Die Widersprüche
sind nach wie vor da
Interview mit dem Regisseur Hans-Werner Kroesinger über Geschichtsarbeit
und RAF im Theater
Libertad!:
Du hast die Veranstaltung zu Holger Meins am 9. November an der Volksbühne
gemacht. Welchen Sinn hatte das für dich?
Hans-Werner
Kroesinger: Ich hatte ja schon zuvor zu dem Themenkomplex gearbeitet,
d.h. ein paar dokumentarische Stücke gemacht, die sich teilweise
mit der Geschichte der RAF beschäftigt haben. (...) Dieser 9. November
ist ein Tag , der sich prima instrumentalisieren läßt zum
Besetzen von Geschichte. Das war in diesem Jahr in erster Linie natürlich
der 10. Jahrestag der Maueröffnung. Was mir gefallen hat an der
Idee, was zu Holger Meins zu machen, ist, daß - ausgelöst
durch diesen Breloer Film Todesspiel 1997 - die RAF 20 Jahre
nach dem Deutschen Herbst flächendeckend abgefeiert ist. Man weiß
jetzt scheinbar alles darüber. Da ist es ein guter Moment, sich
nochmal mit einem ganz bestimmten Aspekt dieser Geschichte zu beschäftigen.
Nämlich: was ist eigentlich mit den Gefangenen passiert, als sie
dann inhaftiert waren. Das ist ein Aspekt, der völlig ausgeblendet
wird. Die Haftbedingungen und der Kampf gegen sie haben viele Leute
veranlasst, in die RAF reinzugehen. Das hat zu der Eskalation in der
Auseinandersetzung mit diesem Staat sehr wesentlich beigetragen. Und
da ist jemand wie Meins für mich als Theatermacher (...) interessant,
weil er angefangen hat als Künstler, der versucht hat sich in die
Gesellschaft über Kunst einzubringen.
Der Medienrummel
20 Jahre deutscher Herbst, das Todesspiel sind
jetzt zwei Jahre her. Nach dem Ende der RAF gab es die Möglichkeit,
darüber zu schreiben, Theater zu machen, Filme, die zur besten
Sendezeit ausgestrahlt werden, was zuvor in der Weise nicht möglich
gewesen wäre. Es gab das Tanztheater von Kresnik über Ulrike
Meinhof, oder im Berliner Ensemble das Projekt RAF auf Grundlage
der Briefe aus dem info. Da stellt sich doch die Frage: Was wird mit
der Geschichte gemacht? Wird eine Veranstaltung zu Holger Meins nicht
als Teil jener Geschichte eingemeindet, über die man jetzt eben
sprechen kann, weil es den realen Widerspruch nicht mehr gibt?
Die Widersprüche
sind nach wie vor da. Die Geschichte geht ja weiter. Du kannst sie nicht
ad acta legen. Der Abend in der Volksbühne war so konzipiert, daß
du als Zuschauer von vornherein keine Chance hattest alles wahrzunehmen.
Weil es bei einer Beschäftigung mit dieser Geschichte immer Dinge
geben wird, die du nicht herausfindest. Das Eigenkompositionsprinzip
dieses Abends war, das Publikum sofort in eine Situation zu bringen,
wo du diese schwarzen Löcher hast. Daß du dich also entscheiden
mußt, welchen Teil der Geschichte du kennenlernen möchtest
(...). Durch die Entscheidung für den einen Ausschnitt würdest
du auf einen anderen Ausschnitt verzichten. Im Foyer war diese Ausstellung
von Hans Peter Feldmann: Die Toten von 1967 bis 14. Sept. 1999
mit dem vorläufig letzten Toten in Wien (...). Weiter gab es die
Schlingensief-Box mit den graphischen Arbeiten von Holger Meins, aus
seiner Zeit an der Kunstakademie. Im Theatersaal wurden für alle
die Filme von ihm gezeigt und von Haroun Farocki kommentiert. (...)
Wenn du hörst: 25. Todestag des Untersuchungshäftlings
Holger Meins, der RAF zugehörig, weißt du nicht, daß
der ein Filmemacher ist. Durch diese Filme sahst du auch etwas über
die Zeit, in der er sich bewegt hat und was er sichtbar machen wollte.(...)
Danach mußte sich das Publikum entscheiden: du hattest die Option
auf drei Lesungen: Öffentlichkeit, Justiz
oder der Gefangene. Es gab das Gespräch von euch. Dann
die Fotoinstallation von David Baltzer und Regine Dura, die vier Fotos
aus der Geschichte der RAF verschiedenen Leuten gezeigt und deren Reaktionen
auf Tonband aufgenommen hatten. Du merktest einfach, was diese Fotos
auslösen bei Leuten, die sie kennen. Also wie tief sich das auch
in unser emotionales Gedächtnis eingebrannt hat. (..)
Weiter gab es die bildnerischen Arbeiten von Rob Moonen, die eher abstrakter
Art waren, die Skulpturen camera silens und splendid isolation auf dem
Marmor der Reichskanzlei, (...) oben im Foyer das Hörspiel von
Paul Plamper schreibt auf unsere haut mit dem Interview
mit Karl Heinz Roth, wo du an der Stimme hören konntest, was mit
jemand passiert, der in Isolationshaft ist. Dazu dann die Klanginstallationen
im Treppenhaus von Flori Reifenberg, auf die du eher zufällig gestoßen
bist.
Zum Schluß konntest du noch aufs Konzert - um nochmal eine andere
Situation für das Publikum zu schaffen, am Ende des Abends eine
Gruppensituation.
Es ging dir mit
dem Konzept mehr darum Fragen aufzuwerfen, als etwas abzubilden, was
25 Jahre her ist.
So ein Abend kann
ja nur dann gut werden, wenn er Fragen aufwirft. Daß er Lust macht,
sich weiter damit zu beschäftigen. Es handelt sich ja nicht um
ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte der BRD. Abbilden - das kann
ich gar nicht, weil ich nicht dabei war. 1974 war ich 12 Jahre alt.
Die Veranstaltung
war verknüpft mit einer Erklärung für die Freilassung
der Gefangenen. Für mich war sehr erstaunlich, wie breit diese
unterstützt wurde.
Die Volksbühne
- dafür kann man ihr sehr dankbar sein - ist das Risiko eingegangen,
diese Erklärung zu veröffentlichen. Damit hat sie sich sehr
eindeutig positioniert. Und die politische Situation in der neuen Hauptstadt
ist nicht einfach. Denn die Volksbühne hängt am Subventionstropf,
und man ist davon leichter abgedreht als man denkt. Das entscheiden
letztendlich nur eine Handvoll Politiker nach den Vorgaben des Feuilletons.
Da darf man sich nichts vormachen. Aber dadurch, daß Castorf sagte,
wir machen diese Veranstaltung, (...) unser Theater schafft Öffentlichkeit
dafür, subventionierte Künstler der Republik sagen, das ist
nicht in Ordnung an diesem Jubeltag. (...) Es gibt immer noch Leute,
die unter diesen Haftbedingungen sitzen, die nicht gerade zum Schmuck
der Bundesrepublik gehören.
Die Erklärung
und die Veranstaltung haben eine recht große Öffentlichkeit
hervorgerufen, in der bürgerlich-demokratischen Öffentlichkeit
wie der Unterstützerinnenszene und bei den Gefangenen.
Solche Veranstaltungen gibt es ja insgesamt nicht so viele. Da werden
dann natürlich von vielen Seiten Ansprüche angemeldet, wie
es denn sein muß. Wie geht ihr mit den Reaktionen um?
Es ist klar, daß
Leute Ansprüche anmelden. Aber ich mache eine künstlerische
Arbeit, ich konzipiere ein Spannungsfeld, indem ich einen Raum schaffe,
wo Fragen gestellt werden können. Ich gebe keine Antworten. Und
wenn es gelingt, so einen Komplex aufzubrechen, wenn Leute sich mit
der Problematik weiterbeschäftigen, dann ist das für mich
ein gelungener Abend (...). Aber wenn du nicht deine Verantwortung als
Zuschauer wahrgenommen, nicht entschieden hast, was du sehen wolltest,
dann hast du nichts gesehen. Die Funktion des Abends ist auch eine Schärfung
deiner Wahrnehmung für die Gesellschaft, in der du lebst. Wenn
du merkst, daß ein Ereignis viel komplexer ist als das, was du
darüber zu wissen glaubtest, fängst du an, die Gesellschaft,
in der du dich bewegst, anders anzuschauen. (...) Wenn eine Arbeit es
leisten kann, dich dafür mehr zu sensibilisieren, dann ist das
ein vernünftiger Beitrag.
Ich sehe einen
Widerspruch. Das Konzept ist so angelegt, daß man die Geschichte,
die ganze Konfrontation, aus verschiedenen Blickwinkeln sehen kann und
auch muß. Gleichzeitig ist ein Ergebnis dieser 25 Jahre auch,
daß Leute immer noch im Knast sitzen. Da nehmt ihr dann aber eindeutig
Stellung und sagt, das ist nicht richtig. Da sagt ihr ja nicht, das
kann man so oder auch anders betrachten.
Das ist teilweise
richtig. Das eine ist der Abend zum Verschwinden eines Menschen - Geschichte,
die stattgefunden hat, das andere die Folgen davon. Du siehst, welche
Leute da noch sitzen und wofür. Es gibt ein juristisches Instrumentarium,
(...) in einigen Fällen ist es angewendet worden und in anderen
Fällen nicht. Du fragst dich, warum wird es nicht angewendet. Und
vor allen Dingen fragst du dich, Leute, die damals ja nicht nur peripher
beteiligt waren, also jemand wie Fischer oder auch Schily, sind jetzt
verdiente Funktionsträger unserer Gesellschaft. Es ist doch irritierend,
daß ein Teil der Biographien dann abgeschnitten wird und teilweise
ein erstaunliches Verhalten an den Tag gelegt wird in bezug auf Positionen,
die man früher mal vertreten hat. Klar entwickeln sich Menschen,
aber es ist immer die Frage, wohin und was sie dann tun. So ein Aufruf
ist eine Möglichkeit, Biographien ins öffentliche Bewußtsein
zu rücken (...) Das ist eine ganze Menge. Du hast Ende der 90er
eine Situation, in der das, was nicht medial präsent ist, nicht
stattgefunden hat. Du kannst es so brutal sagen: wenn du nicht mehr
in den Medien repräsentiert bist, existierst du nicht mehr, jedenfalls
nicht in politischen Zusammenhängen. (...) Da ist der Aufruf schon
eine Leistung, egal wie differenziert oder undifferenziert er ist.
Im Publikum waren
auch viele junge Leute, die die Zeit gar nicht erlebt haben. Für
die bildet sich in so einem Abend, wie im Todesspiel, eine
Wahrheit ab. Das ist problematisch.
Ja, aber der Abend
ist ganz anders als das Todesspiel. Breloer hat mal sehr
gute Filme gemacht, aber dieser ist mit Sicherheit keiner davon, in
seiner verquasten Vermischung von Dokumentar- und Spielszenen (...).
Das Todesspiel blendete die Realität aus. Wenn du jetzt
mit Leuten redest, die Anfang 20 sind, die nur diesen Film gesehen haben,
die nehmen das - wenn sie nur wenig über Politik wissen - so wahr,
als ob Realität abgebildet worden sei. Aber jeder, der ein bißchen
mehr kennt von der Geschichte, weiß: so war es nicht. Der Anspruch
des Volksbühne-Abends ist nicht so allumfassend. Du begreifst als
Zuschauer, ich werde Ausschnitte erfahren. Keiner, der diesen Abend
gemacht hat, maßt sich an, ein umfassendes Bild zum Tod von Holger
Meins, oder aber gar der Geschichte der RAF als Ganzes zu zeichnen.
Das wäre falsch. Aber was du merkst: die Geschichte hat immer zu
tun mit Auslassungen und mit Entscheidungen.
Das hier gekürzte
Gespräch führten zwei Mitglieder der Initiative Libertad!
am 3. Dezember 1999 in Berlin
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