Unsere Absicht
ist es nicht, nach einer etwaigen Lösung wieder normal zu leben...
Interview mit Sakine Batman (Mitglied im ZK der PJKK) über das Selbstverständnis
als Frau in der PKK, die Rolle der neuen Frauenpartei PJKK und Erwartungen
an eine demokratischen Lösung
Das
in den Guerillaverbänden der PKK Frauen kämpfen ist bekannt.
Bekannt ist auch, daß dies alles andere als eine Normalität
für die kurdische Gesellschaft und ihre teilweise feudalistischen,
in jedem Falle patriarchalischen Normen und Werte darstellt. Frau zu
sein in der kurdischen Guerilla bedeutet daher nicht nur militärischer
Kampf, sondern in erster Linie auch Ausbruch aus der geschlechtsspezifischen
Reproduktion der traditionellen Familie, Subjektwerdung statt reinem
Objekt patriarchaler Gewalt und Willkür, Emanzipation und Selbstbestimmung
- kein leichter und kein selbstverständlicher Prozeß. Auch
nicht für die PKK. Entsprechend werden innerhalb der kurdischen
Bewegung zwischen Frauen und Männern immer wieder harte Debatten
geführt.
Die Kämpferinnen
der Fraueneinheiten kommen nicht nur aus Nordwest-Kurdistan (Türkei),
aus Europa, sondern zunehmend auch aus den kurdischen Gebieten des Iran,
Iraks und Syrien. Hier gilt erst Recht: In die die Berge zu gehen, sich
der PKK anzuschließen, heißt der Hölle des feudalen
Stammesdenken zu entkommen, heißt erstmals respektiert und als
selbständig denkendes menschliches Wesen wahrgenommen zu werden.
Die PJKK (Partei
der werktätigen Frauen Kurdistans) ging auf dem 6. Parteitag der
PKK im Sommer 1999 aus der YAJK (Frauenarmee des Freien Frauenverbandes
Kurdistans) hervor. Im Konkreten bedeutet es, daß die Frauen der
gemischten wie auch autonomen Fraueneinheiten den militärischen
Kommandostrukturen der PKK weiter untergeordnet, politisch aber in der
PJKK organisiert und durch sie vertreten werden.
Sakine Batman
ist Mitglied im Zentralkomitee der PJKK. Sie schloß sich vor 11
Jahren der PKK an und ist seit neun Jahren in der Guerilla. Ihre aktuelle
Position beschreibt sie wie folgt: Ich befasse mich insbesondere
mit den Aktivitäten der Frauen wie auch mit der Politik der allgemeinen
Partei. Aufgrund der spezifischen Besonderheiten der aktuellen Phase,
sind unsere Aktivitäten zur Zeit eher auf Ausbildung und Anleitung
gerichtet. Es geht um die Anpassung der Struktur an die neue Phase.
Das Interview
wurde in den Bergen Südkurdistans im November 1999 für die
So oder So geführt, zwei Monate nach Beginn des Rückzugs
der Guerilla aus der Türkei.
Frage:
Die PJKK besteht erst seit Sommer dieses Jahres. Zuvor gab es die
Fraueneinheiten der YAJK. Warum müssen Frauen in der PKK jetzt
eine eigene Partei gründen?
Sakine Batman:
Eine weitreichende Frage. Ich werde versuchen darauf zusammenfassend
zu antworten. Die Realität, die wir vorfinden, ist sehr umfassend.
Im Vergleich mit anderen Gesellschaften ist die kurdische Gesellschaft
sicherlich eine der am meisten erniedrigte, zerteilte und von ihrer
eigenen Realität entfernte. Ihre Befreiung erfordert die Arbeit
von Frauen. Dazu kommt, daß die Frauen in noch viel stärkerem
Maße erniedrigt sind als die kurdische Gesellschaft selbst. Wir
erfahren eine doppelte Unterdrückung: als Frau generell, aber auch
als kurdische Frau im speziellen. Es ist daher nötig, daß
die Frau zu sich selbst findet, sich beginnt von der massiven Unterdrückung
zu befreien. Für uns ist dies eine der Voraussetzungen der Freiheit
einer zukünftigen kurdischen Gesellschaft.
Aber es ist nicht nur das, es ist ein allgemeiner Kampf. Wenn beispielsweise
gesagt wird, alle kämpfen für den Traum Kurdistan, so schließt
dies mit ein, die Frau solle auf diese Weise ihren Kampf führen.
Aber mit einer solchen Herangehensweise ist das Problem nicht lösbar.
Es würde voraussetzen, daß die Beteiligung der Frau so hoch
wie die des Mannes wäre. Sicher, die gesamte Gesellschaft ist unterdrückt,
aber die Frauen stehen am Schlußpunkt.
Daher konnten sie sich bislang auch nicht im gleichen Maße wie
die Männer am Befreiungskampf beteiligen. Um ihre Teilnahme zu
ermöglichen, mußte die Frau sich selbst entdecken. Denn es
ist zugleich auch so, daß die Frau in dem geschaffenen System
auch als Mittel, als Objekt benutzt wird, was wiederum zur Konsequenz
hat, daß die Frau in Kurdistan derartig erniedrigt worden ist.
Daraus folgt, daß die Zerschlagung dieses Systems nur dadurch
möglich ist, wenn dieser Objektstatus gebrochen, der Gesellschaft
dieses Mittel entzogen wird. Das herrschende System würde sich
auflösen, wenn ihm dieser Status der Frau als funktionierendes
Mittel und Objekt entzogen würde. Konsequenz wäre die Befreiung
der kurdischen Gesellschaft und der Zerfall des türkischen Systems.
Daher sahen wir die Notwendigkeit, uns spezifisch zu organisieren. Es
geht weder um um eine technische Gleichberechtigung noch um eine technische
Trennung, wie das oft der Fall ist. Die Frau war eine lange Zeit in
der Partei. Je mehr sie sich selbst, ihre eigene Subjektivität
entdeckte, desto mehr hat sie angefangen, eine Rolle in der Führung,
in der Diplomatie, in der Politik, in der Bildungsebene und vielen anderen
Bereichen zu spielen. Wir begannen uns zu organisieren. Das fing sich
an auch in einer entsprechenden Struktur widerzuspiegeln.
Organisatorisch hat sich dies zu Anfang in Form einer Einheit durch
die YAJK konstituiert. Als Einheit von Frauen blieb diese Organisation
begrenzt in den Aktivitäten der Vermassung und der Entwicklung
des politischen Bewußtseins. Daraus resultierte die Notwendigkeit
sich als Partei zu organisieren. Partei zu werden, heißt
aber nicht nur Beteiligung am Kampf bzw. ein Leben zu entwickeln. Das
spielte eine Rolle, aber es ging um mehr.
Als Beispiel möchte ich nur die Geschichte des sowjetischen Realsozialismus
erwähnen. Gegen 1930 wurden die spezifischen Aktivitäten der
Frauen aufgehoben. Es gab keine Kraft, die den Willen, die Beteiligung
und die Organisierung der Frau innerhalb der Revolution repräsentieren
konnte. Später wurde die Frau wirkungslos gemacht, sie wurde zerstreut.
Ob unsere Unabhängigkeit erreicht wird oder eine Demokratische
Republik (innerhalb der Türkei, Anm.): in jedem Fall wird die PJKK
als Organisierung des spezifischen und authentischen Willens der Frau
und als Garant aller ihrer Anstrengungen in ein solches System eintreten.
Wenn die Frau sich also an diesem Prozeß beteiligt, wird sie nicht
als isolierte Frau, sondern als eine Macht teilnehmen. Die Organisierung
der PJKK ist daher für uns die Sicherung unserer Aktivitäten
als Frau in der Revolution und bei der Veränderung des Mannes.
Weder um
eine technische Gleichberechtigung noch um eine technische Trennung
geht es. Wir sind nicht Partei für ein Geschlecht, sondern eine
soziale Partei.
Unsere Probleme
sind nicht nur klassenbezogen oder die nationale Frage. Die Geschlechterfrage
umfaßt alles. Sie wird auch heute nicht ihre Antwort finden. Das
ist eine Arbeit von Jahrhunderten. Daher wird die PJKK sowohl in der
Phase einer Demokratischen Republik wie auch darüber hinaus in
der Zukunft ständig und systematisch die Originalität und
den Willen der Frau weiter entwickeln. Sie institutionalisiert sich
durch ihre Organisierung und die Institutionalisierung des Geschlechtskampfes.
Sie ist ein wichtiges Werkzeug, um jede Art von Herrschaft zu brechen,
die eine gesellschaftliche Entwicklung verhindert. Für dieses Ziel
haben wir die PJKK gegründet.
Die PJKK ist nicht nur Partei für ein Geschlecht, sondern sie ist
eine soziale Ideologie, sie ist eine soziale Partei. Nicht nur Frauen,
sogar auch Männer könnten in ihr sein. Daher ist die Mission
der PJKK, wie sie die Führung (Abdullah Öcalan,
Anm.) beschrieben hat, die Sicherung der Gesellschaft, der Revolution
und zugleich die Sicherung unserer Politik einen neuen Menschen
zu entwickeln.
Was ist die Realität
der PJKK innerhalb der PKK?
Ich sagte es bereits,
die PJKK ist der organisierte Ausdruck der Frauenideologie der PKK.
Die PKK hat eine ideologische Haltung zur sogenannten Frauenfrage.
Die Antwort ist die PJKK. Insofern ist unsere Organisierung etwas sehr
wesentliches.
Wenn wir nur innerhalb der PKK uns an allgemeinen Aktivitäten beteiligen,
jede Entscheidung mit dem Mann treffen, jede Arbeit mit dem Mann zusammen
erledigen, werden wir uns als Frauen nicht verwirklichen können.
Die Erfahrungen haben es gezeigt: Es funktioniert nicht, wir können
uns zusammen mit dem Mann nicht wirklich vollständig entdecken
und finden. Aber hierbei geht es jetzt nicht um die Frage von Macht
oder Machtlosigkeit.
Du mußt wissen, seit Jahren gibt es eine Institutionalisierung,
d.h. der Mann ist PKK'ler, die Frau ist es ebenfalls. Aber so einfach
ist es nicht. Denn er ist ein Mann und ich bin eine Frau. Ich betrachte
die Natur, die Gesellschaft anders, meine Meinung zur Literatur, zur
Kunst ist eine andere, meine Einstellung zum Kampf als Geschlecht ist
nicht die gleiche. Überhaupt sind die Ansichten und Einstellungen
der Frau zu vielem anders, als die eines Mannes. Diese Unterschiede
führen nicht dazu, zu sagen: Er ist kein PKK'ler, oder:
Ich bin nicht PKK'lerin. Nein, dies sind unsere spezifisch
eigenen Reichtümer. Aber wenn ich nur allgemein an den Aktivitäten
teilnehme, zusammen mit dem Mann, wird es dazu kommen, daß ich
mich in seiner Art, wie er ist, daran beteiligen muß, weil der
Mann durch sein historisches Erbe stärker ist als die Frau. Also
es wird so aussehen, daß meine Einstellung zur Geschichte, zur
Gesellschaft und zum Kampf seine Einstellung widerspiegeln wird. Seine
Produktionsweise und seine Art, Entscheidungen zu fällen, werde
ich übernehmen, etwas mir zugehöriges werde ich nicht finden,
nicht entdecken können. Im Endeffekt werde ich, weil ich keine
andere Alternative habe, so sein wie der Mann: Ich kenne nichts, und
weil ich nichts kenne, weiß ich nichts.
Das ist die geschichtliche Realität, die wir als Frauen haben.
Damit das, was mich ausmacht, überhaupt entfaltet werden kann,
hat sich die PKK erweitert. Die Emanzipation, die Entfaltung der Frau
ist eine Bereicherung der PKK.
Wie beurteilt
ihr als Frauen die Transformation hin zu einer politischen Bewegung,
die Option einer Demokratischen Republik Türkei?
Wir werden auch
künftig den Kampf fortsetzen. Wir werden sicherstellen, daß
die Frau wirklich sich selbst findet, Selbstvertrauen und einen eigenen
Willen ausbildet. Damit zielen wir in dieser allgemeinen Form auch auf
die Auflösung des herrschenden Systems. Dafür muß die
Frau arbeiten. Unter diesem Blickwinkel ist ein Demokratisierungsprozeß
für uns ein Vorteil, sogar ein sehr großer Vorteil. Aber
das ist nicht nur ein Problem der kurdischen oder türkischen Frau.
Wir begreifen diese Frage universeller.
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert ist unser Ziel, daß alle Frauenbewegungen
zusammenkommen und sich in einer Front vereinigen. Unsere Absicht ist
nicht, nach einer etwaigen Lösung der Probleme in Kurdistan normal,
gesellschaftlich, sozialistisch oder legal zu zu arbeiten und zu leben.
Natürlich wird dies ein Teil von uns tun, das ist eine andere Sache.
Dagegen haben wir überhaupt nichts. Aber diejenigen von uns, die
in der Lage waren den Befreiungskampf aktiv zu führen, können
ihn auch weiterführen. Wir denken nicht daran, etwa nach dieser
Phase einer demokratischen Lösung, unsere Aktivitäten als
Frauen abzuschließen. Wenn wir das machen, kommen wir in eine
Situation, wie sie die Frauenbewegung in Nicaragua, El Salvador, Kuba
oder auch in anderen Ländern erfahren mußten. Auch nach einem
Systemwechsel ist eine Organisierung erforderlich, um die Interessen
der Frauen zu vertreten, damit sie die notwendigen Institutionen und
Organisationen bilden können. Insofern haben wir nicht nur unmittelbare
Vorstellungen, sondern auch das 21. Jahrhundert betreffende...
Bislang spielten
Forderungen von Frauen in etwaigen Friedensverhandlungen kaum eine Rolle.
Sicher, manchmal wurden ihre Rechte politisch betont, aber in der Realität
wurde über andere Punkte gestritten: Demokratische Reformen, ökonomische
Umverteilung, Menschenrechtsverletzungen, Amnestie, kultureller Rechte
etc. pp. Wie siehst Du die Gefahr, daß die eigene Seite
diesen Komplex vernachlässigen könnte, auch wenn zusammen
gekämpft wurde? Dazu kommt vielleicht auch, nachdem was ich hier
beobachtete, daß die Frauen der PJKK im Allgemeinen wesentlich
jünger als die Männer sind...
...Richtig, es stimmt,
normalerweise ist es so, daß die Frauen jünger sind. Aber
die PJKK ist gleichzeitig auch eine Kaderpartei. Unsere grundsätzliche
Politik ist zur Zeit eine Freiheitsperspektive der Frauen zu entwickeln,
die Perspektive auf ein freies Leben. Das verlangt die Entwicklung von
Kadern, damit sich ein Kern, eine erste personelle Grundlage dafür
entwickeln kann. Einen solchen Kern von Kadern gibt es bereits, aber
wir wollen ihn innerhalb der Partei noch verbreitern.
Die Rolle der Frau
in der Transformation zu einer demokratischen Gesellschaft ist ebenfalls
ein Thema, das wir zu diskutieren haben. Das was ich bisher erläutert
habe, ist nur das eine. Wir haben darüber noch nicht entschieden
und werden das in nächster Zukunft detailliert diskutieren. Denn
wir wissen folgendes: Wenn sich ein demokratisches System (innerhalb
der Türkei, Anm.) konstituiert und wir als Frauen sagen: ok,
wir werden vertreten, wird es wieder eine Politik auf Männerbasis,
aus Männersicht gestaltet, unter Männerregie sein. Daher erfüllt
das nicht unsere Forderungen. Wir haben darüber zur Zeit eine Programmdiskussion.
Denn es betrifft die strategische Herangehensweise unseres Programms
an die allgemeine Frauenfrage. Wie ist sie aus dem Blickwinkel der Männer,
wie aus dem der Frauen? Wir werden auf dem nächsten Parteikongreß
im Frühjahr 2000 darüber Entscheidungen treffen.
Was den Krieg betrifft, so hast du recht, wenn du sagst, daß wir
gemeinsam gekämpft haben. Aber wir haben auch eigene Entscheidungen
getroffen. Vielleicht nicht allzuviele, es hat immer viele Hindernisse
durch die Männer gegeben, und es gibt sie weiterhin, aber wir sehen
das als etwas, wogegen der Kampf permanent geführt werden muß.
Den Kampf zwischen Mann und Frau hat es gegeben, gibt es und er wird
nicht enden. Darüber haben wir keine Illusionen. Wir glauben auch
nicht an eine Lösung, sobald ein demokratischer Prozeß beginnt.
Wir als PJKK haben zu etwaigen Gesprächen für einen Frieden
eine spezielle Position. Unsere Vorbereitungen, die wir aktuell treffen,
können folgendermaßen umrissen werden: Wenn wir auf der PJKK
beharren, werden wir zurückfallen, wirkungslos werden und nicht
viel erreichen. Vielleicht wird eine Vertreterin daran beteiligt sein,
aber sie wird nicht viel ausrichten können. Wenn wir auch als PJKK
im PKK-Präsidialrat oder irgend einem anderen Gremium vertreten
sind, so sind wir es im Land noch lange nicht. Ich spreche hier von
der Stellvertreterebene. Was wir eigentlich wollen, ist die PJKK auf
der Kaderebene zu institutionalisieren und weiterzuentwickeln, und das
auf den Ebenen Ausbildung, Kultur, Politik bis hin zur Ökonomie,
um diesen Prozeß geht es uns in erster Linie. Sowieso sollte nicht
vergessen werden, daß sich in der PKK vieles durch innere Revolutionen
entwickelte. Die Frauenperspektive ist ein gutes Beispiel dafür.
Stufe für Stufe wurde die Befreiung der Frau, besser gesagt: die
Grundlage dafür, ermöglicht. Denn frei ist die Frau heute
noch nicht.
Nur durch einen Demokratisierungsprozeß ist unser Problem längst
nicht gelöst, aber ein demokratischer Prozeß hat einen Vorteil:
Wenn ein richtiges Verständnis von Demokratie sich durchsetzt,
und zudem durch die Beteiligung der Frauen die Geschlechter- und Klassenfrage,
kulturelle Rechte, die Anerkennung von Minderheiten, von Mehrheiten
etc. berücksichtigt werden, dann können die Menschen im Rahmen
ihres Willens eine eigene Vertretung finden. Das ist unser Ziel.
Andernfalls, unter Voraussetzungen einer normalen, einer formalen Demokratisierung,
beispielsweise sind die USA auch ein demokratischer Staat, Deutschland
ist demokratisch, Frankreich und England ebenfalls, vielleicht sind
sie die am weitesten entwickelten bürgerlichen Staaten in der Geschichte
der Demokratie... - aber das ist ein anderes Thema, wir reden jetzt
von Frauen und dem Verhältnis, in dem sie als Frauen an der gesellschaftlichen
Organisierung beteiligt sind, und das ist auch in den erwähnten
Fällen sehr begrenzt.
In der Demokratie, die hier entwickelt werden wird, wird sich mit Sicherheit
auch solch ein Verhältnis finden. Die Beteiligung von Frauen wird
begrenzt bleiben.
Aber wir werden nicht auf dieser Organisierung beharren. Natürlich,
ein Teil wird sich beteiligen, das ist nicht das Problem. In aller erster
Linie sind es sowieso die Frauen, die den Friedensprozeß unterstützen.
Durch ihre Anstrengungen sind sie hier die Avantgarde. Frieden hat wirklich
mit der Natur der Frauen zu tun. Aber wir haben auch den Krieg geführt,
um zu uns selbst zu kommen, um uns zu finden. Frauen sind auch hier
die Avantgarde.
Ich sagte es bereits, auch wenn sich mit dem Friedensprozeß ein
Demokratisierungsprozeß entwickelt, wird es keiner sein, an dem
Frauen in jeder Hinsicht vertreten sein werden, jedenfalls nicht ausreichend.
Wir denken daher, wir können nur erfolgreich werden, wenn wir unseren
Kern aus Kadern weiterentwickeln, organisieren, und verbreitern. Die
Organisation der PJKK verbreitern heißt beispielsweise, uns mit
den Frauen in Europa, sagen wir Deutschland, zusammenzutun, stärker
werden und so eine Veränderung, eine Transformation des Systems
anstreben, sei es in Form einer gemeinsamen Front oder einer Organisation.
Es gibt so viele, die sich engagieren, feministische Bewegungen, die
Umwelt- bzw. Anti-Atom-Bewegung, es gibt auf vielen Ebenen Frauenbewegungen,
die sich gegen die Herrschenden richten. Auch mit ihnen wollen wir zusammenkommen,
eine Kraft werden und in einem Demokratisierungsprozeß den Kampf
führen.
Wenn es in unserer Revolution unsere starke Organisierung nicht gäbe,
wir könnten nicht viel erreichen. Von uns muß es unterschiedliche
Methoden geben, wie wir in diesem System auf eine eigene Strategie gestützt,
den Kampf führen können...
Falls es in nächster
Zukunft überhaupt zu einem beidseitigen Friedensprozeß kommt
und Zugeständnisse des türkischen Staates denkbar werden,
z.B. die Anerkennung einer kurdischen Identität, freie politische
Betätigung usw., diskutiert ihr für einen solche Phase spezifische
Forderungen? Die Lage der kurdischen Frau ist ja noch immer so, daß
sie beispielsweise in manchen Gebieten Kurdistans ohne größere
Folgen getötet werden kann, wenn sie eine Liebesbeziehung vor der
Ehe hat....
Natürlich,
es gibt Diskussionen unter den Frauen über die neue Phase in Bezug
auf das gesellschaftliche System. Auch wenn wir in eine Phase der Demokratisierung
gehen, haben wir eine bestimmte Herangehensweise an alle die Fragen
von der Willensbildung der Frau bis hin zum Gesellschaftssystem. Die
Dinge, die du angesprochen hat, sind noch nicht entschieden. Dafür
braucht es umfassende Versammlungen. Zur Zeit gibt es verschiedene Diskussionen
unter uns. Was ist der Platz der Frauen im gesellschaftlichen System?
Ich sagte bereits, die Frau unterliegt einer sehr rückständigen
Gesellschaft, sie hat kein Bewußtsein, keine Identität, keine
eigene Kultur. Natürlich geht es um die Vertretung der Frau auf
jeder Ebene, insbesondere der politischen. Aber ebenso wie die Frage
der Stellvertretung in Gremien innerhalb der Bewegung, ist das Problem
nicht am Verhandlungstisch zu lösen. Wir müssen eine Politik
entwickeln, die in ihrer Praxis und innerhalb der Gesellschaft auf einige
grundsätzliche Änderungen abzielt. Diese Aufgabe liegt vor
uns.
Das Problem
der Frau ist daher nicht am Verhandlungstisch zu lösen...
Wir behaupten heute,
daß wir den Willen aller Frauen vertreten. Wir sind für ihre
Befreiung, für ihre Entwicklung verantwortlich. Welchen Platz sollen
die Frauen in einer zukünftigen demokratischen Gesellschaft einnehmen?
Was für eine Ausbildung muß auch uns ermöglicht werden?
Wir werden das festlegen und natürlich darum kämpfen, daß
unsere Forderungen erfüllt werden. Wir sagen nicht, daß wir
die Forderungen nur zur Sprache bringen und die Kader werden es dann
vertreten. Wir werden dies im Kampf entwickeln müssen. Und einfach
wird das nicht.
Immer wieder
fragen in Deutschland Frauen aus der Linken, aber auch Männer,
warum auf kurdischen Frauendemonstrationen in der ersten Reihe Portraits
eines Mannes, von Abdullah Öcalan, getragen werden, und nicht von
Frauen, etwa Märtyrerinnen der YAJK. Ist das nicht ein Widerspruch
zu einem Selbstverständnis als Frauenpartei?
(lacht) Diese Frage
wird uns oft gestellt. Aber wir erklären es natürlich gerne.
Viele Frauen können sich keinen Reim auf unsere Herangehensweise
in diesem Punkt machen. Das ist verständlich und normal. Viele
Frauenbewegungen kritisieren uns hier: Ist Abdullah Öcalan
etwa kein Mann? Er ist doch auch ein Mann in diesem System, warum seht
ihr ihn als einen Vorkämpfer der Frauen? Warum stellt ihr ihn immer
in den Vordergrund? fragen sie. Aus ihrer Perspektive können
sie das fragen. Aber wir als kurdische Frauen, als diejenigen Frauen,
die über keinerlei Bildung verfügten, die auf der untersten
gesellschaftlichen Stufe nicht leben konnten, sondern nur vegetierten,
wir wissen eines ganz genau: Er, Abdullah Öcalan, ist eine Führung,
die uns überhaupt erst aufrichtete, die uns wirklich mit uns selbst
zusammen gebracht hat.
Es ist wahr, wir brauchten eine Befreiung, aber uns in diesem Sinne
zu organisieren, dieses Bedürfnis zu äußern, einen eigenen
Willen zu entwickeln, dafür hatten wir nicht die Kraft. Auf die
Führung, die das voraussah, die bei unserem Aufbruch, unserer Organisierung
wirklich die grundlegende Rolle gespielt hat, sehen wir nicht wie auf
einen Mann. Wie alle Frauen in der PJKK sehe ich die Führung nicht
als einen Mann. Ich halte ihn für einen Menschen.
Der Begriff Mensch besagt, daß jemand nicht nur Mann
ist und nicht nur Frau, sondern Männer und Frauen in gleichem Maße
vertritt, oder nicht? Für uns ist die Führung ein Mensch,
jemand, der die am meisten erniedrigten Bereiche der Gesellschaft als
Basis nimmt für die gesellschaftlichen Transformation. Er war unsere
Brücke, um überhaupt zu uns selbst, zu einer Ahnung von Freiheit
zu kommen. Die Führung griff nicht nach den Stärksten, sondern
nach den Schwächsten. Das waren wir. Gegen das Patriarchat hat
er die Frauen organisiert.
Eine abschließende
Frage: Wenn es Streit zwischen Männern und Frauen gibt, wenn vielleicht
sogar Gefühle mit ins Spiel kommen...was dann?
Genosse, man muß
das so sehen: Wie rückständig der Mann in der PKK auch sein
mag, er ist ein Mann, der die Ebene der Diskussion erreicht hat. Im
übrigen sind diejenigen, die solche Entscheidungen fällen,
nicht nur die Männer...
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