Das Schlüsselwort
ist Souveränität...
Interview mit Inigo Elkoro (Gestoras pro Amnistia) zur politischen Lage
im Baskenland nach Aufkündigung des Waffenstillstandes durch ETA
Am 28.11.1999
hat die baskische bewaffnete Organisation ETA den einseitigen Waffenstillstand
aufgehoben, den sie 14 Monate vorher erklärt hatte. Seit dem 3.
Dezember 1999 liegt es nun in ihrer Hand, den Kommandos Anweisungen
für bewaffnete Aktionen zu geben. Der Hintergrund für die
Rücknahme des Waffenstillstandes findet sich sowohl im Verlauf
des bisherigen politischen Prozesses im Baskenland, als auch in der
nach wie vor ausschließlich repressiven Politik von Madrid und
Paris.
Währenddessen befindet sich das Kollektiv der baskischen politischen
Gefangenen seit dem 1.11.99 erneut in einem unbefristeten Hungerstreik.
Die Gefangenen, an deren Situation sich in den letzten 14 Monaten nichts
zum besseren verändert hat, fordern inzwischen über die Rückverlegung
ins Baskenland, die Freilassung der kranken Gefangenen und legal vorgesehene
Freilassung nach ¾ der Strafe hinaus die Möglichkeit der
Teilnahme am politischen Prozeß in Freiheit. Zwischen Weihnachten
1999 und Anfang Januar 2000 wird eine breite Mobilisierung für
die Erfüllung der Forderungen der Gefangenen durchgeführt:
Tausend Menschen treten aus Solidarität in den Hungerstreik.
Inigo Elkoro ist
Rechsanwalt und Vertreter der Gefangenenhilfsorganisation Gestoras pro
Amnistia. Mit Inigo Elkoro sprachen am 10.12.99 zwei Mitglieder von
Libertad! zur politischen Lage nach Aufhebung des Waffenstillstandes
durch die ETA, der Strategie der baskischen Linken und die Rolle der
politischen Gefangenen im nationalen Befreiungskampf.
Libertad!:
Im Zusammenhang mit der Rücknahme des Waffenstillstandes bestätigte
ETA, daß es bereits vor dem Waffenstillstand, aber auch danach
geheime Treffen mit der PNV (Baskische Nationalistische Partei) und
der EA (Baskische Solidarität, sozialdemokratische Abspaltung der
PNV) gegeben hat, in denen Vereinbarungen unterzeichnet wurden. Worin
bestand diese Übereinkunft? Und wie analysiert ETA den Verlauf
des politischen Prozesses im letzten Jahr, aus dem heraus der Waffenstillstand
nun wieder gelöst wurde?
Inigo Elkoro:
Im September 1998 entstand eine historisch einmalige Übereinkunft
in Euskal Herria, der Pakt von Lizarra-Garazi, den neben den politischen
Parteien die Mehrheit der baskischen Gewerkschaften, ebenso soziale
Bewegungen und Organisationen wie Senideak und Gestoras pro Amnistia,
aber auch die Izquierda Unida (Vereinigte Linke, KP Spanien orientiert)
unterzeichnet haben. In diesem Pakt wurde eine Diagnose des Konflikts
in Euskal Herria (Baskenland) erstellt. Die Auseinandersetzung wurde
als politischer Konflikt beschrieben, der ebenso politisch gelöst
werden müsse, das heißt demokratisch über den Weg des
Dialogs. ETA erklärte zwei Tage nach diesem Übereinkommen
einen unbefristeten Waffenstillstand, der als ein Anfangszeichen für
den nationalen Aufbau wirken sollte. Der Waffenstillstand war sehr stark
an die baskische Gesellschaft gerichtet. Als in den letzten Wochen deutlicher
wurde, daß ETA in zurücknehmen würde - was bereits vorher
zirkulierte - wurde auch bekannt, daß es bereits im August 1998
ein Abkommen zwischen ETA, PNV und EA gegeben hatte. In diesem war vereinbart
worden, daß Euskal Herria in naher Zukunft souveräne demokratische
und politische Entscheidungen, basierend auf dem politischen Willen
der Bevölkerung, fällen würde. Die PNV und EA hatten
versprochen, die Beziehungen zu den beiden Staaten (Spanien und Frankreich,
Anm.), in der Konsequenz die Politik der Allianzen mit den spanischen
Parteien der letzten zwanzig Jahre abzubrechen. In ihrem letzten Kommuniqué
kritisierte ETA, daß diese Parteien, v.a. Die PNV, nicht die versprochenen
und notwendigen Schritte im nationalen Aufbau gemacht haben. ETA beschloß
daher aufgrund der Haltung der PNV, der Sabotage am nationalen Aufbau,
den Waffenstillstand aufzuheben.
ETA bezieht sich
also mehr auf die PNV als auf den spanischen Staat?
Ja, in diesem Sinne
bezieht sie sich mehr auf die politischen Kräfte in Euskal Herria.
In der Nichterfüllung der von der PNV und EA mit den linken Kräften
gemeinsam eingegangenen Verpflichtung zum nationalen Aufbau sieht ETA
das größte Problem. Natürlich darf man nicht vergessen,
welche Verantwortung der spanische und der französische Staat in
diesem Konflikt haben, ihre andauernden Versuche des letzten Jahres,
den Prozeß zu sabotieren. Eine Kritik von ETA bezieht sich auch
auf den Versuch, den bisherigen Prozeß des schrittweisen Aufbaus
eines souveränen Euskal Herria mit nationalen Institutionen in
einen Friedensprozeß zu verwandeln. Ein Friedensprozeß ist
aber in keiner Übereinkunft enthalten. Es wird so versucht, den
realen Inhalt des Prozesses zu verschleiern: das Abkommen von Lizarra-Garazi,
der Waffenstillstand von ETA, die Schaffung der Udalbiltza, der ersten
nationalen baskischen Institution oder vielmehr dem Embryo zukünftiger
baskischer Institutionen - das ist ein Aufbauprozeß. Alle Anstrengungen
soll sich hierauf richten, so die Analyse von ETA.
Also war der
Waffenstillstand im letzten Jahr nicht der Versuch, einen Friedensprozeß
in Gang zu bringen, sondern der Versuch, einen politischen Raum zu öffnen,
in dem der Beginn eines Aufbaus baskischer nationaler Institutionen
möglich ist...
ETA hat in ihrem
Kommuniqué zur Einstellung der bewaffneten Aktionen deutlich
gemacht, daß sie sich nicht an den französischen oder spanischen
Staat wendet, sondern an die baskische Gesellschaft. Die Verbindungen
mit den beiden Staaten sollten abgebrochen werden, da es Beziehungen
sind, die auf Unterwerfung beruhen. ETA forderte in ihrem Kommuniqué
nicht Verhandlungen mit dem spanischen Staat, sondern daß der
spanische und der französische Staat die souveräne Stimme
und Entscheidung von uns Baskinnen und Basken respektieren muß.
Wir selbst aber müssen die Institutionen errichten, die das ganze
baskische Territorium umfassen. Was die Gespräche zwischen ETA
und Repräsentanten des spanischen Staates betrifft, so gab es nur
ein Treffen, aus dem ETA den Schluß zog, daß es auf Seite
des spanischen Staates keinen politischen Willen für einen Dialog
mit ETA gibt.
Vor dem Pakt
von Lizarra-Garazi war die PNV Teil des Anti-Terror-Paktes der spanischen
Parteien. Herri Batasuna war mehr oder weniger isoliert. Der Pakt von
Lizarra-Garazi hatte eine neue Situation geschaffen. Die Anti-Terror-Politik
der spanischen Regierung hat also nicht mehr gegriffen, die politische
Blockade von Herri Batasuna wurde überwunden. In Bezug auf die
PNV ist inzwischen aber offensichtlich, daß es in ihr sehr widerstreitende
Positionen gibt...
...Die Begriffe
der baskischen Politik haben sich in den letzten zwei Jahren umgekehrt.
Die Parameter, die vorher existierten, unterschieden zwischen Gewalttätigen
und Demokraten, wobei die Linke die Gewalttäter
waren, während alle anderen Parteien als Demokraten firmierten.
Die Folge waren permanente Angriffe und eine massive Kriminalisierung
der Gruppen und Organisationen der Linken. Jetzt haben sich diese Parameter
verändert. Der Pakt von Lizarra hat den Konflikt in seinen wirklichen
Begriffen beschrieben: mit dem Schlüsselwort der Souveränität,
die Euskal Herria dem französischen und spanischen Staat entgegensetzt.
Der Konflikt besteht zwischen den Kräften, die die Souveränität
von Euskal Herria verteidigen, und spanischen und französischen
Kräften, die die Legitimation beider Staaten verteidigen, sich
in Euskal Herria einzumischen und uns zu unterdrücken. Nur in diesen
politischen Begriffen liegen Möglichkeiten, den Konflikt zu beenden.
ETA kritisierte
mit der Aufhebung ihres Waffenstillstandes, daß versucht wurde
den Aufbau eines souveränen Baskenlandes nur in einen Friedensprozeß
umzuwandeln.
Unser Ziel als Linke
ist es, daß Kräfte wie die PNV und EA sich in den Prozeß
des nationalen Aufbaus eingliedern. Der nationale Aufbau ist jetzt ein
zentraler Begriff. Das bedeutet, wir haben ein Land, wir sind ein Volk,
aber wir haben keine Mittel, um uns als solches auszudrücken. Wir
sind entweder Spanier, Franzosen, Basken oder Navarrer, nicht aber die
Gesamtheit der Baskinnen und Basken. Für die Linke ist der Weg
klar, Kräfte wie die PNV dagegen bleiben unklar. Es gibt bei ihnen
Sektoren, die mit dem Prozeß des nationalen Aufbaus nicht einverstanden
sein können, ebenso wenig mit den Zielen dieses Prozesses. Diese
versuchen, andere politische Lösungen auszuarbeiten, die auf eine
Neudefinition des spanischen Staates hinauslaufen, in dem es z.B. eine
autonome Provinz Baskenland geben soll. Die PNV blockiert den Weg, in
dem sie mit anderen politischen Kräften paktiert. Sie hat den Bruch
mit den spanischen Kräften nicht effektiv vollzogen. Allerdings
hat die PNV in den Tagen nach dem Bruch des Waffenstillstandes deutlich
gemacht, daß sie jetzt die Verbindungen mit der PP (Partido Popular,
konservative Regierungspartei von Aznar) abbrechen will. Es scheint,
daß sie ihre zögerliche Haltung korrigieren. In der Praxis
werden wir sehen, wohin die PNV geht. Wir versuchen, die Kräfte
zu vereinen. Je mehr Kräfte wir haben, desto schneller kommen wir
voran. Wir können aber nicht warten auf Reisegenossen, denen der
politische Wille fehlt.
Wie ist die Stimmung
in der Bevölkerung, gibt es eine große Anspannung in der
jetzigen Situation?
Von Überraschung
bis Wissen, daß es so kommen würde, wenn es nicht voran geht.
Auch wenn es jetzt so aussieht, als ob wir die ganze Schuld der PNV
geben, vergessen wir nicht, daß Madrid und Paris die hauptsächliche
Verantwortung tragen. Der Konflikt existiert mit ihnen, nicht intern
zwischen Baskinnen und Basken. Sie haben die ganze Zeit versucht, den
Prozeß zu behindern und sie bekräftigen, daß sie es
nicht zulassen, daß wir Baskinnen und Basken die Ziele erreichen,
die wir uns gesteckt haben. Daher ist die Meinung weit verbreitet, daß
Madrid und Paris die Verantwortung für die Auflösung des Waffenstillstandes
tragen. Madrid und Paris sollen politischen Willen zeigen, den Konflikt
zu lösen. Die baskische Bevölkerung blieb nicht still zuhause
sitzen, um zu warten, ob es ein Attentat gibt oder nicht. Sie ist auf
die Straße gegangen, um den Willen für eine endgültige
Lösung des Konfliktes zu zeigen. Ich denke, es gibt genügend
politische Reife in der baskischen Gesellschaft dafür.
Eine Frage zu
den Gefangenen. Die baskischen politischen Gefangenen sind schon seit
dem 1. November im Hungerstreik, also schon ziemlich lange. Für
manche ist die Situation bereits kritisch. Wie wird es weitergehen?
Im Prinzip ist die
Situation der Gefangenen die gleiche wie in den letzten Jahren. Sie
sind, so nennen wir es, politische Geiseln des spanischen und französischen
Staates. Sie benutzen die Gefangenen, um die baskische Gesellschaft
unter Druck zu setzen, damit sie im Gegenzug für die Freiheit der
politischen Gefangenen akzeptiert, daß ihr ein politischer Wille
aufgezwungen wird. Um der politischen Benutzung der Gefangenen mehr
Effektivität zu verleihen, halten Madrid und Paris an der Politik
der Verstreuung fest. In den letzten Jahren ist der baskischen Gesellschaft
klar geworden, was mit ihren Gefangenen gemacht wird. Die Mehrheit der
baskischen Gesellschaft fordert heute vom spanischen und französischen
Staat, die politischen Gefangenen ins Baskenland zurückzuverlegen.
Die Erklärung eines unbefristeten Hungerstreiks ist da ein harter,
aber wichtiger Schritt. Der Hungerstreik wird vom ganzen Kollektiv der
politischen Gefangenen getragen. Sie haben kollektiv entschieden, daß
nicht alle gleichzeitig in den Streik treten, sondern daß 20 Personen
beginnen und bis zur Grenze ihrer Kräfte durchhalten. Wenn eine
oder einer den Streik aufhört, nimmt ein anderer oder eine andere
ihn auf. Es ist ein unbefristeter Streik, sowohl für die Person,
die an ihm teilnimmt, als auch für das Kollektiv. Das wichtigste
an diesem Streik ist, wie das Kollektiv ihn politisch bestimmt hat.
Sie haben einen Sprung gemacht: neben den Forderungen, die sie in den
letzten Jahren bereits aufgestellt hatten - die Freilassung der kranken
Gefangenen, die Freilassung nach ¾ der verbüßten Strafe
und die Verlegung ins Baskenland - fordern sie jetzt das Recht, am politischen
Prozeß teilzunehmen, und zwar in Freiheit.
Die rein
humanitäre Solidarität mit den Gefangenen ist überschritten.
Es geht um ihre Teilnahme am politischen Prozeß.
Weiterhin fordern
sie das Ende der internationalen polizeilichen Zusammenarbeit mit dem
spanischen und französischen Staat: den Festnahmen in dritten Ländern,
den Auslieferungen und Deportationen. Das ist eine der demokratischen
Säulen für die politische Lösung des Konfliktes: das
Recht aller Baskinnen und Basken, über unsere Zukunft zu entscheiden.
Alle müssen teilnehmen können, auch die Gefangenen und die
Exilierten, in Freiheit und auf der Straße. Um das etwas genauer
zu definieren: die Teilnahme der Gefangenen am politischen Prozeß
bedeutet eine Amnestie. Die baskische Gesellschaft ist sehr mobilisiert.
Die gewerkschaftlichen und sozialen Organisationen haben sich zu der
Plattform batera zusammengeschlossen, auch die PNV und EA
sind dabei, EH (Wahlbündnis von Herri Batasuna), Gewerkschaften,
soziale Organisationen. Batera ist in allen Rathäusern
repräsentiert. Alle fordern, daß Madrid und Paris die legalen
Rechte, vor allem aber den Willen des baskischen Volkes respektieren
soll. Und die Entscheidung des baskischen Volkes ist, daß die
Gefangen nach Euskal Herria zurückverlegt werden. Es gibt täglich
Mobilisierungen, es gibt wöchentliche Hungerstreiks von StudentInnen,
Gewerkschaften, PolitikerInnen. Zwischen dem 27.12. und dem 2.1.2000
wird es einen Hungerstreik mit 1000 Personen geben. Neben der unmittelbaren
Solidarität mit den politischen Gefangenen beinhaltet die Mobilisierung
den politischen Ausdruck: sie sollen bei uns sein, um mit uns zusammen
am politischen Prozeß zu arbeiten. Die rein humanitäre Solidarität
ist politisch überschritten. Die Lebensbedingungen in den Knästen
sind die selben oder noch schlimmer als vor einem Jahr. Wie lange soll
das noch gehen? Die baskische Gesellschaft wird nicht zulassen, daß
diese Situation noch länger aufrechterhalten wird.
Bei dem Hungerstreik
der tausend Personen, gibt es da auch internationale Solidarität?
Natürlich denken
wir, da in der Frage der politischen Gefangenen, nicht nur in Euskal
Herria, die internationale Solidarität wichtig ist. Ein Austausch
ist wichtig: es gibt gemeinsame und ähnliche Punkte in der Arbeit
von Bewegungen. Aus Europa werden verschiedene Organisationen und Solidaritätsgruppen
teilnehmen.
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