Aus dem kurdischen
Tagebuch von Andrea Wolf:
Ich sammle Kräuter, Thymian und wilde Pfefferminze
Zum ersten Jahrestages
des Todes von Andrea Wolf erschien das Buch Im Dschungel der Städte,
in den Bergen Kurdistans - Leben und Kampf von Andrea Wolf. Es
erzählt die Geschichte von Andrea Wolf in Fragmenten und Beiträgen.
Ihre politische Biographie war seit Beginn der 80er Jahre ein Leben
im Widerstand gegen die herrschenden deutschen Verhältnisse: Freizeit
81 und Häuserkampf in München, Gefangenschaft, Widerstand
gegen die WAA in Wackersdorf, autonome Frauenbewegung, wieder Gefangenschaft,
antiimperialistischer Kampf und antirassistische Arbeit, Solidarität
mit den politischen Gefangenen, Internationalismus, Illegalität,
der Weg zur PKK.
Die folgenden Passagen entstammen den Tagebuchfragmenten von Andrea.
(24.4.97)...Unser
Marsch dauert insgesamt neun Tage. Von dieser Manga (Gruppe) bin ich
zwischenzeitlich ziemlich genervt. Wir schaffen es tatsächlich
in kleinen Gruppen mit mickrigen Schlauchbooten den Fluß zu überqueren.
Die KDP läßt sich nicht mehr blicken. Ich stehe den ganzen
Nachmittag am Ufer. Vielleicht auf Grund meiner Körpergröße
denkt der Kommandant ich sei ein Mann. Zusammen mit noch einer Großgewachsenen
gehen wir in die letzte Überfahrt. Alles ist dunkel, der Fluß
ist reißend und gefährlich. Schon viele GenossInnen hat er
verschluckt. Als wir das Steilufer hochkommen, geht's gleich los zu
unserem Gewaltmarsch. Durch kniehohe Schlammwege, im strömenden
Regen und höchster Dunkelheit torkeln wir dahin. Eine Gruppe alter
Guerillas begleitet uns. (...) Das ist ein unbeschreibliches Gefühl,
in den Tagesanbruch hinein, rechts und links schneebedeckte Berge und
Gipfel aus Fels. Du gehst ins grüne Tal hinunter, verschiedenste
Blumen und Kräuter, manchmal wie in der Schweiz, manchmal wie ein
Canyon...
(26.4.97)
Der Frühling schlägt schon gnadenlos zu - mein Gesicht ist
schon völlig verbrannt, mein Körper von unzähligen mückenartigen
Fliegen zerstochen. Wir sind eigentlich Tag und Nacht im Freien. Der
Name das wilde Kurdistan trifft für die Landschaft
wirklich zu. Felsige Hügel, grüne Oasen, Kräuter, schneeige
Gipfel, Stein. Ich sammle Kräuter, wilde Pfefferminze, Thymian,
Salbei...
(1.Mai 1997 -
Tag der ArbeiterInnen) Ich höre im Deutschlandfunk, daß
es bei den 1. Mai-Kundgebungen zu Krawallen mit Rechtsradikalen kam.
Hier geht die Operation weiter. Israelische Flieger kommen mit wahnsinniger
Präzision angeschossen. Uns haben sie noch nicht dechiffriert.
Das heißt, die Bomben gehen woanders nieder. Trotzdem gehen wir
in Deckung, suchen einen Ort zwischen den Felsen hoch oben, an dem wir
vor den fliegenden Felsbrocken geschützt sind. Aber es passiert
nichts. Für mich sind das immer Momente, wo ich meinen Gedanken
nachhängen kann. Das mag komisch klingen, aber wenn die anderen
schlafen oder auf Aufklärung gehen, setze ich mir den Walkman auf....
(27.5.97)
Ich höre gerade Maria Glenn, meine Erinnerungen an die WG. Liebe
Freundin, ich denke gern an unsere gemeinsame Zeit zurück (...)
Du sagtest ja mal, klar geht es nicht um einen Trödelverein bei
unseren Diskussionen ... Hier wird viel auf Anstrengung, Arbeit, immer
wieder anstrengen, Disziplin (also auch deutsche Charakteristika)
gesetzt. Wer glaubt, die PKK sei ein fundamentalistisch - fanatisches
Naturereignis, weiß wirklich nicht, wieviel Arbeit und Energie
hier drin liegen. Sie ist entstanden aus dem Aufbruch 1968, als es auch
in der Türkei große Bewegungen gab. Sie ist entstanden, weil
offensichtlich war, daß es ohne kurdische keine türkische
Revolution geben kann. Ihr Ziel ist sozialistisch - kommunistisch. Ihr
Weg ist die nationale Befreiung und internationale Offensive. Aber sie
arbeitet flexibel, mit vielen Taktiken. Wir, d.h. die Guerilla in den
Bergen und die Partei sind der einzige relevante lebende Widerspruch
zur türkischen Todesmaschinerie. Ich kämpfe hier mit diesem
Bewußtsein und ich bin froh, hier zu sein. Auch wenn mir die alltäglichen
Bedingungen manchmal schwer erscheinen. Ihr seht, ich habe mein Herz
an die PKK verloren...
(19.5.97)
Nur wenige Tage sind vergangen. Aber es ist viel passiert. Die Operation
ist in vollem Gange. Wo es nur geht bombardiert die Türkei, kommen
Hubschrauber, Soldaten. Von der anderen Seite KDP. Und sie schießen
Havan/Bodenraketen. Von uns sind schon einige GenossInnen gefallen.
(...) Wir marschieren eine Nacht. Langsam wird das Geschwadergeräusch
weniger. Wir haben an einem Stützpunkt haltgemacht, wo ebenso viele
Frauen waren wie wir. Sie haben vom Gefecht erzählt, von ihrer
Flucht. Sie waren noch näher.. Ab Abend dann wieder eine Nacht
marschieren. Hungrig, ein schnelles Guerillaessen, Fett, Mehr und Zucker,
gebraten. Das ist Minimalversorgung. Meine Knie tun unsagbar weh. Nie
kann ich sie mal strecken. Wenn wir schlafen ohne Decken, liegen wir
eng beieinander mit angezogenen Beinen, um uns gegenseitig zu wärmen.
(22.5.97)
...Es regnet, wir sitzen unter einer Plane. Ich bin krank, Magen- Darmgrippe.
Wir haben ein neues Gebiet betreten, Zagros, das bekannt ist für
seine harten Bedingungen, unter anderem Wetter und Feind präsent.
Da sich die Türkei aber auf den Zap konzentriert, ist es hier nur
kalt und relativ ruhig. Trotzdem verteilen wir uns tagsüber, damit
falls doch eine Bombe fällt, nicht alle auf einem Haufen hocken.
Die türkischen Medien sagen, es wären 1400 PKK'ler umgekommen.
Das ist natürlich ihre Propaganda. Bei einem Gefecht haben sich
sechs Frauen in die Luft gesprengt. Sie haben zuvor 12 Stunden das Gefecht
gegen den Feind aufrecht erhalten. Als ihnen die Munition ausging, haben
sie es vorgezogen zu sterben, als den türkischen Soldaten in die
Hände zu fallen. Gequält, gefoltert und vergewaltigt und wahrscheinlich
umgebracht zu werden. Das ist für mich nachvollziehbar. Vor kurzem
kam meine Granate. Wir ziehen uns den Patronengurt nie aus,
auch beim schlafen nicht. Ich fühle mich gerade sehr dazwischen,
obwohl alle sehr nett sind, entwickle ich keine richtigen Beziehungen.
Neben dem Kulturunterschied ist es auch das Sprachproblem. (...) Die
Tage, an denen wir nicht marschieren mag ich nicht. Manchmal wünsche
ich mir ein Dach über dem Kopf und ein Bett. Das sind die kleinen
Bequemlichkeiten, die mir fehlen. Im Verhältnis zu den meisten
Frauen hier bin ich schon ziemlich alt. Also auf Jahre wäre dieses
Guerillaleben nichts für mich.
(25.6.97)
...Sicher, im Laufe der Zeit gewöhnst du dich daran, lernst einzuschätzen,
wann eine Bombe in die Nähe fallen könnte etc. Am Anfang waren
nur das Erschrecken und die Wut. Aber abgesehen von diesem Gewöhnungseffekt
ist es eine Wirklichkeit, daß 10 bis 20.000 Guerillas in Teilen
des Landes schon eine Art befreite Gebiete erkämpft haben. Das
vor allem an den Grenzen zu Syrien, Irak, Iran. Die Zivilbevölkerung
hat zu großen Teilen das Feld geräumt, ist vor den Bombenangriffen
geflüchtet. Es ist wie ein Niemandsland, daß als ein Kurdistan
neu geschaffen und aufgebaut werden kann. Einen anderen Weg gibt es
nicht. Sie haben nicht die Macht, die Möglichkeiten, die PKK zu
vertreiben...
Andrea (Ronahi) Wolf fiel in der Nähe des kurdischen
Dorfes Catak im Kreis Van am 23.10.1997. Nach heftigen Gefechten hatte
sie sich mit Genoss/innen ihrer Einheit in eine Höhle zurückgezogen.
Türkischen Soldaten spürten sie auf. Als sie feststellten,
daß Andrea Deutsche war und nicht kollaborierte, wurde sie hingerichtet.
Ihr Leichnam wurde geschändet. Zusammen mit Andrea (Ronahi)
fielen 23 weitere Guerillas. Sie alle wurden erschossen.
Das Buch Im Dschungel der Städte, in den Bergen Kurdistans
- Leben und Kampf von Andrea Wolf wurde zusammengestellt
und herausgegeben von einer Redaktionsgruppe. Es hat 164 Seiten, viele
Photos etc. und enthält Briefe, Texte und Tagebücher von Andrea,
sowie Beiträge, Briefe, Erinnerungen und Gedichte ihrer Mutter,
von Münchner und Frankfurter Freund/innen, der Gruppe Kein Friede,
Internationalist/innen der Kurdistansolidarität und kurdischen
Genoss/innen.
Vertrieb:
Informationsstelle
Kurdistan (ISKU)
Hobrechtstr. 14
12047 Berlin
AWI 1992-Literaturversand
Falkstr. 74
60487 Frankfurt
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