestag des Todesfastens von 1996. Wir haben versucht, dieses
Fasten mit einem Tanz, mit einem Musical vergleichbar, zum Ausdruck
zu bringen. In dem Tanz hatte jede Figur ihre Bedeutung: Liebe, Trennung
und Streit, aber auch Würde und Freude versuchten wir zum Ausdruck
zu bringen. Mit Hilfe der Lieder, die für das Todesfasten komponiert
wurden, haben wir versucht den Streik darzustellen. Bis zum Nähen
der Kleidung war alles unser eigenes Produkt. Es war schöne Arbeit.
Auf die Frage, welche Möglichkeiten für diese Arbeit existieren,
kann ich nur antworten: Kreativität. Im Gefängnis wird nichts
weg geworfen. Alles wird irgendwann einmal gebraucht.
Unsere
hauptsächliche Tätigkeit sind natürlich ideologische
und politische Diskussionen. Wir machen Studien über verschiedenste
Themen, die dann in Seminaren in der Gemeinschaftszelle vorgetragen
werden. Die Themen werden nach Bedarf ausgesucht. Eine große Rolle
spielt dabei die aktuelle Entwicklung in der Welt und in der Türkei.
Und natürlich diskutieren, lesen, lernen und lehren wir viel zu
viel...
Ein Arbeitfeld beispielsweise, dass sich über eine sehr lange Zeit
ausgeweitet hatte, war das Thema der Regionen. Wir bildeten
Gruppen in den Zellen, in denen jeweils die Freund/innen aus einer Gegend
des Landes zusammenarbeiteten. Eine sehr ausführliche Studie entstand.
Wir untersuchten die Regionen des Landes von den Provinzen bis zu den
Dörfern, ihre historische Entwicklung, ihre kulturellen Besonderheiten
und die jeweiligen politischen, geographischen, und sozio-ökonomischen
Strukturen einschließlich der Befreiungsgeschichte. Die dafür
notwendigen Bücher, Zeitschriften und Broschüren ließen
wir uns, soweit sie auffindbar waren, bringen. Später trug jede
Gruppe ihre Ergebnisse in einem Seminar vor.
Ich zum Beispiel komme aus der Region des Schwarzen Meeres. Als wir
unsere Arbeit vortrugen, boten wir dabei Haselnüsse und gekochten
schwarzen Kohl an, denn beides sind zwei sehr charakteristische Produkte
dieser Region. Zusätzlich hatten wir eine kleine Ausstellung vorbereitet
und in den Pausen hörten wir die einheimische Musik der Schwarzmeerküste.
Die Vorträge dieser Regional-Studien waren insgesamt also sehr
bunt und lebendig.
Im
Moment ist es 23:00 Uhr. Ich möchte euch eine Momentnahme unseres
Lebens geben: zwei von uns sind in der Arbeit an einem Papier versunken,
zwei andere spielen Schach mit Figuren, die eine Freundin aus alten
Spielsteinen gebastelt hat. Wie ich, sitzt eine Freundin ebenfalls mit
einer Zigarette in der Hand über einem Brief und schreibt. Drei
weitere unterhalten sich und draußen machen zwei im Nieselregen
Hofgang. Eine Freundin liest Zeitung, eine andere sucht gerade die aktuelle
Ausgabe der Cumhuriyet. Die Tagesverantwortlichen räumen
auf und versuchen den Rest ihrer Aufgaben zu Ende bringen. Danach werden
sie ihren Dienst an die Beauftragten für die Nacht übergeben.
Hier muss ich kurz erwähnen, dass deren Aufgabe zum einen die Sicherheitsfragen
betrifft, da jederzeit das Risiko einer Durchsuchung und eines Angriff
auf unsere Zellen besteht, zum anderen aber auch die Bedürfnisse
der kranken Genossinnen. Sie decken die Kranken wieder zu, falls denen
im Schlaf die Dekke wegrutscht oder belüften die Zelle, um schlechte
Luft zu verhindern. Und in der Musikanlage spielt ein Lied: Istanbul
warte auf uns... Diese Momente sind die ruhigste Zeit in unserer
Zelle.
Am
lautesten und lebendigsten ist das Abendessen und die Stunden danach.
In dieser Zeit wird während des Hofgangs Volleyball gespielt, Gruppen
von meistens drei bis fünf von uns unterhalten sich, wir lesen
die Zeitung vor und diskutieren über die aktuellen Entwicklungen.
Diesen Sommer organisierten wir beispielsweise ein Volleyball- und ein
Schachturnier und veranstalteten am Ende eine regelrechte Abschlussfeier.
Diese Beweglichkeit kommt erst gegen 21:00 Uhr zu Ruhe. Wenn es einen
schönen Film oder eine gute Diskussionssendung gibt, schauen wir
dann gemeinsam Fernsehen. Oder wir lesen gemeinsam die angekommenen
Briefe aus den anderen Gefängnissen. War es ein Besuchstag, unterhalten
wir uns über die Besuche...
Unsere
Angehörigen machen seit Monaten eine Kampagne gegen die Einführung
der Einzelzellen. Zur Zeit ist daher nach ihren Besuchen diese Mobilisierung
das zentrale Thema unserer Diskussionen. Sie erzählten uns von
ihren Eindrücken aus dem neuen F-Typ-Gefängnis in Sincan bei
Ankara. Sie sagten zu uns: Kinder, es ist besser, ihr stirbt lieber
hier. Es ist wie ein Grab, berichtete uns eine Mutter,
nachdem sie mit Menschenrechtsorganisationen zusammen den Neubau besichtigen
konnte. Wir konnten nicht es dort nicht mal zwei Stunden aushalten,
sagte sie. Wir werden es nicht zulassen, dass sie unsere Kinder
dorthin schicken und ähnliches beteuern sie uns bei ihren
Besuchen. Sie haben ihre Eindrücke in einem ausführlichen
Bericht veröffentlicht, aber ich weiß nicht, ob ihr ihn erhalten
habt...
Auch
ich möchte ich euch versichern, dass wir in dieser Frage sehr entschieden
sind: wir werden nicht in die Einzelzellen gehen. Eher sind wir bereit
zu sterben... das ist sehr offen. Wir werden nicht gehen....
1996 fielen elf unserer Genoss/innen in dem 69 Tage andauernden Todesfasten.
Aber in die Einzellen sind wir nicht gegangen.... Heute ist es wieder
die Zeit in die Aktion zu treten und es wird ein langer, schwerer Kampf
werden. Aber wir werden die Bewegung dafür aufbringen und uns den
Einzelzellen entgegenstellen....
Ich grüße euch von uns allen!
Nilüfer Alcan
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