Mumia Abu Jamal
Anwälte berichten über den Stand des juristischen Verfahrens
Am 8. August verwarf
Bundesbezirksrichter William H. Yohn Jr. vier "amicus curiae briefs"
('friends of the court'), d.h. Rechtsgutachten sachverständiger
Berater des Gerichts, die zur Unterstützung von Mumia Abu Jamal
eingereicht worden waren. Die Entscheidung ist nach Meinung von Pam
Africa ("International Concerned Family & Friends of Mumia
Abu-Jamal") präzedenzlos. Sie stellte fest, dass die Gutachten
Rechtsfragen behandelten, die für Jamals schwebendes Berufungsverfahren
von entscheidender Bedeutung sind.
Africa sagte, dass Yohn keine Stellungnahme abgegeben habe, als zwei
Rechtsgutachten Anfang des Jahres eingereicht wurden. Eines der Rechtsgutachten
wurde im Namen der National Lawyers Guild, der National Conference of
Black Lawyers und anderer Anwaltsgruppen eingereicht. Das andere wurde
gemeinsam von der National Association for the Advancement of Colered
People-NAACP und der Pennsylvania American Civil Liberties Union verfasst.
Anders aber reagierte Richter Yohn, als 22 Mitglieder des britischen
Parlaments und die Chicana/Chicano Studies Foundation aus Los Angeles
diesen Sommer zwei weitere Gutachten einreichten.
Heben Sie Mumias
Verurteilung auf!
Die letzten beiden
Gutachten behandeln eingehend die Ablehnung des Rechts von Jamal, sich
1982 selbst zu verteidigen, als er wegen Mordes an dem Polizisten Daniel
Faulkner aus Philadelphia zum Tode verurteilt wurde. Unterstützer
des preisgekrönten Journalisten und ehemaligen Black Panther sagen,
dass das rassistische Polizeidepartment von Philadelphia falsche Anschuldigungen
gegen ihn erhoben habe. Das Rechtsgutachten der Chicana/Chicano Studies
Foundation präsentiert außerdem Jamal und seinen Unterstützern
bisher unbekannte Beweise für eine Verschwörung zwischen dem
vom Gericht bestellten Pflichtverteidiger Anthony Jackson, dem Richter
Albert Sabo und dem Staatsanwalt Joseph McGill. Das Rechtsgutachten
fordert, dass die Verurteilung von Mumia Abu-Jamal aufgehoben wird.
Bei Zurückweisung der Rechtsgutachten sagte Yohn: "Ich werde
die Verfahrensanträge als unnötig und nicht hilfreich ablehnen."
"Er sagt, er habe sie nicht durchgesehen, obgleich diese Gutachten
doch plötzlich Handlungsbedarf zu erzeugen schienen," stellte
Marlene Kamish, eine Anwältin der Chicana/Chicano Studies Foundation
auf einem US-weiten Treffen von Unterstützergruppen am 23. September
fest.
Der Verteidigung
Kollaboration vorgeworfen
Kamish schilderte
Protokolle über Besprechungen zwischen Jackson, Sabo und McGill
in den Beratungsräumen des Richters, in denen sie diskutierten,
wie sie eine Verurteilung erreichen könnten, die gegen eine Berufung
abgesichert sei. Die Protokolle beweisen zudem, dass Jackson Jamals
Verteidigungsstrategie mit dem Staatsanwalt und dem Richter besprach.
Die Weigerung des Gerichts, Jamal zu gestatten, sich selbst zu vertreten
oder John Africa als Rechtsberater im Gerichtssaal zu haben, wird in
dem Rechtsgutachten der britischen Parlamentsmitglieder behandelt. Kamish
erläuterte, dass der damalige Reporter Jamal fünf Monate vor
seinem eigenen Prozess den Gründer der Organisation MOVE, John
Africa, sich selbst wirkungsvoll vor einem Bundesgericht verteidigen
und als freier Mann herauskommen gesehen hatte. Als er im Kampf um sein
eigenes Leben stand, rang er um das Recht, jemanden, dem er vertraute,
neben sich sitzen zu haben, um bei seiner Verteidigung zu helfen.
Sabo verwarf Jamals Antrag, Africas Beistand zu erhalten. Stattdessen
bestimmte er Jackson, am Tisch der Verteidigung zu sitzen und ließ
ihn letztlich trotz wiederholter Einwände von Jamal den Fall übernehmen.
"Oft wird gesagt, das Problem sei gewesen, dass Jackson untauglich
gewesen sei", bemerkte Pam Africa. "Tatsächlich jedoch
war er sehr tauglich - allerdings nur für die Anklage, nicht für
die Verteidigung." Africa und Kamish sagten, Jackson habe keine
Eingangserklärung im Namen von Jamal abgegeben. Er unterließ
es, Hauptzeugen vorladen zu lassen, darunter den Polizisten Wakshul,
dessen Zeugenaussage die fingierte Geschichte der Anklage vom "Geständnis"
hätte widerlegen können. Auch weitere Leumundszeugen in der
Strafzumessungsphase des Verfahrens wurden versäumt zu benennen.
Leumundszeugen
Das Gutachten der
Chicana/Chicano Studies Foundation legt auch zwingende Beweise aus Abu-Jamals
Anhörungen in der nachträglichen Entlastungsberufung im Jahre
1995 vor. Damals präsentierte die Verteidigung, nun von dem bekannten
Bürgerrechtsanwalt Leonard Weinglass geleitet, einige zur Person
des Angeklagten zu hörende Zeugen, darunter den verstorbenen Abgeordneten
des Staates Pennsylvania, David P. Richardson, dessen Zeugenaussage
die Grundlage für eine Aufhebung der Todesstrafe hätte sein
müssen. Die Zeugen sagten alle, dass sie 1982 zu einer Zeugenaussage
bereit waren, Jackson sie aber nie aufgerufen habe.
Ihre Aussagen über Jamals mitfühlendes, nichtgewalttätiges
Wesen waren so glaubhaft, dass der Bezirksstaatsanwalt in der Berufungsanhörung
einräumte, es sei für Jamal "nicht charakteristisch,
einen Mord zu begehen.
Kamish erläuterte, dass es keine Veranlassung gebe, die Todesstrafe
zu beantragen, wenn der Angeklagte nicht vorbestraft ist, und nachweislich
anderen Menschen wertvoll ist, Beziehungen und Bindungen in seiner Gemeinde
hat und einen nichtgewalttätigen Charakter besitzt.
Sabo, der auch in der Berufung von 1995 den Vorsitz führte, entschied
"unbegründet und irrtümlich", dass die strafmildernden
Beweise in der nachträglichen Entlastungsberufung (PCRA) "irrelevant"
seien, sagte Kamish, obgleich die Anklagevertretung ihre Relevanz einräumte.
Im Jahre 1982 bewerkstelligte Sabo unter Mitwirkung von Jackson und
McGill die Ablösung einer schwarzen Geschworenen. Diese Geschworene
war die einzige, die von Jamal während der zwei Tage, als ihm gestattet
war, als sein eigener Verteidiger zu handeln, ausgewählt worden
war. Sabo ersetzte die Frau durch einen weißen Mann, welcher der
Obmann der Geschworenen wurde, obgleich der Mann dreimal zugab, dass
er nicht unparteiisch sein könne. Dazu bemerkte Kamish: "Er
hatte nicht im geringsten das Recht, seinen Mann einzusetzen. Sabo trieb
bei der Zusammensetzung der Jury ein abgekartetes Spiel."
Betsey Piette, Philadelphia
Workers World Newspaper, 5.10.2000,
Die genannten Rechtsgutachten und weitere Informationen sind im Internet
abrufbar unter: http://www.mumia2000.org.
Am Tag X sind Aktionen geplant. Ankündigung unter: http://www.mumia.de
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