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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 5 / Januar 2000 - Seite 5
Über Geschichtsarbeit und RAF im Theater
[ Inhalt Nr. 3.]
„Die Widersprüche sind nach wie vor da“
Interview mit dem Regisseur Hans-Werner Kroesinger über Geschichtsarbeit und RAF im Theater

Libertad!: Du hast die Veranstaltung zu Holger Meins am 9. November an der Volksbühne gemacht. Welchen Sinn hatte das für dich?

Hans-Werner Kroesinger: Ich hatte ja schon zuvor zu dem Themenkomplex gearbeitet, d.h. ein paar dokumentarische Stücke gemacht, die sich teilweise mit der Geschichte der RAF beschäftigt haben. (...) Dieser 9. November ist ein Tag , der sich prima instrumentalisieren läßt zum Besetzen von Geschichte. Das war in diesem Jahr in erster Linie natürlich der 10. Jahrestag der Maueröffnung. Was mir gefallen hat an der Idee, was zu Holger Meins zu machen, ist, daß - ausgelöst durch diesen Breloer Film „Todesspiel“ 1997 - die RAF 20 Jahre nach dem Deutschen Herbst flächendeckend abgefeiert ist. Man weiß jetzt scheinbar alles darüber. Da ist es ein guter Moment, sich nochmal mit einem ganz bestimmten Aspekt dieser Geschichte zu beschäftigen. Nämlich: was ist eigentlich mit den Gefangenen passiert, als sie dann inhaftiert waren. Das ist ein Aspekt, der völlig ausgeblendet wird. Die Haftbedingungen und der Kampf gegen sie haben viele Leute veranlasst, in die RAF reinzugehen. Das hat zu der Eskalation in der Auseinandersetzung mit diesem Staat sehr wesentlich beigetragen. Und da ist jemand wie Meins für mich als Theatermacher (...) interessant, weil er angefangen hat als Künstler, der versucht hat sich in die Gesellschaft über Kunst einzubringen.

Der Medienrummel „20 Jahre deutscher Herbst“, das „Todesspiel“ sind jetzt zwei Jahre her. Nach dem Ende der RAF gab es die Möglichkeit, darüber zu schreiben, Theater zu machen, Filme, die zur besten Sendezeit ausgestrahlt werden, was zuvor in der Weise nicht möglich gewesen wäre. Es gab das Tanztheater von Kresnik über Ulrike Meinhof, oder im Berliner Ensemble das „Projekt RAF“ auf Grundlage der Briefe aus dem info. Da stellt sich doch die Frage: Was wird mit der Geschichte gemacht? Wird eine Veranstaltung zu Holger Meins nicht als Teil jener Geschichte eingemeindet, über die man jetzt eben sprechen kann, weil es den realen Widerspruch nicht mehr gibt?

Die Widersprüche sind nach wie vor da. Die Geschichte geht ja weiter. Du kannst sie nicht ad acta legen. Der Abend in der Volksbühne war so konzipiert, daß du als Zuschauer von vornherein keine Chance hattest alles wahrzunehmen. Weil es bei einer Beschäftigung mit dieser Geschichte immer Dinge geben wird, die du nicht herausfindest. Das Eigenkompositionsprinzip dieses Abends war, das Publikum sofort in eine Situation zu bringen, wo du diese schwarzen Löcher hast. Daß du dich also entscheiden mußt, welchen Teil der Geschichte du kennenlernen möchtest (...). Durch die Entscheidung für den einen Ausschnitt würdest du auf einen anderen Ausschnitt verzichten. Im Foyer war diese Ausstellung von Hans Peter Feldmann: „Die Toten von 1967 bis 14. Sept. 1999“ mit dem vorläufig letzten Toten in Wien (...). Weiter gab es die Schlingensief-Box mit den graphischen Arbeiten von Holger Meins, aus seiner Zeit an der Kunstakademie. Im Theatersaal wurden für alle die Filme von ihm gezeigt und von Haroun Farocki kommentiert. (...) Wenn du hörst: „25. Todestag des Untersuchungshäftlings Holger Meins, der RAF zugehörig“, weißt du nicht, daß der ein Filmemacher ist. Durch diese Filme sahst du auch etwas über die Zeit, in der er sich bewegt hat und was er sichtbar machen wollte.(...) Danach mußte sich das Publikum entscheiden: du hattest die Option auf drei Lesungen: „Öffentlichkeit“, „Justiz“ oder „der Gefangene“. Es gab das Gespräch von euch. Dann die Fotoinstallation von David Baltzer und Regine Dura, die vier Fotos aus der Geschichte der RAF verschiedenen Leuten gezeigt und deren Reaktionen auf Tonband aufgenommen hatten. Du merktest einfach, was diese Fotos auslösen bei Leuten, die sie kennen. Also wie tief sich das auch in unser emotionales Gedächtnis eingebrannt hat. (..)
Weiter gab es die bildnerischen Arbeiten von Rob Moonen, die eher abstrakter Art waren, die Skulpturen camera silens und splendid isolation auf dem Marmor der Reichskanzlei, (...) oben im Foyer das Hörspiel von Paul Plamper „schreibt auf unsere haut“ mit dem Interview mit Karl Heinz Roth, wo du an der Stimme hören konntest, was mit jemand passiert, der in Isolationshaft ist. Dazu dann die Klanginstallationen im Treppenhaus von Flori Reifenberg, auf die du eher zufällig gestoßen bist.
Zum Schluß konntest du noch aufs Konzert - um nochmal eine andere Situation für das Publikum zu schaffen, am Ende des Abends eine Gruppensituation.

Es ging dir mit dem Konzept mehr darum Fragen aufzuwerfen, als etwas abzubilden, was 25 Jahre her ist.

So ein Abend kann ja nur dann gut werden, wenn er Fragen aufwirft. Daß er Lust macht, sich weiter damit zu beschäftigen. Es handelt sich ja nicht um ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte der BRD. Abbilden - das kann ich gar nicht, weil ich nicht dabei war. 1974 war ich 12 Jahre alt.

Die Veranstaltung war verknüpft mit einer Erklärung für die Freilassung der Gefangenen. Für mich war sehr erstaunlich, wie breit diese unterstützt wurde.

Die Volksbühne - dafür kann man ihr sehr dankbar sein - ist das Risiko eingegangen, diese Erklärung zu veröffentlichen. Damit hat sie sich sehr eindeutig positioniert. Und die politische Situation in der neuen Hauptstadt ist nicht einfach. Denn die Volksbühne hängt am Subventionstropf, und man ist davon leichter abgedreht als man denkt. Das entscheiden letztendlich nur eine Handvoll Politiker nach den Vorgaben des Feuilletons. Da darf man sich nichts vormachen. Aber dadurch, daß Castorf sagte, wir machen diese Veranstaltung, (...) unser Theater schafft Öffentlichkeit dafür, subventionierte Künstler der Republik sagen, das ist nicht in Ordnung an diesem Jubeltag. (...) Es gibt immer noch Leute, die unter diesen Haftbedingungen sitzen, die nicht gerade zum Schmuck der Bundesrepublik gehören.

Die Erklärung und die Veranstaltung haben eine recht große Öffentlichkeit hervorgerufen, in der „bürgerlich-demokratischen“ Öffentlichkeit wie der „Unterstützerinnenszene“ und bei den Gefangenen. Solche Veranstaltungen gibt es ja insgesamt nicht so viele. Da werden dann natürlich von vielen Seiten Ansprüche angemeldet, wie es denn sein muß. Wie geht ihr mit den Reaktionen um?

Es ist klar, daß Leute Ansprüche anmelden. Aber ich mache eine künstlerische Arbeit, ich konzipiere ein Spannungsfeld, indem ich einen Raum schaffe, wo Fragen gestellt werden können. Ich gebe keine Antworten. Und wenn es gelingt, so einen Komplex aufzubrechen, wenn Leute sich mit der Problematik weiterbeschäftigen, dann ist das für mich ein gelungener Abend (...). Aber wenn du nicht deine Verantwortung als Zuschauer wahrgenommen, nicht entschieden hast, was du sehen wolltest, dann hast du nichts gesehen. Die Funktion des Abends ist auch eine Schärfung deiner Wahrnehmung für die Gesellschaft, in der du lebst. Wenn du merkst, daß ein Ereignis viel komplexer ist als das, was du darüber zu wissen glaubtest, fängst du an, die Gesellschaft, in der du dich bewegst, anders anzuschauen. (...) Wenn eine Arbeit es leisten kann, dich dafür mehr zu sensibilisieren, dann ist das ein vernünftiger Beitrag.

Ich sehe einen Widerspruch. Das Konzept ist so angelegt, daß man die Geschichte, die ganze Konfrontation, aus verschiedenen Blickwinkeln sehen kann und auch muß. Gleichzeitig ist ein Ergebnis dieser 25 Jahre auch, daß Leute immer noch im Knast sitzen. Da nehmt ihr dann aber eindeutig Stellung und sagt, das ist nicht richtig. Da sagt ihr ja nicht, das kann man so oder auch anders betrachten.

Das ist teilweise richtig. Das eine ist der Abend zum Verschwinden eines Menschen - Geschichte, die stattgefunden hat, das andere die Folgen davon. Du siehst, welche Leute da noch sitzen und wofür. Es gibt ein juristisches Instrumentarium, (...) in einigen Fällen ist es angewendet worden und in anderen Fällen nicht. Du fragst dich, warum wird es nicht angewendet. Und vor allen Dingen fragst du dich, Leute, die damals ja nicht nur peripher beteiligt waren, also jemand wie Fischer oder auch Schily, sind jetzt verdiente Funktionsträger unserer Gesellschaft. Es ist doch irritierend, daß ein Teil der Biographien dann abgeschnitten wird und teilweise ein erstaunliches Verhalten an den Tag gelegt wird in bezug auf Positionen, die man früher mal vertreten hat. Klar entwickeln sich Menschen, aber es ist immer die Frage, wohin und was sie dann tun. So ein Aufruf ist eine Möglichkeit, Biographien ins öffentliche Bewußtsein zu rücken (...) Das ist eine ganze Menge. Du hast Ende der 90er eine Situation, in der das, was nicht medial präsent ist, nicht stattgefunden hat. Du kannst es so brutal sagen: wenn du nicht mehr in den Medien repräsentiert bist, existierst du nicht mehr, jedenfalls nicht in politischen Zusammenhängen. (...) Da ist der Aufruf schon eine Leistung, egal wie differenziert oder undifferenziert er ist.

Im Publikum waren auch viele junge Leute, die die Zeit gar nicht erlebt haben. Für die bildet sich in so einem Abend, wie im „Todesspiel“, eine Wahrheit ab. Das ist problematisch.

Ja, aber der Abend ist ganz anders als das „Todesspiel“. Breloer hat mal sehr gute Filme gemacht, aber dieser ist mit Sicherheit keiner davon, in seiner verquasten Vermischung von Dokumentar- und Spielszenen (...). Das „Todesspiel“ blendete die Realität aus. Wenn du jetzt mit Leuten redest, die Anfang 20 sind, die nur diesen Film gesehen haben, die nehmen das - wenn sie nur wenig über Politik wissen - so wahr, als ob Realität abgebildet worden sei. Aber jeder, der ein bißchen mehr kennt von der Geschichte, weiß: so war es nicht. Der Anspruch des Volksbühne-Abends ist nicht so allumfassend. Du begreifst als Zuschauer, ich werde Ausschnitte erfahren. Keiner, der diesen Abend gemacht hat, maßt sich an, ein umfassendes Bild zum Tod von Holger Meins, oder aber gar der Geschichte der RAF als Ganzes zu zeichnen. Das wäre falsch. Aber was du merkst: die Geschichte hat immer zu tun mit Auslassungen und mit Entscheidungen.

Das hier gekürzte Gespräch führten zwei Mitglieder der Initiative Libertad! am 3. Dezember 1999 in Berlin


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
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