| Editorial: Faschismusverbot
für alle
Sommertheater war
es nicht, dass - voran die Schröder-Fischer-Regierung - in diesen
Monaten zum Widerstehen und Gesicht zeigen aufgerufen wurde.
Es ist ernst gemeint, denn langsam erweisen sich die rassistischen und
antisemitischen Übergriffe und Parolen als Investitionshemmnis.
Und das, nachdem diese Regierung zusammen mit deutschen Industriellen
gerade die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter/innen und damit
den Handels- und Täterschutz geregelt hatte. Die Erben der damaligen
Industriebosse entblöden sich nicht mal, Berufsverbot für
Neo-Nazis zu fordern, während die Innenminister ein NPD-Verbot
wirkungsvoll inszenieren wollen. Das haben nicht nur die Gruppen aus
dem DKP-Spektrum jahrelang gefordert, auch die radikalere Linke war
mit Verbotsforderungen immer schnell zu Hand. Das macht jetzt die Regierung,
aber was in dieser öffentlichen Diskussion alles thematisiert wurde,
von der Gesichts- und Haarschnitt- bis zur Gesinnungskontrolle in Betrieben
und Schulen, ist selbst dicht an der Gemütslage derer, die man
verbieten will. Das kann auch kaum anders sein, wenn es stimmt, dass
Rassismus aus der nunmehr anständigen Mitte der Gesellschaft
kommt. Das eine gebärt das, was es auch verboten haben will. Deshalb
war es folgerichtig, dass der jüdische Kommunist Peter Gingold
auf der Demonstrationen zum 20. Jahrestag des faschistischen Oktoberfest-Bombenanschlags
in München ein Faschismus-Verbot für alle forderte.
Denn, was in diesem Land virulent ist, ist nicht durch die Kreierung
von nützlichen Ausländern, die dem Fremdenfeindlichkeitsimage
Deutschlands abhelfen sollen, aufzuheben. Asyl- und Sozialpolitik ist
Sicherheitspolitik.
Daher hat die autoritäre Formierung von oben und die rassistische
Gewalt von unten nicht nur Migranten und Flüchtlinge zum Angriffsziel,
sondern auch die sozialen Parias der vermeintlich eigenen
Gesellschaft. Dass die Mehrheit der in den vergangenen zehn Jahren von
Nazis und Skinheads Erschlagenen deutsche Obdachlose, Rentner und Sozialhilfeempfänger
waren, liegt allemal genauso im gesellschaftlichen mainstream, taucht
aber in dieser Diskussion gar nicht auf.
Süffisant bis
rassistisch ist die Haltung einiger linker Presseerzeugnisse zum Konflikt
in Palästina. Ob konkret oder jungle world
- einig ist man sich dort, dass ein "randalierender islamistischer
Mob" nur den Anlass brauchte, den Scharon mit seiner Provokation
auf dem Tempelberg lieferte, um sich an den Juden auszutoben. Weit über
hundert tote Palästinenser in wenigen Wochen - das haben sie sich
selber zu zuschreiben. Denn ein Recht auf Widerstand gegen Unterdrückung
haben nur diejenigen, deren Unterdrückung nicht zugleich deutscher-dings
gerechtfertigt ist. Die Legitimierung der expansionistischen Politik
Israels mit dem Holocaust, macht die Palästinenser zum Kanonenfutter
im Kampf um die linke weiße Weste. Da geht jeder Anstand flöten;
da kann die seit 50 Jahren andauernde Vertreibung und Besatzung nicht
mal als Folge der deutschen Verbrechen anerkannt werden. Könnte
ja sein, dass daraus eine Verpflichtung erwachsen würde. Stattdessen
schlägt es in rassistischen Hochmut und Verschwörungswahn
um: die Palästinenser bedrohen nämlich gemeinsam mit den großen
deutschen Medien, die diesmal die vielen toten Palästinenser nicht
völlig verschweigen, und den USA, die Israel opfern wollen, angeblich
die jüdische Heimstatt. Da ist dann jedes Mittel Recht. Zumindest
das des Verschweigens und Manipulierens der Nachrichten: Scharons Provokation
auf dem Tempelberg wird verniedlicht zur privaten Visite, die nur religiöse
Fanatiker empörend finden können. Tatsächlich kam Scharon
in Begleitung von 1.200 Soldaten und Polizisten. Und es
war die gleiche Haltung wie 1982, als der Feldherr Scharon vor Beirut
das Abschlachten von 1.500 palästinensischen Zivilisten in den
Lagern Sabra und Schatila in nur einer Nacht im Flutlicht der Zahal-Armee
geschehen ließ. Damals wollte der jüdische Dichter Erich
Fried Scharon nur noch einen Massenmörder genannt wissen,
heute taugt die "Schändung des Joseph-Grabes" zum Beweis
des grundlegenden Antisemitismus der palästinensischen Araber.
Tatsächlich galt der Angriff in erster Linie einem Siederlervorposten,
den jüdische Klerikale zum, auch in Israel nicht anerkannten, Josephs
Grab deklarierten, besetzten und zur militärischen Enklave
ausbauten. Der Lynchmord an zwei israelischen Reservisten war die Rechtfertigung
für die Bomben auf palästinensische Städte und Dörfer.
Am Vorabend von Yom Kippur kam es in verschiedenen Städten in den
besetzten Gebieten, aber auch innerhalb Israels zu Pogromen gegen Palästinenser
und palästinensische Israelis. Dabei wurden mindestens fünf
Menschen ermordet. Man stelle sich vor, die syrische Luftwaffe hätte
daraufhin Tel Aviv bombardiert. Nach dem Treffen von Scharm El-Shaikh
wird über einen Waffenstillstand geschrieben, den Barak
gefordert und den Arafat nicht habe durchsetzen können. Ein Waffenstillstand
aber ist ein Abkommen zwischen zwei Armeen - zwischen einer Besatzungsmacht
und der von ihr okkupierten Bevölkerung ist ein Waffenstillstand
undenkbar.
Eine Linke, die
als gesellschaftliche Offensivposition längst nicht mehr existiert,
will von all dem nichts mehr wissen. Sie schweigt, relativiert oder
verteidigt ohne Skrupel israelische Heckenschützen und marodierende
jüdische Siedler. Aber genau darum geht es: Wenn die angeblichen
Feinde des Nationalen zu Freunden der Vaterlandsverteidiger werden,
dann wird die geleugnete "nationale Frage" genauso funktionalisiert
wie die Menschenrechtsfrage. Je nach Bedarf. Und es geht, zumindest
solange wie andere und nicht man selber die Folgen zu tragen hat. Die
Konsequenz dieser Logik ist die Heimkehr zu einer Staats- und Herrschaftsapologetik,
die in Israel das letzte Opfer der neuen Weltordnung (konkret)
und in der Rebellion der Entrechteten den randalierenden Mob
(jungle world) sieht. Und auf den kann nur geschossen werden - scharf,
versteht sich. Da sind dann niedergeschossene Kinder nicht mehr Opfer
eines israelischen Staatsterrorismus, sondern ein heiß ersehntes
Corpus delicti, das die ganze Bösartigkeit der Israeli beweist
(Gremlitza) - soviel schamlos-linke Menschenverachtung war selten.
1891 besuchte Achad Haam - einer der Begründer des kulturellen
Zionismus - Palästina. Über die europäischen Siedler
schrieb er unter dem Titel Die Wahrheit aus Palästina:
Sklaven waren sie in der Diaspora, plötzlich fanden sie sich
in Freiheit, und dieser Wandel rief in ihren eine Neigung zum Despotismus
hervor. Sie behandeln die Araber mit Feindschaft und Grausamkeit, sie
entziehen ihnen ihre Rechte, beleidigen sie grundlos und protzen dazu
noch mit ihren Taten. Und keiner von uns stellt sich gegen diese verachtungswürdige
und gefährliche Situation. Dem ist nicht mehr hinzuzufügen.
Gibt es von dem
bis hierhin Gesagtem eine Verbindung zu den Aktivitäten von Libertad!
? Ja, denn es nennt die Grenzen unseres Handelns und Einflusses, zeigt
die Nähe zum ohnmächtigen Kommentar, auch wenn es uns empört.
Ja, denn es macht Mühe angesichts dessen nicht zynisch zu werden.
Nichtsdestotrotz gilt der neuen palästinensischen Intifada unsere
Solidarität. Sie beinhaltet nicht die Zustimmung zu den Zielen
aller Gruppierungen der Widerstandsbewegung, sondern verteidigt das
grundsätzliche Recht der Revolte gegen jegliche Art von Zwangsherrschaft
als Ausgangspunkt sozialer Emanzipation. Auch in Palästina und
gegen Israel. Denn nur dann wird Solidarität nicht taktisch und
kann berechtigte Kritik konkret werden. Alles andere ist Identitätsideologie
bzw. deren Rechtfertigung.
Die Redaktion
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