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Wer
interessiert sich schon für Gefangene?
Eindrücke aus Istanbul von Angela Günzel
Na
endlich. Mit einem Stadtplan durch den islamistisch geprägten Stadtteil
Fatih zu laufen und den Verein der Angehörigen der politischen
Gefangenen zu suchen, ist nicht gerade spaßig. Schließlich
stehe ich vor dem "Tulpen"-Appartment, sogar der Name des
Vereins steht auf der Klingel.
Drinnen
ist ziemlich viel los, eine Delegation aus Griechenland ist soeben eingetroffen
und ein paar Deutsche. Ob ich gestern angerufen hätte wegen eines
Interviews? Ich bin im Terminkalender vermerkt und werde ins Nebenzimmer
geführt, das mindestens genauso voll ist. Eine Frau mit weißem
Kopftuch, das von einem Button mit der Aufschrift Zellen sind
Folter" zusammengehalten wird, begrüßt mich überschwenglich.
Ich versuche zu erklären, dass ich für die Libertad!-Zeitung
einen Artikel über den Protest gegen die F-Typ-Knäste schreiben
will. Libertad! kennen sie nicht, macht aber nichts, aha, interessant,
auch in Deutschland gibt es Organisationen für die Freiheit politischer
Gefangener. Die Frau mit dem weißen Kopftuch ist Mutter eines
politischen Gefangenen und war bei der Protestaktion in Ankara dabei.
Die Angehörigen hatten sich auf den Weg in die Hauptstadt gemacht,
um den Justitzminister zu treffen und wollten öffentlich gegen
die Verlegung in die neuen F-Typ-Knäste protestieren. Der Protest
wurde von der Polizei zusammengeprügelt, die Teilnehmer/innen vorübergehend
festgenommen. Protestaktionen dieser Art finden zur Zeit häufig
statt. Immer sind es sehr kleine Gruppen, die versuchen die Forderungen
der Gefangenen zu unterstützen oder ihren Protest gegen die Zustände
in den Knästen und gegen die Einführung der Isolationshaft
zum Ausdruck zu bringen. Getragen werden die Aktionen von verschieden
Angehörigenvereinen oder vom Menschenrechtsverein IHD.
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Bayrampasa-Gefängnis,
Istanbul
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Proteste
draußen gibt es fast so zahlreich wie drinnen, fast jede Woche
findet in irgendeiner Stadt irgendeie Aktion statt. Und die Medien berichten.
Für deutsche Verhältnisse unvorstellbar, läuft abends
in den Hauptnachrichten ein Filmbeitrag über eine Protestaktion
gegen die F-Typ-Knäste vor dem Galatasary-Gymnasium in Istanbuls
Fussgängerzone, genau 19 Leute nehmen daran teil, nach ein paar
Minuten gibt es 19 Festgenommene. Die Polizei geht mit Knüppeln
gegen die Demonstrant/innen vor, die Festnahmen werden in Großaufnahme
gezeigt und am nächsten Tag kann man alles noch einmal genau in
der Zeitung nachlesen, Farbbild inklusive. Dass die Medien Proteste
totschweigen, kann man wahrlich nicht behaupten. Die türkische
Presse schreibt überhaupt gerne über Dinge, die eigentlich
niemanden interssieren und das ist leider so ein Thema. Oder soll ich
sagen, es scheint zumindest so? Diejenigen, die sich an Protesten beteiligen
sind sehr wenige und oft die selben, eine wirkliche Kampagne gibt es
in diesem Sinne nicht. Zwar veranstaltete die Anwaltskammer Istanbul
ein Symposium gegen Isolationshaft und Zellensystem, gibt es Sitzblokaden
vor Gefängnissen oder fast spaßguerillaähnliche Aktionen
wie neulich vor dem Postamt in der Fussgängerzone: Der Justizminister
jammerte, dass für die Verfolgung von Folter in der Haft Antragsformulare
nötig seien, für deren Druck aber leider das Geld fehle. Ein
paar beherzte Aktivist/innen stellten sich mit einer Sammelbüchse
vor das Postamt, um dem verarmten Justizministerium unter die Arme zu
greifen. Trotzdem wirken die Proteste und Aktionen vereinzelt und beziehen
sich kaum aufeinander. Warum die Proteste so wenig Menschen interssieren,
frage ich den Arzt des Angehörigenvereins, der dabei ist, den Blutdruck
der in Ankara Verprügelten zu messen. Nein, in dieser Einschätzung
stimme er mir nicht zu, natürlich gebe es dafür Interesse.
Punkt. Auch meine Interviewpartnerin weicht der Frage aus.
Ich
merke bald, dass es den Angehörigenvereinen kaum gelingt, in der
Öffentlichkeit zu vermitteln, warum sie gegen das Zellensystem
sind. Die Regierung verkauft das ganze Vorhaben als Reformprojekt, um
endlich Schluss zu machen mit den unerträglichen Zuständen
in den türkischen Knästen und redet deshalb auch nicht von
Zellen, sondern von Zimmern, die denen eines Luxushotels gleichen sollen.
Hauptfeind ist im Moment die Mafia, die vom Knast aus weiter ihre Geschäfte
tätigen und in der Tat nicht gerade den schlimmsten Bedingungen
unterworfen sind. Das Lieblingsargument der Regierung ist die Angleichung
an den europäischen Knaststandard - und Europa
zieht immer. Selbst einige Aktivist/innen der Solidaritätsvereine
sind mit diesem Argument überfordert. Viele, mit denen ich im Laufe
des halben Jahres, in dem ich hier bin, gesprochen habe, äußerten
mir gegenüber die Vorstellung, dass in Europa ja wirkliche Demokratie
herrsche. Im Vergleich mit den Zuständen in der Türkei ist
da auch was Wahres dran. Während insbesondere Leute über 30
mit Universitätsausbildung ziemlich gut Bescheid wissen über
die Geschichte von Isolationshaft und Widerstand in den USA und Europa,
die theoretischen Hintergründe kennen, ist der Glaube, dass die
Knastbedingungen insbesondere in der BRD, vorbildlich seien, unter den
Jüngeren und denen mit geringer Bildung weit verbreitet. Meine
Interviewpartnerin erklärt mir, dass es in Europa niemals möglich
wäre, Gefangenen das Essen durch eine Klappe zu reichen wie man
es bestenfalls bei Hunden tut. So etwas gebe es nur in der Türkei.
Einige Aktivist/innen sind auch der Meinung, weil die europäischen
Gesellschaften sehr individualisierte Gesellschaften sind, sei Isolationshaft
für eine/n durchschnittliche/n Mitteleuropäer/in vielleicht
leichter zu ertragen.
Keinesfalls aber für jemand, der eine familienorientierte Sozialisation
durchlaufen hat, wie es in der türkischen und kurdischen Kultur
der Fall ist. Wissen und Bewusstsein sind in der Szene gespalten.
Während die einen im Glauben an das demokratische Europa befürchten,
die diktatorische Türkei werde niemals europäischen Standard
erreichen, fällt die Kritk anderer fundamentaler aus.
Der
IHD kritisiert in seinen Broschüren die europäische Isolationsfolter
und bezeichnet die Methode als das, was sie ist: ein Mittel des kapitalistischen
Systems, um seine Gegner/innen durch Isolation auszuschalten. Dass Isolationshaft
und Zellensystem nicht der Hort der Menschlichkeit ist, lässt sich
auch in der kemalistischen Zeitung Cumhuriyet nachlesen.
Die Zeitungen der Angehörigen berichten ausführlich über
brutale Polizeiübergriffe gegen Gefangene und Fotos von gefolterten
Menschen. Wer es wissen will, kann es auch wissen. Körperliche
und vor allem strukturelle Gewalt gehören zum Alltag der autoritären
türkischen Gesellschaft ohne dass es eine große Diskussion
darum gibt. Neulich erschien beispielsweise ein Buch der staatlichen
Religionsstiftung darüber, wie Mann am Besten Frauen körperlich
züchtigt, nämlich bitte nicht ins Gesicht schlagen und andere
sinnvolle Tipps, aber ein Sturm der Empörung blieb aus. Auch wird
relativ offen über Folter und unhaltbare Zustände in den Knästen
geredet, nur Konsequenzen gibt es keine. Solange die nicht zu befürchten
sind, darf auch mal geredet werden. Damit kein falscher Eindruck entsteht,
die Türkei ist weit entfernt von Presse- und Meinungsfreiheit,
sei es auch in der bürgerlichsten Ausführung. Immer noch werden
Intellektuelle wegen kritischer Äußerungen zu Gefängnisstrafen
verurteilt, die Zeitung Yeni Gündem in den kurdischen
Gebieten verboten und Journalist/innen mit Prozessen überzogen.
Die
Knäste sind voll mit Menschen, die wegen lächerlicher Delikte
jahrelange Haftstrafen verbüßen müssen. Beispielsweise
der Bauer, der verdächtigt wird oder auch tatsächlich einem
PKK-Kämpfer Brot gegeben hat oder ein Halbwüchsiger, der aus
Hunger Lebensmittel gestohlen hat. Alles ist willkürlich und möglich.
Der verbliebenen Linken gelingt es kaum, den Zusammenhang herzustellen
zwischen sozialer Frage und Knast. Viele, die aktiv waren ziehen sich
frustriert ins Privatleben zurück, in der Tat kein türkeitypisches
Phänomen. Umso schwieriger sind die Bedingungen für die wenigen,
die übrig bleiben. Überhaupt drängt sich mir der Eindruck
auf, die Menschen sind ziemlich damit beschäftigt, halbwegs über
die Runden zu kommen.
Die sozialen Probleme wachsen und deren sichtbaren Auswirkungen auch.
Am 3. August berichtete die islamistische Zeitung akit über
eine Umfrage des Sozialforschungsinstituts in Ankara, nach der 94,5
Prozent der türkischen Bevölkerung ein Leben im Ausland vorziehen
würde. Die meist genannten Gründe sind soziale Probleme. Die
Türkei, ein Land mit Hurra-Patriotismus, in dem doch kaum jemand
leben will.
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