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Türkei:
Gefängniskonferenz in Ankara
Ende
Januar veranstalteten die Menschenrechtsvereine IHD eine zweitägige
Konferenz über die Gefängnisprobleme in der Türkei. Am
Samstag (29.1.) trafen sich vielleicht 120 Aktivist/innen der verschiedenen
Sektionen und Komitees des IHD im IHD-Büro in Ankara. Eröffnet
vom IHD-Vorsitzenden Hüsnü Öndül tagten verschiedene
Arbeitsgruppen den Tag über. Sie behandelten u.a. den geschichtlichen
Prozeß der Bestrafung und das Vollzugssystem in der Türkei,
Gesundheitsprobleme und Verletzungen im Kommunikationsbereich. Eine
Arbeitsgruppe beschäftigte sich insbesondere mit den geplanten
neuen Isolationsgefängnissen.
Türkei
eröffnet Isolationsgefängnisse
Am
6.1.2000 veröffentlichten die türkischen Behörden ein
Dekret, nachdem bis Mai die Isolationsgefängnisse vom Bautyp F,
dem sog. Europa-Standard, in Betrieb genommen werden. Neben dem Anfang
der 90er erbauten Prototyp in Eskisehir stehen sechs weitere Isolationsgefängnisse
bereit. Weitere sechs neue Gefängnisse sollten innerhalb von zwei
Jahren gebaut werden. Kartal in Istanbul wird derzeit als erstes Isolationsgefängnis
belegt.
Frühere
Versuche zur Belegung der Isolationsgefängnisse scheiterten insbesondere
am Widerstand der politischen Gefangenen. Beim Hungerstreik 1996 sagte
die türkische Regierung zu, die Isolationszellen nicht zu belegen,
nachdem bereits 12 politische Gefangene gestorben waren. Inzwischen
hat sich die Politik gegenüber den politischen Gefangenen wieder
verschärft. Am 26.9.1999 wurden im Ulucanlar-Gefängnis von
Ankara 11 Gefangene mit Maschinengewehren und Gasbomben umgebracht.
Seit dem 11.1. wird 85 der überlebenden Gefangenen dieser Blutnacht
in Ankara der Prozess gemacht. Die Staatsanwalt fordert 1x die Todestrafe
sowie Haftstrafen bis zu 47 Jahren - aus Opfern sollen Täter werden.
Die eigentlichen Mörder, die staatlichen Antiterror-Einheiten waren
bereits im Vorfeld mit Belobigung freigesprochen worden.
Für die türkische Regierung scheint die Zeit scheint günstig
zu sein, um die neuen Gefängnisse heute durchzusetzen. Auf der
einen Seite läuft über die Medien eine Propaganda, die die
Reform des Vollzugssystems als Modernisierung und Anpassung an europäische
Maßstäbe anpreist - während gleichzeitig die Verhetzung
gegen die politischen Gefangenen betrieben wird: Die Gefangenen würden
bessere Bedingungen bekommen als in einem Luxushotel.
Die ersten Isolationszellen sind bereits belegt, quasi als Testläufe.
Zunächst wurde die am 26.10.1999 festgenommene "Friedensdelegation"
der PKK-Führung nach Kartal gebracht. Vor kurzem haben die Sicherheitskräfte
dann Gefangene einer islamischen Gruppe (IBDA-C) angegriffen, einen
Gefangenen ermordet und den Rest nach Kartal verlegt. Angehörige
der Mafiabanden werden dorthin gebracht. Die türkischen Medien
berichten groß über ihre modernen und luxuriösen Zellen.
So wird die Öffentlichkeit manipuliert.
Die Diskussion in der Arbeitsgruppe zu den Isolationszellen zeigte auf,
daß es in der Türkei wenig Erfahrungen mit Isolations- bzw.
nicht einmal mit Einzelhaft gibt. Im Prinzip sind die Gefangenen nie
allein, auch nicht die politischen Gefangenen sobald sie nach der Folter
in die Gefängnisse überstellt wurden. Dort leben sie in großen
Gemeinschaften, meist, sofern sie einer Organisation angehören,
auch nur mit Gefangenen der eigenen Organisation. Allein die Durchsetzung
eines Strafvollzuges basierend auf der Einzelhaft, ist eine grundlegende
Strukturveränderung - und greift tief in das Leben der Gefangenen
und ihrer Angehörigen ein. Gerade letztere spüren die Gefahr,
die für Lebens und Gesundheit der Gefangenen von dieser "Reform"
ausgeht. Sie artikulieren ihre Angst, aber auch ihre Bereitschaft mit
allen Mitteln gegen diese "Europäisierung" zu kämpfen.
Die Konferenz zeigte auf, daß die Menschenrechts-, Angehörigen-
und Gefangenengruppen kaum Wissen über die Methoden und Zwecke
der Isolationshaft in anderen Ländern haben. Eingeladen war ein
Vertreter von Libertad!, der selber jahrelang in deutscher Isolationshaft
war. Mit großen Interesse, aber auch Beunruhigung, wurden die
Berichte und Erfahrungen aufgenommen. In den Gesprächen mit ehemaligen
Gefangenen wurde aber auch eine sehr oberflächliche Haltung gerade
auch der Gefangenen gegenüber dem Problem der Einführung der
Isolationshaft deutlich. Daß z.B. die Organisierung des Gefangenenkampfes
aus der Isolation heraus eine völlig andere Sache ist, als wenn
schon 20 - 50 Gefangene zusammen sind, war nicht präsent. Ungebrochen
siegessicher wird vor allem auf die Bereitschaft notfalls im Kampf zu
sterben gesetzt.
Atatürk
schaut zu: 2. Tag der Konferenz
Am
darauffolgenden Tag fand in einem großen Kultursaal in Ankara
eine mit 600 Personen gut besuchte Veranstaltung statt. Zum Teil mit
Bussen waren Besucher/innen aus anderen Städten und Landesteilen
extra angereist. Die Veranstaltung verlangte vom Publikum große
Geduld und Disziplin. Um 9.30 Uhr morgens wurde sie vom IHD-Vorsitzenden
eröffnet und abends um 17.30 Uhr mit einer kurzen Zusammenfassung
beendet. Nur durch ein 20minütigen Sketch über Isolation in
der Gesellschaft unterbrochen, folgte eine Rede auf die nächste.
Über dem Podium thronte eine Maske von Atatürk und schaute
auf das Publikum herab. Wohl an die 60 Reden wurden gehalten. Es sprachen
Vertreter/innen (aber meistens Männer) verschiedener demokratischer
Organisationen oder Sektoren: zum Beispiel von der Anwalts- und Architektenkammer,
Gewerkschaften, ein ehemaliger Gefängnisstaatsanwalt usw. Sie machten
deutlich, daß eine Demokratisierung des Gefängnissystems
notwendig ist, zugleich wurde aber die Isolationshaft abgelehnt. Es
folgten die Vertreter der verschiedensten linken Parteien, Angehörigenorganisationen,
ehemalige Gefangene und einzelner IHD-Büros. Für Unmut im
Publikum sorgte die Leitung, nachdem sie ausgerechnet bei den Angehörigen
anfing auf kurze Reden zu drängen. Die Reden der demokratischen
und politischen Vertreter waren zeitlich nicht beschränkt, obwohl
sie nur als Ausnahme den Charakter von Fensterreden verließen.
Da war der ehemalige Staatsanwalt und ein Vertreter einer Gewerkschaft
des Gefängnispersonals sehr konkret und konstruktiv. Unter großem
Beifall empörte sich ein Vater eines Gefangenen, daß ausgerechnet
ihnen, die bereit sind sich für die Gefangenen die Köpfe einschlagen
zu lassen, die Redezeit gekürzt wird. Eindrucksvoll war auch der
Auftritt einer ehemaligen Gefangenen, die 1996 mit im Hungerstreik war
und an dessen Folgen (Knochenschwund) noch heute leidet. Nur gestützt
und auf Krücken konnte sie aufs Podium kommen, wollte es sich aber
nicht nehmen lassen, durch ihr Auftreten deutlich zu machen, daß
ehemalige Gefangene nicht zur Passivität verdammt seien.
Ursprünglich war die Veranstaltung als öffentliche Präsentation
der Diskussionen und Ergebnisse der zuvor tagenden Arbeitsgruppen gedacht.
Das trat völlig in den Hintergrund. Insgesamt brachte die Veranstaltung
kaum konkrete Vorschläge, wie auf die Ankündigungen und Absichten
der türkischen Regierung zu reagieren sei. Angemerkt werden muß
auch, daß die eigeladenen ausländischen Gäste (Human
Rights Watch, Libertad! und ein deutscher Autor türkischer Nationalität)
auf der Veranstaltung nicht sprechen durften. In der Türkei bedarf
es dafür die Genehmigung des Innenministeriums. Aus der Befürchtung,
die ganze Veranstaltung könnte vielleicht verboten werden, unterließ
es der IHD dies zu beantragen; er unterließ es aber auch den Eingeladenen
rechtzeitig mitzuteilen, daß sie nicht sprechen könnten.
Die
geplante, und teilweise schon begonnene, Einführung der Einzel-
und Isolationshaft in der Türkei, wird die Bedingungen des Kampfes
der Gefangenen drastisch verändern. Wie in Deutschland und anderen
Ländern, geht es auch der Regierung der Türkei darum über
diese eher "stille" Form der Folter die Kritik an den Haftbedingungen
auszuhebeln und gleichzeitig eine effektive Waffe gegen die politischen
Gefangenen zu haben. Der Angriff auf die Gemeinschaften der politischen
Gefangenen wird mit aller Härte geführt, wie die ständigen
militärischen Übergriffe seit dem Massaker vom September letzten
Jahres zeigen. Für den Mai, wenn die Belegung der Isolationsknäste
im größeren Maßstab beginnen soll, rechnen Angehörige
und Menschenrechtsgruppen in der Türkei mit vielen Toten und Schwerverletzten
unter den Gefangenen.
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