Sigurd
Debus starb 1981 im Hungerstreik
Radikale Subjektivität gegen den gesamten herrschenden Dreck
24.
Mai 1972 in Hamburg. Das HamburgerAktionsZentrum (HAZ) hatte zur Demonstration
gegen den Krieg in Vietnam aufgerufen. Die Demonstration geht durch
die Stadt. In Hamburgs Einkaufsmeile Mönkebergstraße fliegen
Steine gegen die Filiale der Springer-Zeitung "Hamburger Abendblatt".
In der ersten Reihe und mit seinen fast zwei Metern alle überragend:
Sigurd Debus. Später bekam er einen Prozeß deswegen. Ein
leichtes Spiel für die Politische Polizei. Sigurd Debus war einfach
zu groß, um unerkannt zu bleiben.
Sigurd Debus - ein
militanter Straßenkämpfer? Das auch. Ein Parteikommunist,
manchmal ein Stalinist, meistens ein undogmatischer Maoist; ein Organisator
in der linksradikalen Bewegung in Hamburg in den 70er Jahren. Dann ein
Guerilla und Bankräuber, ein bewaffneter Partisan. 1981 starb er
im Hungerstreik.
1980 und 1981 durchzog
eine Aufstandsbewegung die westeuropäischen Großstädte.
Von Rom bis Amsterdam. Von Zürich nach Berlin. Von Brixton nach
Kopenhagen. In diesem Frühjahr und Sommer 1981 kämpften auch
revolutionäre Gefangene in mehreren westeuropäischen Ländern
mit Revolten und Hungerstreiks gegen zerstörerische Haftbedingungen
und Kriminalisierung. In diesen Hungerstreiks für politische und
soziale Rechte, Zusammenlegung und Politischen Status wurden 12 Gefangene
ermordet.
Bobby Sands, Francis
Hughes, Raymond McCresh, Joe McDonnell, Patsy O'Hara, Kieran Doherty,
Kevin Lynch, Martin Hurson, Thomas McElwee und Mickey Devine im von
den Briten besetzten Nordirland, Crespo "Kepa" Gallende in
Spanien und Sigurd Debus in Deutschland.
Diese brutale Konfrontation,
der Verlust so vieler Genossen war eine harte Probe für die revolutionäre
Bewegung in Westeuropa. Vom 2. Februar 1981, als Gefangene aus Guerilla
und Widerstand in der BRD ihren Hungerstreik aufnahmen - bis in den
August hinein, als die irischen Gefangenen ihren Streik abbrachen, entwickelten
sich die Gefangenenkämpfe zu einem der Bezugspunkte für Mobilisierungen
und gemeinsame Kämpfe in Westeuropa. In ihnen existierte, wenn
auch nur vorübergehend das Verständnis einer Einheit von unten,
der kämpfenden Organisationen und Menschen gegen die Einheit der
HERRschenden.
Ein Faden, an den radikale Bewegungen immer wieder anknüpfen müssen.
Sigurd Debus war
Ende Februar 1974 bei einem Banküberfall in Hamburg verhaftet worden.
Seit Mitte 1973
lebte und organisierte sich Sigurd in der Illegalität. Später
wurde er in Hamburg wegen Aufbau einer Guerillagruppe, Banküberfällen,
Waffenbesitz, einem versuchten Sprengstoffanschlag auf die Verfassungsschutzzentrale
in Hamburg und einem Bombenanschlag auf das "Haus der Industrie"
(dem Sitz des "Bundesverbandes der Deutschen Industrie") in
Köln zu 12 Jahren Knast verurteilt.
Das Ende seiner
Haft erlebte Sigurd Debus nicht. Er starb am 11.April 1981 während
des Hungerstreiks. Aber nicht durch den Hungerstreik, sondern weil er
von willfährigen Ärzten und Knastschließern zu Tode
behandelt wurde. Sein Tod wurde aber erst nach Tagen, am 16. April 1981
bekanntgegeben.
Das ist die offizielle
Geschichte. Die "andere" Seite der Geschichte ist nicht so
kurz. Sie ist vielfältiger und spannender, auch weil in ihr die
Geschichte der Auseinandersetzung und Entwicklung revolutionärer
Politik seit Mitte der 60er Jahre verwoben ist. Ein paar Momente sind
hier benannt, aber längst nicht genügende um Sigurd in seiner
ganzen Persönlichkeit zu würdigen.
Vielleicht werden Parallelen zur heutigen Situation erkennbar; objektiv
gibt es sie natürlich nicht...
Mit was für
einem Satz könnte Sigurd charakterisiert werden? Etwa: Bescheidenheit
- und: der politische Weg von Sigurd war durch die unermüdliche
Suche nach politischen und praktischen Initiativen für den Aufbau
einer revolutionären Bewegung in Westdeutschland gekennzeichnet.
Das klingt geschraubt, auch wenn es zutrifft.
Als Angestellter
einer Ölfirma bekam er Mitte der 60er Jahre Kontakt zu Kommunist/innen.
Er wird selbst Kommunist. Schon vor dem Ausbruch der später "Studentenbewegung"
genannten gesellschaftlichen Revolte war Sigurd Debus politisch im Umfeld
der verbotenen KPD aktiv. Beschleunigt durch die studentische und antiimperialistische
Bewegung der 60er schloß er sich 1969 der neugegründeten
KPD/ML in Hamburg an. Überzeugt war er nicht. Er sah nicht die
Voraussetzungen für den Aufbau einer revolutionären Partei
und kritisierte die Gründung als vorschnell. Er spottete viel über
den Versuch die neue Bewegung in eine Klamotte der Weimarer KPD zu zwängen.
Gleichzeitig sah er in dem Auflösungsprozeß der spontanen
Strukturen der 67/68er-Revolte noch keine Alternative einer verbindlichen
Organisation. So übernahm er auch Funktionen in der Partei und
der "Roten Garde" in Hamburg, der Jugendorganisation der Partei.
Aber schon bald
verdichtete Sigurd seine Kritik an der KPD/ML. Für ihn war die
Kulturrevolution in China und die internationalistische Politik der
"Einkreisung der Städte durch die Dörfer" Vorbild.
Die chinesische Kulturrevolution stand, bevor sie sich gegen das Volk
wandte, für den Versuch die Bürokratisierung und Institutionalisierung
der Revolution von unten her immer wieder aufzubrechen. Auch daraus
warf Sigurd der KPD/ML Dogmatismus, unkritisches Verhältnis zu
den sozialistischen Ländern, innere Erstarrung, falsche Analysen
über die Klassenverhältnisse in der BRD und Verbalradikalität
vor. Eine Kritik, die sich in den 70er Jahren immer mehr bewahrheitete
und für alle Parteigründungen der ML-Bewegung galt.
1970 brach Sigurd mit der KPD/ML, gründete mit anderen Genoss/innen
eine Abspaltung mit kleinem /ml, die er aber auch bald wieder verließ.
Jetzt kritisierte
Sigurd die ganzen Parteigründunqen als falschen Schritt. Sie entwickelten
die Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg und die 68er Revolte nicht
weiter. Vielmehr wurde sie gespalten und versucht sie in das Korsett
nationalbornierter und legalistischer Parteipolitik zu zwängen.
Mit anderen maoistischen Genoss/innen schloß er sich im "Marxistisch-Leninistischen
Zentrum" zusammen und schrieb für deren Zeitung "Der
Funke". Sigurd verstand das MLZ nicht als Partei, sondern eher
als ein Sammelbecken - und bemühte sich um einheitliche und gemeinsame
Aktionen der linksrevolutionären Kräfte in Hamburg. Für
Sigurd und andere Genoss/innen wurde es in dieser Zeit immer wichtiger
den Tendenzen zur Sektenbildung und des Rückzugs in der Linken
entgegenzuwirken. Eine Möglichkeit sah er darin, an die direkten
Aktionsformen der Revolte, ihrer Militanz und ihren Internationalismus
wieder anzuknüpfen und das zugleich weiterzuentwicklen. Alles stand
schon unter dem Einfluß der Diskussion um den bewaffneten Kampf,
den die RAF als strategische Perspektive auf die Tagesordnung gesetzt
hatte.
Das
führte im Herbst 1971 zur Bildung des "Hamburger AktionsZentrum"
HAZ. In ihm waren das MLZ, revolutionäre Anarchisten (RAH) und
unorganisierte Genoss/innen zusammengeschlossen.
Aus dem HAZ wurden Demos organisiert, massenhaft die ersten RAF-Zeitungen
nachgedruckt und verteilt, eine Schwarzfahrkampagne initiiert, Hausbesetzungen
für Jugendzentren unterstützt. Im September 1971 wurde nach
einer großanlegten Fahndungsaktion Petra Schelm in Hamburg-Altona
erschossen. Ein Schock, der auch Sigurd erfaßte, ihn aber entschlossener
werden ließen. Groteske Züge nahm die Paranoia und Verleumdung
der RAF durch Sigurds ehemalige maoistischen Genoss/innen an. Der Kreis
der Aktivist/innen auf der Straße wurde immer kleiner und die
Polizei schlug immer härter zu. Nach der Erschießung von
Thomas Weißbecker in Augsburg und der Verhaftung von Manfred Grasshof
in Hamburg, wobei er schwer verletzt wurde, gab es in Hamburg am 7.3.72
wieder die erste militante Demo seit zwei Jahren. Am 1. Mai 1972 führte
das HAZ eine erste Demo zum Knast in der Holstenglacis, um dort den
Genossen Werner Hoppe und alle anderen Gefangenen zu unterstützen.
Die Demo wurde vor dem Knast sowohl von den Bullen wie von den Ordnern
des KB ("Arbeiterkampf") angegriffen - eine Art Zweifrontenkrieg,
wie ihn das HAZ x-mal erlebte.
Die Diskussion um militanten revolutionären Kampf und internationalistische
Politik, die Auseinandersetzung um die Ansätze von Guerillapolitik
von RAF und Bewegung 2. Juni wurden im HAZ immer eindeutiger und Sigurd
hatte großen Anteil daran.
Als im Mai 1972
die USA den Bombenterror auf Vietnam vervielfachten war es eine entscheidende
Frage, wie sich die revolutionäre Linke in der BRD verhalten wird.
Die RAF griff die US-Army Headquarters in Frankfurt und Heidelberg an;
auch in Hamburg versuchten Genoss/innen aus dem HAZ-Spektrum militant
zu intervenieren. Das "Amerikahaus" der USA war zweimal das
Ziel von Attacken. Einmal brannte die Bibliothek durch einen eingeschmuggelten
Brandsatz aus; ein anderes Mal griffen Genoss/innen das Gebäude
mit Steinen und Mollis an.
Außerdem versuchte
das HAZ am 24. Mai eine Demo durchzuführen. Aber es sollte sich
zeigen, daß die antiimperialistische Linke im Parteiaufbau verkommen
war. Es gelang nur 3-400 Genoss/innen zu mobilisieren, während
Vietnam in die Steinzeit zurück gebombt werden sollte - so das
Motto des damaligen US-Generals Westmoreland. Die ML-Bewegung und die
"undogmatische Linke" (die späteren Spontis) blieb zu
Hause; sie hatte sich praktisch von den revolutionären Zielen verabschiedet,
auch wenn es noch Jahre dauerte bis sich diese beiden "Linien"
in DIE GRÜNEN auflösten. Den Bullen gelang es die Demo zu
zerschlagen.
Aus diesen Erfahrungen
und nach der Verhaftung des Großteils der RAF im Juni 1972 stellten
sich viele Fragen neu und schärfer. Auch für Sigurd. Er versuchte
diese Diskussion im MLZ und im HAZ zu forcieren. Zu diesem Zeitpunkt
hatte sich Sigurd aber schon entschieden: Die Zerschlagung der RAF sollte
und durfte nicht der Endpunkt über diesen ersten Versuch des organisierten
bewaffneten Kampfes in der BRD werden. Mit anderen Genoss/innen ging
er daran den Aufbau einer Guerilla vorzubereiten: Organisierung einer
illegalen Struktur, die Beschaffung von Geld, Waffen und Technik. Zu
der Zeit war Sigurd noch "legal" und beteiligte sich auch
noch im HAZ. Außer den Problemen einer solchen "zweigleisigen
Arbeit" waren es auch politische Entwicklungen, die dazu führten,
daß sich Sigurd aus dem MLZ und HAZ verabschiedete.
Nach
dem Massaker an dem palästinensischem Kommando, das die Unterkunft
der israelischen Olympiamannschaft besetzt hatte, waren es auch im MLZ
und HAZ, wie in der übrigen Linken, nur wenigen Genoss/innen, die
diese Aktion öffentlich verteidigen wollten. Im September 1972
schürten Regierung und Springerpresse eine massive Pogromhetze.
Dagegen auf die Straße zu gehen und sei es nur Flugblätter
zu verteilen, war dringend notwendig. Aber es gehörte Mut dazu,
weil es immer wieder zu Übergriffen und Prügeleien von aufgehetzten
Bürgern kam.
Ein zweiter Widerspruch
zu MLZ und HAZ war die Frage einer Kampagne gegen die Bundestagswahlen
Anfang November 1972. Sigurd setzte sich für militante Aktionen
ein, während ein Großteil der Genoss/innen eine defensivere
"Wählt ungültig"-Kampagne durchführte. Zu den
Wahlen liefen dann in Hamburg auch Brandanschläge auf Einrichtungen
des Springerkonzerns, auf Justiz- und Behördengebäude.
Danach zog sich
Sigurd aus der "legalen Arbeit" zurück. Ab Sommer 1973
wurde nach ihm gefahndet. Ein Kellerdepot mit Chemikalien zur Sprengstoffherstellung
hatte sich entzündet. Dort fanden die Bullen Hinweise auf Sigurd.
In der Zeit seiner Illegalität konzentrierte sich Sigurd auf den
logistischen Aufbau. Dabei vertraute er auch auf Menschen, die wenig
von seiner Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit hatten. Darüber
kam es zu einem Bruch innerhalb der hamburger Guerillagruppe. Im Frühjahr
1974 wurde Sigurd bei einem Banküberfall in Hamburg verhaftet.
Er war aus seiner Gruppe heraus verraten worden und die Polizei hatte
eine Falle aufgestellt.
Sigurd war nicht
in der RAF und auch nicht in der Bewegung 2. Juni organisiert. Später
hieß es, und selbst einige RAF-Angehörige verbreiteten das,
"die RAF hätte ihn nicht gewollt", was vergißt,
daß es die RAF 1972/1973 überhaupt nicht mehr gab. Aber 1972
war das keine Entscheidung gegen diese Gruppen und hatte auch keine
politischen oder ideologischen Gründe. Vielmehr ging es überhaupt
darum, am "Konzept Stadtguerilla" festzuhalten, an der Vorstellung,
daß es notwendig und möglich ist Guerillakerne zuschaffen,
die den imperialistischen Staatsapparat angreifen und sich zum "kleinen
Motor" entwickeln, der den "großen Motor" (die
Massenbewegung) anzieht. Die Vorstellung war 1972 nach der Verhaftung
der RAF auch: jetzt müssen sich in allen Städten Guerillazellen
bilden um nicht loszulassen; sie werden sich dann schon finden und vereinheitlichen.
Das findet sich
bei Sigurd auch später noch, auch wenn er im Knast zeitweise den
Gefangenen aus der RAF gegenüber skeptisch war und diese ihn ignorierten.
Die Zeit mit ihnen zusammen, bezeichnete er als die wichtigste für
ihn im Knast und für die Zusammenlegung kämpfte er in den
Hungerstreiks.
Das Denken und Handeln
Sigurds war von einer grundlegenden Erkenntnis und Entscheidunq bestimmt:
die Einkreisung und Verstaatlichung der unterdrückten Klasse in
der BRD wird nur durch das Vorangehen und die Initiative revolutionärer
Kräfte zusammen und in einem weltweiten Befreiungskampf aufgebrochen
werden. Er lebte und kämpfte dafür, die politischen und praktischen,
wie auch die theoretischen Voraussetzungen und Handlungen zu schaffen
und zu vertiefen.
Jahre der Isolationshaft
in verschiedenen Varianten folgten der Verhaftung 1974. Jahre verbrachte
er im Celler Knast und war der erste Gefangene, der in den neugebauten
Hochsicherheitstrakt verlegt wurde. 1979 wurde er dann von Celle in
den sog. Normalvollzug nach Hamburg Fuhlsbüttel verlegt, der für
ihn kaum weniger qualvoll war wie die Einzelisolation. Es war von den
Knastbehörden nur ein weiterer Versuch, ihn in seiner Persönlichkeit
zu brechen.
1981 nahm Sigurd am 11.2. den Hungerstreik auf. Ziemlich schnell wurde
er in brutalster Weise zwangsernährt. Damit sollte sein Widerstand
gebrochen und er zur Aufgabe des Hungerstreiks gezwungen werden. Stundenlange,
einmal mehr als 10 Stunden hintereinander, Fesselungen und Infusionsbehandlungen
erfolgten den ganzen März. Bei einer dieser Folterungen Anfang
April wurde Sigurd dermaßen mißhandelt, daß er ins
Koma fiel. Er mußte in das öffentliche Krankenhaus Barmbeck
in Hamburg gebracht werden - und dort starb er ohne das Bewußtsein
wieder zuerlangen.
Sigurd starb an
innerer Kopfblutung. Ein Sanitäter sprach später von einem
"Schlachtfest" bei der letzten Zwangsernährung. Sigurd
wurde brutal zusammengeschlagen und hat Schläge auf den Kopf bekommen.
Selbst aus dem geschönten Obduktionsbericht läßt sich
diese Tortur herauslesen, auch wenn er die Ursachen der Gehirnblutung
nicht eindeutig benennt. Sigurd Debus starb nicht am Hungerstreik, sondern
an der medizinisch getarnten Behandlungsfolter.
Die politisch Verantwortlichen
in Hamburg und im Justizministerium unter Minister Schmude manipulierten
mit seinem Tod. Erst am 16.4. - nach Abbruch des kollektiven Hungerstreiks
durch das Kollektiv der gefangenen Frauen in Lübeck - gaben sie
seinen Tod bekannt, obwohl Sigurd bereits am 11.4.81 "klinisch
tot" war.
Allein das Gerücht,
Sigurd könnte tot sein, hatte in Berlin zu einer Straßenschlacht
auf dem Ku'damm geführt. Die HERRschenden mußten befürchten,
daß wenn sein Tod vor Ende des Hungerstreiks offiziell bestätigt
wird, der Kampf auf den Straßen sich verschärfen wird. Außerdem
hätte die Bekanntgabe seines Todes die Verhandlungen zwischen Justizminister
Schmude und den Anwälten der RAF-Gefangenen gefährdet. Bedauerlich
war, daß die RAF-Gefangenen in Lübeck, die den Hungerstreik-Abbruch
einleiteten, obwohl sie vom Zustand von Sigurd wußten -, ihn mit
keinem Wort erwähnten. Eine schlimme Situation, aus Ignoranz und
Überheblichkeit geboren.
Erst das Kommando der Rote Armee Fraktion, das am 31.8.1981 das Hauptquartier
der US-Airforce in Europa in Ramstein mit einer Autobombe angriff und
sich den Namen SIGURD DEBUS gab, schaffte eine Klarstellung.
Warum eine solche
Brutalität der Justizbehörden gegen Sigurd? Seine Unbeugsamkeit
und Identität machten ihn in allen Knästen der Knastkommandatur
verhaßt. Das wissen wir aus seinen Berichten über die ständigen
Schikanen über Jahre. Auch die politische Situation im Frühjahr
1981 spielte sicher eine große Rolle: im Hungerstreikkampf vereinigten
sich verschiedene Stränge revolutionärer Initiativen - die
Anfänge der Anti-Nato-Bewegung und die Hausbesetzungsbewegung.
Es entstand ein Aufschwung und es begann eine dynamische Entfaltung
revolutionärer Widersprüche gegen den Staat.
Aber vielleicht
spielte noch etwas ganz anderes eine Rolle? Sigurd war in der Zeit,
wo er in Celle im Knast war, mehrfach das Objekt von Manövern des
Verfassungsschutzes.
Diese waren auf höchster Ebene durch Bundeskanzler Schmidt abgesegnet
und entschieden worden. So die "Operation Neuland", mit der
über einen vorgetäuschten Versuch, Sigurd zu befreien und
einem Sprengstoffanschlag auf den Celler Knast (das berühmte "Celler
Loch") versucht wurde, VS-Agenten in illegale Gruppen einzuschleusen.
Das mißlang.
Vielleicht mußte
Sigurd sterben, weil er dies schon früher hätte aufdecken
können? In der öffentlichen Entrüstung über die
VS-Aktivitäten ist dieser Zusammenhang nie untersucht worden.
Überarbeitete Fassung eines Artikels aus dem Info zum Frankfurter
Börsenprozeß Nr. 8-10 (1991)
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