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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 7 / Herbst 2000 - Seite 5
Das Antiterrorismusgesetz braucht Schuldige
[ Inhalt Nr. 7.]
Das Antiterrorismusgesetz braucht Schuldige
Prozessbericht und Interview mit Abraham Lesperoglu, politischer Gefangener in Athen

24 Jahre Haft hat Abraham Lesperoglou kassiert, seit er am 23. Dezember letzten Jahres auf dem Athener Flughafen verhaftet wurde. Und das ist erst der Anfang. 1982 war der heute 46-jährige untergetaucht, nachdem ein Haftbefehl wegen versuchten Mordes an einem Polizisten erlassen worden war. Eine Gruppe war damals bei einem Einbruch in eine Zahnärztliche Klinik überrascht worden. Es kam zum Schusswechsel, bei dem ein Polizist schwer verletzt wurde. Zwei der Einbrecher, darunter ein Palästinenser, sagten im Verhör, der flüchtige Schütze sei der Aktivist der Palästinasolidarität Abraham Lesperoglou. Seit dem libanesischen Lagerkrieg 1976 hatte Lesperoglou in Zusammenarbeit mit linken palästinensischen Organisationen Kulturzentren und Sprachkurse für die nach Griechenland fliehenden Palästinenser/innen organisiert und illegale Flüchtlinge unterstützt. Zu der damaligen Schiesserei schweigt er bis heute, obwohl er deren Hintergründe kenne, „aus Loyalität gegenüber dem palästinensischen Kampf“.
Am 15. Mai 1985, Lesperoglou ist immer noch flüchtig, stirbt ein Mitglied der linksradikalen Organisation „Kampf gegen den Staat“, sowie drei Polizisten bei einem Feuergefecht. Zwei Kommandomitglieder entkommen. Auf einer Keksdose in der Wohnung des Erschossenen sichert die Polizei daraufhin einen Fingerabdruck des linken Aktivisten Giorgos Balafas. Nicht weiter erstaunlich, er ist schließlich der Cousin des toten Kämpfers. Aber Balafas taucht unter und wird wegen „dreifachen Mordes“ zur Fahndung ausgeschrieben, und mit ihm: Lesperoglou. In den folgenden Jahren werden die beiden Namen nach jedem Bankraub und Bombenattentat von der chronisch erfolglosen Polizei ins Spiel gebracht: wo es keine Spuren und Beweise gibt, kann es sich nur um eine neue Tat der beiden „Topterroristen“ handeln.
1992 wird Balafas gefasst und neben vielen anderen Dingen des sechsfachen Mordes angeklagt. Nach fünf Jahren Untersuchungshaft und zahlreichen Berufungsverfahren wird er in allen zwanzig Anklagepunkten freigesprochen.
So bleibt nur noch Lesperoglou übrig. In dem kommenden Prozess stehen genau die gleichen Punkte zur Anklage wie im Balafas-Verfahren. Aber während Lesperoglou in Athen als Mitglied der Gruppe „Kampf gegen den Staat” Polizisten und Staatsanwälte erschossen haben soll, arbeitete er in den Niederlanden auf dem Bau - das beteuern zumindest Beamte der Kommunalverwaltung, ein Bauunternehmer und Freund/innen, die mit Lesperoglous holländischer Ehefrau aus den Niederlanden gekommen sind, um als Entlastungszeug/innen aufzutreten. Das ganze ist ein politisch motiviertes Konstrukt, um endlich Erfolge gegen den bewaffneten Kampf vorweisen zu können, meint die Verteidigung. Eine These, die von vierzig Universitätsprofessor/innen, Abgeordneten und Journalist/innen gestützt wird, die sich als sachverständige Zeug/innen zur Verfügung gestellt haben. Auf der anderen Seite steht der massive Druck seitens der Regierung wie der US-Botschaft. Die unter Erfolgsdruck stehende Polizei behalf sich kurz vor Prozessbeginn Anfang Oktober mit der medienträchtigen Festnahme von Giorgos Balafas. Er hatte ein Solidaritätsplakat für Lesperoglou geklebt.

Anfang Oktober hatte das Athener Solidaritätskomitee einen Libertad!-Vertreter zu einer Veranstaltung über Antiterrorgesetz in Europa eingeladen. Bei dieser Gelegenheit war es möglich, ein telefonisches Interview mit Abraham Lesperoglou zu führen.


Wie sind deine Haftbedingungen?

A. Lesperoglou: Ich habe im wesentlichen die gleichen Haftbedingungen wie alle Gefangenen. In den ersten Monaten waren die Postkontrolle und die Genehmigungsverfahren für Besuche langwieriger als dies üblich ist. Das hat sich inzwischen soweit normalisiert, als dass es keine Sonderbehandlung gibt - wobei das Leben hier schlimm genug ist.

In den Medien wird behauptet, den Polizeibehörden sei dein Aufenthaltsort schon seit geraumer Zeit bekannt gewesen. Wie ordnest Du den Zeitpunkt deiner Verhaftung politisch ein?

A. Lesperoglou: Ich war sehr lange illegal. Ich habe zwar im Ausland gelebt, trotzdem musste ich immer damit rechnen, verhaftet zu werden. Dass es jetzt geschah, sehe ich im Rahmen der Anstrengungen der USA und der griechischen Regierung, ein neues politisches Klima in Griechenland herbeizuführen. Das ist in ihren Stellungnahmen in den Zeitungen nachzulesen. 18 Jahre lang hat die Polizei meinen Namen mit dem bewaffneten Kampf in Verbindung gebracht, weil sie keine wirklichen Spuren hatten. Und heute brauchen sie mehr denn je Schuldige, um das Antiterrorgesetz politisch zu verkaufen. Die Anklagen, die sie gegen mich vorbringen, gehen - bis auf eine Sache aus dem Jahr 1992 - auf Aktionen aus der Zeit vor 1985 zurück. Trotzdem hat mein Verfahren diese aktuelle und öffentliche Bedeutung.

Ein neues politisches Klima - willst Du damit sagen, dass sich das Antiterrorgesetz nur vordergründig gegen Gruppen wie der „Revolutionären Organisation 17. November“ richtet?

A. Lesperoglou: Die USA und die griechische Regierung sind sehr daran interessiert, die bewaffneten Gruppen auszuschalten. Aber es geht, so glaube ich, um mehr: Die USA wollen sich Möglichkeiten schaffen, die politische Entwicklung in Griechenland, eine für die US-Globalstrategie wichtige Region, zu beeinflussen und zu kontrollieren. Man muss annehmen, dass das Antiterrorgesetz dazu eines der Mittel ist und dass es sich gegen die Gesamtheit der Linken richtet. Die starke Feindschaft der griechischen Linken gegenüber dem US-Imperialismus spielt da sicherlich eine Rolle.

Die Öffentlichkeit stand in der Vergangenheit der Terrorismusbekämpfung kritisch gegenüber. Wie ist es in deinem Fall?

A. Lesperoglou: Ich habe, weil ich lange Zeit außerhalb Griechenlands lebte, keine präzise Auffassung von den heutigen Verhältnissen. Allgemein gesagt, die Lage ist nicht gut. Die Linke ist geschwächt, die Klassenkämpfe und sozialen Bewegungen sind zurückgegangen. Das sind schlechtere Ausgangsbedingungen für die Solidarität als noch vor einigen Jahren. Deshalb glaube ich, dass die öffentliche Meinung tendenziell negativ zu mir steht. Trotzdem gibt es eine gute Basis für die Arbeit in meinem konkreten Fall wie im allgemeinen gegen das Antiterrorgesetz: in der Vergangenheit sind die Angeklagten in solchen Antiterrorverfahren immer freigesprochen worden. Der Polizei und ihrer Version wird deshalb auch in der Öffentlichkeit wenig Glauben geschenkt.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
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