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Phantom
17. November?
Seit 25 Jahren wurde kein Mitglied der "Revolutionäre Organisation
17. November" gefasst.
Athen,
7. Juni 2000: Zwei Männer auf einem Motorrad halten neben dem Auto
von General Stephen Saunders, feuerten vier Schüsse ab und fahren
unbehelligt davon. Keine Festnahmen, keine Spuren. Die Verantwortung
für den Anschlag übernimmt die Revolutionäre Organisation
17. November. Tags darauf erklärte die Gruppe in der Elefterotypya,
der zweitgrößten griechischen Zeitung: Saunders nahm
an der Planung der barbarischen Bombardierung Jugoslawiens teil und
ist somit verantwortlich für die Ermordung tausender Zivilisten,
der Zerstörung der Wirtschaft und Infrastruktur des Landes.
Die
Gruppe 17. November trat erstmals 1975 durch die Erschießung des
Athener CIA-Chefs in Erscheinung. Seitdem hat sie 24 griechische, türkische
und us-amerikanische Politiker, Diplomaten und Militärs getötet.
Regelmäßig feuert die Gruppe auch Raketen ab, die sie aus
einer griechischen Armeekaserne entwendet hat zuletzt am 16.
Mai vergangenen Jahres auf die Privatwohnung des deutschen Botschafters.
Ihr Name verweist auf die Wurzeln der Organisation im Widerstand gegen
die Militärdiktatur. Am 17. November 1973 hatten hunderte Arbeiter/innen
und Student/innen das Athener Universitätsgelände besetzt
und damit das Ende der Diktatur der Offiziere eingeleitet, die sich
1967 an die Macht geputscht hatten.
Für Hinweise auf die Identität der Mitglieder des 17. November
bietet die griechische Polizei umgerechnet 5,8 Millionen DM, die Athener
US-Botschaft gar 11 Millionen DM. Trotzdem konnte bislang noch kein
Mitglied der Gruppe gefasst werden. Dieses Kuriosum war immer wieder
Anlass für Spekulationen über eine Verbindung der Gruppe in
die höchsten Kreise griechischer Politik, namentlich zur sozialdemokratischen
PASOK: Personen in der griechischen Regierung kennen Mitglieder
des 17. November, erklärte etwa der CIA-Chef a.D. James Wollsey
der griechischen Wochenzeitung To Pontiki nach dem Anschlag
auf den britischen General. Der amerikanische Geheimdienst verortete
in seinem aktuellen Bericht an die US-Regierung Griechenland zusammen
mit Pakistan unter den Ländern, die nicht vollständig
gegen den Terrorismus kooperieren.
Linker
Patriotismus oder
Geheimdienstkomplott?
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Skizze
nach einem Attentat der Organisation 17. November
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Die
Aktivitäten der Organisation indes sind nicht angetan, die Verschwörungstheorien
zu stützen: im März 1999 schlug eine Rakete im Zentralbüro
der PASOK ein. Die sozialdemokratische Regierung betreibe den Ausverkauf
des Landes an die USA und die EU, so die Begründung des 17. November.
Manche findige Kommentatoren sehen jedoch gerade in solchen, für
die Gruppe charakteristischen Sätzen einen Beleg dafür, dass
die Revolutionäre Organisation 17. November nicht länger
existiere, sondern die dunklen Mächte der Geheimdienste sich des
Namens bemächtigt haben. War die Diktion immer marxistisch-leninistisch
gehalten, klangen ab Anfang der 90er Jahre zunehmend patriotische Untertöne
in den Communiqués der Gruppe durch. Einen politischen Trennstrich
zum größten Teil der radikalen Linken zog der 17. November
schließlich mit seiner verbalen Unterstützung der massiven
nationalistischen Mobilisierung gegen die neue Republik Mazedonien 1994.
Dass der 17. November 1989 einen Politiker der rechtsgerichteten Nea
Dimokratia erschoss, der während der Militärdiktatur im Widerstand
gearbeitet hatte und für eine Annäherung zur Linken eintrat,
schien da nur ein weiteres Anzeichen dafür, dass es sich hier um
eine Story à la Phantom RAF handeln müsste
leider auch der linken jungle world in einem der wenigen
deutschsprachigen Beiträge zum Thema (Ausgabe vom 14.6.2000). Der
Ursprung solcher Ideen ist wohl der gleiche wie bei ähnlichen Spekulationen
um die Roten Brigaden und die RAF: die Unfähigkeit, sich
unabhängig eigener politischen Bewertung - die Tatsache einer bewaffneten
revolutionären Organisation vorstellen zu können, die in ihren
Massstäben auch noch erfolgreich ist.
Yankee
go home
Mit
ihrem patriotischen Antiimperialismus stehen die Kämpfer/innen
des 17. November jedenfalls nicht allein. In einer Meinungsumfrage bekundeten
1991 knapp 60 Prozent der Befragten, hauptsächlich Wähler/innen
der PASOK wie der Kommunistischen Partei, Zustimmung zu den politischen
Zielen der Gruppe. Solche Sympathiebekundungen sind deutlich zurückgegangen,
seit 1994 bei einem Anschlag erstmals ein Passant zu Tode kam. Dies
änderte indes wenig an der seit der US-amerikanischen Unterstützung
der Militärjunta in der Bevölkerung tiefsitzenden Ablehnung
der USA: während der Bombardierung Jugoslawiens beteiligten sich
Zehntausende an Blockaden der NATO-Stützpunkte, die Transportarbeitergewerkschaft
sperrte griechische Schienenstrecken und Häfen für US-amerikanisches
Kriegsgerät. Als US-Präsident Clinton im November 1999 die
wie er sagte traditionelle griechische Gastfreundschaft
in Anspruch nehmen wollte, sahen sich die Sicherheitskräfte gezwungen,
den Präsidentenkonvoi durch Vororte zu geleiten, da die Innenstadt
von 20 000 wütenden Demonstrant/innen blockiert war.
Das neue Antiterrorgesetz
Damit
soll jetzt Schluss sein; so will es die Regierung, die das Land durch
einen radikalen Sozialabbau in die Euro-Zone katapultierte und die Olympiade
2004 nach Athen geholt hat. Ein kürzlich geschlossenes polizeiliches
Abkommen mit den USA erlaubt es US-Antiterrorspezialisten, auf eigene
Faust in Griechenland zu ermitteln. In Athen will man außerdem
Großbritannien für eine europäische Initiative gewinnen,
so Außenamtssprecher Panos Beglitis: Der Terrorismus ist
kein lokales Problem. Wir müssen ihn auf EU-Ebene angehen.
Zunächst allerdings soll ein griechisches Antiterrorgesetz, vergleichbar
dem deutschen Paragraphen 129a, auf den Weg gebracht werden. 1991 hatte
die damals konservative Regierung bereits einmal versucht, ein solches
Gesetz verabschieden zu lassen. Ungeachtet politischer Unterschiede
brachten damals die großen Tageszeitungen, denen der Abdruck der
Communiqués des 17. November untersagt werden sollte, das Vorhaben
zu Fall. Auch heute ist das Gesetzesprojekt, dessen Text bislang geheimgehalten
wird, heftig umstritten. Das Antiterrorgesetz wird die demokratischen
Rechte der Bürger außer Kraft setzen und die Strafprozessordnung
zum Nachteil des Volkes manipulieren, befürchtet Costas Papadakis
aus dem Vorstand der Anwaltskammer: Und das, betont der
Anwalt, werden wir auf keinen Fall hinnehmen.
Kernstück des neuen Gesetzes wird, so Papadakis, die Abschaffung
der Schöff/innen in politischen Verfahren sein. Die vier Schöff/innen
hatten in mehreren Antiterrorverfahren die drei Berufrichter/innen überstimmt
und die Anklage abgewiesen. Das Ergebnis: von den 146 Bombenanschlägen
und Schusswaffenattentaten seit 1975 ist nur eines aufgeklärt
- und dies nur deshalb, weil der Anarchist Nikos Maziotis nach seiner
Festnahme 1998 unumwunden erklärt hatte, er sei für einen
Bombenanschlag auf das Finanzministerium verantwortlich. Maziotis wurde
in erster Instanz zu 15 Jahren Haft verurteilt.
Wusste
die Stasi alles?
In
Sachen 17. November hoffen die griechischen Ermittler nun auf deutsche
Unterlagen. Der Innenminister erklärte noch kurz vor dem letzten
Anschlag, er sei in Besitz eines MfS-Dokuments, das die Mitgliederstruktur
des 17. November offen lege. Es ist nicht bestätigt, aber wahrscheinlich
handelt es sich dabei um ein Dossier, dass die US-amerikanische Botschaft
der griechischen Polizei im März 2000 offiziell übergeben
hat. Dort sind 60 griechische Terrorismus-Verdächtige
vermerkt, die so schlugen die US-Diplomaten vor einer
DNS-Analyse unterzogen werden sollten. Die Daten sollten dann mit dem
Blut verglichen werden, dass in einem Fluchtfahrzeug nach dem gescheiterten
Anschlag auf den deutschen Botschafter letztes Jahr sichergestellt wurde.
Die griechische Polizei allerdings hielt das Ansinnen für nicht
verfassungskonform. Und der 17. November höhnte, die Polizei
könne anhand der Stasi-Liste ohnehin nur einige der üblichen
Verdächtigen verhaften.
Die
letzte Erklärung der Revolutionären Organisation 17. November
vom Juni 2000 ist auf deutsch bei So oder So-online zu finden:www.sooderso.de/online/juli/17n0300.htm
Die Rede
des Libertad!-Deligierten während der Athener Veranstaltung
wurde auf der Libertad!-Seite im Internet veröffentlicht.
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