| (Dieser Artikel sollte ursprünglich in der gedruckten
Ausgabe Nr. 6 erscheinen - kam allerdings zu spät. Deshalb
jetzt in der Online-Ausgabe)
Staatsgewalt für Atomkraft
Seit jeher versuchten die HerrscherInnen, "ihrer"
Bevölkerung den eigenen Willen aufzuzwängen, auch
mit roher Gewalt. Durch Demokratisierungsversuche habe sich
dies vermeintlich geändert, doch Gewalt gegen Andersdenkende
gibt es weiterhin. Immerhin ist die faktische Todesstrafe
selten geworden und wird höchstens verschämt angewendet;
als "finaler Rettungsschuß" geschönt
oder als Selbstmord getarnt. Nach wie vor üblich ist
jedoch massive Einschüchterung.
Versuche, politischen GegnerInnen die gesellschaftliche, finanzielle
oder soziale Existenz zu rauben, sind an der Tagesordnung.
Wichtig ist, dies zur Kenntnis zu nehmen und einzukalkulieren.
Nur dann wird der Widerstand erfolgreich sein.
Ein Bereich sind die Anti-Atom-Proteste. Hier wurde auch
die letzten Jahre eine Technik mit Gewalt verteidigt, die
sich bei klarem Verstand nie durchgesetzt hätte. Ein
Rechtsstaat ist nicht zu erkennen, wo Menschen die Meinung
der Herrschenden wiederkäuen, sondern dort, wo es Dissens
gibt. Denn staatstreue Untertanen haben auch im Polizeistaat
wenig zu befürchten. Die Stärke der Verfolgung schwankt
je nach der Vermittelbarkeit von Aktionen in der jeweiligen
Region, nach den parteipolitisch Herrschenden, nach der Effektivität
der Aktionen und nach der Effizienz der Öffentlichkeitsarbeit.
Betrachten wir Vorgehensweisen in der BRD der neunziger Jahre:
Definitionsgewalt durch staatliches de-facto-Medienmonopol
Ahaus und der erste Castor. Vorab wurde zwischen den Atomgegnern
vor Ort und jenen von außerhalb eine unnütze und
zermürbende Diskussion darüber geführt, welche
Proteste nun zulässig seien und welche als Gewalt abgelehnt
würden. Dabei ließ sich eine Fraktion von der Gewaltdefinition
der Herrschenden auf's Glatteis führen und übernahm
unhinterfragt die Position, daß auch gegen Gegenstände
moralisch verwerfliche "Gewalt" ausgeübt werden
könne - gleich, ob ein Mensch darunter zu leiden habe
oder nicht.
Einschränkung sozialer Grundrechte
Bayern. Garching bei München. Wegen des Baus des FRM-II
(Forschungsreaktor München II), des ersten deutschen
Reaktors seit Tschernobyl, etablierten sich Sonntagsspaziergänge.
Die Aktionsform erinnert an Proteste in Diktaturen: Die AtomgegnerInnen
gehen dabei einmal im Monat ohne weitere Öffentlichkeitsbeteiligung
um das Baugelände, ohne Parolen, ohne Transparente, fast
ohne jede Öffentlichkeitswirksamkeit. Doch welchen Geistes
die Regierung ist, zeigt sich dabei, was für ein Aufwand
für die ein bis zwei Dutzend SpaziergängerInnen
getrieben wird: Abgefilmt mit stationären Videokameras,
photographiert und verfolgt von der politischen Polizei, inklusive
Personalienaufnahme aller Beteiligten, "für Zeugenaussagen".
Die Krönung bildete die Verurteilung eines Mitgliedes
der "Bürger gegen Atomreaktor Garching" als
angeblicher Versammlungsleiter einer "nicht angemeldeten
Demonstration", als solche sah die bayerische Justiz
die Spaziergänge. Daß der Verurteilte auch nach
Ansicht des Gerichts noch nichtmals an dem ihm zur Last gelegten
Spaziergang teilnahm, störte den Richter dabei wenig.
Staatliches Gewalttätigkeitsmonopol
1996. Zehn Jahre nach Tschernobyl. Bundesweit Demonstrationen
gegen Atomkraft, eine davon in München. Einige Mitglieder
der gewaltfreien "Mahnwache Gundremmingen" verteilten
Flugblätter mit Aufrufen zur angekündigten, gewaltfreien
Schienendemontage vor dem dortigen AKW, um Castor-Transporte
zu verhindern. Die politische Polizei observiert die streng
gewaltfreien AktivistInnen und nimmt sie fern des Geschehens
im U-Bahn-Bereich fest. Gerald Häfner (MdB, B90/Grüne)
beobachtet die Szene und vereinbart mit dem Einsatzleiter,
daß er die Verhafteten zur Wache begleiten darf. Pech
für ihn, daß die ZivilbeamtInnen über'm Untergrund
davon nichts wissen wollen. Fünf gruppieren sich um ihn,
zwei packen ihn mit Polizeigriff, einer am Daumen, er dehnt
bis zum Anschlag, dann noch ein kräftiger Ruck, der Daumen
ist ausgekugelt, Gelenkkapselriß. Drei Zeugen beobachteten
unabhängig voneinander, daß die ZivilbeamtInnen
dabei lachten, auch auf die Nachfrage Häfners, ob Sie
ihm bitte einen Arzt rufen würden. Erst als er sich gegenüber
Uniformierten als Bundestagsabgeordneter zu erkennen gibt,
vergeht ihnen das Lachen, aber der Polizeisprecher ist dreist
genug, zu behaupten, Häfner habe vor der Tat "Ihr
Schweine" zur den Beamten gesagt. Dabei war das der Ausruf
eines Atomgegners, der die staatliche Mißhandlung beobachtete.
Perspektiven des Widerstands: Vermittelbarkeit
Doch es kann auch trotz massiver Überwachung Erfolge
geben. So gelang es wenigen AktivistInnen der Ulmer "AKWeg",
trotz Polizeibewachung einen Castor-Zug auf der Ulmer Donaubrücke
zu stoppen. Beim nächsten Castor-Transport wurden sie
zum Teil observiert, blockierten aber trotzdem wie geplant
den Castor-Zug. Wichtig für den Erfolg bei der Bevölkerung
und für eine geringe Kriminalisierung war eine sehr gute
Pressearbeit, durch die über die Medien auch die Motivation
erklärt werden konnte. In Ihrer Verzweiflung schalteten
die Gundremminger AKW-Betreiber schließlich Spots in
Ulmer Kinos und schmierten zwei offenbar käufliche Ulmer
Lokal zeitungen für ganzseitige redaktionelle Lobeshymnen
auf's AKW, das Blatt jedoch konnten sie damit nicht mehr wenden.
Fazit
Das thematische Ziel, AKWs stillzulegen, ist inzwischen salonfähig
geworden. Nicht zuletzt deshalb fällt in diesem Bereich
die Kriminalisierung im Vergleich zu engagierten KurdInnen
oder Gentechnik-GegnerInnen geringer aus. Dazu kommt das Robin-Hood-Image,
das Castor-BlockiererInnen haben; die Medienberichterstattung
fällt selbst bei dürftiger Pressearbeit nicht negativ
aus. Mas siv verfolgt werden noch diejenigen, die Hakenkrallen
auf Oberleitungen legen, denn hier wird der Staat vorgeführt
und an empfindlicher Stelle getroffen, zudem fehlt hier zumindest
bis heute die Vermittelbarkeit in der breiten Öffentlichkeit.
Nötig wäre eine offene Diskussion darüber in
der Gegenöffentlichkeit, die aber wegen Nachzensur und
Kriminalisierung der Diskussion bislang unterbleibt.
|