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Unser
Tag wird kommen
von Mitxel Sarasketa
In einer Zelle eingeschlossen
zu sein, zehn Jahre, zwanzig
Viele glauben, daß hieße außerhalb der Zeit zu sein.
Sie glauben, die Zeit würde im Knast abgeschnitten
Als ob sie ein Faden wäre...
Sie haben uns mit unseren Überzeugungen eingesperrt,
Und wer weiß, daß sein Kampf ihn in einen Knast bringen
kann
Paßt sich sofort
Den neuen Formen des Kampfes an, die die Zelle verlangt.
Sie können den Körper festhalten,
Aber die Überzeugungen durchbrechen die Mauern.
Wer in der Zelle ist, ist Teil der Gesellschaft,
Die Zeit hinterläßt Spuren auf seinem Körper und in
seinem Geist.
Und zusammen mit der Zeit, auch die Welt.
Und sei es nur durch einen Faden,
Der politische Gefangene ist immer mit seinem Volk verbunden.
Auch von der Zelle
aus kann man die Welt sehen.
Ich will damit sagen, um die Welt zu sehen, um von ihr zu lernen
Dafür ist die Zelle nicht der schlechteste Ort,
Die zehn- oder zwanzigjährige Gefangenschaft nicht die schlechteste
Schule.
Wir haben die Welt von der Zelle aus gesehen,
Mit dem Abstand, den die objektive Perspektive verlangt.
Wie der Astronaut von seinem Schiff die Erde sieht,
Sehen wir das Baskenland:
Ein kleines, einsames, schwaches Baskenland...
Und gleichzeitig so schön.
So habe ich
Mein Volk gesehen seit meiner Verhaftung vor zwanzig Jahren.
Ich war weit weg,
Aber nicht hinter dem Mond:
In meiner erzwungenen Entfernung,
In meiner erzwungenen Isolation,
Mit meinen Möglichkeiten
War ich ein Teil des Prozesses und der Dynamik eines Volkes.
In dem Rahmen, der mir zukommt, bin ich auch verantwortlich
Für die Fehler und Schwächen meines Volkes.
In dem Jahr, als sie
mich einsperrten,
Hatte der Kampf gegen Lemoiz noch nicht gesiegt
In diesem Jahr starb David Alvarez Pena
Als er unserem Volk Sauerstoff zu geben versuchte.
Das Jahr, in dem sie mich einsperrten,
Feierte man das erste Mal in Bilbo den Aberri Eguna
Nach vierzig Jahren der Stille.
In dem Jahr, in dem sie mich einsperrten,
War Nelson Mandela schon sechzehn Jahre in seiner Zelle.
In dem Jahr, in dem sie mich einsperrten,
hatten die Sandinisten Somoza noch nicht bezwungen.
In dem Monat, als
sie mich einsperrten,
Dieser Dezember 1978,
Wählten die Spanier die Verfassung, die sie heute haben.
Im Süden des Baskenlandes lehnte die Mehrheit sie ab
Bei einer Stimmenthaltung von 56 Prozent.
Ich bin sicher, daß
meine Aktivität vor meiner Verhaftung
Zu tun hatte
Mit der Ablehnung dieser Verfassung durch mein Volk.
Heute, einundzwanzig Jahre danach, glaube ich, daß die Bewohner
der Zellen, die Gefangenen
Etwas mit dem Verlauf dieses Prozesses zu tun hatten:
Diese Ablehnung der Verfassung,
Wir haben sie Tag für Tag wiederholt,
Diese große Enthaltung
Verwandeln wir jetzt in unseren eigenen politischen Rahmen.
Ich glaube, daß
diese Ablehnung konstruktiv war
Weil auch in den härtesten Momenten
Diejenigen, die sich am mutigsten dieser Verfassung entgegenstellten
Ihre Zeit zu leben und zu nutzen wußten
Indem sie im klaren Bewußtsein des politischen Ziels kämpften:
So ist diese neue Epoche geboren worden.
In diesem Jahr, in
dem sie mich aus der Zelle holten
Befindet sich die Welt im beständigen Kampf
Zwischen jenen, die für die Freiheit des Menschen und
Jenen, die für die Freiheit, den Menschen zu zertreten, stehen:
Nelson Mandela hat die Hoffnung eines neuen Afrikas gebracht,
Die Sandinisten müssen versuchen, neue Wege zu finden
Damit die Kinder Nicaraguas Milch trinken können.
In diesem Jahr, in dem sie mich aus der Zelle holten,
Konnte ich direkt und lebendig sehen,
Daß mein Volk nicht außerhalb der Zeit gelebt hat,
Daß die Zeit der beiden Statute
Es nicht bezwingen und nicht zum Aufgeben bringen konnte.
In diesem Jahr, in dem sie mich aus der Zelle holten,
Bestätige ich die Gedanken, die ich drinnen hatte:
Daß die Arbeit von fast dreitausend Basken,
Die die spanischen und französischen Gefängnisse kennelernen
mußten,
Keine folgenlose Anstrengung war.
Was soll ich ihnen
jetzt sagen,
Den Freunden, die ich in der Zelle zurückließ,
Jenen, die mich jetzt aus dieser Entfernung sehen,
Von der aus ich bis vor kurzem euch gesehen habe?
Was ich ihnen sagen will, ist:
Das Baskenland ist ein Gefangener,
Aber ein kämpfender Gefangener.
Das Baskenland will frei sein
Und es hat die politische Reife dafür.
Und weil die Überzeugungen die Mauern durchbrechen
Können wir sagen, was Bobby Sands sagte:
Tiocfaid ar la... Unser Tag wird kommen!
Der Tag kommt,
An dem sie das Baskenland aus dieser Zelle holen müssen,
Und an diesem Tag der offenen Türen
Werden sie uns statt der Freiheit
Eine größere Zelle anbieten;
Die Staaten ersinnen neue Fallen
Damit wir uns eingewöhnen
In ihren politisch-juristischen Gefängnissen.
Dieser Tag wird kommen, ja,
Und weil das Baskenland seine politische Reife erlangt hat,
wird dieser Tag weitere Tage bringen:
Wir müssen hart arbeiten,
Um den Menschen,
Die die Unabhängikeit und den Sozialismus für schöne
Utopien halten, zu zeigen,
Daß die Unabhängigkeit und der Sozialismus keine Utopien,
Sondern notwendige Bedingungen sind,
Um als Volk zu überleben,
Um weiter als freie und solidarische Menschen in dieser Welt zu leben.
Mitxel Sarasketa
Zubiarrementeria verlas dieses Gedicht auf einer Solidaritätsveranstaltung
im Dezember 1999. Er war ein Jahr zuvor nach 20 Jahren Haft entlassen
- auf Bewährung bis ins Jahr 20005
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