.: Hallo :.

Thursday, den 20.11.2008 - 07:28



.: online :.

»Editorial
»Online NEWS
»Ergänzungen zu Artikeln


.: zeitung :.

.: index :.
» alle Druckausgaben
» Materialien: Ergänzungen zu Artikeln
» Autor/innen-Index
» Foto-Index
» Editorial-Index
» SoOderSo-Webwatcher
» ...

.: service :.

» Impressum
» Vertrieb
» An die Redaktion
» Artikel schreiben
» Infodienst abonnieren
» SUCHEN

 
Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 6 / März 2000 - Seite 3/4
Verhandlungen mitten im Krieg
Eine Reportage über die schwierige Friedenssuche in Kolumbien
[ Inhalt Nr. 6.]
Verhandlungen mitten im Krieg
Eine Reportage über die schwierige Friedenssuche in Kolumbien

Neben kolumbianischen Rechtsanwälten und Menschenrechtsaktivist/innen, nahm auch die Internationale Vertretung der FARC-EP beobachtend an der Konferenz für die Freiheit der politischen Gefangenen in Berlin im April 1999 teil. Kurze Zeit später wurde Libertad! nach Kolumbien eingeladen - die Solidaritätsorganisation sollte sich ein eigenes Bild des Landes, seiner Menschenrechtssituation und der Atmosphäre in der von der Guerilla kontrollierten „zona de despeje“ (Enspannungszone) machen.

Zur Jahreswende 1999/2000 konnte der Besuch stattfinden.
Es wurde eine Reise in ein Land, in dem nicht nur die Alltäglichkeit der Gewalt den Takt bestimmt, sondern auch die Politik einer Guerilla, die in militärischer Formation kämpfend bislang offizielle Verhandlungen durchsetzen konnte.
Die Reportage ist ein Vorabdruck des im Mai erscheinenden Themenmagazins „Mitten im Krieg - Reportagen und Interviews aus Kolumbien“
.

Bereits über ein Jahr sitzen die Unterhändler der konservativen Regierung Andres Pastrana und der kommunistischen Guerrilla Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens - Volksheer (FARC-EP) am Verhandlungstisch. Verhandelt wurde bisher allerdings nicht über einen Friedensschluss im ältesten Bürgerkrieg Lateinamerikas, sondern über Rahmenbedingungen für die eigentlichen Gespräche, die einmal in einen ”neuen kolumbianischen Staat auf der Grundlage von Frieden und sozialer Gerechtigkeit” münden sollen. Auf die zentralen Punkte dieser Diskussion hatten sich die FARC und die Regierung in einer 11-Punkte-Agenda im Mai letzten Jahres geeinigt.

Während die Gespräche zwischen FARC und Regierung in einer von Militär und Polizei geräumten Zone im Süden des Landes seit dem 13.Januar fortgesetzt werden, geht der Krieg in den übrigen Landesteilen mit unverminderter Härte weiter. Nach einer einseitigen Feuerpause der FARC über Weihnachten zerstörte die Guerrilla kurz vor dem erneuten Verhandlungsbeginn mehrere Polizeistationen im Norden, während am gleichen Tag die USA der kolumbianischen Regierung Militärhilfe in Höhe von 1,6 Milliarden Dollar zusagte, um die ”Kontrolle über den Süden des Landes wiederzugewinnen”, so das US-State Department.


FARC und Regierung -
im Patt?

Tatsächlich ist die FARC-Guerrilla in weiten Teilen des von Hochgebirgen und undurchdringlichen Amazonaswald geprägten Süden und Osten Kolumbiens eine dominierende politische und militärische Kraft geworden. Staatliche Autoritäten waren in den ländlichen, unterentwickelten Gebieten ohnehin kaum vertreten oder wurden von der Guerilla vertrieben. Die nach unterschiedlichen Schätzungen 10-15.000 Kämpfer/innen der FARC sind in den letzten Jahren von der klassischen hit-and-run-Taktik zu regulären Militäroperationen übergegangen. Die kolumbianische Armee mußte schwere Verluste hinnehmen. So wurde ein Batallion der von den USA trainierten Eliteeinheiten des Heeres vollständig aufgerieben: 70 Tote und 70 Gefangene waren zu beklagen. Insgesamt fielen seit 1998 knapp 500 Soldaten und Polizisten in die Hand der Guerilla; die FARC will die ”Kriegsgefangenen” gegen ihre inhaftierten Kämpfer/innen austauschen.

Vor dem Hintergrund dieser offensichtlichen militärischen Stärke gestand die Regierung Pastrana im November 1998 der FARC den Abzug von Militär- und Polizeieinheiten aus fünf Landkreisen zu; damit erfüllte der Präsident eine Vorbedingung der Guerilla für Gespräche. Die sogenannte zona de despeje ("Entspannungsgebiet") in den Regionen Caquetá und Meta umfasst 42.000 km², ein Gebiet von der Größe der Schweiz. Die vom Militär geräumte Zone wurde per Regierungsdekret der Kontrolle der FARC unterstellt, die sich im Gegenzug verpflichtete, die Sicherheit der Regierungsunterhändler zu gewährleisten, die in der geräumten Militärkaserne der Provinzhauptstadt San Vicente de Caguán untergebracht sind.

Die Gespräche begannen am 13. Januar dieses Jahres mit einem Tauziehen um den ersten Verhandlungspunkt. Die Guerilla konnte ihre Forderung, die Arbeitslosigkeit - und damit das neoliberale Modell - zum ersten Diskussionspunkt zu machen, durchsetzen. Im Anschluß schickte die Regierung Mitte Januar ihren Wirtschafts- und Finanzminister in die geräumte Zone, die vor Ort den Unterhändlern von Guerrilla und Regierung Bericht über die ökonomische Lage des Landes erstatteten. Parallel zu dieser beginnenden Debatte gehen in der geräumten Zone die praktischen Vorbereitungen für die audiencias publicas weiter - öffentliche Hearings, mit deren Hilfe die Bevölkerung des ganzen Landes an der Diskussion über die angestrebten sozialen und ökonomischen Veränderungen zu beteiligen. Die Regierung muß die materiellen, technischen und finanziellen Ressourcen zur Verfügung stellen, um die Teilnahme der kolumbianische Bevölkerung und ihrer gewerkschaftlichen, sozialen und politischen Organisationen an dem Diskussionsprozeß zu gewährleisten. Ein Ergebnis, das die Guerrilla der Regierung ebenfalls abtrotzen konnte.


Die zona de despeje - „Entspannungszone“

In der Umgebung der geräumten Zone blockieren Strassensperren der Armee die Zufahrtswege. Mehrfach kam es bereits auf diesen Strassen zu Entführungen und Morden durch paramilitärische Gruppen. Besucher/innen erreichen den Ort der Friedensverhandlungen deshalb auf dem Luftweg. Nach mißtrauischen Fragen und eingehenden Kontrollen auf dem Flughafen der Hauptstadt Bogotá dauert es eine gute Stunde, bis die kleine Maschine der Linie Satena, eine Firma im Besitz der kolumbianischen Luftwaffe, auf der Asphaltpiste des Flughafens von San Vicente del Caguán aufsetzt.

San Vicente liegt am Rande des Amazonasgebiets. In der Stadt herrscht tropische Hitze, selbst nachts sinkt das Thermometer nicht unter 35 C. Mit seinen 13.000 Einwohner/innen ist San Vicente in dieser dünn besiedelten Gegend ein geschäftiges Regionalzentrum. Pferdefuhrwerke, lärmende Motorräder und alte LKWs rattern durch die schmalen, staubigen Strassen rund um den Marktplatz, der von Strassenhändlern und allerlei Geschäften gesäumt ist. Ohrenbetäubende Salsa-Klänge dringen aus der Vielzahl von Kneipen. Schuhputzer, die meisten keine zehn Jahre alt, sitzen auf den Bürgersteigen, hinter Strassenwagen wird allerlei, von dem Zuckerrohrsaft Guarapo bis zur Machete, verkauft. Die Lebensverhältnisse sind bescheiden. Noch deutlicher als in der Provinzhauptstadt San Vicente ist die Armut in der Umgebung: schon am Stadtrand werden die ein- bis zweistöckigen Häuser der Stadt zu Bretterhütten, viele sind ohne Wasser- und Stromanschluss. Die Strassen sind mehrheitlich Sandpisten, die in der Regenzeit von März bis November zudem nur schwer zu passieren sind. Prägend sind hier grossflächige Fincas, wo Vieh- und Milchwirtschaft getrieben wird. Dies ist die grösste Einkommensquelle, da die Gegend weder über gute Böden für den Anbau noch über nennenswerte Bodenschätze verfügt. Die Arbeitslosigkeit beträgt 60%. Die sozialen Probleme liegen auf der Hand.

Gegenüber des Rathauses von San Vicente unterhält die FARC im ehemaligen Kulturzentrum des Ortes ihr lokales Büro. Es dient der Bevölkerung wie auch auswärtigen Besucher/innen als Informations- und Anlaufstelle. Vor dem Haus sitzen einige uniformierte und bewaffnete Guerilleros und Guerilleras. Insgesamt sind es wenige Kämpfer/innen, die auf den Strassen zu sehen sind: in der Regel junge Männer und auffällig viele Frauen mit AK47-Gewehren und Macheten, Gummistiefeln und Uniformen, in kleinen Gruppen, eher schlendernd als patroullierend. Manche sitzen im Schatten der Cafés, manche unterhalten sich in Geschäften mit den Leuten. Die FARC scheint insgesamt nicht darauf Wert zu legen, gegenüber der Bevölkerung militärische Stärke zu demonstrieren.

Diesen Eindruck bestätigt Mauricio Gareca, der verantwortliche FARC-Kommandant in San Vicente. Die Guerilla sei eine politische und moralische, nicht in erster Linie militärische Autorität, so der Comandante. Das Ziel der FARC sei es, der Bevölkerung Gehör zu verschaffen und sie zu ermutigen, sich für ihre Interessen einzusetzen. Zu diesem Zweck gebe es mehrere Komitees, mit deren Hilfe die sozialen und ökonomischen Probleme in Angriff genommen werden könnten. Die Bilanz eines Jahres kann sich sehen lassen: unter Beteiligung der Bevölkerung ist ein Grossteil der Strassen, vor allem in den ärmsten Stadtteilen, asphaltiert worden. Die FARC setzte beim Stadtrat durch, dass das Leitungswasser gereinigt wird. Die gesamte Bevölkerung wurde gegen Gelbfieber geimpft. Einhellig streichen Kneipenbesucher und Ladenbesitzerinnen heraus, dass Raub, Morde und andere Gewaltdelikte stark zurückgegangen sind. Starben vor einem Jahr noch durchschnitllich zwei Menschen pro Woche, ist die Mordrate in san Vicente nun um 98% zurückgegangen. Gleiches gilt für den Handel mit Bazooka, einem Billig-Derivat des Kokains. Die Guerilla hat den Handel untersagt und Dealern mit der Ausweisung aus der zona de despeje gedroht. Die Erfahrungen mit und in der Bevölkerung seien insgesamt positiv, so Comandante Mauricio, auch wenn die FARC nicht die Mittel besässe, um für die sozialen Probleme, für die der Staat verantwortlich sei, Abhilfe zu schaffen.


Die oficinas de quejas y reclamo - Büros für Beschwerden und Forderungen

Um für die alltäglichen Probleme der Bevölkerung Lösungen anzubieten, hat die FARC eine Institution ins Leben gerufen: die oficinas de quejas y reclamos, Büros für Beschwerden und Forderungen. Das nächste "Büro" liegt 20 Autominuten ausserhalb des Ortes, abseits der Strasse am Rande eines Guerilla-Camps: ein stabiles Gerüst aus Bambusstöcken, darüber gespannt eine schwarze Plastikfolie gegen Regen und Sonne, zwei grob gezimmerte Holzbänke und ein Tisch - daraus besteht der Arbeitsplatz von Arturo Medina.

Vor seinem Unterstand steht eine grosse Palme, in deren Schatten eine Traube von Menschen aus San Vicente darauf warten, Comandante Arturo ihre Anliegen vorzutragen. Der Andrang ist gross. Menschen, die mit Bus, Taxi oder Moped schon zu früher Stunde gekommen sind, um Konflikte von dem FARC-Guerillero schlichten zu lassen. Schulden, Scheidungen, Gewalt in der Familie, Autounfälle und Schlägereien, die Fälle seien vielfältig, so der Friedensrichter der FARC. Die Kommandant/innen in den oficinas lassen beide Streitparteien ihre Sicht darlegen und bemühen sich, beidseitig akzeptierte Vereinbarungen herbeizuführen, die schriftlich fixiert und von der FARC garantiert werden. Arturo Medina spricht wenig, hört bedächtig den Kontrahent/innen und Zeug/innen zu, lässt sich die Probleme erläutern, notiert sich jeden Fall in einer Kladde und hält schliesslich Übereinkünfte und Urteile fest. Zuhören tut nicht er allein. Eine junge Guerillera muß die unter der Palme im Gras lagernden Wartenden immer wieder ermahnen, etwas mehr Abstand zu halten. Trotzdem kommt es zu lautem Gelächter, als in einem Streitfall über ausstehende Geldzahlungen der Schuldner vorschlägt, er zahle am 30. Februar. Auch über schwere Delikte wird hier Recht gesprochen. Ein Besucher des Büros schildert, dass der Comandante kürzlich einen Mörder dazu verurteilt habe, 200 Meter Dorfstrasse zu bauen und dreijährige Zahlungen an die Familie des Opfers zu leisten. In allen Teilen des Landes, in denen die FARC eine gewisse Kontrolle hat, werden Erfahrungen mit dieser Form von Konfliktlösung und "neuer"Justiz gemacht, so Arturo Medina. Perfekt sei das System nicht, aber es werde von der Bevölkerung in Anspruch genommen und anerkannt.


Koka-Bauern

Bezüglich der sozialen Situation und der Lebensverhältnisse bietet sich in den übrigen vier entmilitarisierten Gemeinden - Macarena, Vistahermosa, Mesetas und La Uríbe - ein ähnliches Bild. Mit einem gravierenden Unterschied: statt magerer Viehweiden ist die ökonomische Basis der Region die Koka. In den kaum erschlossenen Gegenden haben sich desplazados angesiedelt, vertriebene Bauernfamilien, die vor dem Terror der Paramilitärs aus fruchtbaren Regionen flohen. Durch Brandrodung gewinnen sie dem Amazonaswald kleine Ländereien ab, auf denen sie die berüchtigte Kokapflanze anbauen. Jenseits der ”Agrargrenze”, fern von jeglicher staatlichen und wirtschaftlichen Infrastruktur, ist Koka für die Bauern die einzig vermarktbare Ware. Preise und Transporte werden von den Abnehmern, Zwischenhändler des Kokainexports, garantiert. Die Koka-Gebiete sind laut staatlicher Statistik ein Drittel ärmer als die übrigen Landesteile. Hier gibt es den Staat nur in Form von Militärflugzeugen, die Koka-Felder mit chemischen Giften besprühen.

Dass sich die FARC-Guerrilla, schon traditionell in dieser Gegend präsent, als Schutzmacht der Koka-Bauern verhält, hat ihr international den Ruf einer Narco-Guerrilla eingebracht. Ivan Rios, Mitglied des Oberkommandos der FARC, bestätigt, dass die Organisation den Koka-Anbau dulde, solange es für die Bauern keine Alternative gebe. Die FARC besteuere die Zwischenhändler, allerdings erhebe die Guerilla auch von anderen Wirtschaftsunternehmen Kriegssteuern. Hinter dem Koka-Anbau verberge sich ein grundlegendes soziales Problem, das nur sozial und nicht militärisch zu lösen sei. Die FARC habe in einer Region den Kokaanbau auch einmal verboten, allerdings mit dem Ergebnis, daß die Regierung daraufhin eine große Anzahl Militärs geschickt habe, die den Bauern den Anbau wieder genehmigten. Um die Bauern nicht in die Arme des Feindes zu treiben, toleriere die FARC den Kokaanbau. Es gebe aber auch von ihrer Seite den Vorschlag eines Modellprojektes zur Kokasubstitution, für den sie internationale finanzielle Unterstützung suchten.

Neue Einmischungen der USA?

Was passieren wird, wenn das Übereinkommen zwischen FARC und Regierung über die geräumte Zone im Sommer 2000 nicht verlängert wird, bleibt offen. Deutlich ist nur, daß die Bevölkerung Angst hat, die Paramilitärs könnten ihre Drohungen wahrmachen und Rache nehmen. Ebenso gibt es Befürchtungen, dass die verstärkte Einmischung der USA die militärische Auseinandersetzung weiter zuspitzen wird und so der Friedensprozeß scheitern könnte.

Der Schwerpunkt des "Plan Colombia", für den Präsident Pastrana internationale finanzielle und politische Unterstützung seitens der USA und der EU gefunden hat, liegt auf einer militärischen Lösung des Konfliktes. 1,6 Milliarden Dollar - mehr Militärhilfe erhalten nur Israel und Ägypten - will sich die USA ihr Engagement kosten lassen. Die Gelder sind unter anderem für weitere Militärberater und die technische Ausstattung zweier Eliteeinheiten der Armee mit Kampfhubschraubern und schwerem Gerät vorgesehen. Diese neuen Einheiten heißen zwar bataillones antinarcoticos, Sondereinsatztruppen gegen den Drogenhandel, aber Frau Albright wollte keine Zweifel über ihren Einsatzbereich aufkommen lassen: die FARC unterstütze den Drogenhandel, deshalb müsse sie bekämpft werden.

Eine direktere Invasion der USA in Kolumbien wird von der FARC nicht länger ausgeschlossen. Welche Spielräume in den politischen Verhandlungen zwischen einer starken Guerilla und einer von den USA gestützen Regierung mit ihrer Strategie von "Zuckerbrot und Peitsche", Verhandlungen und schmutzigem Krieg, liegen, darf mit gewisser Skepsis verfolgt werden.

Ankündigung:

So oder So magazin

Mitten im Krieg - Friedensprozeß und Menschenrechte in Kolumbien


Das Magazin erscheint im Mai 2000. Vorbestellungen richten an:
Libertad!-Versand, Falkstr. 74, 60487 Frankfurt


[ document info ]
CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
[HOCH]Artikel empfehlendrucken
Interessiert an mehr Infos von u. über Libertad! - Abonniere den elektronischen So oder So-Infodienst

CopyLeft © SoOderSo & Libertad!