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Editorial:
Schlechte Zeiten für Solidarität
Vor zwei Monaten
die letzte "So oder So" und schon gibt es eine neue Ausgabe.
Diesmal mit Schwerpunkt Aktionstag 18. März! Zum fünften Mal
wird es an und um diesen Tag herum in vielen Städten Aktivitäten
geben - in Solidarität mit denjenigen, die von Repression betroffen
sind und für die Freiheit der politischen Gefangenen. Gemessen
an der Zahl der Städte und Orte, wo was laufen wird, hat die Beteiligung
zugenommen. Langsam aber sicher mausert sich der 18. März zu einem
wirklichen bundesweiten Aktionstag. Das ist erfreulich.
Schwerpunkt dieser
Ausgabe ist "Repression in Deutschland", passend zum Aktionstag.
Da ist höchst aktuell die Berichterstattung zur fortgesetzten RZ-Fahndung.
(Seiten 1/2), die Verfolgung ausländischer Organisationen in Deutschland
(Seiten 12/13) und zur Abschiebemaschinerie (Seiten 10/11). Am 11. April
jährt sich zum 19. Mal der Todestag von Sigurd Debus, der 1981
im Hungerstreik starb. Wir erinnern an ihn (Seiten 8/9). Zur aktuellen
Repression gehören auch die Verfahren gegen die Passauer Antifa.
Ein Interview beleuchtet die Hintergründe (Seiten 5/6).
Aber auch Internationales kommt nicht zu kurz. Zu finden ist eine Reportage
über einen entlassen Black Panther (Seite 4), und weitere Nachrichten
aus Italien, Peru, Frankreich und der Türkei. Mitxel Saras-keta,
ein langjähriger baskischer Gefangener, der auch an der Konferenz
in Berlin teilnahm, schrieb das Gedicht "Unser Tag wird kommen"
(Seite 15). Zwar mußten wir das angekündigte Magazin zu Kolumbien
verschieben, aber als Vorabdruck erscheint eine Reportage" (Seite
3). Statt dem Magazin liegt dieser Ausgabe der Rundbrief Nr.3 der Untersuchungs-komission
Andrea Wolf bei. Augenzeug/innen belegen erneut, daß Andrea nach
der Verhaftung mißhandelt und ermordet wurde.
Bei den Aktivitäten
zum Aktionstag 18. März steht noch vieles nebeneinander, sind Solidarität
und Einheit gegenüber staatlicher Unterdrückung nur wenig
entwickelt. Kein Ereignis der letzten Zeit hat das deutlicher gemacht
als das weitgehende linke Nicht-Verhalten zum Hungerstreik türkischer
und kurdischer politischer Gefangener in deutschen Gefängnissen
gegen Isolationshaft. Doch der Reihe nach:
Am 30. November 1999 beginnt Ilhan Yelkuvan, nachdem er am gleichen
Tag vom OLG Hamburg zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, einen Hungerstreik
gegen seine Sonderhaftbedingungen. Ilhan Yelkuvan ist Gefangener aus
der seit 1998 in Deutschland verbotenen türkischen Organisation
DHKP-C (Rev. Volksbefrei-ungspartei-Front). In kurzer Zeit schließen
sich in verschiedenen Gefängnissen weitere Gefangene, allesamt
türkischer und kurdischer Herkunft, diesem Streik an. Sie fordern:
Weg mit der Isolationshaft. Gleichzeitig protestieren sie gegen die
europaweite und von Deutschland ausgehende Kriminalisierung der DHKP-C.
Auch in Belgien und Frankreich treten Gefangene in einen Solidaritätshun-gerstreik,
im Januar auch in die Türkei. Unter der Parole "Einer für
alle - alle für Einen" solidarisieren sich dort über
1000 politische Gefangene. Nach 64 Tagen beenden Ilhan Yelkuvan und
die anderen Gefangenen erfolgreich den Hungerstreik. Das Oberlandesgericht
Hamburg hatte die Isolationshaft aufgehoben. So die kurze Darstellung
der Ereignisse.
Gefangene in Isolation
haben kaum die Wahl der Waffen. Hungerstreik ist eines der wenigen Mittel
gegen die Zerstörung ihrer Gesundheit, ihrer Moral und politischen
Haltung. Und: Ein Hungerstreik ist immer auch eine Aufforderung durch
die Knastmauern zur Solidarität. Nun, es gab Solidarität.
Hauptsächlich und zuerst von den Anhängern der DHKP-C selbst.
Weiterhin von ein paar wenigen deutschen Linken. Aber wo war der Rest
der Linken? Wo waren all die, die mit Mumia Abu-Jamal solidarisch sind?
Wo die ehemaligen Gefangenen aus der RAF, die die Tortur der Isolationshaft
über lange Jahre am eigenen Leib erfahren hatten? Wo diejenigen
von uns heute noch aktiven, die schon in den 80er Jahren, während
der Hungerstreiks der Gefangenen aus RAF und Widerstand, sich praktisch
solidarisierten? Und wo war Libertad!?
Da fordern also
einige Gefangene, indem sie bereit sind bis zum Äußersten
zu gehen - sie selbst sprechen von einem Todesfasten - den Staat heraus.
Und die Mehrheit der Linken greift in der eskalie-renden Situation nicht
ein. Ein paar Presseerklärungen gab es. Auch Protestschreiben.
Doch darüber hinaus: Fehlanzeige!
Die mangelnde Solidarität läßt sich auch nicht einfach
mit politischen Schwierigkeiten mit der DHKP-C erklären. Auch wenn
es nicht immer direkt ausgesprochen wird, die Haltung, daß Solidarität
gegenüber staatlicher Unterdrückung innerhalb der Linken eben
doch teilbar ist, exisiert nach wie vor. Doch allein daran hängt
das Problem nicht.
Wie und mit welcher
Anstrengung Gefangene kämpfen müssen, um Verbesserungen ihrer
Bedingungen zu erreichen, verdeutlichte dieser Hungerstreik erneut.
Die Isolationshaft wurde in Deutschland niemals wirklich gebrochen:
Sie ist bis heute Teil des Gefängnisregimes und wird außerdem
auch in andere Länder, weil sauber und effizient, exportiert. Trotz
10 großer Hungerstreiks der Gefangenen aus der RAF und anderer
Gruppen und einiger toter Gefangener. Auch das kennzeichnet die Niederlage.
Daß der Staat in solchen Auseinandersetzungen auf Zeit spielt
ist klar. Das gehört für ihn zum taktischen Kalkül. Ältere
Genossinnen und Genossen wissen noch wie lange es mitunter draußen
dauerte bis sich was bewegte und Menschen aktiv wurden. Sei es aus Betroffenheit
oder weil sie die Ziele des Kampfes teilten und von sich aus intervenierten.
Im aktuellen Hungerstreik war davon, selbst in der kritischen Phase
ab dem 60. Tag, nicht viel zu spüren. Stattdessen Vogel-Strauß-Politik;
Kopf in den Sand und abwarten was passiert.
Politische Sprachlosigkeit
und Handlungsunfähigkeit gegenüber einschneidenden repressiven
Entwicklungen, von Bad Kleinen bis zum israelischen Generalkonsulat
in Berlin 1999, durchziehen die letzten Jahre. Schlechte Zeiten also
für die Solidarität mit den politischen Gefangenen? Und was
bedeutet das für den 18. März, dessen diesjähriges Motto
immerhin lautet: "Das Schweigen brechen, die Inititative ergreifen,
für die Freiheit der politischen Gefangenen"?
Wir stellen diese Fragen uns und allen, die sich an diesem Tag beteiligen
bzw. darüber hinaus aktiv sind für die Freiheit der politischen
Gefangenen: Wie kommen wir diesem Ziel näher? Wie werden wir eine
Kraft, die in der Lage ist Repression zurückzudrängen? Im
fünften Jahr des bundesweiten Aktionstages ist es Zeit für
eine Zwischenbilanz.
Redaktionsgruppe
zum 18. März
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