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"Wenn
die Menschen Tauben wären, so wären die Verschwundenen 'Boran'"
Der kurdische Regisseur Hüseyin Karabey im Interview
Boran
ist der Titel Ihres Films, in dem das Schicksal der Verschwundenen in
der Türkei gezeigt wird. Sie haben diesen Film im vergangenen Jahr
produziert. Was bedeutet Boran und warum haben Sie diesen
Titel gewählt?
Boran
ist der Name einer wilden Taubenart in der Türkei. Die Mutter eines
der Verschwundenen glaubt, dass ihr Sohn zu einer Taube geworden ist.
Darum geht sie jeden Tag in die Stadt und füttert die Tauben. Auf
diese Weise versucht sie, den Kampf ihres Sohnes fortzusetzen. Darum
habe ich die Taube, Boran, als Symbol für meinen Film
gewählt. Boran hat eine Eigenart. Nimmt man sie gefangen,
verweigert sie die Nahrung. Sie macht auf diese Weise Selbstmord. Normalerweise
versuchen Vögel, Tauben, wenn man sie gefangen nimmt, zu fliehen.
Mit dem Titel möchte ich sagen, die Menschen sind Tauben, doch
die Verschwundenen sind Boran.
Boran
ist auch der Name eine Sturms in Anatolien ...
Ja,
die Menschen in der Türkei lieben es, ihren Kindern diesen Namen
zu geben, Boran. Aber ich habe den Titel gewählt, um
an Boran, die wilde Taube zu erinnern. Grup Yorum, die die
Filmmusik schrieben, haben auch ein Lied komponiert, das den Titel Boran
trägt. Es handelt vom Hungerstreik politischer Gefangener. Eine
Zeitlang war es sogar gefährlich, die Taube als Symbol zu erwähnen,
denn natürlich symbolisiert sie die Freiheit.
Grup
Yorum ist eine bekannte Gruppe in der Türkei. Haben Sie speziell
für diesen Film mit ihnen zusammengearbeitet?
Wir
arbeiten häufig zusammen, wir kennen uns schon lange. Ich hätte
auch mit anderen Musikern arbeiten können. Alle haben großen
Respekt vor den Samstagsmüttern und würden gern etwas für
sie tun. Aber für Boran wollte ich mit Leuten arbeiten,
die die emotionale Erfahrung hatten. Wenn man sich den Film genau ansieht
stellt man fest, dass außer zwei Polizisten alle Leute sich selber
spielen. Auch Grup Yorum war mehrere Male in Haft. Vielleicht sind sie
keine perfekten Musiker, aber sie verstehen es sehr gut, die Emotionen
der Menschen in Musik umzusetzen.
Sie
haben in ihrem Film überhaupt nicht mit professionellen Schauspielern
gearbeitet, sondern mit den Samstagsmüttern....
Boran
ist kein Spielfilm, sondern ein Film, der über das wirkliche Leben
berichtet. Früher habe ich Dokumentarfilme gemacht. Aber ich konnte
nicht den richtigen Effekt erzielen. Ich kannte die Realität von
dem, was ich zeigen wollte und fand, es fehlte etwas. Es fehlten die
Emotionen. Ich fragte die Samstagsmütter, ob sie mitarbeiten wollten.
Jeder wartet irgendwann einmal auf jemanden. Diese Menschen aber warten
ihr Leben lang, und die Erwarteten werden niemals zurückkehren.
Für die Samstagsmütter war es nicht schwer, sie spielten ihr
tägliches Leben: jeden Tag sitzen sie am Fenster und warten. Jeden
Tag unternehmen sie irgend etwas, um ihre Kinder wieder zu finden. Ich
hatte Angst, die Teilnahme an dem Film würde ihre Erinnerungen
wieder wach rufen. Aber sie sagten nur: Lieber Sohn, wir können
das Ganze ohnehin nicht vergessen. Wir sorgen uns mit und ohne den Film.
Sie vertrauten mir und unterstützten mich. Während wir drehten,
unterlief ihnen kein einziger Fehler. Das hat mich sehr beeindruckt,
manche von ihnen haben nie das Drehbuch gelesen, weil sie weder lesen
noch schreiben können. Sie spielten ihr tägliches Leben perfekt
und fehlerlos.
Wie
waren die Arbeitsbedingungen während der Dreharbeiten? Gab es Probleme
mit den Behörden, der Polizei?
Wir
haben immer Probleme mit den Behörden. Sie mögen es nicht,
wenn Kameras auf sie gerichtet sind. Ich wurde mehrere Male festgenommen,
wenn ich in den Gecekondus oder im Osten der Türkei (Kurdistan)
Filmaufnahmen machte. Aber so sind unsere Arbeitsbedingungen, das war
uns von Anfang an klar. Aus Sicherheitsgürnden haben ich nie gesagt,
was für einen Film ich drehe, erst zum Schluss habe ich das gesagt.
Wir haben insgesamt drei Jahre an dem Film gearbeitet.
Es
ist ja fast ein Wunder, dass Ihr Film einen Preis des Türkischen
Kulturministeriums erhalten hat. Was ist passiert?
Auch
ich war sehr überrascht, als Boran im Oktober 1999
zum Antalya Kurzfilm-Festival eingeladen wurde. Ich habe mich sehr darüber
gefreut. Normalerweise darf so ein Film in der Türkei gar nicht
gezeigt werden und wird zensiert. Die Einladung der Jury bedeutete,
der Film ist legal. Die Jury war international zusammengesetzt und ich
bin überzeugt, dass sie Boran für den Preis genau
wegen der Situation in der Türkei vorschlugen. Sie wollten, dass
das türkische Kulturministerium den Preis vergeben mußte.
Jetzt kann der Film nicht mehr verboten werden. Danach wurde ich auf
vier andere Filmfestivals in der Türkei eingeladen. Der Preis war
auch ein Signal in Richtung anderer Festivals, niemand mußte mehr
Angst vor einer Aufführung haben. Dafür bin ich der Jury wirklich
sehr dankbar.
In
Deutschland zeigen Sie Ihren Film zum zweiten Mal. Wen möchten
Sie erreichen? Die Kinder der kurdischen und türkischen Einwanderer
und Flüchtlinge oder eher die Deutschen?
Ich
möchte Boran nicht nur den Linken zeigen, nicht nur
den Kurden und Türken. Ich möchte so viele Leute erreichen,
als möglich. Unpolitische Leute, Leute, die aus Spaß ins
Kino gehen. Ich sage ganz selbstkritisch, dass wir dafür nicht
genug getan haben in der Vergangenheit. Ich überzeugt, dass die
Menschen gut sind. Wenn ich ihnen meine Geschichte erzählen kann,
werden sie etwas tun. Die meisten Flüchtlinge, die hier leben,
haben sicherlich noch schlimmere Geschichten zu berichten ...
Wie
ist die wirtschaftliche Lage für Filmemacher wie Sie? Arbeiten
Sie an einer Institution, in einem Kollektiv, einer Gesellschaft? Wie
finanzieren Sie die Arbeit?
Das
ist der schwierigste Teil unserer Arbeit, Geld zu finden. Die türkische
Filmindustrie ist sehr schwach und für oppositionelle Filmemacher
ist es noch schwieriger. Niemand interessiert sich für deine Arbeit,
außer den Menschenrechtsorganisationen. Aber selbst, wenn sie
dich unterstützen wollten, sie haben einfach kein Geld. Die Reaktionen
der meisten Filmemacher in der Türkei auf unsere Arbeit ist Angst.
Sie zensieren sich selber. Wenn man in die Gefängnisse schaut,
da sitzen Journalisten, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler, aber
keine Filmemacher. Sie haben schon ihre Gedanken zensiert, das ist eine
Schande für uns.
Aber heute gibt es eine junge Generation von Filmemachern und wir müssen
auch neue Wege der Finanzierung für unsere Arbeit finden. Für
die Produktion von Boran bekam ich natürlich kein Geld.
Ich habe woanders gearbeitet und das Geld in den Film gesteckt. Als
der Film fertig war, bin ich zu einigen Institutionen gegangen, habe
den Film gezeigt und um Unterstützung gebeten. Auf die Weise habe
ich Prozent des Gesamtbudgets zusammengekriegt. Vom kapitalistischen
Standpunkt her kann ich die Leute verstehen, wenn sie uns nicht unterstützen,
es ist zu gefährlich für sie. Wir machen Filme über unsere
Probleme, also werden wir auch Lösungen für das Problem der
Finanzierung finden. Wir können doch nicht erwarten, Geld von der
Regierung zu bekommen. Wenn man Geld erhält, soll man sich nach
den Erwartungen der Geldgeber richten. Das werden wir nicht tun.
1996,
als Sie begannen, die ersten Aufnahmen für Boran zu
filmen, war die Situation in der Türkei anders als heute. Wie wirkt
sich der Kandidatenstatus der Türkei für die Europäische
Union auf die Arbeit eines oppositionellen Filmemachers aus?
Heute
ist es möglich, meinen Film zu zeigen, was früher nicht ging,
das ist schon eine Veränderung. Aber ich möchte nicht sagen,
dass es heute veränderte Bedingungen in der Türkei gibt. Eher
werden sie versuchen, den Kapitalismus zu perfektionieren, darum das
Interesse an Europa. Und Europa unterstützt die Türkei tatsächlich
gegen das eigene Volk. Ich befürchte, die Bedingungen werden sich
verschärfen. Eine Linie wird gezogen und man sagt uns, darauf sollen
wir laufen. Aber wenn wir einen Schritt daneben gehen wollen, werden
sie uns wieder unterdrücken. Die Demokratie, die sie aufbauen wollen,
entspricht ihren Vorstellungen, nicht denen des Volkes. Der türkische
Staat will jetzt Isolationsgefängnisse einführen, diese Idee
kommt aus Europa. Ich will nicht sagen, die jetzigen Gefängnisse
sind besser, nein, auf keinen Fall. Aber Isolation wird für unsere
Gefangenen furchtbare Auswirkungen haben. Isolation ist das schlimmste
Verbrechen, das Menschen angetan werden kann. Die Isolation tötet
die Menschen, indem sie Schweigen über sie breitet. Europa findet
das gut; keine blutige Folter mehr. Aber die Menschen werden trotzdem
sterben, in völligem Schweigen. Besonders für Deutschland
dürfte das klar sein, denn das geschah in deutschen Gefängnissen
1976 und 1977, in Stammheim und in anderen Gefängnissen. Normalerweise
versteht jeder, der über die Bedingungen informiert ist, dass es
eine Art von Mord war, was geschah, kein kollektiver Selbstmord. Die
Bedingungen dafür waren vorhanden. Das kann auch in unserem Land
passieren. Ich sehe Parallelen.
In
den kommenden Wochen werden Sie zu Filmfestivals nach Italien und in
die Niederlande fahren. Danach werden sie mit Ihrem Film Boran
durch verschiedene Städte in Deutschland touren. Welche Pläne
haben Sie für Ihren nächsten Film?
Mein
nächster Film wird über die F-Typ-Gefängnisse in der
Türkei sein. Ich habe festgestellt, dass eine Antwort auf dieses
Problem in Europa liegt. Die Leute in der Türkei sagen, was willst
du, die neuen Gefängnisse sind Europäischer Standard.
Damit meinen sie, es ist was Gutes. Aber dieser Standard ist nicht gut,
sondern sogar schlechter. Isolation ist ein Todesprogramm für die
Gefangenen. Darum habe ich beschlossen, einen Film über die europäischen
Knastbedingungen zu machen, über den europäischen Standard.
Die Situation in der Türkei ist schlecht und wird sich noch mehr
verschlechtern, wenn sie einen Standard Europas übernehmen, der
schlecht ist. Ich habe mit früheren politischen Gefangenen gesprochen,
mit Irmgard Möller, mit Günter Sonnenberg. Ich werde andere
ehemalige Gefangene und Angehörige in Frankreich und im Baskenland
treffen. Das Filmprojekt möchte ich bis Ende des Jahres fertigstellen,
weil dann der türkische Staat mit der Umsetzung des Isolationsprogramms
beginnen will. Wenn ich meinem Volk zeigen kann, was europäischer
Standard wirklich bedeutet, werden es die Menschen in der Türkei
besser verstehen.
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