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Wir
stören den bayrischen Staat - §129a gegen Antifa in
Passau
Interview mit Passauer Antifaschisten
Für
Ortsunkundige: Passau ist eine niederbayerische Kleinstadt, die über
ihre Grenzen hinaus mindestens zweimal im Jahr öffentliches Aufsehen
erregt: Einmal durch das Donauhochwasser, zum anderen durch die genauso
jährlich stattfindenden DVU-Veranstaltungen in der Nibelungenhalle.
Seit neuerem hat sich auch die NPD Passau als Veranstaltungsort auserkoren.
Dagegen gibt es seit Jahren organisierten Widerstand. Diesen Widerstand
versucht der Staat als kriminell darzustellen und einzuschüchtern.
Wie das abläuft und wie die Betroffenen damit umgehen, versucht
das folgende Interview mit Friedhelm und Martin (zwei Betroffenen) und
Helmut (einem Antifa aus BAWÜ) zu beleuchten.
Den
Betroffenen ist seit dem 12. Mai 1998 bekannt, daß gegen die ein
Verfahren nach § 129 (Verdacht der Bildung einer kriminellen Vereinigung)
läuft. An diesem Tag fanden die bundesweite Hausdurchsuchungen
statt. Aus den Akten ist zu schließen, daß dieses Ermittlungsverfahren
seit dem Frühjahr 1997 aufgenommen wurde. Die ursprünglichen
Durchsuchungsbeschlüsse stellen folgenden Sachverhalt auf: Es wäre
eine kriminelle Vereinigung gebildet worden, entweder identisch oder
teilidentisch mit der Antifaschistischen Aktion Passau. Es wurden damals
28 Personen beschuldigt, die mittlerweile erreichte Zahl von sicher
Beschuldigten, die von den Maßnahmen betroffen waren, beläuft
sich auf 36 Personen im Bundesgebiet.
In den Durchsuchungsbefehlen wurde nicht darauf verwiesen, worum es
eigentlich geht, sondern nur auf eine kriminelle Vereinigung. Und die
Mitgliedschaft in dieser kriminellen Vereinigung sollte belegt werden
durch Auffinden von allen möglichen Materialien, die beweisen,
daß der/die Betroffene mit der antifaschistischen Szene in Passau
oder einfach nur mit Antifaschismus an sich zu tun hat oder hatte.
Im Zuge der Hausdurchsuchungen wurde gleichzeitig versucht, das Archiv
der Roten Hilfe zu durchsuchen. Folgende These wurde aufgestellt: Es
sei davon auszugehen, daß die Antifa Aktion Passau (AAP) größtenteils
mitgliederidentisch ist mit der Roten Hilfe Ortsgruppe Passau, deswegen
könne man, um die Mitglieder der AAP festzustellen, ja doch das
Rote Hilfe Mitgliederarchiv durchforsten. Das ist in der jüngeren
Geschichte der erste Fall, wo die Rote Hilfe so massiv in ein Verfahren
miteinbezogen wurde - möglicherweise als Testballon. Der Versuch,
dieses Archiv zu kriegen war ein Schlag ins Wasser: es wurde nicht aufgefunden.
Was ist eurer Meinung nach die politische Motivation, gerade Antifas
aus Passau zu kriminalisieren?
F:
Ich glaube nicht, dass es möglich ist, da eine klare politische
Motivation zu nennen, weil wahrscheinlich verschiedenste Faktoren zusammenspielen.
Zum einen die politische Situation in Passau: Passau ist ein 50.000
Einwohnerkaff im hintersten Eck von Niederbayern, zwar seit Jahren SPD-regiert,
aber eigentlich tiefstens schwarzbraun mit einem Polizeidirektor, der
anscheinend hochgradig paranoid ist. Meiner Meinung nach ist das vor
Ort so zu deuten, dass es da ein paar durchgeknallte Cops gibt, eine
ganz schlechte Öffentlichkeit, die in ihrem Ort auf gar keinen
Fall irgendwas Linkes dulden und schon gar keine terroristischen
Ansätze, so wird es nämlich benannt. Es wurden auch
am Anfang des Verfahrens gleich Parallelen gezogen zur RAF und in der
Lokalpresse stand irgendwas von Terroristen.
M: Der Landtagsabgeordnete des Wahlkreises Passau hat ein halbes Jahr
vorher empfohlen, man sollte doch statt von der Antifa Passau von der
Passauer Terrorgruppe reden.
Ich finde, es ist sicherlich auf der lokalen Ebene ein Faktor, dass
man sagt: gut, da sind die Bedingungen erstmal günstig, man kann
zuschlagen, aber die Entscheidung, wo dieser Schlag gelandet wird und
warum, das kommt von einer höheren Ebene...
F:
...Und hier ist sicherlich ein Grund, dass Bayern ein Land ist, wo so
ein Verfahren relativ gut eingeleitet und durchgeführt werden kann,
mit Herrn Beckstein und allgemein mit der bayrischen Regierung. Ausgehend
von Bayern, einem relativ stabilen Bundesland in dieser Hinsicht, ist
eine Kriminalisierung von Linken und antifaschistischen Strukturen relativ
einfach auf den Weg zu bringen. Das eigentlich Schöne an dem Verfahren
ist, dass man ausgehend von einem Bundesland bundesweit agieren kann,
und zwar nach den Vorgaben, die Herr Beckstein und das LKA sich ausdenken
können.
Des weiteren ist die Antifa Passau Mitglied in der BO gewesen und ich
glaube, dass auch das ist ein Grund, warum es sicher die Staatsanwaltschaft
und das LKA interessiert hat, auch über diese Organisationsansätze
Material und irgendwie einen Eingang zu finden, um bundesweit ermitteln
zu können.
H:
Das war sicher eine starke Motivation nicht nur gucken, wer ist da in
Passau aktiv, sondern auch noch in anderen Städten bei ehemaligen
Passauer/innen, die dort politisch aktiv sind, einzulaufen und deren
aktuelle Arbeit zu beleuchten.
Ich denke ein zusätzlicher Ausgangspunkt ist halt, dass es in Passau
immer geklappt hat, neue Jugendliche für antifaschistische und
linksradikale Arbeit zu gewinnen, die über die Jahre hinweg aktiv
bleiben - egal wieviele weggezogen sind. Es stört den bayrischen
Staat, dass da eine Kontinuität ist, die es sicher in anderen Kleinstädten
dieser Grössenordnung nicht gibt. Das soll wahrscheinlich auch
ein abschreckendes Beispiel sein für Jugendliche, die sich dort
vielleicht jetzt noch organisieren oder engagieren wollen.
M:
Antifaschistische Arbeit, antifaschistischer Kampf ist immer ein Ansatz
wo die Möglichkeit besteht, dass sich über den Kampf, über
die Organisierung Bewußtsein bildet - Bewußtsein, das irgendwann
mal viel weitreichendere ideologische Konsequenzen zieht und sich auch
ganz klar auf einen Bruch orientieren kann mit der momentanen gesellschaftlichen
Realität und einen anderen gesellschaftlichen Zustand herbeiführen
will.
Wie schon gesagt, für Passau gilt, es im antifaschistischen Bereich
eine Kontinuität der Arbeit und des Engagements gibt. Kontinuität
bedeutet einen höheren Grad an Organisierung. Höherer Grad
an Organisierung beinhaltet in sich die Möglichkeit, Erfahrung
zu sammeln, nicht immer an den ersten Fehlern zu scheitern, sondern
Niederlagen auszuwerten und weiterzuarbeiten - im Bereich der Jugendarbeit,,
in der Öffentlichkeits- und Bündnisarbeit. Eine kontinuierliche
Organisierung, die irgendwann einmal zum Erfolg führen kann, ist
einfach mal gefährlich. Man kann es über die VS-Berichte der
Jahre seit '97 schön verfolgen, wo vom bayerischen Verfassungsschutzberichten
über bundesweite VS-Bberichte immer wieder hervorgehoben wurde,
Passauer Aktivist/innen würden in anderen Städten wirken.
Passau ist am Ende der Republik, d.h. es gibt kaum Ausbildungsmöglichkeiten
etc, man kann es also den Leuten sicher nicht verdenken, wenn sie hier
wegziehen. Genau dies wurde sehr schön genutzt und wunderbar als
Vorwand aufgebaut, um gleich bundesweit losschlagen zu können.
H:
Vielleicht gibt es auch eine technische Motivation nach §129 zu
ermitteln. Es gab ein großes Repressionsinteresse gegen Passauer
Antifas, wahrscheinlich auch gegen andere Antifas, und es gab ja diese
Sonderermittlungsgruppe beim LKA. Der §129 läßt die
ganze Form von Überwachung, Observation, etc. einfacher zu, als
ein normales Strafverfahren. Das zeigt auch die Geschichte von §129-Verfahren.
Was
für Erwartungen und Wünsche an die Solidaritätsarbeit
hattet ihr?
Wie bewertet ihr den bisherigen Verlauf?
F:
Erwartungen hatte ich grosse und habe immer noch grosse Erwartungen,
erfüllt hat sich davon bisher sehr, sehr wenig.
Es gibt's einzelne Städte, wo auch zu dem Verfahren grössere
öffentliche Kampagnen und viele Aktionen gelaufen sind. Aber, wenn
man das vergleicht mit der Kriminalisierung der Antifa M damals, ist
die Solidarität, die jetzt vorherrscht, eigentlich relativ lachhaft.
Natürlich liegt das auch an der Situation, dass damals eine Gruppe
in einer Stadt war, die öffentlich mit der Repression umgegangen
ist, die mehr oder minder als eine Einheit agieren und so mit viel Kraft
an dem Ganzen arbeiten konnte. Jetzt ist es schon allein aus dem Grund
heraus anders, dass hier Personen aus verschiedenen Städten durchsucht
wurden, die sich so größtenteils nicht mal kennen oder sich
teilweise noch nie gesehen haben. Da kann man auch schwer selber als
treibender Kern dastehen. Es sind also eher Einzelpersonen, die von
den Betroffenen die Arbeit vorantreiben wollen und von aussen kommt
eigentlich sehr wenig.
Besteht
in der Zerstreutheit der Betroffenen nicht auch die Möglichkeit,
daß in verschiedensten Städten und Regionen Aktivitäten
gestartet werden könnten?
F:
Es könnte so sein, aber es gibt nirgends eine treibende Kraft.
Egal wie die verteilt sind, es gibt nirgends Leute, die das wirklich
produktiv vorantreiben. Es gibt eine Öffentlichkeitsarbeit, die
meiner Meinung nach uninteressant ist und eine finanzielle Solidarität,
die sich in lächerlichen Bereichen bewegt. Natürlich ist toll,
wenn Einzelne 100 DM spenden, aber die Häufigkeit dieser Fälle
ist sehr, sehr gering. Ganz am Anfang gab es ja direkt nach den Hausdurchsuchungen
bundesweite Demos, eine war z.B. in München, dort gibt es ja eine
linke Szene, ein Interessenfeld. Auf der Demonstration, die mit grossem
Aufwand in kürzester Zeit relativ gut organisiert wurde, waren
dann, glaub ich, 65-90 Leute.
Der Boden für taktische Solidaritätsarbeit im linksliberalen
Bereich ist mit dem Regierungsantritt Rot-Grün komplett weggefallen;
früher waren Leute wie Jürgen Trittin noch welche, die mal
einen Artikel verfasst oder Stellung bezogen haben in so einem Verfahren.
Das kam dann auch in die Medien und prägte vielleicht auch irgendwo
Meinungen geprägt. Jetzt ist er halt irgend so ein Minister, der
demnächst Atommülltransporte rollen...
H:
Die ganze Soliarbeit ist auf wenige Antifagruppen beschränkt. Das
Problem ist, die sind alle durchweg nicht so leistungsfähig, dass
sie neben ihrer Arbeit noch Soliarbeit machen könnten. Viele Antifagruppen
sagen auch, trotz der Kriminalisierung ist die sinnvollere Soliarbeit
ist, die politische Arbeit weiter zu machen.
F:
Wir hören auch häufig, dass es tatsächlich nicht interessiert,
weil man nicht betroffen ist. Solche Statements kommen von Linken, von
aktiven Antifas, wo einfach nicht begriffen wird, daß es hier
nicht um Passauer Idioten geht, die in ihrem Nest sitzen und da plattgemacht
werden, so nebenher, sondern dass es darum geht, einen Umgang mit einer
linken Szene, mit einer Antifaszene in Deutschland erstmal zu erproben
und dann zu gucken, wie man dieses Konzept evtl. anderweitig wieder
einsetzen kann. Insoweit ist die Solidarität eher enttäuschend.
Es gibt Einzelfälle, wo Leute gute Arbeit geleistet haben, aber
das ist sehr sparsam.
Gilt
das auch für Menschen, die sich über den antifaschistischen
Bereich hinaus politisch betätigen?
F:
Es gab immer wieder den Ansporn oder einzelne Ideen eine bundesweite
Koordination hinzukriegen, Aktionen zu koordinieren, Öffentlichkeit
zu erzeugen und natürlich auch Finanzmittel irgendwo herzubringen.
Allerdings ist das alles im Sande verlaufen.
Ich denke der Punkt zu sagen: natürlich ist eine der besten Solidaritätsformen
diejenige, einfach mit der Politik offensiv weiterzumachen, ist ein
guter Ansatz. Aber das zur Zeit zu vertreten ist auch nur eine schlechte
Entschuldigung, weil man nur mal einen Blick auf das Gesamtbild der
Linken oder der Antifaszene und auf die Abwärtsentwicklung der
letzten drei Jahre werfen muß.
In Bezug auf unser Verfahren ist es meiner Meinung nach so, dass man
erst wieder richtig aktiv werden kann, wenn es irgendwelche Neuigkeiten
gibt. Dann muss versucht werden, es mit aller Gewalt in die Medien zu
bringen, mit dem gleichen Grundtenor wie bis dato. Nämlich dass
es sich da einfach um eine Schweinerei handelt, weil es sich um komplett
irrelevante Dinge handelt, weil es darum geht Leute kriminalisieren
die antifaschistisch sind, was ja eigentlich geschichtlich-moralisch
gesehen in der BRD ein sehr hohes Gut sein müsste.
Die BRD kann sich nicht über Österreich und Haider aufregen
und gleichzeitig AntifaschistInnen im eigenen Land niedermachen.
Sobald es also Neuigkeiten zum Verfahren gibt heißt das, zu versuchen
massiv aufzuklären. Das ist natürlich ein Appell an alle Leute,
die sich sowas überlegen, spätestens an dem Tag, an dem die
Anklageschrift erscheint, hochgradig aktiv zu werden.
M:
Die momentane Basis für die antifaschistische Organisierung hat
garantiert nicht die Kraft, politisch irgendwas zu erzwingen, d.h. es
ist natürlich in hohem Maße eine Frage des Minimalkonsens,
einer Bündnisarbeit, etc. Falls die Antifa es nicht schafft, einen
Prozess aus eigener Kraft zu verhindern, waäre das nicht verwunderlich.
Aber es ist dann um so wichtiger, die Schäden und Auswirkungen
durch solidariches Verhalten so begrenzt wie möglich zu halten.
Wenn nur jeder 10 Mark spendet, dann würden selbst bei der aktuellen
antifaschistischen Organisierung in Deutschland immerhin 40.000 Mark
zusammenkommen. Ja, das wäre schon was...
F:
...es wären schon 3 bezahlte Anwälte.
Wie
schätzt ihr den weiteren Verlauf der Verfahren ein?
F:
Das ist derzeitig sehr schwer abzuschätzen. Das Verfahren wird
nicht so sein, wie es jetzt anberaumt wurde. Es wird keine Verhandlung
gegen 36 Leute wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung geben.
Abgesehen von den Folgen, die es sowieso gibt, nämlich ein wahnsinniger
Informationsüberfluss bei der Polizei, wird es, denke ich, auf
jeden Fall Konsequenzen für vielleicht eine kleinere Anzahl von
Personen haben. Also Folgeverfahren in denen, die durch diesen §129
und die Ermittlungsarbeit mit einer speziellen Ermittlungsgruppe und
Observationen verschafften Materialien verarbeitet werden - egal, ob
die Vorwürfe real sind, ob es nur die Grundlage für neue Konstrukte
sind, oder ob es einfach noch mehr Indizien für irgendwas gibt,
was nie geschehen ist.
Auf alle Fälle werden auf diesem Wege sicher mehrere Leute zur
Kasse gebeten werden. Ob es eine Verhandlung an sich gibt? Eigentlich
ist es unvorstellbar, aber gerade in Bayern wäre das möglich.
Unvorstellbar ist es deshalb, weil schon allein die tatsächliche
strafrechtliche Vorwurfslage ja so lächerlich ist. Wenn, dann wäre
es nur die politische Motivation des Staates, die zeigen will: wir lassen
uns nicht mal so was gefallen, wir machen jeden Scheissdreck klein.
Wie
verhaltet ihr euch weiter, ausser zu gucken, dass ihr das alles irgendwann
mal bezahlen könnt?
F:
Noch besser arbeiten. Nach wie vor zu versuchen Organisation und effektive
Strukturen aufzubauen, sowohl im antifaschistischen Bereich, wie auch
im gesamtpolitischen linken Spektrum; funktionierende Strukturen, die
es meiner Meinung nach in D so gut wie nicht gibt.
Als weiteres Ziel, als Vorbeugung für solche Verfahren, gilt es
unbedingt zu erreichen, dass man aus dieser systemlinken Position herauskommt
und dann mal zu einer agierenden Kraft werden kann. Das ist immer, ganz
pauschal gesagt, der beste Schutz gegen Repression.
Gibt
es Bezüge zur Kriminalisierung in anderen politischen Bereichen,
z.B. zu kurdischen und türkischen Organisationen oder der Anti-AKW-Bewegung?
M:
Von Seiten der Ermittler wird in dieser ganzen Aufzählung verschiedenster
Straftaten, die diesen angeblichen Mitgliedern dieser angeblichen kriminellen
Vereinigung zur Last gelegt werden, nicht wirklich ein Bezug hergestellt.
Es wird einfach ein Gesamtengagement, das dann natürlich auch darin
bestehen kann, sich solidarisch zu anderen Organisationen zu verhalten
bzw. sie zu unterstützen, sozusagen in die Straftat miteingeflochten.
Aber ansonsten wird kein gewollter politischer Bezug hergestellt.
F: Eher ist es technischer: das Verfahren, wie es gegen uns läuft,
kann genauso gegen alle mehr oder weniger linken anderen Teilbereichsbewegungen
oder überhaupt linken Bewegungen stattfinden.
Wie schon gesagt, wird in der Soliarbeit regelmässig erwähnt,
dass zumindest ein Teil, der jetzt durch diese Methode kriminalisiert
wurde, ein Exempel ist. Diejenigen, die zumindest irgendwie links kämpfen,
machen wir daher darauf aufmerksam, dass es bei ihnen genauso sein kann.
Darum sollte die Solidarität eigentlich übergreifend sein,
in beide Richtungen. Bis dato ist allerdings nichts davon zu merken.
Reicht
es eurer Meinung nach, dass sich jeder Teilbereich um seine eigene Soliarbeit
kümmert?
F:
Natürlich wäre eine gemeinsame Antirepressionsarbeit das beste
Mittel.
Da gibt es ja z.B. die Rote Hilfe, die natürlich ein gemeinsames
Antirepressionsmittel darstellt, die sich aber gerade, weil sie übergreifend
agiert, nicht politisch äussert, weil sie wirklich nur zur Repression
arbeitet. Sie ist ein Instrument, was vor allem im finanziellen Bereich
und beschränkt auch im öffentlichen Bereich sehr unterstützend
ist.
Man muss da früher ansetzen: es bräuchte eine starke gesamte
Linke, um dann auch eine starke gemeinsame Antirepressionsarbeit sowohl
zu gesamtlinken Themen, als auch zu Teilbereichsthemen leisten zu können.
Das ist natürlich ein Ziel, das sehr anstrebenswert ist, allerdings
gilt da, daß derzeit am wichtigsten ist, eine starke Linke aufzubauen.
Eine funktionierende Linke muss nicht mal stark sein, sie muss erstmal
funktionieren.
So ist das halt grade: wenn es schon die Teibereichsbewegungen nicht
hinkriegen, ihre eigene Solidaritätsarbeit zu organisieren, dann
ist nicht zu erwarten, dass ein Teilbereich für einen anderen mitkämpft.
Z.B. bei der kurdischen Befreiungsbewegung gibt es bzw. gab es viel
deutsche Solidarität, gab es Gruppen, die zusätzlich zu den
Kurden selbst Solidaritätsarbeit geleistet haben. Ich denke aber,
das ist nochmal ein anderer Punkt, weil es Leute sind, die in Deutschland
benachteiligt werden und denen ganz andere Gefahren drohen, drum gab's
da auch ne grössere Solidarität.
Bei deutschen AktivistInnen beschränkt es sich halt auf den eigenen
Teilbereich. Mehr ist derzeit irgendwie nicht drin...
M:
...Schutz vor Repression bezieht sich aber erstmal aus der eigenen Stärke,
die man über eine politische Bewegung, d.h. über eine bestimmte
Ideologie, über einen bestimmten Ansatzpunkt im politischen Kampf
aufbaut und nicht darüber, dass man jetzt rausgeht und sagt: »Hallo
Hilfe, wir werden angegriffen«. Das kann nur ein Punkt sein, wo
vielleicht noch zusätzliche Bündnispartner mobilisiert werden
können; es kann aber nicht der Punkt sein, aus dem ich meine Stärke
beziehe. Solange ich diese Stärke noch nicht habe, muss mir einfach
klar sein: Über die Durststrecke muss ich raus, über diese
Durststrecke hilft uns keiner weg, ausser wir selber.
Wir haben hier eine Kriminalisierung die es nicht zur Regel werden lässt,
dass jeder von uns, sobald er/sie auf eine Demo geht, eine Kugel in
den Kopf kriegt. Man kann sich also noch relativ leicht überwinden
und sagen: «Trotzdem mach ich weiter und ich mach es besser -
jetzt erst recht, und ich versuche, aus Fehlern zu lernen«.
Leidet
eure Arbeit unter den
Auswirkungen dieses Kriminalisierungsversuches? Haben sich Leute einschüchtern
lassen?
M:
Natürlich gibt es Auswirkungen. Zu den spürbarsten Folgen
kann man sagen: Bei den Hausdurchsuchungen wurden Arbeitsmittel wie
Computer, Telefonbücher, Adressenlisten, Drucker im Wert von weit
über 60.000 Mark beschlagnahmt. Das sind erstmal die direktesten
Auswirkungen. Das nächste ist halt erstmal die Zeit und die Kraft,
die dich der minimaljuristische und der politische Umgang damit kostet,
und die du halt auch noch irgendwo abzwacken musst. Neben der eigentlichen
politischen Organisierung und vielleicht noch deiner Reproduktion und
deinem Broterwerb.
F:
...Eine grosse Auswirkung ist, dass du erstmal so einen finanziellen
Zusammenbruch vor dir siehst. Es gibt ja auch Leute, die haben zusätzlich
noch Verfahren. Auf alle Fälle wird passieren, dass einige Leute
in die Pleite gedrückt werden. Wenn es zum Prozess kommen sollte,
wird das ganze noch wesentlich schlimmer sein, weil oft erstmal pro
Kopf zwei Anwälte benötigt werden. Angenommen es gäbe
jetzt zwei wöchentliche Verhandlungstage in München, wenn
dann jemand in Berlin wohnt muss er/sie zweimal wöchentlich runterfahren.
Das kostet hin und zurück mindestens 220 Mark. Auch die Anwälte
müssen fahren, du kannst nicht mehr richtig arbeiten, kannst eigentlich
auch keine Wohnung mehr zahlen... Ein Prozess würde für einzelne
Leute also wirklich richtig böse werden und ein Fiasko bis hin
zur Existenzkrise bedeuten.
Ein bisherige Auswirkung ist daher, dass einige Leute wirklich eingeschüchtert
sind. Aber es gibt auch Leute, von denen ich denke, dass sie das Ganze
eher bestärkt.
Für mich war die Konsequenz aus dem Verfahren aber auch die Überlegung,
wie man von so einer Angreifbarkeit wegkommt, wie wird das Ganze stabiler,
und wie kann man zu einer vernünftigen politischen Organisierung
kommen...
H:
...Natürlich wurde auch versucht, eine stärkere Organisierung
voranzutreiben. Mehr oder weniger im Anschluß an die Repression
gegen Passauer Antifas haben in Bayern Antifaschist/innen begonnen,
besser koordiniert zusammenzuarbeiten. Man könnte auch sagen: weil
sie keine Soliarbeit machen, lassen sie sich nicht in ihrer politischen
Arbeit beeinträchtigen - das allerdings wäre böse formuliert.
Viele aber haben begonnen sich tiefergehender in die Arbeit hineinzuknieen...
Letztes
Jahr gab es ja auch ein paar Solidaritätsveranstaltungen zu eurer
Kriminalisierung um den 18. März herum. Was haltet ihr von dem
diesem Aktionstag?
H:
So ein Aktionstag kann genutzt werden um Gruppen mehr oder weniger zu
zwingen, auch mal was zu Repressionsarbeit zu machen. Durch so einen
feststehenden Termin, der sich - vielleicht auch ein bisschen ritualmässig
- mit dem Thema Repression beschäftigt, könnte dieser Effekt
entstehen. Das finde ich alles andere als positiv, wenn das nur aufgrund
eines solchen festen Datums bzw. eines Pflichttermins passiert. Aber
der Effekt ist, dass sich doch viele Gruppen überlegen: machen
wir was zum 18.März, beschäftigen wir uns mit der Repression?
Das ist das Positive daran. Ansonsten finde ich den Aktionstag bundesweit
noch nicht so etabliert, alsdass der richtig nach vorne gehen würde.
F:
Solange der Zustand der Linken in Deutschland ist wie er ist, finde
ich alle Versuche, bundesweit eine einheitliche Aktionsform zu einem
bestimmten Tag zu etablieren, sehr positiv und eine gute Idee, weil
dadurch auch ein Lernprozess für den Rest der Linken entstehen
kann, dass man gemeinsam agieren und die Kärfte bündeln muss
- sei es zu einem Termin, sei es zu einer Lokalität, sei es zu
einem Vorkommnis. Ich wünsche mir aber, daß sich dieser Tag
so bald wie möglich wieder überflüssig macht.
M:
Um so einen Aktionstag umsetzen zu können, stellt sich die Frage:
was ist die Grundlage? Auf was für einer Ideologie führt man
den Kampf? Wie weit ist die Basis dafür gediehen, machen wir damit
den dritten Schritt vor dem ersten?
Ich würde den Aktionstag nicht in Frage stellen und meine Aufgabe
darin sehen, die Voraussetzungen zu schaffen, dass so ein Tag genutzt
werden kann, und zwar so, dass die Leute wissen warum. Und das nicht
als Ritual oder Abwehrhaltung. Wie gesagt, aus so einer defensiven Position
lässt sich sehr schwer etwas offensives entwickeln. Bewusstsein
kommt nur durch offensiven Kampf.
F:
Aus meiner Sicht ist es mit dem Hintergedanken, eine starke gemeinsame
Linke mit einer Ideologie bilden zu wollen, der 18. März ein guter
taktischer Ansatzpunkt. Denn Repression gibt es bei allen, egal was
sie machen. Es ist einfach mal ein Punkt, wo man sich zusammensetzen
und gemeinsame Wege finden kann.
Da es keine gemeinsame starke Linke gibt, wäre zumindest zu diesem
Thema dann irgendwas gefestigt im Raum.
Das
Gespräch wurde in Februar 2000 geführt.
Spendenkonto
für die Antifa Passau:
Rote
Hilfe e.V.
Stichwort: 12. Mai
Konto-Nr.: 191100-462
BLZ 440 10046
Postbank Dortmund
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