Sigurd
Debus: Über Subjektivität
(aus einem Brief vom 19.7.1980)
Der Vorwurf des
"Subjektivismus" ... Es wird dabei zwischen den Begriffen
Subjektivismus und Subjektivität kein Unterschied gemacht, obwohl
es Gegensätze sind. Subjektivismus ist eben eine Ideologie des
zusammenhanglos existierenden Einzelnen, er ist das Denken des sich
einzeln Durchschlagenden - wobei einige Elemente der Kritik der Entfremdung
darin enthalten sind - aber keine Kollektivität, kein Angriff und
kein Begriff von der gesellschaftlichen Entwicklung und schon gar nicht
vom konkreten Zusammenhang der internationalen Klasse.
Diese neue Innerlichkeit
und einiges Zeug der "Alternativen", das ist ein Ausdruck
des Subjektivismus: Rückzug, Ohnmacht, kein Begriff von der Entwicklung
und vom Kampf, versenken in eine imaginäre Welt bei gleichzeitiger
passiver Anwesenheit in den "Realitäten". Es ist also
kein Bruch und das Gegenteil von Subjektivität - das ist auch der
Boden des Pessimismus und der Aufgabe und dementsprechend als "Handlungsanleitung
zum Überleben" das passive Selbstversenken in sich selbst.
Eine Ursache dieser
ganzen Scheiße ist meiner Ansicht nach das Denken innerhalb der
Grenzen, die die unmittelbare Erfahrung in den BRD-Provinzen setzt und
damit der scheinbaren Abwesenheit radikaler sozialer Bewegungen. Man
ist gelähmt von dem Potential des Gegners - Staat/Kapital - und
ist nicht in der Lage, die konkreten internationalen Zusammenhänge
und Entwicklungen wenigstens zu begreifen.
Und daraus kommen
dann auch die Vorwürfe, die seit 68/69 immer wieder neu umgerührt
werden, die aber nie was neues in der Kritik gebracht haben. Ich kenne
diese Debatten noch von damals, sie kamen damals von den "politisch
legalen Gruppen": man müsse in der "politischen Arbeit"
von dem entfremdeten Bewußtsein von Teilen des Metropolenproletariats
ausgehen, dann werde man über diese legale Arbeit zu qualitativ
radikaleren Aktionen kommen und gleichzeitig die "revolutionäre
Organisation" quantitativ entwickeln. Das Schema also: Aufklärung
- Erfahrung - Aktionen - sich entwickelndes Bewußtsein. Wobei
hier mal die Inhalte weggelassen werden, obwohl immer Inhalt, Struktur
und Ziel von Anfang an eine Einheit ausdrücken müssen, na
ja. Diese Konzepte sind in der Metropole seit Anfang der 70er also geschichtlich
gescheitert, es kam die Alternativbewegung, die in dieser Kritik der
Guerilla aber die gleichen Argumente brachte, nun aber statt Entwicklung
der "revolutionären Organisation" der Legalen die "Beispielhaftigkeit"
usw. der Alternativprojekte.
Dagegen geht die
Guerilla von der Tatsache der Entfremdung aus, aus der sich erstens
die Notwendigkeit der Befreiung ergibt und zweitens die Organisationsstruktur,
in der Subjektivität und Kollektivität, Aneignung und totaler
Bruch mit dem jetzigen Zustand/der Entfremdung sich entwickeln, wo die
Ziele des Kampfes (Befreiung) von Anfang an in allem enthalten sind.
Das ist der Unterschied und alles andere geht am Kern der Auseinandersetzung
vorbei.
Die Alternativbewegung
will zwar - theoretisch oder besser ideologisch - die entfremdete Existenz
des Subjekts aufheben (die Änderung des alltäglichen Lebens
ist Teil des Anspruchs/des Projekts), aber sie kämpft nicht, sie
gettoisiert sich im Bewußtsein und bleibt tatsächlich mit
dem herrschenden Dreck verbunden - und daraus entsteht dann Subjektivismus,
neue Innerlichkeit und - wenigstens in einigen Teilen - Rückgriff
auf Elemente des Edelfaschismus der Bewegung der 20er Jahre.
Noch mal zur Subjektivität:
sie ist der im kollektiven Zusammenhang sich entwickelnde Prozeß
der Aufhebung der Entfremdung im Kampf, im Angriff.
Das ist nur zu verwirklichen - in der Metropole wie die BRD - in der
kämpfenden Gruppe und dann in der Bewegung der Befreiung. Im Begriff
Befreiung ist das enthalten und dafür kämpfe ich. Subjektivität
und Kollektivität setzen in der Gruppe oder in der Bewegung ...
die wirkliche Aufhebung des gesamten herrschenden Drecks, den völligen
Bruch, Aneignung im Angriff. Die Alternativbewegung gettoisiert sich
und behauptet, sie habe mit der kapitalistischen Gesellschaft und deren
Staat gebrochen - faktisch sind sie aber mit tausend Fäden an dieser
Scheiße gebunden. Sie leben in ihrer Ideologie gettoisiert und
faktisch am Rande, aber nicht alternativ und abseits.
Die Guerilla (wohl
auch die Autonomie in Italien) steht mit der herrschenden Entfremdung,
dem System und dem Regime in Kommunikation: nämlich durch den bewaffneten
Angriff, der im Zusammenhang mit den Kämpfen der internationalen
Klasse konkret gesetzt ist. Bei der Guerilla ist der internationale
Zusammenhang der Punkt, im Bewußtsein und praktisch, bei der italienischen
Autonomie meiner Ansicht nach faktisch aber kaum bewußt (...).
So entsteht auch
in der Gruppe oder Bewegung "herrschaftsfreie Kommunikation"
(Krahl).
D.h. die Herausbildung neuer Verkehrsformen in der Metropole im Kampf
setzt nicht nur als Ort die kollektive freie anti-hierarchische Organisationsform
und die radikale Subjektivität gegen den gesamten herrschenden
Dreck, sondern z.B. auch die Veränderung der Sprache und die herrschaftsfreie
Kommunikation (nicht als "Vermittlung"). Aber das alles bleibt
insofern begrenzt, weil es "negatorisch" gegen die Lebensverhältnisse
in den Metropolen erkämpft wird und immer deren Elemente noch in
sich trägt - solange, bis die völlige Umwälzung und die
internationale verallgemeinerte Selbstverwaltung durchgesetzt ist. Das
Ziel des Kampfes erfordert seine Anwesenheit von Anfang an in den Mitteln
der sich kollektiv befreienden Individuen: die Organisationsform, die
zum Kampf notwendig ist, die Entwicklung der Subjektivität gegen
die totale Entfremdung, die herrschaftsfreie Kollektivität, die
Entwicklung autonomer Kommunikationsmittel. Das alles muß jetzt
schon im Kampf gesetzt sein - denn warum sonst Kampf?
Alles andere wäre
Aufrechterhaltung der ganzen Scheiße nur unter anderer Ideologie,
unter den Gesten des Opfers und neuer Mystifikationen.
Aber das Problem dabei ist: in den Mitteln des Kampfes sind die Elemente
der Befreiung in der Organisation, der Kommunikation usw. enthalten
- aber der Kampf geschieht gegen die kapitalistische Organisation der
Gesellschaft und die Entfremdung und in seiner Form sind bis zur Befreiung
der Gesellschaft Momente von Einschränkung der Subjektivität
und bestimmte Zwänge enthalten - was sich aus den Bedingungen des
bewaffneten Kampfes ergibt. Darüber wird auch die ständige
Spannung gesetzt, die verhindern muß, daß diese alten Momente
sich wieder durchsetzen. Aber klar ist, daß sich nur im Angriff
und im internationalen Zusammenhang die "Bewegung der Aufhebung"
entwickelt. Diese Momente der Einschränkung beziehen sich konkret
auf die Situation der BRD ...
19.7.80
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