Verhandlungen
mitten im Krieg
Eine Reportage über die schwierige Friedenssuche in Kolumbien
Neben kolumbianischen
Rechtsanwälten und Menschenrechtsaktivist/innen, nahm auch die
Internationale Vertretung der FARC-EP beobachtend an der Konferenz für
die Freiheit der politischen Gefangenen in Berlin im April 1999 teil.
Kurze Zeit später wurde Libertad! nach Kolumbien eingeladen - die
Solidaritätsorganisation sollte sich ein eigenes Bild des Landes,
seiner Menschenrechtssituation und der Atmosphäre in der von der
Guerilla kontrollierten zona de despeje (Enspannungszone)
machen.
Zur Jahreswende 1999/2000
konnte der Besuch stattfinden.
Es wurde eine Reise in ein Land, in dem nicht nur die Alltäglichkeit
der Gewalt den Takt bestimmt, sondern auch die Politik einer Guerilla,
die in militärischer Formation kämpfend bislang offizielle
Verhandlungen durchsetzen konnte.
Die Reportage ist ein Vorabdruck des im Mai erscheinenden Themenmagazins
Mitten im Krieg - Reportagen und Interviews aus Kolumbien.
Bereits über
ein Jahr sitzen die Unterhändler der konservativen Regierung Andres
Pastrana und der kommunistischen Guerrilla Revolutionäre Streitkräfte
Kolumbiens - Volksheer (FARC-EP) am Verhandlungstisch. Verhandelt wurde
bisher allerdings nicht über einen Friedensschluss im ältesten
Bürgerkrieg Lateinamerikas, sondern über Rahmenbedingungen
für die eigentlichen Gespräche, die einmal in einen neuen
kolumbianischen Staat auf der Grundlage von Frieden und sozialer Gerechtigkeit
münden sollen. Auf die zentralen Punkte dieser Diskussion hatten
sich die FARC und die Regierung in einer 11-Punkte-Agenda im Mai letzten
Jahres geeinigt.
Während die
Gespräche zwischen FARC und Regierung in einer von Militär
und Polizei geräumten Zone im Süden des Landes seit dem 13.Januar
fortgesetzt werden, geht der Krieg in den übrigen Landesteilen
mit unverminderter Härte weiter. Nach einer einseitigen Feuerpause
der FARC über Weihnachten zerstörte die Guerrilla kurz vor
dem erneuten Verhandlungsbeginn mehrere Polizeistationen im Norden,
während am gleichen Tag die USA der kolumbianischen Regierung Militärhilfe
in Höhe von 1,6 Milliarden Dollar zusagte, um die Kontrolle
über den Süden des Landes wiederzugewinnen, so das US-State
Department.
FARC und Regierung -
im Patt?
Tatsächlich
ist die FARC-Guerrilla in weiten Teilen des von Hochgebirgen und undurchdringlichen
Amazonaswald geprägten Süden und Osten Kolumbiens eine dominierende
politische und militärische Kraft geworden. Staatliche Autoritäten
waren in den ländlichen, unterentwickelten Gebieten ohnehin kaum
vertreten oder wurden von der Guerilla vertrieben. Die nach unterschiedlichen
Schätzungen 10-15.000 Kämpfer/innen der FARC sind in den letzten
Jahren von der klassischen hit-and-run-Taktik zu regulären Militäroperationen
übergegangen. Die kolumbianische Armee mußte schwere Verluste
hinnehmen. So wurde ein Batallion der von den USA trainierten Eliteeinheiten
des Heeres vollständig aufgerieben: 70 Tote und 70 Gefangene waren
zu beklagen. Insgesamt fielen seit 1998 knapp 500 Soldaten und Polizisten
in die Hand der Guerilla; die FARC will die Kriegsgefangenen
gegen ihre inhaftierten Kämpfer/innen austauschen.
Vor dem Hintergrund
dieser offensichtlichen militärischen Stärke gestand die Regierung
Pastrana im November 1998 der FARC den Abzug von Militär- und Polizeieinheiten
aus fünf Landkreisen zu; damit erfüllte der Präsident
eine Vorbedingung der Guerilla für Gespräche. Die sogenannte
zona de despeje ("Entspannungsgebiet") in den Regionen Caquetá
und Meta umfasst 42.000 km², ein Gebiet von der Größe
der Schweiz. Die vom Militär geräumte Zone wurde per Regierungsdekret
der Kontrolle der FARC unterstellt, die sich im Gegenzug verpflichtete,
die Sicherheit der Regierungsunterhändler zu gewährleisten,
die in der geräumten Militärkaserne der Provinzhauptstadt
San Vicente de Caguán untergebracht sind.
Die Gespräche
begannen am 13. Januar dieses Jahres mit einem Tauziehen um den ersten
Verhandlungspunkt. Die Guerilla konnte ihre Forderung, die Arbeitslosigkeit
- und damit das neoliberale Modell - zum ersten Diskussionspunkt zu
machen, durchsetzen. Im Anschluß schickte die Regierung Mitte
Januar ihren Wirtschafts- und Finanzminister in die geräumte Zone,
die vor Ort den Unterhändlern von Guerrilla und Regierung Bericht
über die ökonomische Lage des Landes erstatteten. Parallel
zu dieser beginnenden Debatte gehen in der geräumten Zone die praktischen
Vorbereitungen für die audiencias publicas weiter - öffentliche
Hearings, mit deren Hilfe die Bevölkerung des ganzen Landes an
der Diskussion über die angestrebten sozialen und ökonomischen
Veränderungen zu beteiligen. Die Regierung muß die materiellen,
technischen und finanziellen Ressourcen zur Verfügung stellen,
um die Teilnahme der kolumbianische Bevölkerung und ihrer gewerkschaftlichen,
sozialen und politischen Organisationen an dem Diskussionsprozeß
zu gewährleisten. Ein Ergebnis, das die Guerrilla der Regierung
ebenfalls abtrotzen konnte.
Die zona de despeje - Entspannungszone
In der Umgebung
der geräumten Zone blockieren Strassensperren der Armee die Zufahrtswege.
Mehrfach kam es bereits auf diesen Strassen zu Entführungen und
Morden durch paramilitärische Gruppen. Besucher/innen erreichen
den Ort der Friedensverhandlungen deshalb auf dem Luftweg. Nach mißtrauischen
Fragen und eingehenden Kontrollen auf dem Flughafen der Hauptstadt Bogotá
dauert es eine gute Stunde, bis die kleine Maschine der Linie Satena,
eine Firma im Besitz der kolumbianischen Luftwaffe, auf der Asphaltpiste
des Flughafens von San Vicente del Caguán aufsetzt.
San Vicente liegt
am Rande des Amazonasgebiets. In der Stadt herrscht tropische Hitze,
selbst nachts sinkt das Thermometer nicht unter 35 C. Mit seinen 13.000
Einwohner/innen ist San Vicente in dieser dünn besiedelten Gegend
ein geschäftiges Regionalzentrum. Pferdefuhrwerke, lärmende
Motorräder und alte LKWs rattern durch die schmalen, staubigen
Strassen rund um den Marktplatz, der von Strassenhändlern und allerlei
Geschäften gesäumt ist. Ohrenbetäubende Salsa-Klänge
dringen aus der Vielzahl von Kneipen. Schuhputzer, die meisten keine
zehn Jahre alt, sitzen auf den Bürgersteigen, hinter Strassenwagen
wird allerlei, von dem Zuckerrohrsaft Guarapo bis zur Machete, verkauft.
Die Lebensverhältnisse sind bescheiden. Noch deutlicher als in
der Provinzhauptstadt San Vicente ist die Armut in der Umgebung: schon
am Stadtrand werden die ein- bis zweistöckigen Häuser der
Stadt zu Bretterhütten, viele sind ohne Wasser- und Stromanschluss.
Die Strassen sind mehrheitlich Sandpisten, die in der Regenzeit von
März bis November zudem nur schwer zu passieren sind. Prägend
sind hier grossflächige Fincas, wo Vieh- und Milchwirtschaft getrieben
wird. Dies ist die grösste Einkommensquelle, da die Gegend weder
über gute Böden für den Anbau noch über nennenswerte
Bodenschätze verfügt. Die Arbeitslosigkeit beträgt 60%.
Die sozialen Probleme liegen auf der Hand.
Gegenüber des
Rathauses von San Vicente unterhält die FARC im ehemaligen Kulturzentrum
des Ortes ihr lokales Büro. Es dient der Bevölkerung wie auch
auswärtigen Besucher/innen als Informations- und Anlaufstelle.
Vor dem Haus sitzen einige uniformierte und bewaffnete Guerilleros und
Guerilleras. Insgesamt sind es wenige Kämpfer/innen, die auf den
Strassen zu sehen sind: in der Regel junge Männer und auffällig
viele Frauen mit AK47-Gewehren und Macheten, Gummistiefeln und Uniformen,
in kleinen Gruppen, eher schlendernd als patroullierend. Manche sitzen
im Schatten der Cafés, manche unterhalten sich in Geschäften
mit den Leuten. Die FARC scheint insgesamt nicht darauf Wert zu legen,
gegenüber der Bevölkerung militärische Stärke zu
demonstrieren.
Diesen Eindruck
bestätigt Mauricio Gareca, der verantwortliche FARC-Kommandant
in San Vicente. Die Guerilla sei eine politische und moralische, nicht
in erster Linie militärische Autorität, so der Comandante.
Das Ziel der FARC sei es, der Bevölkerung Gehör zu verschaffen
und sie zu ermutigen, sich für ihre Interessen einzusetzen. Zu
diesem Zweck gebe es mehrere Komitees, mit deren Hilfe die sozialen
und ökonomischen Probleme in Angriff genommen werden könnten.
Die Bilanz eines Jahres kann sich sehen lassen: unter Beteiligung der
Bevölkerung ist ein Grossteil der Strassen, vor allem in den ärmsten
Stadtteilen, asphaltiert worden. Die FARC setzte beim Stadtrat durch,
dass das Leitungswasser gereinigt wird. Die gesamte Bevölkerung
wurde gegen Gelbfieber geimpft. Einhellig streichen Kneipenbesucher
und Ladenbesitzerinnen heraus, dass Raub, Morde und andere Gewaltdelikte
stark zurückgegangen sind. Starben vor einem Jahr noch durchschnitllich
zwei Menschen pro Woche, ist die Mordrate in san Vicente nun um 98%
zurückgegangen. Gleiches gilt für den Handel mit Bazooka,
einem Billig-Derivat des Kokains. Die Guerilla hat den Handel untersagt
und Dealern mit der Ausweisung aus der zona de despeje gedroht. Die
Erfahrungen mit und in der Bevölkerung seien insgesamt positiv,
so Comandante Mauricio, auch wenn die FARC nicht die Mittel besässe,
um für die sozialen Probleme, für die der Staat verantwortlich
sei, Abhilfe zu schaffen.
Die oficinas de quejas y reclamo - Büros für Beschwerden
und Forderungen
Um für die
alltäglichen Probleme der Bevölkerung Lösungen anzubieten,
hat die FARC eine Institution ins Leben gerufen: die oficinas de quejas
y reclamos, Büros für Beschwerden und Forderungen. Das nächste
"Büro" liegt 20 Autominuten ausserhalb des Ortes, abseits
der Strasse am Rande eines Guerilla-Camps: ein stabiles Gerüst
aus Bambusstöcken, darüber gespannt eine schwarze Plastikfolie
gegen Regen und Sonne, zwei grob gezimmerte Holzbänke und ein Tisch
- daraus besteht der Arbeitsplatz von Arturo Medina.
Vor seinem Unterstand
steht eine grosse Palme, in deren Schatten eine Traube von Menschen
aus San Vicente darauf warten, Comandante Arturo ihre Anliegen vorzutragen.
Der Andrang ist gross. Menschen, die mit Bus, Taxi oder Moped schon
zu früher Stunde gekommen sind, um Konflikte von dem FARC-Guerillero
schlichten zu lassen. Schulden, Scheidungen, Gewalt in der Familie,
Autounfälle und Schlägereien, die Fälle seien vielfältig,
so der Friedensrichter der FARC. Die Kommandant/innen in den oficinas
lassen beide Streitparteien ihre Sicht darlegen und bemühen sich,
beidseitig akzeptierte Vereinbarungen herbeizuführen, die schriftlich
fixiert und von der FARC garantiert werden. Arturo Medina spricht wenig,
hört bedächtig den Kontrahent/innen und Zeug/innen zu, lässt
sich die Probleme erläutern, notiert sich jeden Fall in einer Kladde
und hält schliesslich Übereinkünfte und Urteile fest.
Zuhören tut nicht er allein. Eine junge Guerillera muß die
unter der Palme im Gras lagernden Wartenden immer wieder ermahnen, etwas
mehr Abstand zu halten. Trotzdem kommt es zu lautem Gelächter,
als in einem Streitfall über ausstehende Geldzahlungen der Schuldner
vorschlägt, er zahle am 30. Februar. Auch über schwere Delikte
wird hier Recht gesprochen. Ein Besucher des Büros schildert, dass
der Comandante kürzlich einen Mörder dazu verurteilt habe,
200 Meter Dorfstrasse zu bauen und dreijährige Zahlungen an die
Familie des Opfers zu leisten. In allen Teilen des Landes, in denen
die FARC eine gewisse Kontrolle hat, werden Erfahrungen mit dieser Form
von Konfliktlösung und "neuer"Justiz gemacht, so Arturo
Medina. Perfekt sei das System nicht, aber es werde von der Bevölkerung
in Anspruch genommen und anerkannt.
Koka-Bauern
Bezüglich der
sozialen Situation und der Lebensverhältnisse bietet sich in den
übrigen vier entmilitarisierten Gemeinden - Macarena, Vistahermosa,
Mesetas und La Uríbe - ein ähnliches Bild. Mit einem gravierenden
Unterschied: statt magerer Viehweiden ist die ökonomische Basis
der Region die Koka. In den kaum erschlossenen Gegenden haben sich desplazados
angesiedelt, vertriebene Bauernfamilien, die vor dem Terror der Paramilitärs
aus fruchtbaren Regionen flohen. Durch Brandrodung gewinnen sie dem
Amazonaswald kleine Ländereien ab, auf denen sie die berüchtigte
Kokapflanze anbauen. Jenseits der Agrargrenze, fern von
jeglicher staatlichen und wirtschaftlichen Infrastruktur, ist Koka für
die Bauern die einzig vermarktbare Ware. Preise und Transporte werden
von den Abnehmern, Zwischenhändler des Kokainexports, garantiert.
Die Koka-Gebiete sind laut staatlicher Statistik ein Drittel ärmer
als die übrigen Landesteile. Hier gibt es den Staat nur in Form
von Militärflugzeugen, die Koka-Felder mit chemischen Giften besprühen.
Dass sich die FARC-Guerrilla,
schon traditionell in dieser Gegend präsent, als Schutzmacht der
Koka-Bauern verhält, hat ihr international den Ruf einer Narco-Guerrilla
eingebracht. Ivan Rios, Mitglied des Oberkommandos der FARC, bestätigt,
dass die Organisation den Koka-Anbau dulde, solange es für die
Bauern keine Alternative gebe. Die FARC besteuere die Zwischenhändler,
allerdings erhebe die Guerilla auch von anderen Wirtschaftsunternehmen
Kriegssteuern. Hinter dem Koka-Anbau verberge sich ein grundlegendes
soziales Problem, das nur sozial und nicht militärisch zu lösen
sei. Die FARC habe in einer Region den Kokaanbau auch einmal verboten,
allerdings mit dem Ergebnis, daß die Regierung daraufhin eine
große Anzahl Militärs geschickt habe, die den Bauern den
Anbau wieder genehmigten. Um die Bauern nicht in die Arme des Feindes
zu treiben, toleriere die FARC den Kokaanbau. Es gebe aber auch von
ihrer Seite den Vorschlag eines Modellprojektes zur Kokasubstitution,
für den sie internationale finanzielle Unterstützung suchten.
Neue
Einmischungen der USA?
Was passieren wird,
wenn das Übereinkommen zwischen FARC und Regierung über die
geräumte Zone im Sommer 2000 nicht verlängert wird, bleibt
offen. Deutlich ist nur, daß die Bevölkerung Angst hat, die
Paramilitärs könnten ihre Drohungen wahrmachen und Rache nehmen.
Ebenso gibt es Befürchtungen, dass die verstärkte Einmischung
der USA die militärische Auseinandersetzung weiter zuspitzen wird
und so der Friedensprozeß scheitern könnte.
Der Schwerpunkt
des "Plan Colombia", für den Präsident Pastrana
internationale finanzielle und politische Unterstützung seitens
der USA und der EU gefunden hat, liegt auf einer militärischen
Lösung des Konfliktes. 1,6 Milliarden Dollar - mehr Militärhilfe
erhalten nur Israel und Ägypten - will sich die USA ihr Engagement
kosten lassen. Die Gelder sind unter anderem für weitere Militärberater
und die technische Ausstattung zweier Eliteeinheiten der Armee mit Kampfhubschraubern
und schwerem Gerät vorgesehen. Diese neuen Einheiten heißen
zwar bataillones antinarcoticos, Sondereinsatztruppen gegen den Drogenhandel,
aber Frau Albright wollte keine Zweifel über ihren Einsatzbereich
aufkommen lassen: die FARC unterstütze den Drogenhandel, deshalb
müsse sie bekämpft werden.
Eine direktere Invasion
der USA in Kolumbien wird von der FARC nicht länger ausgeschlossen.
Welche Spielräume in den politischen Verhandlungen zwischen einer
starken Guerilla und einer von den USA gestützen Regierung mit
ihrer Strategie von "Zuckerbrot und Peitsche", Verhandlungen
und schmutzigem Krieg, liegen, darf mit gewisser Skepsis verfolgt werden.
Ankündigung:
So
oder So magazin
Mitten
im Krieg - Friedensprozeß und Menschenrechte in Kolumbien
Das Magazin erscheint im Mai 2000. Vorbestellungen richten an:
Libertad!-Versand, Falkstr. 74, 60487 Frankfurt
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