Der Tag des Panthers
Mark Cook kehrt nach 23 Jahren Knast zurück nach Capitol Hill
1976 wurde Mark
Cook, Mitbegründer der Black Panther-Partei in Tacoma im US Bundesstaat
Washington, von Staats- und Bundesgerichten für die "Enteignung"
einer Bank in Tukwila verurteilt. Weitere Strafen kamen hinzu. Als Mitglied
von Seattles George Jackson-Brigade soll Cook bei einem Befreiungsversuch
eines anderen Panther-Aktivisten aus dem Polizeigewahrsam einem Polizisten
in den Bauch geschossen haben.
Ausgestattet mit einer klobigen, dicken schwarzen Brille - die Art,
die auf den Nasenrücken drückt - erinnert sich Cook an die
politische Stimmung jener Tage. "Enteignungen waren so ziemlich
allgemein akzeptiert", sagt er. Cook, ein Mann, der tief von maoistischem
Gedankengut durchdrungen ist, glaubt, daß Revolutionen zwar schmutzig
sein können, aber gut für das politische Gemeinwesen sind.
Erfolgreiche Revolutionäre werden Teil des Mainstream und machen
Platz für eine neue gesunde Revolution.
Die 70er Jahre waren
die Zeit von Patty Hearsts Banküberfällen, politischen Bombenanschlägen,
Guerilla-Flugzeugentführungen und weltweiter Revolte. Cook stand
an der Schwelle von etwas, das wie eine neue Revolution in Amerika aussah.
Es fehlte nur ein großer Schub. Zwei Jahrzehnte später steht
er am Zaun des Washington State Reformatory in Monroe, ein Zuchthaus
von geringer Sicherheitsstufe, und sieht aus, als sei ihm nicht recht
wohl in seiner Haut. Sein Bart, ehedem tiefschwarz, ist jetzt eher Salz
denn Pfeffer. Er kratzt ihn, gedankenversunken. Die einzige Revolution,
die bald geschehen wird, ist Cooks eigene. In wenigen Wochen wird er
das System der staatlichen und Bundes-Gefängnisse endgültig
verlassen. Er wird sich auf den Weg zurück nach Capitol Hill machen,
wo er bei seiner Schwester wohnen wird - vermutlich für den Rest
seines Lebens. Die Etiketten, die er jahrelang trug: Gefängnisaktivist,
Revolutionär, Panther, Reformist - sie werden zu abgeschlossenen
Kapiteln einer Lebensgeschichte, die geradezu nach Veröffentlichung
schreit. Dazu wird es aber höchstwahrscheinlich nie in dieser Vollständigkeit
kommen. Er wird einfach nur Mark Cook sein, Bewohner eines Landes, das
er nicht wiedererkennen wird.
Knast
und Revolution
Cook wurde in den
späten 60ern politisiert, als er für Bagatellverbrechen hinter
Gittern saß. Opfer einer schweren Kindheit, war er, seit er erwachsen
wurde, immer wieder für kurze Zeit im Knast gewesen. Wie nicht
anders zu erwarten, stand die größte politische Idee, die
ihn packte, direkt in Beziehung zu seiner Umgebung - zum Knast. Die
Strafgerichtsbarkeit verweigert den Gefangenen elementare Rechte, erkannte
Cook.
Wie kann man im Knast Aktivist sein? Für alle, die hinter Gittern
saßen, bemühte Cook sich um elementare politische und Bürgerrechte,
einschließlich des Wahlrechte für Häftlinge. Er und
einige andere Aktivisten nannten sich die "Super Crew" und
gaben eine Untergrund-Zeitung heraus: The Bomb. Niemand
wußte, wer Die Bombe druckte, weil Cook und seine
Freunde ihre eigene Abzieh-"Maschine" hatten - mit Gelatine,
dünn auf einen Spiegel aufgetragen, wurden die Abzüge von
einer Vorlage gezogen.
Wie Cook es selbst rückblickend bewertet, war das politischste
dieser Zeit, sich um Bundesgelder zu bemühen, damit Geschäftsprojekte
für Gefangene und Ex-Häftlinge aufgebaut werden konnten, wie
etwa das Aufpolstern alter Möbel oder das Aufnehmen von Regierungsakten
auf Mikrofilm. Seinen Mitgefangenen gab er so eine finanzielle und psychologische
Unabhängigkeit - eine fortschrittliche, aber nicht revolutionäre
Idee.
Aber da war noch die andere Seite von ihm, eine Seite, die schneller
und dramatischer Veränderungen wollte. Er und ein Mithäftling
gründeten die Tacoma-Abteilung der Black Panther, wobei sie eine
Münze warfen, um zu entscheiden, wer Hauptmann sein würde.
Cook verlor und so wurde er Bildungsminister. Er fing an Maos kleines
Rotes Buch zu lesen und seine Bedeutung mit gleichgesinnten Freunden
zu diskutieren. Vorstellungen von Revolution und Veränderung beschäftigten
ihn.
1973 kam er auf Bewährung frei und kehrte schnell nach Seattle
zurück. Dort sog er die damalige politische Atmosphäre in
sich auf: Antirassismus, Antisexismus und Antikapitalismus kamen im
Widerstand gegen den Vietnamkrieg zusammen - die gemeinsame Sache,
wie er es nennt. "Wer ein revolutionäres Konzept hatte, an
dem auch nur ein bißchen was dran war, fand auch jemanden, der
ihn unterstützte", sagt Cook.
Die
Jahre in Seattle
Über Untergrundverbindungen
in Seattle lernte Cook die Mitglieder der George Jackson-Brigade kennen,
darunter die lokal bekannten Radikalen der 70er Jahre Ed Mead, John
Sherman und Rita "Bo" Brown. Die Brigade war eine bunt gemischte
Gruppe marginalisierter Bürger der Gesellschaft, so
der Schriftsteller Daniel Burton-Rose, der an einem Buch über dieses
Zeit arbeitet. Vier der sieben bekannten Mitglieder waren schwul, fünf
kamen aus der Arbeiterklasse und vier waren Ex-Häftlinge. Von den
sechs, die später im Knast landeten, war nur Cook schwarz, sagt
Mead.
Mark Cook besteht darauf, daß er der Gruppe nie offiziell beigetreten
ist. Zuerst hatte er die Brigade nur finanziell unterstützt. Trotzdem
führte seine Verbindung mit der Gruppe zu seiner Rückkehr
ins Knastsystem. Im Januar 1976 "enteigneten" vier Mitglieder
der Brigade eine Bank in Tukwila. Der Plan scheiterte, die Polizei mit
über die Stadt und in verschiedenen Hotels deponierten Bomben-Attrappen
abzulenken. Die Bullen kamen zu früh. Bruce Seidel, Gründungsmitglied
der Brigade, wurde getötet, als er die Bank verließ. Die
Polizei fing Mead und Sherman, der einen Schuß ins Gesicht bekam.
Zwei Monate später heckten Cook und einige andere Revolutionäre
einen Plan aus, um Sherman vor dem Harborview-Krankenhaus zu befreien.
Verkleidet als Arzt im weißen Kittel war Cook der Hauptdarsteller:
seine Aufgabe war, den Polizeibeamten zu überwältigen, der
Sherman bewachte - ein Plan, der schiefgehen sollte.
Am Ende hatte er einen Bullen angeschossen. "Falls ich vorgehabt
hätte, ihn zu töten", betont Cook, "hätte ich
immer noch fünf Kugeln in meiner Pistole gehabt." Der Polizist
überlebte. Trotzdem machte der Vorfall Cook nervös. "Nach
den Schüssen, da hatte ich so ein Gefühl im Bauch. Ist dieser
Mensch echt verletzt? Das warf die Frage auf: bist du für oder
gegen Gewalt?"
Obwohl er offen
zugibt, in seinem Leben viele Verbrechen begangen zu haben, betont er,
nicht an dem Raub von 1976 beteiligt gewesen zu sein - noch nicht einmal
als Fahrer des Fluchtwagens. Schließlich wurde er sowohl nach
staatlichem wie auch Bundesrecht wegen des Raubs und der Befreiungsaktion
verurteilt. Der Polizeibeamte, der Cooks Kugel überlebte, identifizierte
ihn als seinen Angreifer. Die Beweismittel gegen Cook wegen seiner Rolle
im Banküberfall von Tukwila waren löchriger. Ein Drogenhändler
und seine Freundin waren die Hauptbelastungszeugen. Beide erhielten
von der Regierung $ 20.000 für ihre Aussagen.
Im Rückblick scheint der alte Panther nicht ganz zufrieden mit
seiner Rolle zu dieser Zeit. "Ich fühlte mich irgendwie mehr
reformistisch, weil der Großteil meiner Arbeit in der Legalität
war", meint Cook mit Bezug auf seine fortschrittlich-reformistische
Arbeit mit Mithäftlingen. Nach seinen ideologischen Vorstellungen
befragt, antwortet er allerdings eindeutig: "Ich war Revolutionär.
Ich war ein Black Panther."
Die Rückkehr nach draussen
23 Jahre später
blickt Mark Cook seiner Haftentlassung mit gemischten Gefühlen
entgegen. "Ich habe so lange gesessen; draußen zu sein ist
wie ein anderes Gefängnis", sagt er etwas kryptisch. Vieles
hat sich während der jahrzehnte seiner Haft verändert. Revolutionäre
gibt es nicht mehr, liberale Freidenker sind jetzt reformistisch, und
Ermächtigung findet man entweder in einem Ratgeber-Buch oder in
den neuesten Nike-Schuhen.
"Es sind harte Zeiten für Leute wie uns", sagt Mark Cooks
ehemaliger Genosse Ed Mead. Mead, heute 57 Jahre alt, arbeitet jetzt
als Computernetzwerk-Administrator in der Nähe von San Francisco.
Er kam 1993 frei: "Wir taten damals was wir taten, weil wir fanden
die Gesellschaft sei so schlecht, daß wir lieber Tod oder Gefangenschaft
erleiden würden, als unter ihrer Knute zu leben. Und heute ist
es nochmal so schlimm."
Cook wird fast mittellos nach Capitol Hill zurückkehren, weshalb
das Washington Prison Project, eine neugegründete Initiative, auf
einer Reihe von Solidaritätsveranstaltungen $ 5.000 Startgeld für
ihn gesammelt hat. Cook befürchtet, das er Prostatakrebs hat, also
wird alles Geld entweder für Arztrechnungen oder - falls er nicht
krank ist - für die einfachen Lebenshaltungskosten ausgegeben.
Natürlich hofft er auf letzteres.
Wenn er einmal draußen ist, hat Mark Cook zwei große Prioritäten:
seine Familie und Schach. "Ich bin 62 Jahre alt", sagt er.
"Ich bin achtmaliger Großvater. Ich schulde ihnen einige
Erklärungen, warum ich nicht für sie da gewesen bin."
Phil Campbell
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