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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 6 / März 2000 - Seite 4
Der Tag des Panthers
Mark Cook kehrt nach 23 Jahren Knast zurück nach Capitol Hill
[ Inhalt Nr. 6.]
Der Tag des Panthers
Mark Cook kehrt nach 23 Jahren Knast zurück nach Capitol Hill

1976 wurde Mark Cook, Mitbegründer der Black Panther-Partei in Tacoma im US Bundesstaat Washington, von Staats- und Bundesgerichten für die "Enteignung" einer Bank in Tukwila verurteilt. Weitere Strafen kamen hinzu. Als Mitglied von Seattles George Jackson-Brigade soll Cook bei einem Befreiungsversuch eines anderen Panther-Aktivisten aus dem Polizeigewahrsam einem Polizisten in den Bauch geschossen haben.
Ausgestattet mit einer klobigen, dicken schwarzen Brille - die Art, die auf den Nasenrücken drückt - erinnert sich Cook an die politische Stimmung jener Tage. "Enteignungen waren so ziemlich allgemein akzeptiert", sagt er. Cook, ein Mann, der tief von maoistischem Gedankengut durchdrungen ist, glaubt, daß Revolutionen zwar schmutzig sein können, aber gut für das politische Gemeinwesen sind. Erfolgreiche Revolutionäre werden Teil des Mainstream und machen Platz für eine neue gesunde Revolution.

Die 70er Jahre waren die Zeit von Patty Hearsts Banküberfällen, politischen Bombenanschlägen, Guerilla-Flugzeugentführungen und weltweiter Revolte. Cook stand an der Schwelle von etwas, das wie eine neue Revolution in Amerika aussah. Es fehlte nur ein großer Schub. Zwei Jahrzehnte später steht er am Zaun des Washington State Reformatory in Monroe, ein Zuchthaus von geringer Sicherheitsstufe, und sieht aus, als sei ihm nicht recht wohl in seiner Haut. Sein Bart, ehedem tiefschwarz, ist jetzt eher Salz denn Pfeffer. Er kratzt ihn, gedankenversunken. Die einzige Revolution, die bald geschehen wird, ist Cooks eigene. In wenigen Wochen wird er das System der staatlichen und Bundes-Gefängnisse endgültig verlassen. Er wird sich auf den Weg zurück nach Capitol Hill machen, wo er bei seiner Schwester wohnen wird - vermutlich für den Rest seines Lebens. Die Etiketten, die er jahrelang trug: Gefängnisaktivist, Revolutionär, Panther, Reformist - sie werden zu abgeschlossenen Kapiteln einer Lebensgeschichte, die geradezu nach Veröffentlichung schreit. Dazu wird es aber höchstwahrscheinlich nie in dieser Vollständigkeit kommen. Er wird einfach nur Mark Cook sein, Bewohner eines Landes, das er nicht wiedererkennen wird.

Knast und Revolution

Cook wurde in den späten 60ern politisiert, als er für Bagatellverbrechen hinter Gittern saß. Opfer einer schweren Kindheit, war er, seit er erwachsen wurde, immer wieder für kurze Zeit im Knast gewesen. Wie nicht anders zu erwarten, stand die größte politische Idee, die ihn packte, direkt in Beziehung zu seiner Umgebung - zum Knast. Die Strafgerichtsbarkeit verweigert den Gefangenen elementare Rechte, erkannte Cook.
Wie kann man im Knast Aktivist sein? Für alle, die hinter Gittern saßen, bemühte Cook sich um elementare politische und Bürgerrechte, einschließlich des Wahlrechte für Häftlinge. Er und einige andere Aktivisten nannten sich die "Super Crew" und gaben eine Untergrund-Zeitung heraus: „The Bomb“. Niemand wußte, wer „Die Bombe“ druckte, weil Cook und seine Freunde ihre eigene Abzieh-"Maschine" hatten - mit Gelatine, dünn auf einen Spiegel aufgetragen, wurden die Abzüge von einer Vorlage gezogen.
Wie Cook es selbst rückblickend bewertet, war das politischste dieser Zeit, sich um Bundesgelder zu bemühen, damit Geschäftsprojekte für Gefangene und Ex-Häftlinge aufgebaut werden konnten, wie etwa das Aufpolstern alter Möbel oder das Aufnehmen von Regierungsakten auf Mikrofilm. Seinen Mitgefangenen gab er so eine finanzielle und psychologische Unabhängigkeit - eine fortschrittliche, aber nicht revolutionäre Idee.
Aber da war noch die andere Seite von ihm, eine Seite, die schneller und dramatischer Veränderungen wollte. Er und ein Mithäftling gründeten die Tacoma-Abteilung der Black Panther, wobei sie eine Münze warfen, um zu entscheiden, wer Hauptmann sein würde. Cook verlor und so wurde er Bildungsminister. Er fing an Maos kleines Rotes Buch zu lesen und seine Bedeutung mit gleichgesinnten Freunden zu diskutieren. Vorstellungen von Revolution und Veränderung beschäftigten ihn.
1973 kam er auf Bewährung frei und kehrte schnell nach Seattle zurück. Dort sog er die damalige politische Atmosphäre in sich auf: Antirassismus, Antisexismus und Antikapitalismus kamen im Widerstand gegen den Vietnamkrieg zusammen - „die gemeinsame Sache“, wie er es nennt. "Wer ein revolutionäres Konzept hatte, an dem auch nur ein bißchen was dran war, fand auch jemanden, der ihn unterstützte", sagt Cook.

Die Jahre in Seattle

Über Untergrundverbindungen in Seattle lernte Cook die Mitglieder der George Jackson-Brigade kennen, darunter die lokal bekannten Radikalen der 70er Jahre Ed Mead, John Sherman und Rita "Bo" Brown. Die Brigade war eine bunt gemischte Gruppe „marginalisierter Bürger der Gesellschaft“, so der Schriftsteller Daniel Burton-Rose, der an einem Buch über dieses Zeit arbeitet. Vier der sieben bekannten Mitglieder waren schwul, fünf kamen aus der Arbeiterklasse und vier waren Ex-Häftlinge. Von den sechs, die später im Knast landeten, war nur Cook schwarz, sagt Mead.
Mark Cook besteht darauf, daß er der Gruppe nie offiziell beigetreten ist. Zuerst hatte er die Brigade nur finanziell unterstützt. Trotzdem führte seine Verbindung mit der Gruppe zu seiner Rückkehr ins Knastsystem. Im Januar 1976 "enteigneten" vier Mitglieder der Brigade eine Bank in Tukwila. Der Plan scheiterte, die Polizei mit über die Stadt und in verschiedenen Hotels deponierten Bomben-Attrappen abzulenken. Die Bullen kamen zu früh. Bruce Seidel, Gründungsmitglied der Brigade, wurde getötet, als er die Bank verließ. Die Polizei fing Mead und Sherman, der einen Schuß ins Gesicht bekam.
Zwei Monate später heckten Cook und einige andere Revolutionäre einen Plan aus, um Sherman vor dem Harborview-Krankenhaus zu befreien. Verkleidet als Arzt im weißen Kittel war Cook der Hauptdarsteller: seine Aufgabe war, den Polizeibeamten zu überwältigen, der Sherman bewachte - ein Plan, der schiefgehen sollte.
Am Ende hatte er einen Bullen angeschossen. "Falls ich vorgehabt hätte, ihn zu töten", betont Cook, "hätte ich immer noch fünf Kugeln in meiner Pistole gehabt." Der Polizist überlebte. Trotzdem machte der Vorfall Cook nervös. "Nach den Schüssen, da hatte ich so ein Gefühl im Bauch. Ist dieser Mensch echt verletzt? Das warf die Frage auf: bist du für oder gegen Gewalt?"

Obwohl er offen zugibt, in seinem Leben viele Verbrechen begangen zu haben, betont er, nicht an dem Raub von 1976 beteiligt gewesen zu sein - noch nicht einmal als Fahrer des Fluchtwagens. Schließlich wurde er sowohl nach staatlichem wie auch Bundesrecht wegen des Raubs und der Befreiungsaktion verurteilt. Der Polizeibeamte, der Cooks Kugel überlebte, identifizierte ihn als seinen Angreifer. Die Beweismittel gegen Cook wegen seiner Rolle im Banküberfall von Tukwila waren löchriger. Ein Drogenhändler und seine Freundin waren die Hauptbelastungszeugen. Beide erhielten von der Regierung $ 20.000 für ihre Aussagen.
Im Rückblick scheint der alte Panther nicht ganz zufrieden mit seiner Rolle zu dieser Zeit. "Ich fühlte mich irgendwie mehr reformistisch, weil der Großteil meiner Arbeit in der Legalität war", meint Cook mit Bezug auf seine fortschrittlich-reformistische Arbeit mit Mithäftlingen. Nach seinen ideologischen Vorstellungen befragt, antwortet er allerdings eindeutig: "Ich war Revolutionär. Ich war ein Black Panther."


Die Rückkehr nach draussen

23 Jahre später blickt Mark Cook seiner Haftentlassung mit gemischten Gefühlen entgegen. "Ich habe so lange gesessen; draußen zu sein ist wie ein anderes Gefängnis", sagt er etwas kryptisch. Vieles hat sich während der jahrzehnte seiner Haft verändert. Revolutionäre gibt es nicht mehr, liberale Freidenker sind jetzt reformistisch, und Ermächtigung findet man entweder in einem Ratgeber-Buch oder in den neuesten Nike-Schuhen.
"Es sind harte Zeiten für Leute wie uns", sagt Mark Cooks ehemaliger Genosse Ed Mead. Mead, heute 57 Jahre alt, arbeitet jetzt als Computernetzwerk-Administrator in der Nähe von San Francisco. Er kam 1993 frei: "Wir taten damals was wir taten, weil wir fanden die Gesellschaft sei so schlecht, daß wir lieber Tod oder Gefangenschaft erleiden würden, als unter ihrer Knute zu leben. Und heute ist es nochmal so schlimm."
Cook wird fast mittellos nach Capitol Hill zurückkehren, weshalb das Washington Prison Project, eine neugegründete Initiative, auf einer Reihe von Solidaritätsveranstaltungen $ 5.000 Startgeld für ihn gesammelt hat. Cook befürchtet, das er Prostatakrebs hat, also wird alles Geld entweder für Arztrechnungen oder - falls er nicht krank ist - für die einfachen Lebenshaltungskosten ausgegeben. Natürlich hofft er auf letzteres.
Wenn er einmal draußen ist, hat Mark Cook zwei große Prioritäten: seine Familie und Schach. "Ich bin 62 Jahre alt", sagt er. "Ich bin achtmaliger Großvater. Ich schulde ihnen einige Erklärungen, warum ich nicht für sie da gewesen bin."

Phil Campbell


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
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