Die Waffe
Mensch - 9. November 1999
Die Berliner Volksbühne setzt sich für die Gefangenen aus der
RAF ein
Den 25.Todestag
des RAF-Gefangenen Holger Meins nahm die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
in diesem Jahr zum Anlaß, mit einer politischen Stellungnahme
für die Freilassung der noch immer einsitzenden Gefangenen aus
der RAF an die Öffentlichkeit zu treten (siehe Dokumentation) und
einen Abend zu dieser Thematik zu gestalten. Die Erklärung, die
bemerkenswerterweise ohne politische Distanzierung auskommt und 67 bekannte
Theaterleute als Erstunterzeichner/innen zählt, ist als offene
Stellungnahme zur Situation der Gefangenen aus der RAF heute eine eher
überraschende und begrüßenswerte Initiative. Das Konzept
des Abends, der die politische Geschichte in Form einer Collage thematisierte,
war von dem Regisseur Hans Werner Krösinger und der Dramaturgin
Sabine Zielke erstellt worden. Innerhalb des breiten Angebot von Veranstaltungen
sollten die Besucher/innen sich bewußt entscheiden müssen,
welche spezifischen Ausschnitte und Perspektiven sie einnehmen wollten.
Das Konzept verfolgte das Ziel, Fragen aufzuwerfen und Auseinandersetzung
anzuregen (siehe Interview mit Hans-Werner Kroesinger).
Die Initiative Libertad!
beteiligte sich an diesem Abend mit einer Gesprächsrunde: Die
RAF ist Geschichte - was bleibt? Öffentliches Gespräch über
revolutionären Kampf und Geschichte, über Gefangenschaft und
Solidarität, die auf unerwartet großes Interesse stieß.
Zu diesem Gespräch eingeladen waren der Schriftsteller Christian
Geissler, die ehemalige RAF-Gefangene Sieglinde Hofmann und der Aktivist
der Autonomen Antifa(M) aus Göttingen Peter Germann. Christian
Geissler war in den 60er Jahren Mitglied der illegalen KPD, Freund Ulrike
Meinhofs, von Anfang an im Komitee gegen Isolationshaft und Folter
und über Jahrzehnte kritischer Diskussionspartner der Gefangenen.
Sieglinde Hofmann, Mitglied im Sozialistischen Patienten Kollektiv (SPK)
und ebenfalls im Komitee gegen Isolationshaft und Folter,
organisierte sich später in der RAF, wurde 1980 verhaftet und im
Mai 1999 aus der Haft entlassen. Peter Germann, Jahrgang 1968, besuchte
Anfang der 90er Jahre die RAF-Gefangene Eva Haule. Die Autonome Antifa
(M) versuchte damals, einen gemeinsamen Organisierungsprozeß der
antiimperialistischen Linken, ehemaligen Gefangenen und der Antifa zu
initiieren. Allgemein zählt der Antifa-Bereich heute zu dem politischen
Feld, in dem sich die weitaus meisten linken Jugendlichen organisieren.
Die drei Gesprächspartner/innen stammen aus verschiedenen Generationen
und repräsentieren Bruchstücke der linken Geschichte der BRD.
Sie stehen sowohl für die Kontinuität wie für die Begrenztheit
linker Politik in der BRD, da die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen
Spektren und Personen längst abgebrochen ist.
Thema des öffentlichen
Geprächs war deshalb auch nicht allein die Lage der Gefangenen,
sondern der Versuch, anhand von Bruchstücken linker Geschichte
eine öffentliche Diskussion zwischen verschiedenen Spektren zu
eröffnen. In drei thematischen Fragerunden wurden Schlaglichter
auf für die Linke historisch einschneidende Daten geworfen. Zum
Jahr 1974 stellte sich die Frage, welche Bedeutung der Tod von Holger
Meins für die Komitees gegen Isolationshaft und Folter
hatte und wie sich das Verhältnis zu den Gefangenen und zur Guerilla
entwickelte. 15 Jahre später war der Zusammenbruch der realsozialistischen
Staaten mit dem Mauerfall offen sichtbar, es war aber auch das Jahr
des zehnten und letzten kollektiven Hungerstreiks der RAF-Gefangenen.
Eine der zentralen Forderungen dieses Hungerstreiks war die nach freier
Kommunikation und einem offenen Diskussionsprozeß mit allen gesellschaftlichen
Gruppen, mit dem Ziel der Neuformierung von Widerstand und als Grundlage
für den Prozeß zur Freiheit. Dieses war und ist jedoch keine
einfache Angelegenheit. Wie die Versuche einer konstruktiven, solidarischen,
aber auch kritischen Kommunikation zwischen draußen und drinnen
mit hartem Abbruch der Auseinandersetzung einhergingen, problematisierte
Christian Geissler. Er hatte sich lange intensiv für die Gefangenen
eingesetzt. Aufgrund seiner Bitte um ein Innehalten flog er aus
(...) allen Zusammenhängen von heut auf morgen raus (geflogen)
wegen eines Textes, der aus meinem Bewußtsein kommunistisch, solidarisch
aus unser Geschichte geschrieben war. Ich habe es nicht erlebt, daß
wir die offene Diskussion führen konnten. Auch an diesem
Abend nicht. Als letztes näherte man sich der Frage was bleibt?:
Heute organisieren sich viele Jugendliche in antifaschistischen Zusammenhängen,
es ist ein politisch zentraler Bereich, vor allem für jüngere
Leute. Der Versuch der Antifa (M), Antiimps und ehemalige Gefangene
in eine Antifa-Organisierung einzubinden, war Anfang der 90er Jahre
allerdings gescheitert. Was bleibt? Die Tatsache, daß
noch Gefangene inhaftiert sind und raus müssen, während die
Initiativen hierfür aber schwach sind. Daß Militanz und bewaffneter
Kampf immer eine politische Option für Linke sind, heute aber eine
andere oder geringere Bedeutung haben. Daß die Auseinandersetzung
in der Linken über den eigenen Tellerrand hinaus zu führen
wäre?
Nicht nur bezogen
auf die Gefangenen und ehemaligen Gefangenen ist, so denken wir, das
offene Gespräch über die politischen Entwicklungen
und Unterschiede wichtig. Denn selbst der Resthumanismus,
den die Volksbühne in ihrem Aufruf einfordert, ist nicht selbstverständlich
und muß erkämpft werden. Um die Gefangenen aus der Vergessenheit
zu holen, muß die Sprachlosigkeit überwunden werden. Eine
Erfahrung der Veranstaltung war allerdings, daß der Willen zur
offenen, solidarischen Auseinandersetzung bisher nicht spürbar
ist. Geht es um praktische Initiativen für die Freiheit der Gefangenen,
so braucht es viel mehr Stimmen aus eigner Sicht wie jene der Volksbühne.
Dies besonders an jene, denen Erklärung und Veranstaltung nicht
revolutionär genug erschienen - eine der Kritiken vor, während
und nach dem 9. November. Es gab keine linke Gruppe, die dem bei vielen
Besucher/innen spürbaren Bedürfnis, etwas für die Gefangenen
zu tun, einen Rahmen und eine Richtung geben konnte. Es ist auch daher
zu wünschen, daß linksradikale Stimmen über Kritik hinaus
selbst aktiv Initiativen oder Kampagnen für die Freiheit der Gefangenen
aus der RAF umsetzen.
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